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// Kolumne
08.08.2017
Von: gbm

Ich erinnere mich

… nicht oft (und schon gar nicht chronologisch), aber wenn, dann gern … an die Zeiten im Nebel auf der Leiter nach oben, die ich immer erst später richtig genießen konnte, wenn die Sicht klarer wurde.


Hermann Hesse schrieb in einem seiner Gedichtbände, „jedem Anfang“ oder „jedem Neuen“ wohnt ein gewisser Zauber inne. Den Anfang habe ich gestern auf einer deftigen Geburtstagsfeier gemacht, der böse Zauber erreicht mich beim Erwachen am späten Nachmittag. Da ist dieses beängstigende Gefühl, es ist immer noch viel zu früh für mitten in der Nacht. Mit dreiundzwanzig habe ich bei Cracker Jack noch das Menü für solche Orgien geschrieben. Mein Freund und Zeremonienmeister Heiner und ich konnten am nächsten Abend herzhaft über das Gewesene lachen, vorausgesetzt, wir waren schon wach. Mucker und Maler, Sonnenaufgang und Abendhimmel auf unserer Palette zu einer einzigen Farbe zu vermischen, gehörte damals zur Tagesordnung. Heute ist das etwas anders, aber zum Weinen fehlt mir gerade die Flüssigkeit. In zwei Stunden muss ich nämlich frisch gebügelt, in jedem Fall aber topfit zur Probe meines ersten Sängerwettstreits im Columbus Bahnhof auflaufen. Es gestaltet sich etwas schwieriger als erwartet. Gute Partys dauern eben länger. Dringendst muss ein Durst gelöscht werden, den ich nur meinem ärgsten Feind gönne. Den modrigen Geschmack auf meinen zerzausten Lamellen ebenso. Zahnpasta ist machtlos, Mundspray hat Alkohol und besorgt einem womöglich einen Aufgewärmten.

Mit letzter Kraft, Schädel unterm Arm und knurrendem Magen, schleppe ich mich die zwei endlosen Treppen durch das blonde Licht des Nachmittags hoch zum Saal. Sollte jetzt jemand auf die Idee kommen, es gehöre zu meinen Aufgaben in der Öffentlichkeit zu erforschen, wie lange ich ein krächzendes Geräusch machen kann, so liegt er falsch. Bei einer spontanen Kurzwendung, um zu sehen, ob mir jemand folgt, denn dann sollte ich vielleicht doch lieber wieder aufrechter gehen, sehe ich mich mit Schrecken, wie links und rechts die zur Dekoration abgestellten Blumen traurig die Köpfe in ihren Töpfen hängen lassen. Mein Atem muss sie im Vorübergehen gestreift, und in ihren Wurzeln erschüttert haben.

Was mir dann ungebremst entgegenschlägt, kommt aus dem Vorhof der Hölle. Die Band ist noch mitten im Soundcheck. Bum, bum, bum, die Bass Drum, gefühlte stundenrunde Ewigkeit. Wie ich das hasse, ob nun als Aktiver selbst hinter der Schießbude oder als passiver Hilfloser vor der Bühne. Es nervt. Dazu hochfrequentes Ziepen wie aus dem Orchestergraben. Eine bösartige Attacke auf meine dünnen Saiten, die mir Seemannsknoten in die Eingeweide knüpft. Dann aber kam die beste Idee des Jahres: Ich ziehe mein Hörgerät aus dem Ohr. Ah und oh, du erlösende Wohltat, erfrischend barfuß im Kopf. Das Teil hab ich jetzt schon fast zehn Jahre, Tribut an den Rock‘n‘Roll.

Heutzutage nehmen Musiker bei ihren Konzerten alle Instrumente und Stimmen geschmeidiger durch schonendes „in ear monitoring“ in den Gehörgängen wahr. Wenn ich für meine Combo trommle, nutze ich sowas ja auch. Schließlich will man nicht derjenige sein, der ohne Stuhl dasteht, wenn die Musik aufhört zu spielen. Mein Handy klingelt. Ich geh nicht ran, weil ich denke, es ist die Gitarre von der Bühne. Okay, und wer ist sonst noch da? Moderator Günter hat bereits alle Anwesenden für seine Liste abgefragt. Er macht das großartig, und er ist sensibel genug mir anzusehen, wie unprofessionell ich durch die gestrige Nacht gesurft bin. Schließlich sollte der Organisator schon so etwas wie ein Vorbild sein.

Der Sänger fragt den Mann am Mischpult durchs Mikrofon, woher das dezente, aber endlos fiepende Feedback kommen könnte. Wie durch Watte höre ich die Frage natürlich auch, den hohen Ton nicht. Es ist meine Hörhilfe, die ich in vollem Betriebsmodus vor wenigen Minuten in geistiger Abwesenheit in der Hemdtasche verschwinden ließ. Der Toningenieur checkt die Mikrofone, indem seine Hand jedes einzelne umschließt. Das macht man so. Er scheint der Verzweifl ung nahe, weil er den Fehler nicht findet. Nicht mein Bier, denke ich immer noch nichts ahnend, und stelle mich den Kandidaten vor. Mit rollender Zunge erkläre ich die Regeln des Wettbewerbs. Langsames Artikulieren kommt der besseren Verständlichkeit ganz normal entgegen. Böse ist, wer Arges denkt.

Die permanenten Missverständnisse wegen meiner abstrusen Antworten auf ihre Fragen allerdings machen den Teilnehmern große Augen, die mich verängstigt anstarren. Himmel, mein Hörgerät. Das ist nicht lustig. Es muss natürlich wieder rein. Damit ist urplötzlich auch das Problem mit dem Feedback gelöst. Ich schäme mich ein bisschen wegen meiner schwerelosen Vergesslichkeit. Die Probe der Band mit den Sängern läuft zu 100% schwingfrei und, dem Himmel sei Dank, von ganz allein weil beide Parteien richtig gut vorbereitet sind. Mir, als überzeugtem Anhänger des individuellen Eudämonismus, kommt das sehr entgegen.



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