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// Kolumne
07.05.2018
Von: gbm

Ich erinnere mich

… nicht oft (und schon gar nicht chronologisch), aber wenn, dann gern … an die Zeiten im Nebel auf der Leiter nach oben, die ich immer erst später richtig genießen konnte, wenn die Sicht klarer wurde.


Irgendwann musste ich neidlos erkennen: es gibt keinen guten Weg zum Misserfolg. Keine der professionellen Formationen, in denen ich spielte, Verankerung meiner Hoffnungen, hatte es über die Grenzen der Region hinaus geschafft. Einzig und allein die Konzerte machten noch Freude, weil während des Spielens nicht geredet wurde. Zugegeben, die Enttäuschung saß tief. Andererseits hatte ich ja schon durch Holm und die „Desperado“-Nummer gelernt, dass nicht alles auf Anhieb klappen musste. Glück gehört dazu. Fang nie an aufzuhören, hör nie auf anzufangen. Immer weitermachen mit Weitermachen. Wie konnte ich sonst wohl auf den Gedanken kommen, mich freiwillig wieder bei dem Mann einzunisten, der mir den Schweiß des Verreckens aus den Poren trieb, um noch mehr potentielle Hits mit ihm zu schreiben.

Also saß ich mit frostigen, eigentlich schon subversiven Gedanken und mit Papier und Kugelschreiber bewaffnet ihm gegenüber, wärmte meine Finger an der Sonne Kaliforniens auf der Landkarte der USA (ursprünglich hieß der Titel ja auch „Colorado“) und suchte ähnlich wohlklingende Namen mit vielen Vokalen. Ich erinnerte mich an den Satz, den mir meine Großmutter ständig sagte: „Junge, du hast eine blühende Fantasie!“ Ich machte sie mir zunutze und schrieb mir die Flossen wund. Genauso flott, wie die Lieder auf dem Tonbandgerät waren, stellte ich fest, weder Erfolg noch Fortuna ließen sich so einfach aus dem Gebüsch locken.

Musikverleger unseres Hits, Rainer Felsen, inzwischen mit einer Bilderbuch-Büro- Assistentin bestückt, war trotzdem begeistert. Wohl weniger über unser Material als über Ausdauer und Fleiß. Er lobte uns, gab sommerliche, leicht verdauliche Tipps, die leider nie fruchteten, und trotzdem waren wir öfter bei ihm in Hamburg als zuhause. Natürlich auch ein bisschen wegen seiner unglaublichen Sekretärin. Rainer hatte sich inzwischen zu einem überaus erfolgreichen Produzenten und Verleger gemausert. Deutsche Größen wie die Plattrocker aus Torfmoorholm und Michael Krüger verwahrten ihre Titel in seinem Verlag. „Hör dir mal Mikes Texte an, dann kennst du die Richtung. Schreib alles auf, was dir einfällt“, versuchte er, mich zu motivieren, „völlig egal, ob es stimmt oder nicht, witzig muss es sein. Menschen lachen gern.“

Mein Verschleiß an Papier war ungeheuerlich. Ich lachte auch gern. Allerdings weckte das Aufgeschriebene nicht im Entferntesten die Erinnerung daran, wo ich meinen natürlichen Humor vergraben hatte. Wenn ich alles einen Tag später nochmal überflog, las es sich konstruiert. In mir steckte jedenfalls kein Auftragsschreiber. Ein spontaner Verbalneurotiker in Sachen Situationskomik? Ohne Situation keine Komik, ohne Komik keine Texte für Mike. Macht nichts. Die guten Zeiten sind vorbei, sagte ich mir, jetzt kommen die besten. Du brauchst eine feste Beziehung, George, mit der du dein Elend teilen kannst. „Mach‘s doch wie deine Kollegen“, sagte man mir. Gütiger Himmel, welch unterirdischer Rat. Auch da musste schließlich alles passen. Eine Schlangenfigur mit einem Schwanenhals und einem Top-Ten-Gesicht oben drauf? Das ging ja gar nicht, auch wenn ich in den Kontaktbörsen aufgrund meiner Erfahrungswerte schrieb: „Entweder du siehst so aus wie auf den Fotos, oder du zahlst die Getränke so lange, bis du so aussiehst.“ Ein Bonmot aus meinem Ecken- und Kantenkatalog. Er sollte locker klingen, eckte aber tatsächlich an.

Wenigstens eine Herzschrittmacherin, eine Reibungsfläche, eine Feinmotorikerin, Essen auf Rädern, eine Geschichtenerzählerin, sollte es sein, nur bitte keine Ü-Ei-Sammlerin oder Modelleisenbahnfahrerin. Würde ich mit der Langzeitpartnerin keine erfüllende Konversation haben können, müsste ich nach dem Sex rauchen, und das kam nicht inne Tüte. Im Schlafzimmer musste die Luft sauber bleiben. Ja, ich weiß, man konnte danach natürlich auch einfach auf dem Rücken liegen, die Augen geschlossen oder offen halten, wie man wollte, und ohne Sterbenswörtchen beim Regenerieren genießen. Andererseits war ich ehrlich genug zu erkennen, dass ich dem Verfallsdatum schon bedrohlich nahe gekommen war, zumindest der Schablone „Mäuschen“ entwachsen.

Ungeachtet dessen lief ich mit einer Smiley- Maske durch die Gegend, um jedem zu vermitteln, hey, mir geht‘s blendax. Zwei Dinge wusste ich aber von mir: Ich hatte noch alle Tassen im Schrank und ich konnte mich, trotz beginnender Aphasie, immer noch ausdrücken, wie ich wollte. „Gesunder Körper, paranormales Liebesleben“ war die Parole. Viel Obstsalat, mit möglichst wenigen Pestiziden veredelt, zur Stärkung meines Durchsetzungsvermögens. Ich riss einer noch jungfräulichen Banane die letzte Schale vom Leib und zerquetschte das noch zuckende Fruchtfleisch, um es im Blut einer handgewürgten Orange zu ertränken. Liebe kann so brutal sein.


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