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15.02.2011
Von: cj

Bohrinsel Mittelplate - Ist eine sichere Ölförderung im Naturschutzgebiet Wattenmeer möglich?

Wie sicher ist die Ölförderung auf der Bohrinsel Mittelplate einerseits in ökologischer Hinsicht nur sieben Kilometer von unseren Küsten entfernt? Und andererseits: wie groß ist das Risiko durch Unwetter-Katastrophen und Strömungsbedingte Erosionsprozesse?


Bohrinsel Mittelplate

Bohrinsel Mittelplate (Foto: PR / LAUFPASS)

Abtransport des Öls erfolgt per Pipeline

Der Abtransport des Öls erfolgt per Pipeline. Das heißt, dass keine Tanker zum Einsatz kommen, die statistisch gesehen häufiger Unfälle verursachen und auch sinken können. (Foto: PR / LAUFPASS)

Mehr als 500 Bohrinseln gibt es in der Nordsee. Eine davon nicht schwimmend, sondern fest verankert auf einer Sandbank im südlichen Teil des schleswig-holsteinischen Wattenmeeres ist die Bohrinsel Mittelplate. Sie befindet sich entsprechend des Nationalparkgesetzes in der Schutzzone 2, die bestimmte Nutzungen des Wattenmeeres zulässt. Zone 2 bildet eine so genannte „Pufferzone“ um die Zone 1 herum, in der eine nachhaltige Nutzung ermöglicht wird.

„Die Erdölförderung Mittelplate gilt international als vorbildlich für umweltgerechte Rohstoffgewinnung“, verkündet der Betreiber RWE Dea, „deshalb ist ihr Betrieb auch weiterhin zulässig.“ Der Ende des Jahres vorgelegte Umweltbericht belegt tatsächlich, dass Bohr- und Förderbetrieb keine nennenswerten Auswirkungen auf die Umwelt haben. Nicht zuletzt aus diesem Grund seien RWE Dea auch die Explotationsrechte in Lybien, Ägypten, Marokko und Mauretanien eingeräumt worden.

Aus ökologischer Sicht nicht einverstanden mit Bohrinseln im Naturschutzgebiet Wattenmeer sind Umweltverbände wie Greenpeace und der WWF, denn in dem rund 10.000 Quadratkilometer großen Wattenmeer rasten etwa zwölf Millionen Vögel. Nur der tropische Regenwald übertrifft das Sand- und Schlickgebiet an Pflanzen- und Artenvielfalt. Die Mittelplate wird jedoch von dem Greenpeace-Biologen Christian Bussau, der ständig für Greenpeace unterwegs ist, als Beispiel für eine verantwortliche Ölförderung genannt. Und auch bei näherem Hinschauen und im Überflug ist weit und breit kein Ölfilm oder Abfall zu erkennen.

Elf Meter hohe Spundwände sorgen für ausreichend Schutz der Bohr- und Fördereinrichtung gegen Naturgewalten und bilden gleichzeitig eine Abschottung der Plattform nach außen. Die 70 x 95 Meter große Insel wurde wie eine kompakte, flüssigkeitsdichte Stahl- und Betonwanne auf dem Sandwatt der Mittelplate errichtet. Von außen kann, abgesehen von Regen und Spritzwasser, nichts eindringen, von innen nichts unkontrolliert nach außen gelangen. Auch ein Versickern ist durch diese Wanne nicht möglich. Im Außenbereich dient eine Sohlenbefestigung dem Schutz der Insel. Nichts kann die Insel unkontrolliert verlassen. Selbst Regen und Spritzwasser werden gesammelt, aufbereitet und an Land entsorgt. Dieses lückenlose Entsorgungssystem stellt sicher, dass Nordsee und Wattenmeer nicht belastet werden. Auf der Insel selbst wird strikt auf Sauberkeit geachtet, nirgendwo findet sich glitschiges Öl oder Unrat. Das erforderliche Süßwasser wird durch eine Osmoseanlage gewonnen

Anders sähe es in den entlegenen Gebieten vor Norwegen und den Shetlandinseln aus, wo sich vor den technisch in die Jahre gekommenen Anlagen Ölteppiche ausbreiten, sagt Greenpeace-Aktivist Christian Bussau. RWE-Dea ist allerdings der Ansicht, durch 23 Jahre störungsfreien Betrieb bewiesen zu haben, dass Umweltschutz und sichere Ölförderung miteinander vereinbar sind. Trotzdem sind die Positionen der Umweltorganisationen und der Erdölförderungsunternehmen gegensätzlich und daran wird sich auch nicht viel ändern, meint RWE-Dea. Das wird nachvollziehbar, wenn man sich folgendes vergegenwärtigt:

Neben der Verringerung der Importabhängigkeit von Öl aus dem Ausland und der großen volkswirtschaftlichen Bedeutung der heimischen Ölproduktion geht es auch um viel Geld: Allein 2010 wir das Land Schleswig-Holstein eine Förderabgabe von über 80 Millionen Euro erhalten. Die Rohstoffgewinnung erfolgt im Offshore- und Onshore-Verbund. Mit fortschrittlicher Bohrtechnik ist seit 2001 eine Ölgewinnung aus östlichen Teilen der Lagerstätte Mittelplate in etwa 2000 Meter Tiefe auch von Land aus möglich. Über Prozessleitsysteme steuern erfahrene Fachkräfte die Förderung von der Landstation Dieksand aus. In flach liegenden Separatoren wird aus den Bohrungen über Pipeline und Feldleitungen zugeführtes Erdöl in Reinöl, Erdölgas und Kondensat getrennt. Die integrierte Offshore- und Onshore-Entwicklung, also sowohl von der See- als auch von der Landseite aus, bewährt sich und ermöglicht eine schnellere Ausförderung des Ölvorkommens. Rund 65 Prozent der deutschen Ölreserven liegen hier noch im Untergrund. RWE Dea rechnet damit, dass nach den bereits geförderten 25 Millionen Tonnen noch einmal die gleiche Menge wirtschaftlich förderbar ist.

Wenn es also in rein ökologischer Hinsicht keine Bedenken gibt, wie sieht es mit der Sicherheit aus? Müssen wir mit einer Ölkatastrophe rechnen? Aufgeschreckt durch die Ereignisse im Golf von Mexiko stellt man sich natürlich die Frage, ob es auch auf der Mittelplatte zu einer solchen Katastrophe kommen kann. Diese Gefahr sei ausgeschlossen, erfahren wir bei unserem Besuch vor Ort. Mittelplate sei mit der Plattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko nicht zu vergleichen: Mittelplate ist eine fest verankerte und keine schwimmende Anlage – sie kann nicht sinken. Außerdem ist die Insel als flüssigkeitsdichte Betonwanne konstruiert, die hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt ist. Bohr- und Förderbetriebe sind durch komplexe Überwachungs- und Steuerungssysteme mehrfach abgesichert. Untertage – und Übertagesicherheitsventile lösen bei Unregelmäßigkeiten automatisch aus, können aber auch manuell und zusätzlich per Fernsteuerung ausgelöst werden.

Eigentlich bräuchte man nur vier qualifizierte Mitarbeiter, die die computergesteuerten Anlagen betreiben. Aber nur auf die Technik allein will man sich nicht verlassen und so arbeiten heute an die 100 Personen im Technik- und Servicebereich auf der Bohrinsel. Fallen aus irgendeinem bislang noch nicht eingetretenen Fall die computergesteuerten Anlagen aus, können sie per Hand bedient werden. Der Abtransport des Öls erfolgt per Pipeline. Das heißt, dass keine Tanker zum Einsatz kommen, die statistisch gesehen häufiger Unfälle verursachen und auch sinken können.

Sicherheitsunterweisungen, Schutzkleidung, Schwimmwesten, gekennzeichnete Fluchtwege und ein Hubschrauberlandeplatz machen trotz aller Sicherheitsversicherungen nachdenklich. Was genau könnte denn passieren? Wozu die umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen auf der Insel? Ja, es könnte etwas passieren. Wäre etwa eine Rohrverbindung undicht, kann Erdölgas entweichen. Dieses könnte sich in der Luft zu einem explosionsfähigen Gemisch anreichern. Deshalb befinden sich überall auf der Mittelplate Gasmelder und in bestimmten Bereichen der Anlage gelten besonders strikte Regeln: So darf z.B. nicht ungefragt fotografiert werden. Nicht weil es etwas zu verbergen gäbe, sondern weil die Sensoren Blitze als Explosionen werten und die Anlage in Sekundenschnelle abgeschaltet würde – ein riesiger Schaden für RWE Dea.

Sollte es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu einem Brand kommen, werden die Fördereinrichtungen automatisch abgeschaltet und die Feuerlöschanlage ausgelöst. Dabei wird der Bohr- und Förderkeller mit Löschschaum geflutet. Für den Ernstfall gibt es einen Notfallplan. Die Mitarbeiter werden durch Sicherheitstrainings, Übungen und Schulungen sensibilisiert und ertüchtigt. Flucht- und Sammelplatzwege sind überall gekennzeichnet. Tritt- und höhensicher muss man hier sowieso sein, denn Fahrstühle gibt es nicht. Ein Helikopterplatz in schwindelnder zugiger Höhe sorgt für den Abtransport.

Wie lebt es sich auf einer solchen Insel? Von den rund hundert Beschäftigten sind 20 Frauen. Man arbeitet im Schichtbetrieb, zwei Wochen im Zwölfstundenrythmus auf der Insel, zwei Wochen zu Hause. Die schlichten Unterkünfte teilt man sich zu zweit und hält sich hier auf, wenn der Bettnachbar auf Schicht ist. So hat jeder für 12 Stunden seine Privats­phäre. Abwechslung finden die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in einem Fitnesscenter oder im Fernsehraum, man kann Billard spielen oder sich zum Pokern in die Kantine begeben, wo für alle gekocht wird und die Mahlzeiten eingenommen werden. Eine gut ausgestattete Apotheke und die Erstehilfeausbildung des Nautikers helfen bei kleinerem Unbill. Wird das Krankheitsbild besorgniserregend, werden über ein Netzwerk Ärzte zugeschaltet, der Kranke per Schiff oder Helikopter ins nächst gelegene Krankenhaus verfrachtet.

Stellvertretend für ihre Kollegen sagt die Deckstewardess, alleinerziehende Mutter eines Siebzehnjährigen, dass sie trotz des ungewöhnlichen Arbeitsrythmusses gern auf der Insel arbeitet. Ihr Sohn sei alt genug, um während ihrer Abwesenheit klarzukommen. Hier gibt es keine Teilzeitverträge, sondern man ist fest angestellt. Heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Zwar ist es eine Mär, im Vergleich zum Festland hier besonders hohe Gehälter zu beziehen. Allerdings gäbe es steuerfreie Feiertagszuschläge, man habe Vollpension, wenn auch daheim die Kosten weiterliefen. Ja, sie ist sehr zufrieden hier, zumal auch das kollegiale Miteinander harmonisch sei.

Bleibt noch zu sagen, dass Bremerhaven als Offshore-Hafen für die Mittelplate ab dem nächsten Jahr von großer Bedeutung sein wird. Ein Areal im Hafen wird zum Offshore-Hafen zur Errichtung von Windenergieparks ausgebaut. 2011 sollen hier 48 Windturbinen der 6 Megawattklasse samt Fundamenten vormontiert, verladen und zur Windparkfläche vor Helgoland transportiert werden. Der Windpark Nordsee Ost soll ab 2012 grünen Strom liefern.

Fazit unserer Recherchen vor Ort: Die Ölförderung ist kein ungefährliches Geschäft. Aber Gefahr droht uns von der Mittelplate weder durch Sturmfluten noch Ölkatastrophen. Selbst in Zeiten alarmierender Terroranschläge aus der Luft gibt es keinen Grund zur Sorge, denn seit 1987 wird hier Öl gefördert. Der Druck in der Lagerstätte ist inzwischen so niedrig, dass in alle Förderbohrungen Pumpen eingebaut werden müssen. Diese Pumpen können jederzeit abgeschaltet werden.

Soweit so gut, zwar arbeitet die Mittelplate rein ökologisch gefahrlos, doch kommen jetzt andere Probleme auf sie zu: der Kolkschutz, also die Rundumbefestigung der Mittelplate aus Stein und Mörtel, ist durch den Priel Trischenflinge, der nordwärts auf die Insel zuwandert, bedroht und kann den Boden unter der Insel abtragen, sie absinken lassen. Um das abzuwenden, will RWE den Kolkschutz ausbauen und hat bei der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem LRGB (Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie) beantragt, den Kolkschutz um eine Fläche von maximal 8,4 ha zu erweitern. Diese Fläche wurde errechnet für den Fall, dass die Insel in Zukunft komplett vom Priel umspült wird, was nicht zwangsläufig auftreten muss. Beim Ausbau der Außenbefestigung wird zunächst eine Gewebematte verlegt, die dann mit einer Steinschüttung beschwert wird. Um die Stabilität zu erhöhen, werden die Steine anschließend im oberen Bereich mit einem besonders wasserbeständigen Mörtel verbunden. Die Ausbautiefe der ersten Stufe liegt bei fünf Metern unter Normalnull, die zweite bei acht und die dritte liegt bei elf Metern.

Ausbaumaßnahmen sollen nur dann ergriffen werden, wenn die dynamischen Verlagerungsprozesse im Watt dies zum Schutz der Mittelplate erfordern. Das Verhalten des Watts sei wie der Wetterbericht, man könne nichts genau voraussagen, heisst es bei RWE. Anliegen von RWE sei es, durch die vollkommene Abschottung des Mittelplatebauwerks den Schutz der Insel aber vor allem auch des Wattenmeeres, zu gewährleisten. Man sähe sich insofern nicht in gegensätzlicher Position zu den Umweltverbänden.

Trotzdem muss RWE einräumen, dass es sich im Sinne der rechtlichen Vorgaben um einen erheblichen Eingriff in den Naturraum Wattenmeer handelt. Nach EU-Recht ist daher ein gleichartiger Ausgleich für das betroffene Schutzgebiet in räumlicher Nähe erforderlich. Da Watt zu schaffen unmöglich ist, sollen 54 Hektar Salzwiesen vor Friedrichskoog wieder in ihren natürlichen Zustand versetzt werden. Dabei ist es Ziel, den Einfluss der Gezeiten unter Beachtung der Anforderung des Küstenschutzes dort zu erhöhen und auf den Salzwiesen wieder ein natürliches Prielsystem zu etablieren. Durch eine Info-Einrichtung sollen künftig auch interessierte Nationalparkbesucher das Gebiet erleben können.

Naturschutzverbände laufen Sturm gegen all diese Maßnahmen, sind entschlossen, die Ölförderung der Mittelplate zu beenden, wollen das Aus der Mittelplate. In 28 förmlichen Einwendungen haben sie anlässlich der vom LRBG veranstalteten öffentlichen Erörterung starke Bedenken gegen die Vorhaben von RWE geäußert. „Im Wattenmeer hat die Ölinsel nichts zu suchen“, sagt Hans-Ulrich Rössler. Auch die vorgesehenen Ausgleichsmaßnahmen auf den Salzwiesen stoßen bei den Anwohnern auf erhebliche Vorbehalte.

Mitte 2009 wurden die Antragsunterlagen für ein Planfeststellungsverfahren zur Genehmigung der Baumaßnahmen beim LRBG eingereicht. Bis zur Vorlage des Beschlusses können zwölf Monate vergehen. Auf das Ergebnis darf man gespannt sei.


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