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// Kolumne
13.11.2017
Von: gbm

Ich erinnere mich

… nicht oft (und schon gar nicht chronologisch), aber wenn, dann gern … an die Zeiten im Nebel auf der Leiter nach oben, die ich immer erst später richtig genießen konnte, wenn die Sicht klarer wurde.


Jeder hatte wohl schon mal den Wunsch nach dem Gefühl, „irgendwann mal angekommen zu sein“. Ich denke da weniger an Werder Bremen in der 2. Liga, noch habe ich boshafte Gedanken zum Nah- und Fernverkehr der Deutschen Bahn. Nein, ich meine, mitten im dicksten Winter in einer kleinen Gartenlaube, durch deren Ritzen der eisige Wind pfeift, voll eingemummelt und eng an die Liebste gekuschelt, um nach dieser einen Woche in der Natur immer noch sagen zu können: „Ich liebe dich“. Endlich angekommen? In diesen rauen Tagen des Geschirrspülens, Staubsaugens und Be- und Entladens der Waschmaschine hatte ich mich entschlossen, die Sicherheit des Single-Daseins noch einmal hinter mir zu lassen. Eine zusätzlich treibende Kraft zu diesem Entschluss war möglicherweise meine beängstigende Faszination über den Bericht einer Zukunftsanalyse „Wo siehst du dich morgen? Wie war dein Name, bevor du ihn geändert hast?“.

Eine tolerante Sie an meiner Seite, mit der ich paarshippend durch den nächsten Winter kommen konnte, bevor der drückende Schnee das Dach über mir einstürzen ließ? Nicht einfach, da ich mich mit dem Einkommen meines Auskommens und anderen Geräuschen gerade mal wieder weit nördlich jeglicher Hoffnung und südlich der Toilettenspülung befand. Wovon also den Liebestrank fürs erste Date bezahlen? Meine Fantasie kam unweigerlich ins Rollen. Ich erinnerte mich an die Karl-Dall-TV-Show im Timmendorfer „Maritim“ Anfang der 90er mit Stephan Remmler und den „Schatzsuchern“ vom „Projekt F“, deren Trommler ich derzeit war.

Vor der Sendung gingen wir zur Verdauung eines opulenten Mahls im gegenüberliegenden Park spazieren. Diverse, mit fetten Klunkern behangene Witwen, die ihren Hund aufreizend langsam Gassi führten, kamen uns entgegen, während sie ihre triefenden Schmachtblicke links und rechts durch den Parcours schickten. Weshalb also nicht direkt in der Nähe des Parks einen kommerziellen Dackelverleih aufmachen? Männliche Singles könnten sich für kleines Geld einen passenden Kläffer mieten. Hundebesitzer lernen sich nun mal schneller kennen, kommen unkomplizierter ins Gespräch als im Supermarkt oder in der Kirche. Sie gehen aufeinander zu, tauschen sich über ihre Vierbeiner aus, um nach wenigen verbalen Augenblicken endlich die alles entscheidende Frage ablassen zu können, ob da nämlich zuhause vielleicht noch ein verkniffener Rüde wartet, der einem möglicherweise schon vor dem Gang zur Hausbar die Hosen runter beißt. Das hieße dann, die doch eigentlich romantisch angedachte Spritztour wäre vermasselt, der geplante Lottogewinn eine Nullnummer.

Also auf zur nächsten Hundeführerin oder zurück und die abgelaufene Mietzeit verlängern. So könnte es laufen, müsste es aber nicht. Wenn man erst einmal anfängt zu denken, dann kommen auch die Zweifel. Wie sollte ich hier auch auf die Schnelle einen leer stehenden Laden finden bei unserem kurzen Aufenthalt. In den südlich oder nördlich gelegenen Gehölzen meiner Stadt waren Betuchte rar gesät. Eher welche, die einem auf den ersten Blick deutlich machten, dass älter werden eine Strafe für etwas ist, das man nicht getan hat. Vielleicht sollte ich einfach moderner denken, z.B. in diesen boomenden Display-Zeiten einen Hostessen-Service für Handy-Süchtige organisieren? Die Hostess hakt sich unter, führt den Klienten sicher über die Straße, lenkt ihn an gefährlichen Laternenmasten vorbei durchs Menschengewühl, während er ununterbrochen simsen, telefonieren, fotografi eren oder Pokémons jagen kann, ohne sich zu verletzen.

Wenn man sich aber so verbissen um Selbständigkeit bemüht wie ich damals, dann kann das wohl nichts werden. Will sagen, was soll auch schon groß passieren, wenn das nicht Vorhandene auf das Verbrauchte trifft? Stephan feixte sich eins über meine abenteuerlichen Gedanken, klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und fragte: „Hat dein Praktikum beim ZDF nicht fürs Erste gelangt?“ Der, der, der hatte gut lachen. In weniger als einem halben Moment schaffte er es mit minimalistischem Trio zur Konto-Explosion. Glückwunsch. Es kommt wohl immer darauf an, in welchem Schaufenster man sich befindet.

Stopp! Der einzige Grund, weshalb ich je durch die Lessingstraße geschlendert bin: Mein Bus hielt an der Ecke und ich musste den Rest zum Hotel Metropol zu Fuß gehen. Außerdem suche ich ja nicht, ich lasse mich finden. Ja, mir ist klar, wie abgegriffen dieser Satz ist. In diesem Sinne sind auch meine Motive sinister und meine Absichten unlauter: Ich will meiner Partnerin den Schlaf und die Sinne rauben, ihre Zeit stehlen, ihr den Nerv töten, ihre Seele fressen, ihr Herz brechen und den Verstand betäuben. Drei-Wetter-tough und der Herdanziehungskraft trotzend soll sie sein, manchmal scham-, doch nie charmelos, feminihilistisch und pheromondän, zuverlässig unberechenbar und normabstinent. Die klassische Rebelle de Jour. Wenn schon, denn schon. Ich weiß, dass sie da draußen irgendwo wartet. Nur die Zeit bleibt nicht stehen.



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