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// Gesundheit
15.11.2015
Von: Lena Hancken

Die Insulinschaukel – Achterbahnfahrt des Blutzuckers

„Hunger!“ brüllt er, der innere Schweinehund, den Appell zur Fütterung. Tief aus dem Bauch heraus, fängt er an zu knurren. Versuche ihn zu ignorieren, bringen gar nichts, er nervt. Schnelle und unkomplizierte Abhilfe verschafft ein Schokoriegel. Packung auf, rein in den Mund, zwei Mal kauen, herunterschlucken und – Ruhe. Doch kurze Zeit später meldet er sich erneut. Also von vorne das Ganze, nächstes „Leckerli“. Wie? Schon wieder Hunger?


Die Insulinschaukel – Achterbahnfahrt des Blutzuckers (Foto: luisrsphoto/shutterstock.com)

Die Insulinschaukel – Achterbahnfahrt des Blutzuckers (Foto: luisrsphoto/shutterstock.com)

Kohlenhydrate entstehen in Pflanzen, Obst und Gemüse durch Photosynthese. Mittels chemischer Prozesse bilden sich dabei verschiedene Zucker. Sie treten als Einfachzucker auf, die sich beispielsweise als Traubenzucker oder Fruchtzucker äußern; als Zweifachzucker, zu denen Haushaltszucker, Milchzucker und Malzzucker gehören und als Vielfachzucker wie Stärke und Cellulose.

Der Blutkreislauf trägt den Zucker zu den energiebedürftigen Zellen. Um die Zellwand passieren zu können, braucht er das Hormon Insulin. Insulin ist ein wichtiges Hormon zur Regulierung des Zuckerstoffwechsels im Körper, welches von den Betazellen der Langerhans’schen Inselzellen (benannt nach ihrem Entdecker Paul Langerhans) in der Bauchspeicheldrüse produziert und ausgeschüttet wird. Die Menge an ausgeschüttetem Insulin hängt vom Blutzuckerspiegel ab. Spricht man vom Blutzuckerspiegel, dann ist der Anteil an Glukose im Blut gemeint. Erhöht sich dieser, arbeitet die Bauchspeicheldrüse auf Hochtouren, um genug Insulin auszuschütten.

„Insulin ist das einzige Hormon in unserem Körper, welches als Gegenspieler zu vielen anderen Hormonen, wie zum Beispiel Adrenalin, wirkt und dafür sorgt, dass die Glukose aus dem Blut in Fett- und Muskelzellen aufgenommen wird “, erläutert Prof. Dr. Anette Schürmann, Biologin und Pharmakologin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke und Vorstandsmitglied der Deutschen Adipositas Gesellschaft. „Hohe Konzentrationen von Glukose wirken auf den Körper toxisch. Die Aufgabe des Insulins besteht deshalb darin, den Gehalt des Blutzuckers auf einem relativ konstanten Niveau zu halten. Damit bewahrt es uns vor Folgeschäden wie Blindheit, Nerven- und Organschäden.“

Die Bauchspeicheldrüse reagiert schnell: Sobald Glukose mittels des Blutkreislaufs an ihr vorbei fließt, bleibt diese an ihren Zuckerrezeptoren haften. Sie geben der Bauchspeicheldrüse daraufhin den Befehl zur Ausschüttung von Insulin. Das Insulin vermittelt die Aufnahme von Glukose aus dem Blut in Muskel- und Fettzellen, die sie verbrauchen. Insulin sorgt außerdem dafür, dass die Leber keine Glukose mehr freisetzt, die u.a. durch den Abbau von Glykogen zur Verfügung steht. Kurz darauf senken sich sowohl Blutzucker- als auch Insulinspiegel wieder. Das ist der Normalfall. Durch übermäßigen Verzehr von zuckerhaltigen und fettreichen Lebensmitteln gerät unser Zucker-Insulin-Regelkreis aus den Fugen: Wenn wir viel Zucker zu uns nehmen, schüttet die Bauchspeicheldrüse zu viel Insulin aus. Wenn der Zucker längst verstoffwechselt ist, verbleibt Insulin im Blut. Das überschüssige Insulin „sucht“ nun wieder nach Zucker, an das es sich heften kann und löst hierzu Hunger aus. Das ist der Teufelskreis namens Insulinschaukel.

Neben der Insulinschaukel sorgt unser inneres Belohnungssystem mit weiteren Hungerimpulsen: Das auf den Zucker mit der Ausschüttung des Glückshormons Dopamin reagierende Gehirn reizt den inneren Schweinehund, nach noch mehr Zucker zu schreien. Das Verzehren von Süßem wird zu einer echten körperlichen Sucht. Das erklärt auch, weshalb so viele Menschen so große Schwierigkeiten mit dem Zuckerentzug haben. Sie richten sich mit ihrem Zuckerkonsum zu Grunde, obwohl sie wissen, dass sie sich damit selbst schaden. Eine Gewichtszunahme ist kaum mehr vermeidbar.

„Ein stoffwechselgesunder Körper kann nicht unterzuckern“, sagt Prof. Dr. Schürmann. „Der Körper reagiert gestresst, sobald man ihm über einen längeren Zeitraum keine Nahrung zuführt. Es wird einem schummerig. Dann verbraucht der Körper erst einmal seine Glykogenspeicher aus Leber und Muskel und schaltet dann die sogenannte Gluconeogenese ein. Mittels dieser wird Glukose durch Proteinabbau gewonnen und ins Blut abgegeben. Die Fettzellen schütten Fettsäuren aus, die ebenfalls für den Energieverbrauch des Körpers genutzt werden können. So wird verhindert, dass wir in Ohnmacht fallen.“

Ein zu hoher Glukosekonsum ist auch für stoffwechselgesunde Menschen gefährdend: „Isst man über drei oder vier Tage sehr zuckerhaltig, so entwickelt die Leber eine Insulinresistenz, d.h. sie reagiert nicht mehr ausreichend auf Insulin und die Langerhans-Inseln müssen mehr produzieren, um die Glukosekonzentrationen zu regulieren. Eine Insulinresistenz ist in der Regel reversibel“, berichtet sie, „Körperliche Betätigungen nach einer zuckerreichen Mahlzeit können einer Insulinresistenz sogar entgegenwirken.“ Wird die Bauchspeicheldrüse zu häufig und zu lange überstrapaziert, können die Langerhans’schen Inseln zugrunde gehen, was einen schweren Typ-2-Diabetes, auch Altersdiabetes genannt, zur Folge hat.

Glukose bringt den Körper in Schwung, versorgt die Muskeln und das Gehirn mit Energie. Er unterstützt die Bildung von schützenden und wärmenden Fettzellen. Zu viel davon bringt den Stoffwechsel jedoch durcheinander, macht dick und krank. Ein auch nur leicht, aber auf Dauer, erhöhter Blutzuckerspiegel kann, wie oben erwähnt, zu Diabetes mellitus führen. Die Stoffwechselkrankheit ist weit verbreitet. „In Deutschland ist heute schätzungsweise jeder 13. an Diabetes erkrankt“, berichtet das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2013 bestätigt die Verbreitung von Diabetes Typ 2 bei 7,2 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren in Deutschland. „Bei einem weiteren Anteil an Erwachsenen muss von einem noch unentdeckten Diabetes ausgegangen werden“, schreibt das RKI zu seinen Studienergebnissen. Ein Vergleich aktueller studienbasierter Schätzungen des RKI mit ihren Ergebnissen aus dem Jahr 1998 ist besorgniserregend. Demnach stieg die Anzahl an diagnostiziertem Diabetes mellitus Typ 2 innerhalb von 15 Jahren um zwei Prozent.

Während der Diabetes mellitus Typ 1 im Kindesalter als Autoimmunstörung auftritt, bei der die Bauchspeicheldrüse nur noch wenig bis gar kein Insulin mehr produzieren kann, entsteht ein Typ-2-Diabetes bei Vorliegen einer genetischen Veranlagung in Kombination mit einer zucker- und fettreichen Ernährung und einem Bewegungsmangel. Diese Erscheinungsform der „Zuckerkrankheit“ begleiten häufig keine auffälligen Symptome. Übermäßiger Hunger oder Müdigkeit können auch andere Ursachen haben. Aus diesem Grund wird Diabetes oft erst spät entdeckt. Regelmäßig durchgeführte Blutzucker- und Harnzuckertests geben allerdings erste Hinweise auf eine eventuelle Erkrankung. Sind die Blutzuckerwerte deutlich erhöht, liegt ein Diabetes vor. In Konsequenz dieser weit verbreiteten Krankheit, treten schwere Folge- und Begleiterkrankungen auf: Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenerkrankungen und chronische Unterversorgungen der Zellen sind einige. Darüber hinaus kann Diabetes tödlich sein. Laut der Deutschen Diabetes Hilfe „diabetes-DE“ sterben stündlich drei Menschen in Deutschland an den Folgen von Diabetes. Dabei lässt sich die Erkrankung mit einfachen Mitteln sogar vermeiden.

Der Schlüssel für eine regulierte und gleichgewichtige Insulinproduktion liegt in der Ernährung. „Es gilt, direkte Zucker zu vermeiden. Komplex miteinander verkettete Kohlehydrate halten dagegen länger satt und liefern über einen längeren Zeitraum Energie. Je länger der Stoffwechselprozess andauert, umso besser lässt sich die Blutglukosekonzentration regulieren“, erläutert Prof. Dr. Schürmann. Vielfachzucker schubsen zudem auch weniger an der Insulinschaukel. Stärkereiche Lebensmittel wie Kartoffeln oder Reis erhöhen den Blutzuckerspiegel vorsichtiger. Da der Körper diese komplizierte Verkettung zunächst in einzelne Traubenzuckermoleküle aufspalten muss, gelangt nur nach und nach Glukose ins Blut. Portionsweise sorgt das Insulin für den Transport des Zuckers in die Zellen. Diese reagieren durch die konstante Energielieferung mit einer höheren Leistungs- und Funktionsfähigkeit.

„Solange man Obst und Gemüse isst, wirkt sich das nicht negativ auf die Bauchspeicheldrüse aus“, berichtet die Biologin und Pharmakologin. Doch rät sie zur Vorsicht vor Obstsäften: „Die Diabetiker denken häufig, sie könnten statt einer zuckerhaltigen Brause einen Obstsaft trinken. Doch auch mit diesem schaden sie ihrem Körper. Obstsaft enthält eine Menge direkter Zucker.“ Ein frischer selbstgepresster Obstsaft scheint auf den ersten Blick gesund. Jedoch ist dieser schneller verzehrt als die Menge an Obst, die den Saft herstellte. Die Fruchtzucker gelangen somit auf einmal in den Blutkreislauf. Daraufhin arbeitet die Bauchspeicheldrüse wieder auf Hochleistung. „Das gilt es zu vermeiden“, sagt Prof. Dr. Schürmann.

Im Allgemeinen gilt der Grundsatz: Essen, was die Natur für uns bereithält. Äpfel, Paprika oder Nüsse – sie alle enthalten die für den Körper essentiellen Nährstoffe in ausgewogenen Mengen und gehen sanft mit dem Blutzuckerspiegel um. „Generell sollte der Zuckergehalt der täglichen Nahrung nicht mehr als 30 Gramm beinhalten“, erklärt Anna-Lena Buchheim, studierte Ernährungsberaterin und Leiterin der Ernährungsberatung im Outfit Bremerhaven. „Eine zusätzliche Süße ist kritisch“, warnt auch Prof. Dr. Schürmann. Diese bringt den Zuckerstoffwechsel aus dem Gleichgewicht. Hohe Mengen von Glukose vergiften den Körper. „Der heutige Zuckerkonsum ist grundsätzlich ein Dosis-Problem. Aus Bequemlichkeit nehmen die Deutschen zu viele direkte Zucker zu sich. Diese verstecken sich beispielsweise in Fertigprodukten.“ Aber auch in diversen Light-Produkten befinden sich ungeahnte Zucker, weiß Buchheim. „Light-Joghurt ist ein Beispiel für versteckte Süße. Der geringere Fettgehalt wird durch Zucker aufgefüllt, damit der Joghurt überhaupt nach etwas schmeckt.“ Die Ernährungsberaterin empfiehlt deshalb, stets auf die Nährwerttabelle von Lebensmitteln zu schauen. Die Kohlehydratangaben erfolgen in Gramm. Die darin enthaltenen Zucker sind direkt darunter angegeben. „Man sollte den Zuckergehalt pro Portion hochrechnen“, empfiehlt Buchheim, „Dabei ist die maximale Tagesdosis von 30g Zucker im Auge zu behalten.“

Eine gesunde Ernährung fängt bereits bei der Planung des Einkaufs an. „Mit einem sorgfältig und mit Bedacht geschriebenen Einkaufszettel, entgeht man der Versuchung, ungesunde Lebensmittel zu kaufen, einmal mehr“, sagt Buchheim. Sie empfiehlt zudem die Erstellung eines Essensplans für mehrere aufeinanderfolgende Tage. „Seine Mahlzeiten selber zuzubereiten, ist das allerbeste“, erzählt sie, „Nur so erkennt man, was wirklich im Essen enthalten ist. Auch die Zufuhr versteckter Zucker lässt sich dadurch viel besser steuern“.

Über eine naturbelassene Ernährung hinaus gilt: Gut gekaut ist halb verdaut. Sich beim Essen Zeit zu lassen und vermehrt zu kauen, begünstigt den Stoffwechselprozess. Daraufhin kann der Magen die Nahrung besser verarbeiten. Wer sich zudem viel bewegt, behält seine Insulinschaukel im Griff und seinen inneren Schweinehund an der Leine. „Der Alltag bietet eine Menge Gelegenheiten, seine körperliche Aktivität zu steigern“, meint Buchheim. Statt des Fahrstuhls die Treppe zu benutzen oder mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren seien wichtige Schritte in die richtige Richtung. Einer sukzessiv gesunden Lebensweise stünde damit potenziell nichts mehr im Wege.


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