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// Musik
14.02.2019
Von: bg

Come share the wine

Im Porträt: Jazzgitarist und Sänger Jörg Seidel


Jörg Seidel (Foto: Patrick Connor Klopf)

Jörg Seidel (Foto: Patrick Connor Klopf)

Wir treffen uns im Café Caspar David und Co. neben der Kunsthalle in Bremerhaven. Dieser Ort blickt auf eine lange Geschichte als Treffpunkt für Kulturschaffende und Kreative zurück. Ein Schmelztiegel unterschiedlicher Ideen und Einflüsse – so wie es die Seestadt selbst war, als aufgrund der langen Liegezeiten der amerikanischen Schiffe und der stationierten Soldaten ein Hauch von New York durch die Straßen wehte. Es herrschte ein reger Austausch, bei dem auch die Musik ein wichtiges universelles Kulturgut darstellte. Neben Elvis und dem Rock’n’Roll, der den europäischen Kontinent erobern sollte, hielt auch der Jazz in kleinen Tanzlokalen und Bars Einzug. Dieses Flair sollte später die Leidenschaft eines Mannes entfachen, der heute als ein begnadeter Musiker weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist – der Jazzgitarrist und Sänger Jörg Seidel.

Seidel Jahrgang ’67 studierte Germanistik, Kunstpädagogik, Politik auf Lehramt. Aber ziemlich schnell stellte er fest, dass dies nicht seine Berufung war. Deshalb fiel die Wahl auf die Musik, die schon immer eine große Rolle in seinem Leben spielte. In der Familie wurde immer viel gesungen. Besonders seine Großeltern haben ihn bei seinem Traum, Musiker zu werden, unterstützt. Als er 10 Jahre alt war, ging er mit seinen Großeltern in das Bremerhavener Musikgeschäft Sadowski, um sich eine Gitarre zu kaufen. „Meine Oma meinte zu mir, ich soll es erst einmal mit einer Ukulele probieren“, erinnert sich Seidel lächelnd. Die Großmutter war die größte Förderin der Musikleidenschaft ihres Enkels, sie brachte ihm das Spielen bei. „Mit 11 Jahren bekam ich dann endlich meine Gitarre“, sagt er strahlend.

Zu seinen damaligen Vorbildern gehören Peter Kraus, Ted Herold und Bill Ramsey, mit dem er Jahre später einmal selbst zusammen Musik machen wird. Auch die Unterhaltungsmusik von Hazy Osterwald hat ihn sehr beeinflusst. Zeitgenössischer Pop Musik konnte er nie viel abgewinnen. „Ich interessierte mich für das Swingende Element im Rock’n’Roll, die Beatles waren nicht so mein Ding“, erzählt Seidel. Doch seine Leidenschaft für den Jazz begann mit einem Auftritt des Gipsy Geigers Schnuckeschnack Reinhardt, der ihn zutiefst beeindruckte. Es dauerte nicht lange, bis er seine erste Platte kaufte. Roots to Django von dem Sinto Gitarristen Biréli Lagrène war der Tonträger, der alles veränderte. „Diese Platte habe ich jeden Morgen vor der Schule und danach bis tief in die Nacht gehört“, beschreibt er sein Laster. Doch wer war dieser Django von dem im Titel seines Lieblingsalbums die Rede war? Der Gitarrist Django Reinhardt gilt bis heute als einer der Vorreiter des europäischen Jazz und das gleichnamige Album des Musikers sollte die zweite Platte sein, die Seidel in seine noch in den Anfängen begriffene Sammlung aufnehmen sollte. Seidel begann das, was er hörte, nachzuspielen – dass steigerte seine Liebe zum Jazz ins Unermessliche. Besonders die Sinti Einflüsse im Jazz interessierten ihn, sodass er mit 14 Jahren alles verschlang, was nur im Entferntesten seinen Geschmack traf.

Mit knapp 20 Jahren veranstaltete Seidel erste Jazzveranstaltungen im alten Stadtbad. Die organisierte er selbst, lud Musiker und Gäste ein und sorgte für die Öffentlichkeitsarbeit. Daraus resultierte ein permanenter Kundenstamm aus Jazzliebhabern. Doch oft fehlte das Geld, um solche Projekte allein zu stemmen. „Oft bin ich nach den Konzerten völlig pleite gewesen, da ich nicht immer genug Eintrittskarten verkaufen konnte. Ich bat meine Oma um Hilfe. Zum Glück hat sie mich immer unterstützt, sodass ich wenigstens die Musiker bezahlen konnte“, sinniert Seidel lachend. Auch im Keller des Kulturzentrums Roter Sand organisierte er Konzerte. Es kamen weitere in der Stadthalle, im Metropol oder im Weser Forum hinzu.

In Bremerhaven gab es mehrere Anlaufstellen für Liebhaber des Genres, wie das Kellerlokal AB Jazzclub, die Inselbar, Krügers Jazz Café oder Chico’s Place, das von einem amerikanischen Koch betrieben wurde, der in Bremerhaven hängen blieb. Hier trafen alle aufeinander, die den Jazz liebten. „Nutten, Zuhälter, Profs und Studenten, alle zusammen“, sagt Seidel lachend. Doch irgendwann starb Chico und seinen Platz konnte keiner mehr füllen. Da kein Geld für eine standesmäßige Beerdigung vorhanden war, organisierte Seidel kurzerhand ein Benefizkonzert, um einen alten Freund zu ehren und ihn würdig zu verabschieden. Mit Chico ging auch die Euphorie um den Jazz in der Hafenstadt verloren. Doch Seidel machte weiter und bespielt heute Europaweit diverse Bühnen und Konzerthäuser in verschiedenen Formationen. Seidel ist voll und ganz Unterhaltungsmusiker und versucht die Zuhörer immer verbal mitzunehmen und andere mit seiner Leidenschaft für den Jazz anzustecken. Alle zwei Jahre organisiert und spielt er auf dem Schüler- Konzert des Schulzentrums Carl von Ossietzky „Jazz Hautnah“ und ist immer wieder sichtlich angetan von der Begeisterung, die er in den Schülern weckt, erzählt er.

Sein neustes Projekt ist die Neuinterpretation von Titeln aus der Feder von Udo Jürgens. „Eigentlich konnte ich nicht so richtig was mit den Liedern von ihm anfangen. Aber als meine Frau und ich in einer Session zu „Aber bitte mit Sahne“ jammten, wurde mir bewusst, wie viele Parallelen Jürgens zum Jazz hatte“, beschreibt Seidel. Es begann eine umfangreiche Recherche, in der sich Seidel mit dem Gesamtwerk von Udo Jürgens befasste. 2014 besuchte er ein Konzert und war schwer beeindruckt von den musikalischen Qualitäten des Entertainers. Drei Wochen später starb Udo Jürgens und konnte Seidels Jazz-Hommage an ihn nicht selber hören. Doch die Presse war überzeugt und die Resonanz fiel durchweg positiv aus. So positiv, das bereits eine zweite CD in Arbeit ist, die sich mit bisher unbekannten Stücken beschäftigt. 2019 wird sie veröffentlicht und auch Live präsentiert. Dann kann Jörg Seidel das tun, was er am liebsten macht: Musik.


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