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15.02.2011
Von: cj

Auf zu den Schlaraffen! Eine ungewöhnliche Gesellschaft

Die Reise dorthin kostet nichts, denn das Ziel befindet sich in Bremerhaven, Burg Roter Sand. Willkommen ist dort jeder, der „unbescholtenen Rufes ist“, heißt es in den Regularien des Verbundes.


Auf zu den Schlaraffen! Eine ungewöhnliche Gesellschaft

Auf zu den Schlaraffen! Eine ungewöhnliche Gesellschaft (Foto: PR / LAUFPASS)

Schlaraffen? Was oder besser: wer sind die Schlaraffen? Hier geht es nicht um ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Das Schlaraffianische ist das geistige Florettfechten, die Schlaraffen eine weltweite Vereinigung zur Pflege von Freundschaft, Kunst und Kultur. Eine Verbindung zur Freimaurerei besteht nicht, und auch von Serviceclubs, wie etwa Lions oder Rotary International oder Karnevalsvereinen grenzen sich die Schlaraffen deutlich ab.

In dem Schlaraffenpapier heißt es: „Schlaraffia ist die innige Gemeinschaft von Männern, die in gleichgesinntem Streben die Pflege der Kunst und des Humors unter gewissenhafter Beachtung eines gebotenen Zeremoniells bezweckt und deren Hauptgrundsatz die Hochhaltung der Freundschaft ist!“ Es sind also gestandene Männer, die dem musischen gegenüber aufgeschlossen sind und natürlich sind es Menschen, die gerne spielen. Sie stammen aus allen Berufen und Gesellschaftsschichten. Schlaraffen gibt es in aller Welt, auf jedem Kontinent, von Japan bis Brasilien, von Kanada bis Südafrika. Es sind insgesamt weit über 10.000 in über 250 Clubs. Die Sprache der Schlaraffen ist weltweit deutsch.

Ein schlaraffischer Verein ist ein Männerbund, in dem Frauen zwar bei besonderen Veranstaltungen gern als Gäste gesehen werden, aber Schlaraffe können sie nicht werden. Um das zu verstehen und den Männer nicht zu unterstellen, sie seien emanzipatorischen Gedanken gegenüber resistent und unaufgeschlossen, muss man die Gründungsgeschichte kennen.

Begonnen hat alles vor mehr als 150 Jahren in Prag. Ihre Gründungsmänner waren Musiker, Sänger, Komponisten, Schauspieler, Literaten und Kunstfreunde. Sie hatten um Aufnahme in dem vornehmen Verein Arcadia ersucht und wurden abgewiesen, weil sie entweder von zu schlichter Herkunft oder zu unbegütert waren. Daraufhin gründeten die geistig hochstehenden Künstler und ihre Freunde einen eigenen Verein, den sie zunächst Proletarierclub nannten, später entstand daraus der Name Schlaraffia. Die Mitglieder betteten ihren Vereinszweck in ein Ritterspiel ein, das laufend weiter entwickelt wurde. Außer dass ihnen das Spiel Freude macht, wird damit selbstgerechtes und aufgeblasenes Gehabe von Obrigkeiten aufs Korn genommen. Eine zeitkritische Einstellung bestimmt die Formen in dieser Vereinigung: man persifliert die Klassengesellschaft derart, dass die Mitglieder verschiedenen Ständen zugeordnet werden, für die unterschiedliche Verhaltensregeln gelten. Das kommt durch Sprache und Ranggliederung, unter anderem mit den Bezeichnungen Knappen, Junker und Ritter zum Ausdruck. Jeder schlüpft bei den Treffen, die Sippungen genannt werden, in seine ihm zugedachte Rolle, streift sein bürgerliches Dasein ab. Diese Sippungen finden statt in der „Burg“, wie das Vereinslokal genannt wird. Man spricht sich ebenso wenig mit bürgerlichem Namen an wie mit den Anreden „Sie“ oder „Du“, sondern mit „Euch“. Der Knappe trägt eine Nummer, der Junker seinen Vornamen, der Ritter aber einen scherzhaften Namen, den er sich beim „Ritterschlag“ wählen kann. Gespräche und Äußerungen zu politischen oder religiösen Themen sind in der Sippung untersagt, Versuche, sich über Schlaraffia berufliche Vorteile zu verschaffen, werden übelgenommen.

Die Rüstung genannte Bekleidung der Schlaraffen mutet mehr oder weniger karnevalistisch an. Für Außenstehende sind Schlaraffen außerhalb ihrer Sippungen an der Rolandsnadel, einer kleinen weißen Perle, die am linken Revers getragen wird oder einem am Fahrzeug befestigten Aufkleber, der einen blinzelnden Uhukopf zeigt, erkennbar. Der Uhu ist der Wappenvogel der Schlaraffia und steht für schlaraffische Tugend und Weisheit. Und weil alles nicht so ernst genommen werden soll, kneift der Uhu ein Auge zu.

Die vielen Niederlassungen der Schlaraffen werden „Reyche“ genannt, wobei jedes Reych seine besondere Rüstung trägt, in der sich auch die Stände unterscheiden. Anlässlich der Sippungen kann jeder nach Belieben Beiträge zur ihrer Gestaltung anmelden, dabei handelt es sich um heitere Rezitationen, selbstverfasste Prosa, musikalische Darbietungen. Vorgetragen wird im Rednerpult Rostra, abgeleitet aus dem lateinischen Rostrum, Schiffsschnabel; und so hat auch Schlaraffia Waterkant Bremerhaven passender Weise ein solches Pult.

Obgleich die Schlaraffia vielerorts ein eher zurückgezogener Idealverein ist, treten einige Reyche (Vereine) mit öffentlichen Kulturveranstaltungen in ihren Heimatorten auf. So betreibt zum Beispiel die Schlaraffia Oldenburgia eine anerkannte Kleinkunstbühne und veranstaltet Sonntagsmatineen mit Konzerten, Kabarett, Lesung und Theater.

Bedeutende Künstler und andere Persönlichkeiten waren und sind Schlaraffen, etwa die Komponisten Franz Lehár, Oscar Straus, die Direktoren der Wiener Staatsoper Wilhelm Jahn und Gustav Mahler, der Opernsänger Oskar Hillebrandt, Paul Hörbiger, die Schriftsteller Peter Rosegger, Ludwig Ganghofer, der Vater Roman Herzogs, Hermann Allmers, Hans-Dietrich Genscher, um nur einige zu nennen.

Die Nazis lösten die Schlaraffen auf, nach Beendigung des Krieges erwachte der Bund zu neuem Leben und nach dem Öffnen der Grenzen entstanden zahlreiche „Reyche“ in den neuen Bundesländern. Im Rahmen des Schlaraffenspieles werden darüber hinaus auch zahlreiche, nicht mehr lebende Persönlichkeiten namentlich verewigt, indem sie posthum zu „Ehrenschlaraffen” gekürt und immer wieder gerne rezitiert werden, so z.B. Heinz Erhardt, Hermann Löns, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich von Schiller, oder Peter Paul Rubens.

Und nun lässt sich noch klären, warum Frauen keine Schlaraffen werden können: während der Gründungszeit wurden weibliche Theaterrollen von Männern gespielt, demzufolge traten damals auch keine Frauen den Schlaraffen bei. Zudem haben in dem schlaraffischen Pseudo-Ritterspiel Frauen, getreu der mittelalterlichen Vorlage, keine offizielle Rolle gespielt.

Viel gäbe es noch über die Schlaraffen zu sagen, aber eigentlich lassen sie sich nicht richtig und umfassend erklären. Schlaraffia muss erfahren und erlebt werden, vor Ort. Es werden neue Mitglieder gesucht. Anlässlich der jeden Mittwoch um 20 Uhr stattfindenden Sippungen kann jeder spielfreudige Interessent, der für Stunden seinen Alltag abstreifen möchte, vorbeischauen und sich selbst ein Bild machen.


Schlaraffia Waterkant
Bremerhavener Bootshaus des
Rudervereins e.V.
Stresemannstr. 51 (an der Geestebrücke)
27570 Bremerhaven.


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