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05.02.2019
Von: bg

Sprengstoff in der Nordsee – Forscher untersuchen Weltkriegs-Altlasten

Nach Schätzungen des Bund/Länder-Ausschusses Nord- und Ostsee BLANO befinden sich 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 220.000 Tonnen chemische Kampfmittel auf dem Meeresgrund der Nord- und Ostsee – ein gefährliches Erbe. Denn nicht nur unmittelbare Gefahr durch mögliche Explosionen der Sprengkörper droht, sondern auch die längerfristige Verseuchung der Meere mit hochtoxischen Stoffen. „Nach dem Zweiten Weltkrieg dachte man, das Meer sei eine Müllkippe. Jetzt holt uns die Vergangenheit wieder ein“, sagt Prof. Dr. Sunhild Kleingärtner, Direktorin des Deutschen Schifffahrtsmuseums/-Leibniz-Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven. Ein Forschungsprojekt unter Beteiligung des Deutschen Schifffahrtsmuseums soll sich dieser Problematik jetzt annehmen und mögliche Lösungsansätze liefern.


Sprengstoff in der Nordsee (Fotomontage: jeschke GfK . | Originalfoto: christianthiel.net/shutterstock.com)

Sprengstoff in der Nordsee (Fotomontage: jeschke GfK . | Originalfoto: christianthiel.net/shutterstock.com)

2017 wurden rund zwei Tonnen Munition bei Bauarbeiten für Fahrrinnen, Pipelines und Seekabeln in der Nordsee gefunden. Dabei handelt es sich um verschiedene Munitionsarten wie Pistolenpatronen, Panzerfäuste, Seeminen, Sprengbomben, Brandbomben, Torpedos und Giftgasgranaten. Die chemischen Kampfstoffe sollten eigentlich vor nunmehr 70 Jahren im Auftrag der Alliierten von Fischern im Meer entsorgt werden. Allerdings kippten sie die gefährliche Fracht früher ins Meer als es vorgesehen war – vermutlich um Treibstoff zu sparen. Somit befindet sich ein nicht unerheblicher Anteil der Munition außerhalb der markierten Munitionsgebiete, schreibt die Fraunhofer- Gesellschaft in einer Pressemitteilung. „Auch deutsche Schiffseigner wurden von den Sowjets beauftragt die Munition in die Verklappungsgebiete nach Bornholm und Gotland zu bringen. Da sie nach Ladung bezahlt wurden, haben sie schon auf dem Weg angefangen die Munition über Bord zu geben. Im Skagerrak, zwischen Dänemark und Norwegen haben die Amerikaner und Briten die Verklappungen durchgeführt. Hier wurden Schiffe beschlagnahmt, beladen und versenkt. In diesen Fällen sind die Dokumentation und auch die finale Position sehr klar und eindeutig. Anders bei der konventionellen Munition. Hier gab es zig Eintragspfade über Jahrzehnte, an denen auch viele deutsche Stellen beteiligt waren. Eintragspfade waren: Kriegshandlungen (Minengürtel), Manöver, Forschung und Tests an Schießständen, Entsorgung nicht mehr benötigter Munition, Panikdumping kurz vor Einlaufen in deutsche Häfen am Ende des Krieges, Bombardements zum Beispiel von Peenemünde, Blindgänger und der Abwurf von Bomben zur Ballastreduzierung nach Bombardierung deutscher Städte“, erklärt der Biologe Dr. Matthias Brenner vom Alfred-Wegener-Institut. Somit muss ein großer Teil der Altlasten erst einmal ausfindig gemacht werden.

Das Projekt North Sea Wrecks

Das von der EU geförderte und mit mehr als vier Millionen Euro budgetierte Projekt North Sea Wrecks – An Oppurtunity for Blue Growth: Healthy Environment, Shipping, Energy Producion and -transmission „…soll sich der wissenschaftlichen Erforschung sowie der politischen und historischen Aufarbeitung der Problematik von Kriegswracks, verklappter Munition und der daraus resultierenden Umweltverschmutzung in der Nordsee widmen“, sagt Dr. Phillipp Grassel vom Deutschen Schifffahrtsmuseum. Ein Team des DSM koordiniert das über vier Jahre laufende Forschungsprojekt und wird dabei von circa 30 europäischen Partnern unterstützt.

Zunächst sollen die Standorte von Kriegswracks, Ladung und Abfällen am Meeresboden identifiziert, kartiert und bewertet werden. Aber auch die wirtschaftlichen, ökologischen und sicherheitsrelevanten Herausforderungen sollen ins Bewusstsein gerückt werden. „Die Forschungsergebnisse sollen für eine Sensibilisierungskampagne genutzt werden. Das Thema soll in der Gesellschaft sowie in der Politik verankert und auf die Agenda der politischen Entscheidungsträger gebracht werden. Ziel ist es, mit den Forschungsergebnissen den Ausgangspunkt für eine gemeinsame Strategie zu liefern, um die nachhaltige Bewirtschaftung des Ökosystems der Nordsee zu verbessern“, erklärt Grassel im Gespräch mit dem LAUFPASS.

Das Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung ist ebenfalls am Projekt beteiligt. Die Aufgaben des AWI umfassen das biologische Effekt Monitoring. „Dabei wird untersucht, wie sich die Schadstoffe aus der Munition auf Meeresorganismen auswirken“, erklärt Brenner. Momentan finden in Kooperation mit Dr. Thomas Lang vom Thünen-Institut Pilotstudien mit Plattfischen in der Deutschen Bucht statt. Da diese Fische im Gegensatz zu anderen Meeresbewohnern nicht so stark wandern, erhofft man sich aussagekräftige Ergebnisse, da die Fische bestimmten Konzentrationen der Schadstoffe ständig ausgesetzt sind. „Durch die starken Strömungen der Nordsee verbreiten sich die Schadstoffe großflächig. Die hohen Wasseraustauschraten führen zur Verdünnung von chemischen Stoffen und wahrscheinlich niedrigeren Konzentrationen in bestimmten Gegenden“, erklärt Brenner. Auch Miesmuscheln eignen sich für die Tests. Sie werden in einem Käfig in direkter Nähe von Munitionskörpern ausgebracht und auf die Aufnahme und Anreicherung der Schadstoffe hin untersucht. Ähnliche Studien wurden bereits 2011 in der Ostsee vorgenommen. „Allerdings herrschen in der Ostsee andere Bedingungen“, wie Brenner anmerkt: „Hydrographisch ist die Ostsee allerdings eher ruhig. Hier bleiben die Stoffe länger in relativ hohen Konzentrationen in bestimmten Arealen.“ Ähnlich der Pilotstudien in der Nordsee wurden auch hier Muscheln untersucht. Es konnte nachgewiesen werden, dass sie, wenn sie mit den Stoffen in Kontakt gerieten, diese in großem Umfang in sich aufnahmen.

Gefahr für Mensch und Umwelt Der Toxikologe Prof. Dr. Edmund Maser von der Universität Kiel untersucht den Einfluss dieser Stoffe auf Organismen und stellt fest: „TNT und seine Abbauprodukte sind für alle Meeresorganismen toxisch. In niedrigeren Konzentrationen werden die Tiere und Pflanzen im Wachstum gehemmt oder können sich nicht fortpflanzen. In höheren Konzentrationen sterben vor allem junge Fische, Garnelen, Kleinkrebse und Muscheln.“ Letztendlich bedeutet eine Gefahr für den Lebensraum Meer auch eine Gefahr für den Menschen. „Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass sich über einen Eintrag in die marine Nahrungskette diese Schadstoffe in den Meeresfrüchten konzentrieren können und dann auf dem Speiseteller des Menschen landen“, fügt Maser hinzu. Studien aus dem letzten Jahrhundert geben Hinweise über die Gesundheitsbeeinträchtigung. Vor allem Arbeiter, die berufsmäßig in Sprengstofffabriken TNT ausgesetzt waren, leiden unter den gesundheitlichen Folgen der giftigen Stoffe. „Bei hohen Konzentrationen kann TNT akut zu Erbrechen und Durchfall führen. Bei einer chronischen Exposition stehen Veränderungen im Blutbild im Vordergrund, die mit einer Schädigung der Erythrozyten und assoziierter Methämoglobinbildung einhergehen“, erklärt Maser. Die Liste der möglichen Symptome ist lang: Bronchitis, Appetitlosigkeit, Dermatitis und juckende Ausschläge, sowie Gastritis, Gallenkoliken, Gelbsucht, Leberzirrhose, Trübungen der Augen („TNT-Star“), Nervenschädigungen und subkutane Blutungen. „Außerdem wurde TNT von der MAK-Kommission als krebserzeugende Substanz in die Kanzerogenitäts-Kategorie 2 eingestuft“, ergänzt Maser.

Tauchroboter sollen bei Bergung und Entsorgung helfen
Forscher des Fraunhofer-Instituts für Chemische Technologie (ICT) beschäftigen sich in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig mit der Frage: Wie kann man die Meere von den giftigen Hinterlassenschaften befreien? In dem Projekt RoBEMM – „Robotisches Unterwasser-Bergungs- und Entsorgungsverfahren, inklusive Technik und Delaboration von Munition im Meer“ soll ein Tauchroboter entwickelt werden, der vollautomatisch Munition birgt, sie unschädlich macht und umweltgerecht entsorgt. Auch die Hamburger Firma Heinrich Hirdes EOD Services GmbH arbeitet bereits an einem Prototyp, der seit letztem Jahr getestet wird. Die Vorteile gegenüber dem bisherigen Verfahren sind klar: Da es sich um einen Roboter handelt, muss kein menschlicher Taucher diese gefährliche Aufgabe übernehmen. Zusätzlich wird auf eine Sprengung verzichtet und somit bleiben Meeresbewohner von den sonst entstehenden Schallwellen verschont.

Ausstellung im Deutschen Schifffahrtsmuseum
Im Zuge des Forschungsprojekts wird das Deutsche Schifffahrtsmuseum 2021 in einer Wanderausstellung die Forschungsinhalte und Resultate wissenschaftlich aufbereiten und einem breiten Publikum zugänglich machen. Dabei werden analoge Ausstellungsstücke und multimediale Präsentationen, wie zum Beispiel Videoinstallationen und digitale Modelle, genutzt. Die Ausstellung wird in mehreren europäischen Städten und anschließend im DSM zu sehen sein.

 

 


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