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// Gesellschaft
15.05.2011
Von: cj

Bedrohtes Moor – Sitz der Geister und Götter

In Deutschland sind heute etwa 99 Prozent aller Moore entwässert, abgebaut oder land- und forstwirtschaftlich genutzt. In Europa sind von den ehemals vorhandenen knapp 600.000 km² weniger als 290.000 km² Moor unentwässert geblieben. Das entspricht einem Verlust der Fläche Polens allein in Europa.


Schön und schaurig bieten sich Bilder nackter kahler Baumstämme, die sich wie im Tode erstarrte Wesen im schwarzen Wasser spiegeln. Nebelschwaden lassen geisterhafte Gestalten über die Landschaft ziehen und es drängt sich die Vorstellung von Moorleichen auf, die ihre Ruhe hier gefunden haben. Sie zählen zu den schaurigen Sensationen der Moore. Über 2000 Jahre erhält das Moor den menschlichen Körper in erstaunlich gutem Zustand. Wie das möglich ist, kann die Wissenschaft leicht erklären. Chemisch gesehen haben Moore ein saures Milieu. Durch die in Mooren vorhandenen Huminsäuren werden Haut, Gewebe, Haare, Knorpel und Fingernägel regelrecht gegerbt und somit konserviert. Moorleichen bieten aufgrund ihres oft ausgezeichneten Erhaltungszustands eine einmalige Gelegenheit, Menschen aus der Eisenzeit zu untersuchen. Es kann festgestellt werden, wie sie lebten, an welchen Krankheiten sie litten, sogar der Mageninhalt kann in Einzelfällen analysiert werden und gibt Aufschluss über den möglichen Todeszeitpunkt. Das Moor galt als Sitz von Geistern und Göttern oder als Pforte zum Jenseits und war schon zur Zeit des Neolithikums (Jungsteinzeit) eine Kultstätte, in der man unterschiedliche Rituale vollzog und Opfer darbrachte. Darum liegt die Vermutung nahe, dass hier auch Menschenopfer gebracht wurden. Die meisten Moorleichen, die erkennbar als Menschenopfer sterben mussten, wurden im Spätwinter getötet. Dies ist ein wichtiges Argument für die Deutung der Moorleichen als Menschenopfer. Der ausgezeichnete Erhaltungszustand der Weichteile bis hin zu den individuellen Gesichtszügen erlaubt es, einem Menschen der damaligen Zeit „ins Gesicht zu sehen“. Diese Möglichkeit der Begegnung erklärt die Faszination, die Moorleichen auf viele Menschen ausüben.

Warum Menschen jenseits der Geopferten allerdings überhaupt im Moor starben, ist bis heute trotzdem noch nicht ganz klar. Sicher haben sich bereits früher Menschen im Moor verirrt und sind ertrunken. Manche der rund 1200 bis heute gefundenen Moorleichen fielen jedoch vermutlich einem Verbrechen zum Opfer. Ob sie aus Angst vor Entdeckung im Moor versenkt wurden oder ob sie bei Riten unserer Ahnen als Opfer dienten, ist letztendlich ungeklärt. Wahrscheinlich war das Versenken im Moor auch eine Todesstrafe.

Die düsteren Vorstellungen des Mittelalters teilen wir zwar heute nicht mehr, trotzdem ist es nach wie vor „schaurig übers Moor zu gehen“, allerdings heute eher aus ökologischen Gründen, denn unsere Moore sind stark gefährdet. Moorgebiete sind gigantische Kohlenstoffspeicher: Sie beherbergen weltweit mindestens 550 Gigatonnen Kohlenstoff, obwohl sie nur drei Prozent der Landoberfläche bedecken. Zum Vergleich: Die gesamte globale Vegetation speichert nur 600 Gigatonnen, der Mensch verbraucht etwa acht Gigatonnen Kohlenstoff pro Jahr durch Verbrennung fossiler Energieträger.

Die aktuelle Gefährdung von Mooren geht in erster Linie von Entwässerungen aus. „Die ökologische Komplexität unserer Moore verlangt eine ebenso komplexe Betrachtung ihrer Bedeutung für den Klimaschutz, den Arten- und Biotopschutz sowie die Wasserwirtschaft”, resümiert Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus.

Wer denkt beim Kauf von Blumenerde an die Folgen für die Natur? Viele Produkte mit der harmlosen Bezeichnung „Erde“ bestehen auch aus Torf, dem Stoff, aus dem die Moore sind. Und Moore sind stark bedrohter Lebensraum für seltene Arten. Die Trockenlegung der Moore zum Gewinn von Nutzflächen für etwa den Mais- oder Kartoffelanbau hat negative Folgen für die Artenvielfalt.

Die Entwässerungen erfolgen direkt durch die Anlage von Gräben, Rohrdränagen und Vorflutgräben und die Fassung von Quellen oder indirekt über Flussregulierungen, Entnahme von Trinkwasser und die damit verbundene Grundwasserabsenkung in der Landschaft. Durch die Entwässerung werden nicht nur wertvolle Lebensräume vernichtet – zusätzlich steigt das Risiko von Moorbränden.

Als nasse Landschaftselemente sind Moore für die Landwirtschaft schwierige Standorte. Darum ist nachvollziehbar, dass von jeher versucht wurde, diese Standorte zu nutzen, indem man sie zum Teil unter schweren Bedingungen entwässerte. Torf wurde anfangs lediglich als Brennmaterial verwendet. Die daraus entstandene Asche wurde außerdem in der Landwirtschaft als Dünger auf die Äcker verteilt. Üblich war es auch, getrockneten Torf als Baustoff zum Errichten von Häusern zu verwenden. In der Zeit um 1880 wurde Torf auch zur Feuerung in der Eisen- und Stahlindustrie verwendet sowie als Streu in Ställen oder als Bindemittel. Heute dient Torf vornehmlich als Blumenerde. Da Torf aber den pH-Wert senkt und so mehr für Pflanzen geeignet ist, die ein saures Milieu bevorzugen, ist die Wirkung für Pflanzen im Garten eher umstritten.

Wurde der Torf früher per Hand gestochen, ist die Torfgewinnung heute industrialisiert und wird bis in große Tiefen maschinell betrieben. Welche Umweltschäden dadurch entstehen, war viele Jahre nicht bekannt.

Wissenschaftler prüfen, ob man den Prozess nicht wieder umdrehen kann: Sie wollen Moore regenerieren, indem sie frühere Standorte wieder unter Wasser setzen. Die Moore könnten wieder Torf bilden. Da Moore nasse Lebensräume sind, bedeutet der ständige Wasserüberschuss aus Niederschlägen oder Mineralbodenwasser einen Sauerstoffmangel und führt zu einem unvollständigen Abbau der pflanzlichen Reste, die als Torf abgelagert werden. Durch die Anhäufung von Torf wächst die Oberfläche von lebenden Mooren in die Höhe. Im Gegensatz zu Sümpfen herrscht in Mooren eine permanente Wassersättigung. Gelegentliches Austrocknen führt in Sümpfen zu einem vollständigen Abbau der organischen Substanz, nämlich zu Humus. In Mooren hingegen ist durch die permanente Wassersättigung dieser Abbau gehemmt, so dass Torf entstehen kann.

In Anbetracht dessen, welche Bedeutung die weltweiten Moore für den Naturschutz und die Artenvielfalt besitzen, ist es eine Tragödie mit anzusehen, wie ein Moor nach dem anderen zerstört wird.

Ein Naturschutzgebiet der besonderen Art und überhaupt einzigartig, ist das schwimmende Moor am Jadebusen in der Gemeinde Jade. Es ist das einzige Außendeichsmoor der Welt und wird heute zu den Überflutungsmooren gerechnet. Entsprechend der Tidezeiten hebt und senkt es sich.

Nach wie vor sind Moore touristische Attraktion: mit Torfkähnen kann man durch die alten Kanäle schippern, mit Torfbahnen auf sicherem Weg durch das Moor fahren, im Sommer die Vielfalt der Moorflora bewundern. Es wachsen weißes Wollgras, rotglühender Gagelstrauch, rundblättriger Sonnentau, zarte Glockenheide und viele andere Pflanzen mehr. Faszinierende Einblicke in die Landschafts- und Sozialgeschichte sowie die ökologische Bedeutung der einst weiträumigen Feuchtgebiete bieten fachkundig geführte Moorwanderungen in vielen Moorgebieten im Nordwesten.

Den Fotoapparat sollte man dabei nicht vergessen: vielleicht taucht ja hinter einem knorrigen Baum, unter dem Wollgras oder aus dem schwarzen Moorwasser eine geisterhafte Gestalt auf, die es festzuhalten gilt, denn:

„schaurig ist es, über’s Moor zu gehen“!


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