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// Gesellschaft
13.02.2017
Von: Thomas Klaus

Akute Hilfe für die lädierte Seele: Das Kriseninterventionsteam Wesermarsch e.V. unterstützt Angehörige und Hinterbliebene – ehrenamtlich und kostenlos

Als die blinkenden Blaulichter an der Unfallstelle nicht mehr zu sehen sind und der Schwerverletzte auf dem Weg zum Krankenhaus ist, bleibt seine Arbeitskollegin Petra Sinnecke zurück. Sie hat Glück im Unglück: Ihre leichten Prellungen und Kratzer im Gesicht hat der Notarzt gleich mitversorgt, bevor er im Rettungswagen davon rast. Ins Krankenhaus will Petra Sinnecke nicht. Aber was ist mit der verletzten Seele, den schrecklichen Bildern vom heftigen Zusammenstoß mit dem anderen Auto, dessen Fahrer übrigens mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus gebracht wird? Was ist mit den furchtbaren Geräuschen und der unheimlichen ersten Stille nach dem Crash? All das hat sich jetzt erst einmal im Kopf der Bürokauffrau eingenistet.


Akute Hilfe für die lädierte Seele

Akute Hilfe für die lädierte Seele (Foto: Pressmaster/shutterstock.com)

Hilfe in vielen schlimmen Situationen
Für solche frisch gerissenen seelischen Wunden ist der Notarzt nicht zuständig. Hier tut sich eine Lücke auf – und das nicht nur bei Unfällen, sondern auch in anderen Situationen. Zum Beispiel bei dem plötzlichen Tod eines Kindes, einem Todesfall im häuslichen oder öffentlichen Bereich oder bei Suizid. Im Landkreis Wesermarsch schließt das riseninterventionsteam Wesermarsch e.V. (kit) mit Sitz in Brake diese offensichtliche Versorgungslücke. Es soll die Arbeit der Rettungsdienste ergänzen. Offiziell nennt sich das etwas schwerfällig „Psycho-soziale Notfallversorgung“ (PSNV). Eine Besonderheit der kit-Arbeit: Geholfen wird ehrenamtlich und kostenlos. Thomas Wulf, Vorsitzender des Kriseninterventionsteams Wesermarsch und zugleich der Einsatzleiter, nennt noch weitere Aufgaben des kit: „In Zusammenarbeit mit der Polizei überbringen wir Todesnachrichten.“ Angehörige vermisster Personen werden ebenso betreut wie Fahrpersonal von Bussen und Bahnen, das in Unfälle verwickelt war.

Bei Wind und Wetter, Tag und Nacht
Die kit-Hilfe ist als einmalig angelegt – so wie im Fall von Petra Sinnecke. Thomas Wulf und seine kit-Kollegin Melanie nehmen sie in den Arm, streichen ihr über den Kopf, beginnen sanft mit ihr zu sprechen. „Solche körperliche Nähe kann allerdings nicht jeder ertragen und möchte nicht jeder“, erläutert Thomas Wulf. Wo sind die Angehörigen von Petra Sinnecke? Wer kümmert sich um die 34-Jährige, nachdem das kit-Team sie nach Hause gebracht hat? Ist gewährleistet, dass Petra Sinnecke emotional aufgefangen wird? Diese Fragen werden während der sogenannten Akut-Intervention beantwortet. Im Durchschnitt soll diese nicht länger als zwei Stunden dauern. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des kit werden durch Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst angefordert. Bei Wind und Wetter und zu jeder Tages- und Nachtzeit müssen die kit-Teams einsatzbereit sein. Deshalb haben sie sich auf erhebliche Eingriffe in ihr Privatleben einzustellen. Schließlich müssen beispielsweise private Vorhaben oder Urlaube auch im Hinblick darauf bedacht werden, ob eine Vertretungslösung möglich ist.

„Mir geht es schon viel besser“, flüstert Petra Sinnecke knapp zwei Stunden nach ihrem ersten Kontakt mit dem kit-Team. Ihr Mann hat inzwischen seine Schicht abgebrochen und ist nun bei ihr. Auch die Tochter und der Familienhund sollen bald von einem Ausflug zurück sein.

Falsches Wort mit fatalen Folgen
Gleich am nächsten Tag will Petra Sinnecke zusammen mit ihrem Mann entscheiden, ob sie zusätzliche Unterstützung benötigt; die könnte ihr das kit vermitteln. Auf der Rückfahrt nach Brake sagt Thomas Wulf: „Kein Fall ist leichter als der andere. Aber jeder Fall ist anders.“ Die Anforderungen an die ehrenamtliche Mannschaft des Kriseninterventionsteams Wesermarsch sind hoch, sehr hoch. Zurzeit besteht sie aus neun Frauen und drei Männern. „Jeder von uns muss Trauer aushalten können – aber auch Tote“, erläutert Wulf. Jedes Wort, das während der Akut-Intervention gesagt wird, kann ungeahnte Folgen haben. Das Ganze sei „emotional sehr fordernd“.

Stetig steigende Fallzahlen
Wulf war es, der vor zehn Jahren den Grundstein für die Tätigkeit des Kriseninterventionsteams Wesermarsch gelegt hatte. Ende der siebziger Jahre hatte der gelernte Speditionskaufmann und spätere Bankangestellte die Arbeit des Rettungsdienstes kennen gelernt. Damals absolvierte der Initiator den zehnjährigen „Katastrophenschutz-Ersatzdienst“ als Alternative zu Bundeswehr und Zivildienst. Und während dieser Zeit als Ersatzdienstleistender machte er eine Erfahrung, die ihn nie mehr losließ und die der letztlich das kit seine Gründung verdankt. „Ich kam dazu, als ein kleines Kind gestorben war“, erinnert er sich. „Die Angehörigen wurden in ihrer Not von den Rettungsdienst-Mitarbeitern zurück gelassen – ohne erste Hilfestellungen für die Seele zu erhalten.“

Am 30. Juli 2007 wurde das Kriseninterventionsteam Wesermarsch als gemeinnütziger Verein gegründet. Die Fallzahlen steigen von Jahr zu Jahr. In den ersten Jahren wurden zwischen 17 und 20 Einsätze bewältigt. 2013 waren es bereits 35 und ein Jahr darauf 58. Die Tendenz weist 2015 und 2016 ebenfalls nach oben – mit 55 beziehungsweise 65 Einsätzen. Im Durchschnitt wird alle fünf bis sechs Tage ein Einsatz gefahren. „Seit der Vereinsgründung wurden mehr als 1.300 Menschen betreut“, berichtet der 56-Jährige. Dabei kooperiert das kit häufig mit der Notfallseelsorge (NFS). „Deren Angebot wird allerdings seitens der Kirchen immer stärker eingeschränkt“, bedauert Wulf.

Trauertreff ergänzt das Angebot
Im Laufe der zehn Jahre wurde ein Netz aus Hilfsorganisationen, Religionsvertretern und anderen Menschen geknüpft, die im Notfall alarmiert werden können. Thomas Wulf: „Bewährt hat sich auch der enge Kontakt zu Therapeuten, die innerhalb von 72 Stunden zur Verfügung stehen – viel schneller als normalerweise üblich.“ Auf diese Weise wird die mittel- oder längerfristige Begleitung von Trauernden oder psychisch schwer traumatisierten Menschen sichergestellt; diese ist nämlich keine kit-Aufgabe. Jedoch sorgt das kit für die kurzfristige Begleitung von Trauernden. Deshalb ist unter dem Dach des Kriseninterventionsteams Wesermarsch der Trauertreff Sonnenblume zu Hause: Er wurde 2011 gegründet. Sein Team möchte Hinterbliebenen beim Weg aus der sozialen Isolation eine Stütze sein. Wulf beobachtet: „Tod und Trauer werden noch immer häufig verdrängt, so gut es geht.“ Eine Entwicklung, die sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten insgesamt zugespitzt habe.

Regelmäßige Einnahmen sind Fehlanzeige
Mit dem Trauertreff will sich das kit gegen diese Entwicklung stellen. Wichtiger Baustein seines Konzeptes: Die Trauernden sollen nicht zu dauerhaften Klienten werden, sondern unter fachkundiger Begleitung Anstöße für ein Leben ohne den geliebten Menschen bekommen.

Damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alle Herausforderungen meistern können, ist eine intensive Ausbildung zum Kriseninterventionsberater inklusive laufender Supervision ein Muss. Die Ausbildung dauert zweieinhalb bis drei Jahre, findet in Blöcken statt – und sie verschlingt erhebliche finanzielle Mittel. Das gilt ebenso für die Miete der Vereinsgeschäftsstelle inklusive Trauertreff an der Langen Straße in Brake, die Einsatzmaterialien und den Unterhalt des Kleinbusses, mit dem zu den Einsätzen gefahren wird. Doch beim Kriseninterventionsteam sind regelmäßige Einnahmen Fehlanzeige. Obwohl das kit im gesamten Landkreis Wesermarsch gerufen wird, zahlen lediglich der Landkreis und die Stadt Brake regelmäßig Zuschüsse. Bei den anderen Städten und Gemeinden wird nur sporadisch der Etat angezapft. Zur Kostendeckung reicht das Geld von der Öffentlichen Hand bei weitem nicht aus. Deshalb sucht der eingetragene Verein Fördermitglieder sowie Sponsoren.

kit muss Glücksrad laufen lassen
Ferner bemühen sich Wulf und seine Kollegen um kleinere und größere Spenden. Oft ist das kit bei Festivals und anderen Veranstaltungen mit einem Informationsstand und vor allem mit einem Glücksrad vertreten. Das habe jedoch einen schalen Beigeschmack: „Nur das kit Wesermarsch muss das Glücksrad laufen lassen, weil das für die Finanzierung unserer Aufgaben ein Muss ist.“ Mehr finanzielle Sicherheit – das wäre ein Herzenswunsch der kit-Aktivisten. Ein anderer betrifft die Kommunikation. Diese ist laut Thomas Wulf „neandertalermäßig“ und muss dringend digitalisiert werden. Und über allem kreist die Hoffnung, dass die Krisenintervention eines Tages eine gesetzliche Pflichtaufgabe sein wird. Dann könnten Thomas Wulf und seine Mitstreiter wieder öfter einmal ausschlafen.
www.kit-wesermarsch.de


Kein kit in Bremerhaven – aber die Notfallseelsorge
Über ein Kriseninterventionsteam, das mit dem in der Wesermarsch vergleichbar wäre, verfügt Bremerhaven nicht. Aber hier besteht seit rund 15 Jahren eine Notfallseelsorge. Die meisten Einsätze sind beim Überbringen einer Todesnachricht oder beim Begleiten der Angehörigen nach einem plötzlichen Todesfall in der Familie notwendig. Der Dienst kann unabhängig von jeder Weltanschauung genutzt werden. Grundlage der Notfallseelsorge ist allerdings das christliche Welt- und Menschenbild.
www.kirchenkreis-bremerhaven.de



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