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// Gesellschaft
12.08.2019

(m/w/d) Geschlecht und Identität

Seit Januar 2019 gibt es offiziell drei Geschlechter im Geburtenregister. Neben männlich und weiblich gibt es nun eine weitere Möglichkeit: divers. Divers dient dazu, intergeschlechtlichen Menschen, die weder eindeutig Frau noch Mann sind, eine Möglichkeit zu bieten, ihr Geschlecht anzugeben. Allerdings fasst dieses Konzept unterschiedliche Gruppen zusammen, die nicht gleich sind. Spielen Geschlechterbezeichnungen überhaupt eine Rolle und welche Bedeutung transportieren sie? Für Lann Hornscheidt, tätig auf dem Gebiet der Linguistik und Skandinavistik, ist der Fall klar: „Geschlechterbezeichnungen sind immer dann nötig, wenn es um Diskriminierungsverhältnisse geht und um politische Statements, in denen antigenderistische Politiken eine Rolle spielen.“


Im Herbst 2017 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die bis dato geltende binäre Regelung gegen das Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot verstoße.Vorausgegangen war eine Klage der intergeschlechtlichen Person Vanja, die sich weder als Mann noch als Frau definiert. Der Grund dafür ist, dass Vanja nur ein Chromosom hat, ein X. In der Regel haben Frauen zwei X-Chromosomen und Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Laut dem Deutschen Ethikrat gibt es 80.000 intersexuelle Menschen in Deutschland. Genom, Hormone und Körperteile von intergeschlechtlichen Personen können Merkmale von sowohl dem aufweisen, was dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben wird, als auch dem, was als männlich gilt. Intersexualität hat ganz unterschiedliche Formen, die nicht nur anatomisch, sondern auch genetisch und hormonell sein können. Auch muss nicht der Fall, wie bei Vanja vorliegen, dass nur ein Chromosom vorhanden ist, es besteht auch die Variante von XXY-Chromosomen. Während der Schwangerschaft entscheidet sich, ob Mensch mit männlichen oder weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren wird. Bis zur sechsten Woche sind wir alle Zwitter. Erst ab diesem Zeitpunkt bilden sich die Chromosomen-Paare und entscheiden über unser Geschlecht. Bei Intersexuellen funktioniert dieses Zusammenspiel nicht eindeutig und Hormone und Enzyme lösen andere Folgen aus. Nicht zu verwechseln ist Intersexualität mit Transsexualität. Bei letzterer ist man von den äußeren wie genetischen Geschlechtsmerkmalen her zwar eindeutig männlich oder weiblich, hat aber das Gefühl oder Bewusstsein, im Körper des falschen Geschlechts zu stecken.

Der Gesetzgeber hatte infolge des Urteils des Bundesverfassungsgerichtes bis Ende 2018 Zeit, das Personenstandsrecht dahingehend zu ändern, dass er einen dritten Geschlechtseintrag schafft oder gänzlich auf die Angabe verzichtet. Seit Januar diesen Jahres besteht für intersexuelle Menschen die Möglichkeit, ihr Geschlecht als divers anzugeben. Diese Regelung betrifft nur das Geburtenregister und betroffene Personen können nachträglich eine Änderung beantragen. Um den Eintrag im Register ändern zu können, muss allerdings ein ärztliches Attest vorliegen, um die Intersexualität nachzuweisen. Besonders häufig sind Fälle, in denen Kinder, die aufgrund von Mehrgeschlechtlichkeit operiert wurden, um - meist auf Elternwunsch - eher dem einen oder dem anderen Geschlecht zu entsprechen. Laut einer Studie der Universität Bochum wurden allein 2016 2.079 solcher kosmetischer Genitaloperationen in Deutschland vorgenommen. Besonders problematisch ist dies für das Kind, denn die Eltern könnten das „falsche“ Geschlecht wählen und das Kind somit belasten.

Zusammenhänge des biologischen und gesellschaftlich konstruierten Geschlechts

Die wohl grundlegendste Funktion des menschlichen Geschlechts ist die Fortpflanzung. Um einen neuen Menschen zu zeugen, müssen sich Mann und Frau paaren beziehungsweise deren Keimzellen zusammengebracht werden. Das erfordert also mindestens zwei Dinge: Ovarien und Spermien. Während sich die Ovarien im weiblichen Körper befinden, wird das Sperma vom männlichen produziert. Soweit die Zeugung.

Die gesellschaftlich konstruierten Geschlechterrollen sind historisch gewachsen und abhängig vom historischen wie soziokulturellen Umfeld in welchem die Menschen leben. Entwickelt aus den jeweiligen Rollen in der Stammesgeschichte des Menschen, wirken diese bis heute nach. Sie sind eng verbunden mit der Physiologie der Geschlechter. In dem Buch „Psychologie der Geschlechter: sexuelle Identität in verschiedenen Lebensphasen“ schreibt die amerikanische Psychologin Eleanor Maccoby: „Die Tatsache, dass Frauen und nicht Männer Kinder gebären und stillen, brachte für die weibliche wie auch die männliche Rolle immer gewisse Einschränkungen mit sich. Allerdings sind diese Einschränkungen je nach Gesellschaft sehr unterschiedlich. Deshalb dürfen wir davon ausgehen, dass die inneren und äußeren Zwänge, die mit den verschiedenartigen Fortpflanzungsfunktionen der beiden Geschlechter verbunden werden, an Rigidität verlieren, wenn sich die Kulturen von den sozioökonomischen Verbänden der Jäger und Sammler zu modernen Formen der sozialen Organisation entwickeln.“

Im politischen Kontext wurden Männer und Frauen auch in modernen Gesellschaften immer wieder unterschieden. Beispiele: Die rein männliche Wehrpflicht ist mittlerweile ein Relikt aus dieser Vergangenheit. Bevor sie 2011 ausgesetzt wurde, war die sie in Deutschland für alle jungen Männer ab 18 Jahren bindend. Frauen waren davon ausgenommen. Festgelegt wurde das im Artikel 12a des Grundgesetzes. Interessanterweise besagt der selbe Artikel auch, dass im Verteidigungsfall sowohl Mann als auch Frau das Militär unterstützen müssen. Allerdings geschieht auch das in unterschiedlichen Rollen. Denn während die Männer den Streitkräften dienen müssen, sollen sich die Frauen in den Dienst des zivilen Sanitäts- und Heilwesens stellen. Das prominenteste Beispiel für Geschlechterdiskriminierung in der jüngeren Vergangenheit ist das Wahlrecht, das in vielen Ländern nur Männern vorbehalten war und teilweise noch heute ist. Ein Recht, das Frauenbewegungen sich seit dem 18. Jahrhundert hart erkämpfen mussten und in den meisten Ländern der Welt erst zwischen dem 20. Und 21. Jahrhundert eingeführt wurde – in Deutschland haben Frauen seit 1918 das aktive und passive Wahlrecht. Noch immer aktuell ist die Geschlechterdiskriminierung bei der Leistungsvergütung. Frauen erhalten bis heute für die gleiche Tätigkeit weniger Gehalt als Männer.

Reproduktion der zwei Geschlechter

Die Mehrzahl der Menschen nimmt bis heute die Geschlechterwelt als rein binäres Modell wahr. Das fängt schon in der Kindheit an, in der Kinder regelmäßig „geschlechtsspezifische“ Ausstattungen erhalten. Angefangen bei Farben von Kinderbekleidung in Himmelblau für die Jungen und Rosarot für die Mädchen, über Spielsachen wie Spielzeugpistolen und Puppenhäuser. Die Marketingstrategien zielen mit bestimmten Produkten wie zum Beispiel Parfums auf Geschlechteridentitäten ab.

Eine wechselseitige Beziehung von Individuum und Lebenswelt sorgt für die Festigung dieser Binarität. Man wird hineingeboren und bekommt diese auch vorgelebt. In Kindergärten suchen sich Kinder meistens Spielgefährten des gleichen Geschlechts und werden so in dieser Gruppe sozialisiert und geprägt. „Kinder, die Kontakt zu Gleichaltrigen haben, beginnen ihr soziales Leben etwa im dritten Lebensjahr zunehmend auf gleichgeschlechtliche Gruppen oder Paare zu konzentrieren. Im Alter zwischen drei und sechs Jahren gewinnen geschlechtshomogene Gruppen als Kontext, in dem Kinder soziale Erfahrungen sammeln, immer größere Bedeutung“, schreibt Maccoby. Die Binarität von Geschlecht wird somit ständig reproduziert und wird so zur gesellschaftlichen Norm. Das steht allerdings im krassen Gegensatz zu der Freiheit der Selbstbestimmung, die auch im Grundgesetz verankert ist:

ARTIKEL 2 (1) GG
„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“


Somit wird das jeweilige Geschlecht zu einem engen Korsett, das für diejenigen, die sich mit diesem nicht identifizieren können, aus Zwang und Diskriminierung besteht. Deshalb sollte die Gesellschaft konstruierte Geschlechterrollen kritisch hinterfragen und jedem Individuum die Freiheit zugestehen, selbst zu entscheiden, wer es ist – unabhängig vom Geschlecht. Grundsätzlich unbeantwortet bleibt in der Diskussion jedoch eine andere Frage: Wird durch das „neue“ Geschlecht „divers“ Diskriminierung abgebaut oder nur ein weiteres Diskriminierungskriterium erzeugt? Möglicherweise führt der Diskurs irgendwann zu einer Position, die gänzlich auf Geschlechterunterscheidung verzichtet und damit auch auf Diskriminierung.


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