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// Kolumne
14.11.2018
Von: gbm

Ich erinnere mich - von George B. Miller

… nicht oft (und schon gar nicht chronologisch), aber wenn, dann gern … an die Zeiten im Nebel auf der Leiter nach oben, die ich immer erst später richtig genießen konnte, wenn die Sicht klarer wurde.


Unsere in langen Nächten mit Herztinte geschriebenen Songs, veröffentlicht auf diversen Alben, finden nicht genügend Abnehmer. Ergo formieren wir eine Coverband, um mit volkstümlicher Popmusik Kohle für den Winter zu verdienen. Wem auch immer sei Dank, unser Bus, ein betagter Mitsubishi-8-Sitzer, ist auf Treibstoff nicht angewiesen. Sein sensibler, angerosteter Boden kann mit Leichtigkeit durchgetreten werden, um im Falle eines leeren Tanks mit den Füßen weiterbewegt zu werden. Das fördert eine gesunde und urige Banddynamik. Beide Scheinwerfer sind zudem halb mit Regenwasser gefüllt, leuchten dafür anders als andere, wie wir finden. Ein elektrisches Wunder oder einfach nur simple Reflektion. Wen schert‘s.

Ein bisschen Sorge bereitet uns allerdings die eigenhändig und pedantisch mit Gaffa-Tape geklebte Heckklappe. Da wir aber trotz mehrstündiger Reise am Zielort immer gleich ausladen, nach dem Gig wiederum zeitnah abreisen, müssen wir nicht befürchten, dass uns zwischendurch Instrumente oder Teile der Anlage gezockt werden. Zugegeben: so locker das klingen mag, nicht jeder kommt damit zurecht. Fluktuation ist die Folge. Lu Lafayette nimmt das Angebot vom hiesigen Stadttheater an, das Berliner Musical „Linie 1“ als musikalischer Direktor zu leiten und steigt um. George akquiriert das Tastentalent Henk Petersen. Basser Zappo zieht es zurück an die Elbe, Nibbl war gestern und Michi Drews basst heute.

Neben George ziept Böddel an der Gitarre, der viele Songs aus den 60ern und 70ern singt, als hätte er sie selbst geschrieben. Eine musikalisch betuchte Combo, moralisch bankrott, dafür auf jedwedes fehlende Glück vorbereitet. Einem Laien kann man es vielleicht so erklären: Wir verbringen mehr Zeit mit einpacken, fahren, ausladen, aufbauen, dann wieder abbauen, einladen, fahren, als Zeit mit Musizieren auf der Bühne. Wenn es dann nicht mal einen begehbaren Aufenthaltsraum zur Entspannung gibt, ziehen sich bei den Kirschberry Bar-Mädels hinterm Tresen die Augenbrauen hoch bis in ihre Haaransätze wegen unseres unterirdischen Trinkverhaltens. Das sieht reichlich beknackt aus. Was wissen sie schon über verschwindend geringe Gagen, die sich nur mit Drinks aufs Haus kompensieren lassen. Natürlich auch, um für die Heimfahrt präpariert zu sein.

Böddel trinkt nicht. Deshalb sitzt er hinterm Steuer, ich neben ihm. Wir sind auf dem schier endlosen Rückweg vom Niemandsland in die Zivilisation. Kurz vor dem Elbinger Platz warne ich ihn eindringlich. „Gerdi, wenn die Fußgängerampel in Fahrtrichtung da rechts auf Rot umspringt, halt wegen des Blitzers besser gleich an, weil die für Autos dann auch blitzschnell rot wird.“ „Verstehe“, sagt er. Die Ampel mit dem grünen Männchen springt um, Gerd latscht intuitiv auf Vollbremsung, kommt mitten auf der Kreuzung zum Stehen. Ein Vorwärts oder ein Zurück hätte unweigerlich ein denkwürdiges Foto zur Folge, so wie beim Wagen hinter uns. Was soll ich sagen. Vielleicht das, was die von rechts kommenden Fahrer, die unendlich genervt an uns vorbeimanövrieren müssen, durch herunter gelassene Scheiben lautstark fluchen? Es gibt Erbaulicheres. Gerd versteht die Welt nicht mehr, darf aber trotzdem zukünftig lenken.

So auch eines Nachts von Cuxhaven gen Heimat. Der sonst so treue Japaner bleibt kurz vor Bremerhaven mitten in der Walachei auf halber Höhe einer Brücke einfach stehen wie eine andalusische Mörenechse. Draußen regnet es Bindfäden. Drinnen ist es heimelig, angesoffen oder bekifft, jedenfalls regungslos. Die Frage „Was jetzt?“ geht gerade das fünfte Mal rum, da langt es mir. Von der unbändigen Kraft schmerzenden Zornes angestachelt, steige ich aus und schiebe den Wagen samt Insassen und kompletter Anlage die fehlenden 12,5 Meter bis auf den Zenit der Brücke. Krampfhaft am Brückengeländer festgekrallt, will mein Innerstes nach draußen. Würgende Ohnmacht. Keine gute Tat bleibt unbestraft. Applaus und böses Gelächter aus dem Bus nehme ich nur wie durch Watte wahr. Nach einer gefühlten Ewigkeit steigt Kamerad George endlich stolpernd aus, stellt sich mit Daumen im Wind an den Straßenrand, um Abschlepp-Hilfe aus der Stadt zu holen.

Wir halten eben nicht nur zusammen, wir haben auch eine klare Aufgabenteilung. Seine Story, als er samt Schlepper endlich zurück ist, er sei morgens um 2 Uhr beim Überqueren der Stresemannstraße in Achterbahnschleifen von einer vorbeifahrenden Streife kontrolliert, und aufgrund seiner schwer zu glaubenden Geschichte, die gerade hinter ihm liegt, fast in Gewahrsam genommen worden, glauben wir ihm nicht. Es kommt also vor, dass ein Musikerdasein nicht immer ausreichend lustig für einen Top-10-Platz in der TV-Serie „Pleiten, Pech und Pannen“ ist und nicht traurig genug für „Ein Platz an der Sonne“. Die Stimmung in dieser Nacht ist trotzdem durchweg großartig.


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