Abo   |   Ausgaben   |   Kontakt   |   RSS-Feed   |   Sitemap   |   Suche   |    Werben im LAUFPASS
LAUFPASS - das Online-Portal fr Bremerhaven, Cuxhaven und Umzu
Das Online-Portal für Bremerhaven, Cuxhaven und Umzu
 Startseite   |   Nachrichten   |   Kultur   |   Termine   |   Sport   |   Freizeit   |   Gesundheit   |   Lifestyle   |   Gastronomie   |   Ratgeber
|   Wirtschaft   |   Wissenschaft   |   Politik   |   Gesellschaft   |   Archiv   |
// Wirtschaft
04.02.2020
Von: bg

Technik der Zukunft? "Grüner" Wasserstoff aus Bremerhaven

Eine der größten Herausforderungen erneuerbarer Energien ist, sie auch möglichst effi zient zu nutzen. Besonders in der Windkraft sind dafür Innovationen nötig. Das Schlüsselthema ist dabei die Speicherung des erzeugten Stroms und die Verwendung von aus Windkraft gewonnenen Stromüberschüssen. Auf den Flächen des ehemaligen Flugplatzes Luneort soll ein Testgelände entstehen, welches die Potenziale von Wasserstoff als Energiespeicher untersucht. „Im Fokus steht dabei eine stabile Einspeisung von Windstrom ins Stromnetz, aber auch die Erprobung neuer Anwendungsfelder für den grünen Wasserstoff“, sagt Diplom-Physikerin Nora Denecke vom Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES in Bremerhaven.


Technik der Zukunft: BIS Bremerhaven | remotevfx.com/shutterstock.com

Technik der Zukunft: BIS Bremerhaven | remotevfx.com/shutterstock.com

Wie die Deutsche Presse-Agentur am 30. November 2019 berichtete, konnte der Energiekonzern E.ON 2019 einen neuen Rekord verbuchen. Mit Windrädern an Land und auf See konnten bis Ende Oktober fast 108.000 Gigawattstunden Strom produziert werden. Das sind 15 Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Als Grund für diesen Zuwachs gibt das Unternehmen das ungewöhnlich windreiche Jahr 2019 an. Doch ein großer Teil des produzierten Stroms kommt nicht beim Verbraucher an, da die Netze nicht ausreichen, um den Ökostrom abzutransportieren, schreibt Michael Kerler von der Augsburger Allgemeinen.

Das große Problem ist, dass die Anlagen abgeschaltet werden, wenn die maximale Netzkapazität erreicht worden ist. „Erneuerbarer Strom darf nicht ungenutzt verschwendet werden, weil klimaschädlicher Kohlestrom die Netze verstopft“, beschwert sich Annalena Baerbock von den Grünen im Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen. Damit Windenergie bei hohem Aufkommen nicht einfach abgeregelt wird, fordert sie: „alternative Verwendungsmöglichkeiten für den [überschüssigen] Ökostrom.“

WASSERSTOFFWIRTSCHAFT

Für das geplante Modellprojekt „Wasserstoff – grünes Gas für Bremerhaven“ entsteht im südlichen Fischereihafen ein Elektrolyse-Testfeld. Über einen Zeitraum von zwei Jahren, von Januar 2020 bis Dezember 2021, soll hier durch Elektrolyse der Strom einer Windkraftanlage in Wasserstoff umgewandelt werden. Dafür möchten das Land Bremen und die EU jeweils 10 Millionen Euro bereitstellen. Von den insgesamt 20 Millionen Euro sind 16 Millionen Euro für die eigentliche Teststruktur und vier Millionen Euro für die Erprobung verschiedener Anwendungsfeldern vorgesehen.

Für das Projekt wird ein bereits bestehender Hangar des Alfred-Wegener-Instituts angemietet, in dem zwei Elektrolyseure der 1 MW Klasse aufgebaut werden. Zusätzliche Acht Stellplätze sollen geschaffen werden, um im Anschluss an das Modellprojekt weitere Forschungs- und Entwicklungsprojekte durchführen zu können. Außerdem möchte das Fraunhofer IWES die bereits vorhandene 8 MW Windenergieanlage des Typs ADWEN AD8-180 nutzen. Der hieraus gewonnene Strom soll beim Bremerhavener Wasserstoff- Modellprojekt für die Umwandlung in Wasserstoff durch Elektrolyse genutzt werden.

Neben der Produktion von Wasserstoff steht auch dessen Nutzung als Speichermedium für nachhaltig erzeugten Strom aus Windkraft im Fokus des Projekts. Hier werden neue Verfahren zur Speicherung getestet. Das Prinzip der Elektrolyse ist schnell erklärt: Um Wasserstoff aus Wasser zu gewinnen, wird dem Wasser Strom per Anode (negative Ladung) und Kathode (positive Ladung) zugeführt. Dadurch wird das Wasser in seine Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff zersetzt. Mit diesem Verfahren soll täglich eine Tonne Wasserstoff produziert werden. Mit solch einer Menge könnte man beispielsweise 200 Autos für eine Reichweite von je 600 Kilometern betanken.

Für die Speicherung des Wasserstoffs kommen mehrere Verfahren infrage. Besonders ein Projekt sticht dabei heraus, das auf dem „2. Wasserstoff Symposium“ am 6. November 2019 in der Stadthalle Bremerhaven vorgestellt wurde. Das Unternehmen Hydrogenious Technologies GmbH aus Erlangen hat einen Stoff entwickelt, der die Speicherung und dadurch auch den Transport von großen Strommengen ermöglichen würde. Debenzytoluol, ein sogenannter Liquid Organic Hydrogen Carrier ist eine ölartige organische Substanz, die Wasserstoff chemisch bindet und so eine Speicherung möglich macht. Auch im Mobilitätsbereich wurden auf dem Symposium Innovationen gezeigt. So stellten die Eisenbahn- und Verkehrsbetriebe Elbe- Weser (evb) den wasserstoffbetriebenen Zug „Coradia iLint“ vor, der bereits im Betrieb ist und die Strecke von Cuxhaven über Bremerhaven nach Buxtehude bedient. Bis 2021 will das Unternehmen weitere 14 Wasserstoffzüge in Betrieb nehmen.

Um die anfangs erwähnte Netzkapazität zu testen und eine effizientere Einspeisung des Stroms zu gewährleisten, wird das Elektrolyse- Testfeld nicht nur elektrisch mit der Windenergieanlage, sondern auch mit dem Gondelprüfstand Dynamic Nacelle Testing Laboratory (Dy- NaLab) des IWES verbunden. Hier werden die mechanischen und elektrischen Eigenschaften der Gondeln getestet und mithilfe eines künstlichen Netzes spezielle Netzzustände und Netzevents nachgebildet, um das Zusammenspiel von Windenergieanlage und Übertragungsnetz zu untersuchen und zu optimieren. „Im Projekt sollen allerdings auch die elektrischen Eigenschaften und die Netzrückkopplung untersucht werden, um eine stabile Einspeisung ins Stromnetz zu testen“, erklärt Denecke.

Das Projekt fügt sich damit perfekt ein in die „Norddeutsche Wasserstoffstrategie“ die gemeinsam von Schleswig-Holstein, Mecklenburg- Vorpommern, Hamburg, Niedersachsen und Bremen im Mai 2019 verabschiedet wurde und die Basis für eine neu entstehende Wasserstoffwirtschaft in den Küstenländern ist. Die beteiligten Länder berufen sich dabei auf ihre in Deutschland einzigartigen Standortvorteile, wie zum Beispiel die hohe Erzeugungskapazität von Windstrom durch On- und Offshore-Anlagen, bestehende Industriezweige, welche bereits Erfahrungen mit dem Umgang mit Wasserstoff haben und natürlich die Häfen, die für den Im- und Export von grünem Wasserstoff, synthetischen Energieträgern und neuen Wasserstofftechnologien maßgeblich sind. Bei den Plänen der Länder steht besonders die Erzeugung von grünem Wasserstoff im Vordergrund, aber auch die Bereitstellung nötiger Infrastrukturen. Damit betreten die Länder Neuland, denn „bisher ist noch keine breite Marktdurchdringung der Wasserstofftechnologie erfolgt. Die Norddeutschen Länder haben die „Eckpunkte einer Norddeutschen Wasserstoff-Strategie“ verabschiedet, um den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft zu forcieren und ganzheitliche Modellversuche der Wasserstoffwirtschaft zu fördern, so dass die realen Kosten von Herstellung, Verteilung sowie Nutzung von Wasserstoff mittelfristig sinken und so die Voraussetzungen für eine Marktentwicklung geschaffen werden“, erklärt Denecke.

GREEN ECONOMY IN BREMERHAVEN
Neben dem Elektrolyse-Testfeld sollen auch unterschiedliche Forschungsprojekte und Studien zu industriellen und forschungsnahen Anwendungen durchgeführt werden. Diese werden von der Hochschule Bremerhaven, dem Technologie Transfer Zentrum sowie vom Fraunhofer- Institut für Windenergiesysteme IWES wissenschaftlich begleitet. „Diese Forschungsprojekte und Studien unterstützen die Entwicklung unterschiedlicher Anwendungen, wie zum Beispiel den Betrieb einer Offshore-Messboje und eines Industriebackofens sowie der Einsatz im Logistikbereich erprobt. In den einzelnen Anwendungsfällen werden bis Ende 2021 unterschiedliche Anlagen im Labormaßstab entwickelt, um darauf aufbauend Pilotanlagen zu realisieren“, erklärt Denecke.

Im Rahmen des Projektes „Green Economy“ der BIS Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung mbH wird in unmittelbarer Nachbarschaft zum geplanten Testfeld ein nachhaltiges Gewerbegebiet entwickelt, für dessen Versorgung die vorgestellte Teststruktur eine wesentliche Rolle spielen könnte. Beispielsweise könnte die Abwärme der Elektrolyseure dem geplanten Nahwärmenetz zugeführt werden oder aber auch grünes Gas, das aus der Windenergie gewonnen werden kann, verwendet werden. Dies schafft die Rahmenbedingungen, um nachhaltig wirtschaften zu können und weitere innovative Pilotprojekte anzustoßen.

Letztendlich soll jeglicher Betrieb in dem Areal auf Wasserstoffl ösungen setzen und somit weitere Anwendungsfelder ausloten. „Zunächst sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, um das Areal des Fischereihafens Bremerhaven sukzessive auf die Nutzung von Wasserstoff umzustellen und das angrenzende Gebiet des nachhaltig zu entwickelnden Gewerbegebietes Lune Delta von Anfang an auf die Nutzung von Wasserstoff auszulegen. Damit erfolgt ein erster Schritt zur Entwicklung eines Kompetenzzentrums Wasserstoff in Bremerhaven“, sagt Denecke.


 AGB   |   Datenschutz   |    Impressum