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15.02.2011

Bankgeheimnis Geldschöpfung
Weltfinanzkrise wirft viele Fragen auf – ein Gastbeitrag von Bernd Senf | Teil 1

Jahrelang war in den politischen Diskussionen immer wieder zu hören, zu lesen und zu sehen (dass einem schon fast Hören und Sehen vergingen), die öffentlichen Kassen seien leer. An allen Ecken und Enden fehlten die Mittel, um dringende öffentliche Aufgaben zu erfüllen. Und nun auf einmal – seit Ausbruch der Weltfinanzkrise – überschlagen sich die Meldungen über staatliche Rettungsschirme für angeschlagene Banken und über Konjunkturpakete in Billionen-Höhe (Dollar bzw. Euro). Eine Billion – das sind Millionen mal Millionen!


Bankgeheimnis Geldschöpfung: Weltfinanzkrise wirft viele Fragen auf – ein Gastbeitrag von Bernd Senf

Bankgeheimnis Geldschöpfung: Weltfinanzkrise wirft viele Fragen auf – ein Gastbeitrag von Bernd Senf | Teil 1 (Foto: Felix Jork - fotolia.com)

Entsprechende Programme wurden in kürzester Zeit unter unglaublichem Zeitdruck und sonstigem Druck durch die Parlamente gepeitscht, und in den USA wurden Blankoschecks an den Finanzminister ausgestellt, ohne jede weitere Kontrollmöglichkeit des Kongresses über die konkrete Verwendung der Mittel. Dem voraus ging das Platzen riesiger Spekulationsblasen an den internationalen Finanzmärkten, beginnend mit der Immobilienkrise in den USA. Es kam zu dramatischen Kursverlusten, und vermeintliche Geldvermögen und Forderungen von Banken gegenüber Schuldnern lösten sich in Luft auf, beziehungsweise wurden zu „finanziellem Giftmüll“, der viel zu lange mit üblen Bilanzfälschungen verschleiert wurde, bis er schließlich immer mehr zum Himmel stank – und der nun in so genannten „bad banks“ mit öffentlichen Geldern entsorgt werden soll. Immer mehr Menschen beginnen sich zu fragen, wie das alles zusammenhängt. Die tieferen Ursachen der Weltfinanzkrise und die Fragwürdigkeit der Mittel zu ihrer Bekämpfung sind bisher allerdings viel zu wenig aufgezeigt und diskutiert worden.

Im Gegensatz zu den meisten Wirtschafts- und Finanzexperten, Politikern und Gewerkschaftlern, die von der Krise völlig überrascht wurden, kam sie für mich überhaupt nicht unerwartet, im Gegenteil: Seit vielen Jahren habe ich auf die im bestehenden Geldsystem verankerten problematischen Strukturen und auf notwendige Veränderungen hingewiesen – wie schon auf dem Titelbild meines 1996 erschienen Buches „Der Nebel um das Geld“ erkennbar wird. Zu den wesentlichen Problempunkten gehören:

  • die Struktur und langfristig destruktive Dynamik des Zinssystems
  • die bestehende Art der Geldschöpfung aus dem Nichts durch (zum Teil private) Zentralbanken und durch private Geschäftsbanken.


Zur Problematik des Zinssystems
Die Problematik des Zinssystems soll hier nur ganz kurz angedeutet werden. Der scheinbar selbstverständliche Zins und Zinseszins lässt die Geldvermögen exponentiell, das heißt, in sich beschleunigendem Maße, anwachsen. Bei 5% Zinseszins kommt es nach jeweils knapp 15 Jahren zu einer Verdoppelung. Nach ungefähr 15, 30, 45, 60, 75, 90, 105, 120, 135, 150 ... Jahren wächst demnach 1 Euro auf 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512, 1024 ... Euro an (die genaue Zahl nach 150 Jahren liegt sogar bei 1.507 Euro). Aus einer Milliarde würden entsprechend 1,507 Billionen. So schön das aus der Sicht der Geldanleger erscheinen mag, so problematisch ist dieses immer schneller werdende Wachstum aus der Sicht der Schuldner – und aus gesamtwirtschaftlicher Sicht. Denn das Anwachsen der Geldvermögen hat zur Grundlage (und treibt hervor) ein entsprechendes Wachstum der Schulden irgendwoanders im Gesamtsystem: bei privaten Unternehmen, privaten Haushalten und beim Staat innerhalb eines Landes oder im Ausland.

Die Schulden sind das Spiegelbild der Geldvermögen, und sie wachsen wie ein Tumor im menschlichen Körper. Der Zins wirkt demnach wie Krebs im sozialen Organismus. Exponentiell wachsende Zinslasten, die aus dem jährlichen Sozialprodukt aufgebracht werden müssen, können von den Schuldnern im Durchschnitt immer weniger erwirtschaftet werden, weil in einer Welt begrenzter Ressourcen und Absatzmärkte ein exponentielles Wachstum der Realwirtschaft auf Dauer nicht möglich ist. Es muss sich vielmehr – auch bei größten Anstrengungen – nach einigen Jahrzehnten abschwächen, und die Durchschnittsrenditen in der Realwirtschaft werden sinken.

Weil die Geldvermögen trotzdem weiter wachsen wollen, suchen sie – vermittelt durch Banken, Investmentfonds oder Hedgefonds – ihr Glück an den spekulativen Finanzmärkten und treiben dort die Kurse immer mehr in die Höhe, mal an den Aktienbörsen, mal an den Anleihemärkten, mal an den Rohstoff- oder Agrarmärkten, mal an den Devisenmärkten und Hypothekenmärkten und mal bei den Finanzderivaten, dem globalen „Wetten dass“ – wohin sie jeweils unter dem „monetären Stauungsdruck“ auf ihrer Suche nach maximaler Rendite rund um den Globus vagabundieren. Dies alles wurde seit Anfang der 80er Jahre möglich, seitdem der Neoliberalismus und die Fanatiker der Globalisierung begannen, alle traditionellen nationalen Beschränkungen spekulativen Kapitalverkehrs niederzureißen und dies als Weg zum weltweit wachsenden Wohlstand propagierten. Die spekulativ in die Höhe getriebenen Kurse entfernten sich auf diese Weise immer weiter von den realwirtschaftlichen Grundlagen und erzeugten die Spekulationsblasen. In völliger Verkennung des Gefahrenpotenzials wurden jahrelang die Kurssteigerungen an den Börsen gefeiert, und wachsende Teile der Bevölkerung ließen sich in das Börsenfieber hineinziehen, bis zum bösen Erwachen, als die Blasen mehr und mehr platzten – zunächst an der Peripherie des globalen Kapitalismus, dann zunehmend auch in den Metropolen.

Wo kamen die Unsummen von Geldern her, mit denen die Spekulationsblasen aufgepumpt wurden, wer hat sie wie geschöpft und in Umlauf gebracht? Und wo sind die Quellen für die ganzen Rettungsschirme und Konjunkturpakete in Billionenhöhe? Schon vor Jahren (2004) habe ich in meinem Buch „Der Tanz um den Gewinn“ über „Börsenfieber und kollektiver Wahn“ geschrieben – und über die im bestehenden Geldsystem angelegte Tendenz zum Super-Gau des Weltfinanzsystems. Der Art und Weise der Geldschöpfung kommt in diesem Zusammenhang eine wesentliche Bedeutung als Krisenursache beziehungsweise als verstärkender Faktor zu. Um so erstaunlicher ist es, dass die Geldschöpfung durch Jahrhunderte hindurch und bis heute eines der best gehüteten Bankgeheimnisse war und ist – und eines der folgenschwersten. Im Folgenden soll grob skizziert werden, wie und woraus sich die Geldschöpfung entwickelt hat und auf welche Weisen sie immer wieder verschleiert wurde.

Vom Goldgeld zum Papiergeld
Als das Geld noch aus vollwertigen Goldmünzen bestand, schien es seinen Wert aus dem jeweiligen Wert des Edelmetalls plus Prägekosten zu beziehen. Dabei schienen der Arbeitsaufwand oder die Förderkosten einerseits und die Knappheit andererseits eine wesentliche Rolle zu spielen. Es gab auch eine Theorie des Goldautomatismus, die zu dem Ergebnis kam, dass die als Geld in Umlauf befindliche Goldmenge sich automatisch immer wieder der Entwicklung des Sozialprodukts anpasst und dadurch sowohl eine größere Inflation als auch eine größere Deflation vermieden würden. Allerdings beruhte diese Theorie auf Annahmen, die mit der Realität immer weniger übereinstimmten (zum Beispiel die unterstellte Flexibilität der Preise und Löhne nach oben und unten sowie die unbegrenzte Reproduzierbarkeit von Gold). Gleichwohl wurde an diesem Goldmythos lange, viel zu lange, festgehalten. Es bedurfte erst starker weltwirtschaftlicher Erschütterungen nach 1929, um sich von diesem Mythos zu verabschieden. Das zu lange Festhalten an der internationalen Goldkernwährung und ihren Spielregeln war nicht zuletzt ein Verstärker in der Übertragung der amerikanischen Wirtschaftskrise auf Europa, das in Folge der Goldabflüsse seine nationalen Geldmengen jeweils um das Dreifache der Goldabflüsse reduzieren musste – und dadurch den Geldfluss völlig abwürgte und die Wirtschaft in die Deflation trieb (Umso erstaunlicher ist es, dass der Goldmythos in letzter Zeit eine gewisse Renaissance erlebt).

Was in der Theorie unter anderem übersehen wurde, war die Tatsache, dass die Goldmenge aufgrund der besonderen Knappheit des Goldes mit dem Wachstum des Sozialprodukts im sich stürmisch entfaltenden Industriekapitalismus des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gar nicht mithalten konnte und insofern der „Goldmantel“ für das heranwachsende Sozialprodukt zunehmend zu eng wurde – wie der Mantel aus der Kindheit für einen heranwachsenden Menschen zu eng wird. Wenn der Stoff des Kindermantels schließlich nur noch ausreicht, um 1/3 des Körpers des Erwachsenen zu bedecken, müsste ein Ersatzstoff her, der die Blößen hinreichend abdeckt. Ähnlich beim Goldmantel, der zunehmend durch einen Papiergeldmantel ergänzt und schließlich ganz durch ihn ersetzt wurde, um das wachsende Sozialprodukt abzudecken und so eine ausreichend mitwachsende Nachfrage nach Sozialprodukt zu ermöglichen.

Die Ursprünge der Geldschöpfung
Der Übergang von der Goldmünzwährung zur Papiergeldwährung – mit anfangs voller, später nur noch teilweiser Golddeckung bis hin zur vollständigen Loslösung vom Gold – ist es wert, näher betrachtet zu werden. Denn hier liegen die historischen Anfänge der Geldschöpfung aus dem Nichts – und des Bankgeheimnisses um eben diese Geldschöpfung. Begonnen hat das alles vor einigen hundert Jahren damit, dass die Händler ihre Goldmünzen zur Sicherheit bei den Goldschmieden deponierten, die schon von Berufs wegen Erfahrungen in der sicheren Aufbewahrung ihres wertvollen Arbeitsmaterials Gold hatten und über entsprechende Tresore verfügten. Die Händler bekamen für die Deponierung ihres Goldes eine möglichst fälschungssichere Quittung aus Papier – verbunden mit dem Recht auf jederzeitige Einlösung dieser Quittung in Gold (Goldeinlösegarantie).

Aus diesen Anfängen entwickelten sich später Banken, und die Quittungen wurden zu Banknoten, die nicht personengebunden waren, sondern an Dritte, Vierte und so fort weiter gereicht werden konnten, also übertragbar waren. Wenn Händler A seinen Lieferanten B im Wert von 100 bezahlen wollte, konnte er die 100er-Banknote in Gold einlösen, dem B das Gold übergeben, und B brachte es zur Sicherheit wieder zur (gleichen) Bank und bekam seinerseits eine entsprechende 100er-Banknote. Einfacher war es jedoch, wenn A dem B gleich seine 100er-Banknote weiterreichte und B darauf vertraute, dass sich diese Banknote jederzeit in Gold einlösen ließ. Das Gold blieb dabei also bei der Bank, und die Banknote wanderte von Hand zu Hand und erfüllte die Funktion eines Zahlungsmittels.

Je mehr sich das Vertrauen in die Goldeinlösegarantie der Bank festigte, um so weniger wurde von der Goldeinlösegarantie Gebrauch gemacht und um so mehr Zahlungsvorgänge wurden über die Weitergabe der Banknoten abgewickelt. Für den Fall, dass im Normalbetrieb maximal 1/3 der Banknoten noch in Gold eingelöst wurden, hatte die Bank noch 2/3 des Goldes übrig, eine Überschussreserve in Gold, das ihr eigentlich gar nicht gehörte, sondern das sie nur zur Sicherung eingelagert hatte. Dennoch wurde die Versuchung groß, diese 2/3 Gold anderweitig zu verwenden und daraus ein Geschäft zu machen. Eine Möglichkeit wäre gewesen, sie an andere als Kredit auszuleihen, verbunden mit der Forderung nach Zinsen, Tilgung und dinglicher Sicherung des Kredits. Das wäre übrigens gerade so, als würde ein an der Garderobe der Philharmonie abgegebener Mantel während des Konzerts an Dritte gegen Leihgebühr ausgeliehen werden, die von der Garderobe eingesteckt wird. Korrekt scheint das nicht zu sein. Und vor allem: Was ist, wenn der Konzertbesucher unerwartet schon in der Pause seinen Mantel abholen will – und der Mantel gar nicht da ist? In diesem Moment würde der Schwindel auffliegen.

Die Banken wurden aber noch einfallsreicher: Anstatt die Gold-Überschussreserve weiter auszuleihen, wurde diese als Grundlage für die Schöpfung weiterer Banknoten aus dem Nichts verwendet. Auf den 2/3 Goldreserven konnten zwei weitere 100er-Banknoten gedruckt und in Umlauf gebracht werden – unter der Annahme, dass auch von ihnen nur maximal jeweils 1/3 in Gold eingefordert würde. Aus Gold im Wert von 100 wurden auf diese Weise insgesamt 3 x 100er-Banknoten, von denen die zwei neugeschöpften Banknoten als Kredit (mit Zinsen, Tilgung und Sicherung) in Umlauf gebracht wurden. Das aus dem Nichts geschöpfte Geld (in Höhe von 200), das genauso aussah wie die erste (anfangs noch voll durch Gold gedeckte) 100er-Banknote, verwandelte sich in eine Forderung der Bank gegenüber den Kreditnehmern, die erbarmungslos eingetrieben wurde, und sei es auch – bei Zahlungsunfähigkeit des Schuldners – durch Zwangsvollstreckung von dessen beliehenem Eigentum.

Die Verschleierung der Papiergeld­schöpfung aus dem Nichts
Während die erste Banknote noch eine Forderung des Inhabers gegenüber der Bank auf Goldeinlösung beinhaltete, haben sich die zwei aus dem Nichts geschöpften 100er-Banknoten zusätzlich in Forderungen der Bank gegenüber den Schuldnern verwandelt. Die Bank hat dadurch sozusagen den Spieß umgedreht. Obwohl also die zweite und dritte 100er-Banknote einen völlig anderen Ursprung und Charakter hatten als die erste, sahen alle drei Banknoten gleich aus. Hierin lag bereits eine Täuschung. Die aus dem Nichts geschöpften Banknoten erzeugten nur den falschen Schein eines durch Gold gedeckten Geldes. Heißt der Geldschein seitdem vielleicht deswegen „Geld-Schein“?

Aus der Sicht der Banken war diese Konstruktion geradezu genial. Ebenso genial war es, diese Form der Geldschöpfung aus dem Nichts – und des In-Umlauf-Bringens als Kredit gegen Zinsen, Tilgung und Sicherung – geheimzuhalten und darauf hinzuwirken, dass sie nicht durch irgendwelche Gesetze des Staates unterbunden wurde. Einen Teil der Verschleierung besorgte die begriffliche Verklausulierung des Sachverhalts und die Entwicklung einer Fachsprache, die vom normalen Bürger und auch von den meisten Politikern nicht verstanden wurde. Schließlich wurden derartige Bankgeschäfte so selbstverständlich, dass kaum noch jemand danach fragte, wie sie funktionieren und ob sie überhaupt vertretbar sind. An diesem Tatbestand hat sich im Prinzip bis heute wenig geändert.

Geldschöpfung und Wirtschaftswachstum – Hans Christoph Binswanger Volkswirtschaftlich bedeutsam ist die Tatsache, dass sich mit dem Übergang von der vollen Golddeckung zur nur noch teilweisen Golddeckung des Papiergeldes der Geldmantel vergrößerte, und zwar weit mehr, als es im Rahmen der vollen Golddeckung möglich gewesen wäre. Das gab von der monetären Seite her Raum für eine stärkere Entfaltung der industriellen Produktion und für das Wecken von bis dahin noch schlummerndem Produktionspotenzial. Die Geldschöpfung hat insofern nicht nur ein stärkeres Wachstum der Wirtschaft ermöglicht, sondern dieses sogar aktiv mit hervorgetrieben. Denn zur Finanzierung von Neu-Investitionen waren die Unternehmen und auch der Staat nicht mehr auf entsprechende Spargelder angewiesen, die von den Banken gesammelt und als Kredite weitergeleitet wurden. Volkswirtschaftliches Sparen war nicht mehr allein die Voraussetzung für Investitionen und Wirtschaftswachstum, sondern das aus dem Nichts geschöpfte und als Kredit in Umlauf gebrachte („emittierte“) Geld schaffte in den Händen der Kreditnehmer zusätzliche Nachfrage und mobilisierte auf diese Weise ein Produktionspotenzial, das ohne die Geldschöpfung brach gelegen hätte. Erst wenn die Geldschöpfung das Maß des Produktionspotenzials übersteigt, entsteht die Gefahr einer Inflation.

Insofern könnte man dem Bankensystem das Verdienst zusprechen, dass es mit der Geldschöpfung zur Entfesselung der Produktivkräfte wesentlich beigetragen und sie in diesem Ausmaß erst ermöglicht hat. So wurde es auch oft würdigend dargestellt: Das Bankensystem habe die zum Wachstum erforderliche „Liquidität“ bereitgestellt. Aber wie und mit welchen Konsequenzen, was den Einfluss und die Macht der Banken anlangt, wurde kaum jemals hinterfragt. Und schon gar nicht, ob es dazu vielleicht Alternativen geben könnte, die weniger problembehaftet sind. Hans Christoph Binswanger ist einer der wenigen Ökonomen, die den Zusammenhang zwischen Geldschöpfung und Wirtschaftswachstum kritisch aufgezeigt haben.

Bei aller Würdigung der Rolle der Banken bleibt etwas höchst Fragwürdiges an dieser Form der Geldschöpfung – und an dem Geheimnis, das um sie aufgebaut und Jahrhunderte lang gehütet wurde. Nichts rechtfertigt die Tatsache, dass mit aus dem Nichts geschöpftem Geld Forderungen gegenüber Schuldnern – verbunden mit Zins, Tilgung und Sicherung – begründet und erbarmungslos eingetrieben werden. Entgegen allem vordergründigen Anschein, dass auf diese Weise eine Wert-Schöpfung durch das Bankensystem stattgefunden habe, handelt es sich vielmehr um die Schaffung von Rechtstiteln (also rechtlich einklagbaren Ansprüchen) zur Wert-Abschöpfung, das heißt von Werten, die in anderen Teilen der Volkswirtschaft oder Weltwirtschaft – zum Beispiel in Form von realen Gütern und Dienstleistungen – geschaffen wurden. Über die Geldschöpfung ist das Bankensystem in eine Rolle hineingewachsen, die weit über die bloße Durchleitung von Spargeldern zu Kreditzwecken hinaus geht. Und kaum jemand hat es bemerkt, nicht einmal die meisten Ökonomen der letzten 250 Jahre.

Geldschöpfung – ein blinder Fleck in vielen Wirtschaftstheorien
In der klassischen Wirtschaftstheorie von Adam Smith – und selbst noch in der Mehrwerttheorie von Karl Marx – wird die Rolle des Geldes so behandelt, als sei es eine Goldmünzwährung oder allenfalls ein Papiergeld mit voller Golddeckung. Investitionen schienen demnach nur möglich auf der Grundlage vorangegangenen volkswirtschaftlichen Sparens und des Anhäufens von Geldvermögen (bei Marx „Kapitalakkumulation“). Und dies, obwohl schon zu Smiths Zeiten längst die Papiergeldschöpfung aus dem Nichts in großem Maßstab existierte. In England gab es sogar schon seit 1694 die Bank von England, eine Zentralbank mit Papiergeldschöpfung, die eine höchst fragwürdige Rolle in der Geschichte des Geldes und des britischen Kolonialismus gespielt hat. Auch ihre Rolle wurde von kaum einem der großen Ökonomen kritisch hinterfragt, und wenn doch (wie bei David Ricardo Anfang des 19. Jahrhunderts), dann wurde alsbald darüber geschwiegen. Um die Bank von England, ihre Art der Geldschöpfung und ihre Anteilseigner wurde ein Bankgeheimnis aufgebaut – wie übrigens um viele der später gegründeten Zentralbanken oder „Nationalbanken“.

Gründung und Tarnung der Bank von England als einer privaten Zentralbank
Entgegen dem äußeren Schein war die Bank von England als eine Privatbank von William Patterson gegründet worden und bekam vom englischen König Wilhelm III. von Oranien das Privileg zum Drucken und zur Ausgabe des allgemeinen gesetzlichen Zahlungsmittels erteilt. Auf der Grundlage von Goldreserven, die über die Emission von Aktien der Bank von England zugeflossen waren, wurde ein Vielfaches an Papiergeld geschöpft und als verzinste Kredite in Umlauf gebracht. Auf diese Weise flossen auch dem Staatshaushalt des Königs neue Gelder zu, der sich in dramatischer Geldnot befunden und deshalb dem Plan von Patterson zugestimmt hatte. Das Absurde daran ist, dass der König – und später allgemein der Staat – sich gegenüber einer privaten Zentralbank mit zinsbelastetem Geld verschulden musste und in Abhängigkeit von der Bank von England geriet, der er vorher das Privileg der Geldschöpfung übertragen hatte.

Eine zusätzliche Absurdität bestand darin, dass unter diesen Bedingungen zusätzliches Geld nur auf dem Weg über Kredit und Schuld – unter anderem durch wachsende Staatsverschuldung – in den Wirtschaftskreislauf gelangte. Eine Rückzahlung der Staatsschuld ist in einem solchen Kreditgeldsystem prinzipiell gar nicht möglich, weil dadurch die Geldmenge in gleichem Maße reduziert und ein Geldmangel im Wirtschaftskreislauf ausgelöst würde, der die Wirtschaft in eine Deflation treiben würde. Eine derart einflussreiche Zentralbank (im wahren und übertragenen Sinn des Wortes) kann auch die Politik wesentlich beeinflussen, indem sie darüber entscheidet, für welche Zwecke dem Staat Kredite bereit gestellt werden und für welche nicht. Zur Bedienung der Staatsschuld muss der Staat in Form von Steuererhöhungen und/oder Ausgabenkürzungen auf seine Bürger zurückgreifen. Heißen die Staatsbürger deswegen „Staatsbürger“, weil sie letztendlich für die Staatsschuld bürgen?

Der Charakter der Bank von England als einer privaten Zentralbank wurde übrigens ebenfalls zum Bankgeheimnis. Denn auf ihren Banknoten erschienen das Porträt des Königs und seine Unterschrift, wodurch der Eindruck erweckt wurde, es handele sich um eine staatliche Zentralbank und um ein staatliches Geld. Auch der Gesetzentwurf zur Gründung der Bank von England wurde unter strengster Geheimhaltung durch das Parlament gebracht, versteckt wie eine Stecknadel im Heuhaufen in einem umfänglichen Gesetzentwurf über die Regelung der Schiffstonnage – irgendwo in einem Unterabschnitt eines Paragrafen unter „ferner liefen“ – sozusagen im Kleingedruckten. Noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts blieben die Anfragen einzelner kritischer Parlamentsabgeordneter nach den Anteilseignern der Bank von England vom Schatzkanzler unbeantwortet. Offizielle Informationen darüber existieren wohl bis heute nicht. Formal wurde die Bank von England erst 1948 verstaatlicht. Einer der größten und einflussreichsten Geldschöpfer der Geldgeschichte konnte seine Geschäfte Jahrhunderte lang im Dunkeln verrichten, und das selbst dann noch, als Großbritannien schon längst eine Demokratie geworden war.

Die Geldschöpfung in Goethes Faust II
Während diese Problematik von kaum einem Ökonomen – und auch sonst kaum – thematisiert wurde, hat sie wenigstens ein bedeutender Dichter aufgezeigt: Johann Wolfgang von Goethe in seinem Werk „Faust II“. Darin geht der Plan zur Papiergeldschöpfung durch eine Zentralbank auf Mephisto zurück, der den Doktor Faust dazu überredet, den Kaiser von diesem Plan zu überzeugen. Im Gespräch mit seinem Kanzler äußert der Kaiser zunächst noch erhebliche Zweifel, ob das alles mit rechten Dingen zugehe oder ob es nicht Betrug sei, lässt sich dann aber doch eines Besseren (oder Schlechteren) belehren. Durchblicken tut der Kaiser jedenfalls nicht. Kaum ein Theaterbesucher oder Literaturkenner ist sich der Bedeutung und Brisanz dieser Szenen bewusst. Ich selbst bin erst durch das Buch von Hans Christoph Binswanger „Geld und Magie“ darauf aufmerksam geworden. Dass die Bank von England Jahrhunderte lang eine getarnte private Zentralbank war und dass darin noch eine besondere Problematik liegt, wird allerdings weder von Goethe noch von Binswanger thematisiert.

Nobelpreisträger Frederick Soddy als Kritiker des Geldsystems
Es gab noch eine weitere prominente Person, die an dem Bankgeheimnis Geldschöpfung und an der kollektiv verdrängten Zinsproblematik gerüttelt hat: Frederick Soddy, Nobelpreisträger in Chemie in den 20er Jahren mit seinem Buch „Wealth, Virtual Wealth and Debt“ (Wohlstand, virtueller Wohlstand und Schulden). Er ging sogar so weit, dass er eine Art Verfassungsklage beim obersten Gericht in Großbritannien auf Verfassungsfeindlichkeit des bestehenden Geldsystems einreichte. Diese Klage wurde jedoch schon im Vorfeld zurückgewiesen, bevor es zur eigentlichen Verhandlung kam. Während Frederick Soddy als Nobelpreisträger eine sozial hoch geschätzte Person war, wurden seine brillanten Veröffentlichungen zum Geldsystem und zur Geldschöpfung fast völlig ignoriert, und er selbst geriet mehr und mehr in die soziale Isolierung. Sein Urteil über die Wirtschaftswissenschaft war schließlich derart, dass es sich dabei wohl gar nicht um eine Wissenschaft handele, sondern um ein dogmatisches Glaubenssystem, das sich gegen grundlegende Kritik völlig abgeschottet habe.

Warum hat eigentlich bislang keiner der Kritiker des Zinssystems und/oder der Geldschöpfung einen Nobelpreis für Ökonomie bekommen, den es immerhin schon seit einigen Jahrzehnten gibt? In diesem Zusammenhang ist vielleicht nicht ganz uninteressant zu erwähnen, dass dieser „Nobelpreis“ – im Unterschied zu den anderen Nobelpreisen – nicht etwa von der Alfred-Nobel-Stiftung gestiftet wird, sondern von der Schwedischen Nationalbank, die historisch schon einige Jahre vor der Bank von England ebenfalls als private Zentralbank gegründet worden war. Die von ihr emittierten Banknoten erweckten sogar noch durch ihren Namen (schwedische „Krone“) den falschen Eindruck, es handele sich um eine königliche oder staatliche Zentralbank und um staatliches Geld. Dass von einem solchen Sponsor nicht unbedingt Ökonomen geehrt werden, die das Bankgeheimnis Geldschöpfung oder die Problematik des Zinssystems aufdecken, liegt schon fast auf der Hand. Die ersten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in England sollen übrigens auch von privaten Banken finanziert worden sein. Natürlich hatte das auf die Inhalte dessen, was gelehrt und was nicht gelehrt wurde, keinerlei Einfluss.

Gründung und Tarnung der Fed durch ein privates Bankenkartell
Dass die im 20. Jahrhundert und bis heute einflussreichste Zentralbank der Welt, die US-amerikanische Notenbank Federal Reserve System (Fed) 1913 von einem privaten Bankenkartell gegründet wurde, ist auch den Wenigsten bekannt. Schon ihr Name erweckt den falschen Eindruck, es handele sich um eine bundesstaatliche Institution (federal heißt übersetzt: föderal oder bundesstaatlich). Es existiert inzwischen eine größere Zahl von gut recherchierten Veröffentlichungen über die Entstehungsgeschichte der Fed und über ihre Rolle bis in die Gegenwart (zum Beispiel Stephen Zarlenga, G. Edward Griffin, Ellen Hodgson Brown), die allerdings bislang von der Wirtschaftswissenschaft, der Politik und den Medien nicht zur Kenntnis genommen wur­den.

Wer sich mit diesen Zusammenhängen beschäftigt und sich öffentlich dazu äußert, muss immer noch damit rechnen, als „Verschwörungstheoretiker“ diffamiert zu werden – was durch die abschreckenden Assoziationen mit dazu beitragen kann, das betreffende Thema zu meiden. Ob es sich bei einzelnen Veröffentlichungen lediglich um aus der Luft gegriffene Theorien ohne Realitätsbezug handelt oder um die Dokumentation realer Ereignisse, kann schließlich erst nach gründlicher Prüfung der entsprechenden Literatur und ihrer Quellen beurteilt werden – und nicht vorher und ohne Prüfung. Die weit verbreitete reflexartige Abstempelung bestimmter Sichtweisen als „Verschwörungstheorie“ ist zutiefst unwissenschaftlich und vorurteilsgeprägt. Es könnte sich ja schließlich auch um reale Verschwörungen handeln, deren Aufdeckung von großer gesellschaftlicher Bedeutung sein kann.

Um auf die Entstehungsgeschichte der Fed zurückzukommen: Allein schon die Vorbereitung des Gesetzentwurfs durch führende Vertreter großer Banken auf einem geheimen Treffen auf Jekyll Island sollte stutzig machen: Gegenüber neugierigen Journalisten wurde behauptet, es handele sich um eine Entenjagd, und die Teilnehmer waren als Entenjäger verkleidet. Auch der Tag der Beschlussfassung im amerikanischen Kongress ist bemerkenswert: der 23. Dezember 1913 – zwei Tage vor Weihnachten, wo selbst die körperlich anwesenden Abgeordneten in Gedanken schon in den Weihnachtsferien waren. Darüber hinaus hat es manche Täuschungsmanöver von Seiten der Initiatoren dieses Entwurfs gegeben, um die Abgeordneten zur Zustimmung zu bewegen. Entgegen der amerikanischen Verfassung hat der Kongress mit dem Federal Reserve Act die ihm zugewiesene Kompetenz zur Geldversorgung der amerikanischen Wirtschaft aus der Hand gegeben, wovor einige frühere amerikanische Präsidenten eindringlich gewarnt hatten. Ungeachtet all dessen, wird in der Öffentlichkeit auch bei uns immer wieder der Eindruck erweckt, als sei die Fed eine staatliche Institution. Richtig ist, dass sie gewissen staatlichen Einflussmöglichkeiten unterliegt, ihre Anteilseigner sind aber im wesentlichen nach wie vor private Großbanken beziehungsweise Teile der Finanzoligarchie.

Die fragwürdige Rolle der Fed
Durch die Übertragung des Geldschöpfungsprivilegs auf die Fed geriet der amerikanische Staat in zunehmende Abhängigkeit von eben diesem System der Kreditgeldschöpfung aus dem Nichts – und musste sich seitdem in zunehmendem Maße mit einem Geld verschulden, für das er die jährlich wachsenden Zinslasten aufbringen musste. Nicht von ungefähr wurde ziemlich zur gleichen Zeit, wie die Fed gegründet wurde, auch die amerikanische Einkommensteuer eingeführt, um einen wirksamen Rückgriff des Staates auf die Steuer zahlenden Staatsbürger zur Bedienung der Staatsschulden zu ermöglichen – wobei ein ent­sprechendes Gesetz in den USA niemals verabschiedet worden sein soll und dennoch seit fast einem Jahrhundert ohne gesetzliche Grundlage Einkommensteuern eingezogen werden.

In das Regime der Fed fallen übrigens die dem Börsencrash von New York 1929 vorausgehenden Spekulationsblasen ebenso wie das Füttern der Spekulationsblasen durch immer mehr Geldschöpfung – beginnend in den 90er Jahren unter Alan Greenspan als Chef der Fed und sich fortsetzend unter seinem Nachfolger Ben Bernanke. Unter ihr Regime fällt auch die Entscheidung von 2005, die Entwicklung der Geldmenge nicht mehr zu veröffentlichen, so dass man seither in dieser Hinsicht auf indirekte Schätzungen angewiesen ist. In ihre Verantwortung fallen auch die Billionen Dollarschweren Rettungsschirme für die wegen Überspekulation in die roten Zahlen geratenen Geschäftsbanken und Versicherungen, finanziert mit aus dem Nichts geschöpften Dollar, die die Staatsverschuldung abermals dramatisch in Schwindel erregende Höhen haben ansteigen lassen. „Gedeckt“ scheinen die zusätzlich geschöpften Dollar durch den Aufkauf von immer mehr amerikanischen Staatsanleihen durch die Fed, auf die der Staat immer mehr Zinsen zahlen muss und in der Wahrnehmung seiner öffentlichen Aufgaben immer handlungsunfähiger wird – eine Absurdität sondergleichen.

Ben Bernanke wurde übrigens schon vor seiner Ernennung zum neuen Chef der Fed „Hubschrauber-Bernanke“ genannt, weil er scheinbar beruhigend darauf hingewiesen hatte, dass die Fed im Ernstfall praktisch unbegrenzt „Liquidität zur Verfügung stellen kann“, das heißt die Wirtschaft mit neu gedrucktem (oder als Computerzahlen eingetipptem) Geld überfluten kann, zur Not auch durch Abwurf von Banknoten aus Hubschraubern (dann würde das Geld wenigstens in die Hände der breiten Bevölkerung gelangen). Die Geldschöpfung der Fed ist inzwischen allerdings noch viel makabrer, indem die aus dem Nichts geschöpften Billionen dazu ver(sch)wendet werden, die riesigen Bankverluste aus verantwortungslosen Spekulationsgeschäften auszugleichen. Die breite Bevölkerung wird stattdessen mit Steuererhöhungen, Sozialausgabenkürzungen, wachsender Arbeitslosigkeit und Inflation ihre Opfer bringen müssen.


www.berndsenf.de



Bernd Senf (Jahrgang 1944) war von 1973 – 2009 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin. Er ist bekannt für seine allgemein verständliche Vermittlung komplexer Zusammenhänge. Seit Zuspitzung der Weltfinanzkrise 2008, die er vorausgesehen hat, ist das Interesse an seiner kritischen Aufarbeitung des bestehenden Geldsystems und an seinen Reformvorschlägen sprunghaft angestiegen. Im Internet finden sich viele Video-Aufzeichnungen seiner diesbezüglichen Vorträge und Interviews.

Buchveröffentlichungen:
Der Nebel um das Geld (1996)
Die blinden Flecken der Ökonomie (2001)
Der Tanz um den Gewinn (2004)

Den vollständigen Artikel finden Sie im Internet unter
www.berndsenf.de/pdf/Bankgeheimnis%20Geldschoepfung%204.pdf


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