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// Kolumne
06.08.2018
Von: George B. Miller

Ich erinnere mich

… nicht oft (und schon gar nicht chronologisch), aber wenn, dann gern … an die Zeiten im Nebel auf der Leiter nach oben, die ich immer erst später richtig genießen konnte, wenn die Sicht klarer wurde.


Es gab eine „fast forward“-Zeit in meinem Leben, da habe ich mehr auf meinen Körper gehört als auf die gurrenden Laute meiner Zimmernachbarin, wenn sie Besuch hatte. So vieles war jungfräulich: der erste Kuss, das erste Bier, der Mut, widerrechtlich in verräucherte Höhlen zu schleichen, um andere Bands zu hören als meine eigene. In manchen Läden war die Luft dermaßen von Nikotin geschwängert, dass ich nicht einmal mehr das süßliche Erdbeerparfüm der Jungstute riechen konnte, die direkt unter meinen Nüstern gerade nachgegossen hatte. Ich wollte nicht abseits stehen, entnahm der Packung meines Vaters immer mal heimlich eine Filterlose und übte tiefes Inhalieren und kotzfreies Ausatmen in den dichten Kastanien gegenüber von unserem Haus.

Zeitnah folgte die Erste öffentlich, frei nach dem Motto „wenn du sie nicht bekämpfen kannst, vereinige dich mit ihnen“. Das waren die Tage, da hatte ich noch einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn. Zudem ließ es mich erwachsener aussehen. Mädchen waren aber nicht mit qualmenden Zigaretten zwischen den Lippen zu beeindrucken, zumal sie selbst rauchten. Sie schielten auf wohl geformte, stramme Oberkörper. Den hatte ich mit meiner bleichen Hühnerbrust ja nun so gar nicht vorzuweisen. Damals gab es zwar noch keine „ich-knipsmich- selbst-mit-dem-Handy-vorm-Spiegel- im-Bad“-Bilder, auf dessen Hintergrund auch noch die Klopapierrolle grottenscharf abgelichtet ist, wie sie heimelig über der meist nicht dazu passenden Klobürste schwelgt. Blitzlichtgewitter weiblicher Augen auf stramme Muskeln am Strand oder im Freibad aber schon. Grund genug, mich der Basketball ARGE meiner Schule anzuschließen. Durch meine gefloppten Dates waren ja auch gewisse Erfahrungen mit Körben vorhanden.

Eines Nachmittags besetzten die Mädels der 9. Klasse unseren Spielplatz mit Volleyball, und wir mussten in die Turnhalle am Phillips Field ausweichen. In der Garderobe zog sich gerade eine amerikanisch sprechende Truppe um. Dieser recht eigenwillige Duft von Old Spice, den ich nur zu gut von meinem Vater kannte, behielt selbst zu eingebügeltem Schweiß unerhört siegessicher die Oberhand, verdrängte sogar die Ausdünstung meiner täglich geschnupften Dosis Knoblauchpulver. Trotz geruchssinnlicher Vorbehalte näherte ich mich mutig den US-Boys, weil sie Surflieder sangen und über die Beach Boys redeten. Sie kämen allesamt aus Salt Lake City, Utah, sagten sie in recht verständlich gebrochenem Deutsch, und seien Latter Day Saints. Das klang in meinen Ohren aufregender als „Mormonen“. Kein Kaffee, kein schwarzer Tee, kein Alkohol und noch weniger Tabak. Wir kamen also nicht über ihre restriktive Lebensart zusammen, wir fanden Gemeinsamkeit in der Musik. Zugegeben, ihre legitim angewandte Polygamie hinterließ Brandfl ecken in meinem Wissensdrang. Das Hinterfragen dieses frivolen Gedankens schaffte seinen Weg allerdings maximal bis zum Zäpfchen hinterm Gaumen.

Sie baten mich zu ihren sonntäglichen Zusammenkünf ten, überredeten mich, die achte Stimme ihres Chors vor liebenswerten und gekonnt taktvoll applaudierenden Zuhörern zu belegen. Bei einer Mitgliederfeier gab es heiß gemachten Apfelsaft mit Zimt. Alle schienen davon high zu sein wie ostfriesische Wimpernhennen, was wiederum beweisen könnte: lustig geht auch ohne Alkohol. Meine Familie beobachtete das mit gemischten Gefühlen, zumal sie meine christlichen Werte bestens kannte. Schließlich war ich ja noch nicht einmal konfi rmiert. Ein ganzes Jahr lang passte dieses sympathische Gefühl der Zugehörigkeit im wahrsten Sinne des Wortes blendend. Irgendwann besuchten wir andere Familien in ihrem Zuhause, die wohl private Nachhilfe benötigten, um ihr bisheriges Leben endlich und endgültig an den Nagel hängen zu können. Nichts gegen Menschen, die sich auf Metaebenen bewegen und trotzdem Leidenschaft und Dramatik auslösen, aber was dort an Lehre ausgeteilt, vom Gegenüber mit leuchtenden Augen empfangen wurde, das war ganz sicher nicht meins.

Meinungen beginnt mit „Mein“. Meine weltlichen Argumente wurden bei diesen Sitzungen aber mit diplomatischem Blech unter den Teppich gekehrt. Das war das abrupte Ende unserer Treffen. Na gut, grundsätzlich finde ich ja auch, wir sollten uns viel mehr Zeit für gute Gespräche nehmen. Wenn jetzt die „Neuen“, die jährlich im Austausch kamen oder andere Vertreter der Endzeit bei mir klingelten, schickte ich sie nicht weg. Ich bat sie herein, setzte eine gute Kanne Kaffee auf, schenkte ihnen auf Wunsch ein Glas Leitungswasser ein und ließ mir vom Weltuntergang erzählen. Das war immer so schön schaurig. Und immer dann, wenn sie ganz begeistert schienen, mein infantiler Gesichtsausdruck sie glauben ließ, mich missioniert zu haben, sagte ich: „Also, mein persönlicher Glaube ist, dass der menschliche Leib für die Ekstase geschaffen wurde.“ Dann musste man mal ganz genau hinschauen. Die Augen drehten einmal nach hinten durch wie bei einem tintenlosen Kalmar, es klingelte im Schädel und über die Stirn lief in roten Buchstaben das Wort „Error“. Dabei wurde ich gut erzogen. Keine Ahnung, was dann passiert ist.



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