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// Kolumne
08.05.2017
Von: gbm

Ich erinnere mich

… nicht oft (und schon gar nicht chronologisch), aber wenn, dann gern … an die Zeiten im Nebel auf der Leiter nach oben, die ich immer erst später richtig genießen konnte, wenn die Sicht klarer wurde.


Eines Tages fi nde ich eine Nachricht in der Flasche, die ich gerade getrunken hatte. „Jemand wird schon bald dein Herz schneller schlagen lassen!“ Wow! Ich sehe Ingrid Bergman vor mir, die gerade im TV ein Inter view gibt. Mit erotischem Timbre spricht sie über ihre Liebe zu Brahms und die triebhaft sexuelle Begierde in „Das Schweigen“. Ich mochte diese Gespräche schon immer. Meine Sichtweite ist zudem legitim, da ich ja seit zwei Tagen wieder Single bin. Nur eine Woche später tritt tatsächlich eine neue Person in mein Leben, die mir allerdings die gute Laune auf Langzeit stiehlt. Sowas spüre ich sofort. Pit Schwimmkran, einen Kopf kleiner als ein Fliegenpilz und mit dem Lachen einer klapprigen Gartenpforte, soll unseren Gitarristen ersetzen. Irgendjemand hat ihn angeschleppt. Das ist zweimal Hühnerkacke. Meine geliebten Chuck-Berry -Songs sind nun endgültig gestrichen. Pit bringt nämlich noch mehr Delta Blues ins Programm. Darüber hinaus schleicht er sich wie der Schweinegrippevirus, der allerdings erst 2009 nachgewiesen werden kann, in meine Familie ein.

Meine Schwestern vergöttern ihn, weil er so „witzig“ ist und Geschichten kennt, dass sich die Balken biegen. Das mit den Balken kriegen sie natürlich nicht mit, da wir in einem Neubau wohnen. Pit soll Karate können und gräbt als Trainingseinheit in unserem Schrebergarten das Kartof felbeet um, mäht den Rasen zum Golfplatz und gießt die Würmer, wofür mir immer Zeit und, ehrlich gesagt, auch Lust fehlen. Dadurch wird er zum Liebling meiner Oma, die ihn bemuttert, als säße da eine arme, bedauernswerte Waise in der Küche. Ständig schiebt sie ihm das größte Stück Kuchen rüber. Mein vorwurfsvoller Blick beeindruckt sie nicht die Bohne. „Pit ist ein fl eißiger Junge. Er geht immer als gutes Beispiel voran. Von ihm solltest du dir eine Scheibe abschneiden.“ Noch mehr? Dieser Wicht hält doch so schon mühelos dem Vergleich mit einem Knäckebrot stand.

Ich liebe meine Großmutter, aber was weiß sie schon. Wie ein Bolzenschneider sucht er sich lediglich den Schwachpunkt in einer Kette, knackt ihn und reiht sich als vermeintlich starkes Glied ein. Neben äußerst dünnen Kenntnissen auf dem Klavier schlägt er auch noch seine Gitarre, wie man in Musikerkreisen sagt. Spielen ist jedenfalls etwas Anderes. Nicht mal beim Alkohol gibt es eine Gemeinsamkeit. Der Mann ist abstinent. Dafür raucht er dieses Zeugs, das neuerdings in Blumenkästen auf der Fensterbank wächst. An mindestens drei Tagen in der Woche belegt er unser Wohnzimmer mit irgendwelchen Arien. Darunter ständig „Summertime“, weil da die ganze Bandbreite einer Nebelkrähe zur Geltung kommt und seinen Adamsapfel wie ein Yo-Yo auf und ab hüpfen lässt.

Meine Schwestern sind total entzückt und beeindruckt von dieser Beweglichkeit. Sie sind eben noch sehr jung, begeisterungsfähig und lieben das Hüpfen wie die meisten Mädchen in ihrem Alter. Angst, dass er eine von beiden entkorken könnte, muss ich wohl nicht haben. Mühsam übe ich mich in Coolness, zumal Pit die hohe Schule der Laienschauspielkunst beherrscht. Das ist nämlich etwas, was unserer Band neben ausgeprägter Musikalität noch fehlt. An einem miesen Montag komme ich geschlaucht von der Arbeit nach Hause und freue mich auf meinen verdienten Feierabend. Es ist Spätherbst und draußen kickt die Dämmerung lustlos den Sonnenball hinter den Horizont. Im Wohnzimmer sind die Vorhänge zugezogen, es ist fi nster bis auf das spärliche Flackern von zwei Kerzen. Pit liegt mit geschlossenen Augen auf dem Sofa bis an die Kinnspitze zugedeckt, seine Hände über der Brust gefaltet. Im ersten Moment denke ich, da liegt eine Leiche, oder sonst etwas Grauenvolles ist passiert, zumal die geliebten Schwestern davor sitzen und herzzerreißend schluchzen.

Ich knipse das Licht an. „Was ist denn hier los?“ „Pssst, mach doch nicht solch einen Lärm! Licht aus! Pit hat einen Schnupfen.“ Wie meinen? Das ist die absolute Krönung, und sie lässt nur ein wenig feierliches, dafür explosionsartiges Ausatmen zu: „Raus!“. Der Rest erledigt sich wie von allein. Der „Tote“ kommt quicklebendig von seiner Liege hoch, verabschiedet sich per Küsschen von den Mädchen, von mir mit einem Dolchstich- Augenblick, und ich bin eine Woche lang das pechschwarze Schaf in der Familie. Es ist aber zu ertragen, da ich ja acht Stunden in der Firma bin. Die Moral von der Geschicht´, vertraue leeren Flaschen nicht.



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