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// Gesellschaft
14.11.2016
Von: Thomas Klaus

Das wilde Tier wurde gezähmt. Thomas Reiter aus dem niedersächsischen Rastede war 350 Tage im Weltall und ist der weitaus erfahrenste europäische Astronaut. Er weiß aus einer besonderen Perspektive, wie schön die Erde ist.

Welcher Erwachsener besitzt schon noch die vielen kleinen und mehr oder weniger schönen Dinge, die er als Kind gebastelt hat? Wohl nur wenige – und Thomas Reiter macht da keine Ausnahme. „Es ist natürlich wirklich schade, dass ich sie nicht mehr besitze“, seufzt der ehemalige Astronaut. Und besonders schade ist es da zweifellos um die Raketen aus Papprollen, die der jetzt 58-Jährige als damals Elfjähriger massenhaft angefertigt hatte.


Thomas Reiter (Fotos: NASA –  www.nasa.gov)

Thomas Reiter (Fotos: NASA – www.nasa.gov)

„Damals“ schrieben wir das Jahr 1969, in dem Neil Armstrong die ersten Schritte auf den Mond setzte. Fast die ganze Welt fieberte mit. Und auch der kleine Thomas, der im hessischen Neu-Isenburg zu Hause war, geriet außer Rand und Band. „Wenn man mich als Kind nach meinem Berufswunsch gefragt hat“, erinnert sich Reiter, „habe ich Astronaut gesagt“ – nicht ahnend, dass er tatsächlich viele Jahre später Raumfahrtgeschichte schreiben würde.

Mit 22.000 weiteren Europäern im Auswahlverfahren
Mit dem Raumschiff Sojus TM-22 brach Reiter im September 1995 zum ersten Langzeitflug der Europäischen Raumfahrtorganisation (ESA) zu der russischen Raumstation Mir auf, war somit der achte Deutsche im All. Dort absolvierte er die ersten beiden Außenbordein­sätze eines deutschen Raumfahrers. Im Februar 1996 hatte ihn die Erde wieder – nach 179 Tagen im All.

Dem ersten ESA-Langzeitflug überhaupt folgte im Juli 2006 der erste Langzeitflug eines ESA-Astronauten auf dem Ticket der Internationalen Raumstation (ISS). Im Dezember 2006 kehrte Reiter an Bord der Raumfähre Discovery nach 171 Tagen im All zurück. Fazit: Thomas Reiter ist nach seinen beiden Halbjahresflügen der mit 350 All-Tagen weitaus erfahrenste europäische Astronaut und zugleich der bisher einzige mit zwei Langzeitmissionen.

Abheben von der Erde, frei sein, mit den Vögeln fliegen – für Thomas Reiter stand das in seiner Kindheit und Jugend an fast jedem Wochenende auf der Tagesordnung. Seine Eltern waren begeisterte Segelflieger, steckten ihren Sprössling mit dieser Leidenschaft an. Mit 14 Jahren erlangte Thomas Reiter seinen Segelflugschein. Der künftige Beruf – das war dem Heranwachsenden klar – müsste etwas mit Fliegerei und mit Technik zu tun haben. Folgerichtig verpflichtete sich Reiter bei der Bundeswehr, studierte Luft- und Raumfahrttechnik, beendete sein Studium an der Universität der Bundeswehr als Diplom-Ingenieur. Sein Herz verlor er an die Luftwaffe. Ihr diente er unter anderem als stellvertretender Staffelkapitän auf dem Fliegerhorst Oldenburg, wo er das Kampfflugzeug Alpha Jet flog.

Eines Tages im Jahre 1989 wurde Thomas Reiter zu seinem Vorgesetzten zitiert. „Wegen der Tiefflug-Problematik in dieser Zeit hatte ich ein schlechtes Gefühl“, erzählt er. „Doch dann schlug er mir vor, am ESA-Auswahlverfahren teilzunehmen“ – gemeinsam mit, aber auch gegen 22.000 weitere Europäer. Reiter setzte sich durch; die Tür in das All wurde für ihn geöffnet.

„Unser Planet ist so verletzlich“
Wenn Thomas Reiter von den Stunden vor seinem ersten Flug in das All erzählt, gerät er noch heute ins Schwärmen. „Das waren sehr unwirkliche, surreale Situationen“, blickt Reiter zurück – so etwa das Schwimmen im Atlantik im Angesicht einer Rakete, die ihn kurze Zeit später in unbekannte Dimensionen befördern würde. Diese Rakete – er vergleicht sie mit einem „wilden Tier, das darauf wartet, losgelassen zu werden“. Das Bändigen lohnte sich einerseits für die Naturwissenschaft, in deren Diensten diverse Experimente ausgeführt werden mussten, und andererseits für Thomas Reiter persönlich. Seine Augen leuchten, als er die „unglaubliche Vielfalt an Farben und Formen“ beim Anblick der Erdkugel schildert. Überraschenderweise sahen gerade die Wüstengebiete besonders anziehend aus. Die Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge – unbeschreiblich schön. Und die Atmosphäre, die die Erde umgebende und schützende Lufthülle – ein Traum („und zugleich erschreckend dünn, zart und zerbrechlich“). Aber: Reiter sah auch, „wie verletzlich unser Planet ist“. So waren die Schneisen, die beim Abholzen der Regenwälder gezogen wurden, mit bloßem Auge erkennbar. Und Gebiete, in denen Krieg geführt wurde, unterschieden sich vom All aus deutlich von denen, in denen Frieden herrschte: „Zum Beispiel war der Balkan bei meiner ersten Mission pechschwarz, weil es Kriegsgebiet war.“

Die Impressionen von der Erde haben sich tief in das Gedächtnis des ehemaligen Astronauten gebrannt. Unvergesslich ist außerdem das Gefühl der Schwerelosigkeit, das man nach Reiters Einschätzung noch am ehesten mit dem Sporttauchen vergleichen kann. Und wie stand es mit der Angst? War sie trotz aller spektakulären Eindrücke nicht doch ein ständiger Begleiter? Schließlich sind Astronauten logischerweise weitgehend auf sich allein gestellt. Und die Liste der Astro­nauten, die ihr Leben verloren haben, ist relativ lang.

Familie stand fest hinter Reiter
Thomas Reiter schüttelt energisch mit dem Kopf. Natürlich sei bei ihm – immerhin als Ingenieur ein kühler Kopf – „ein Bewusstsein für das Risiko vorhanden“ gewesen. Doch er habe für sich das Risiko einerseits und den Nutzen für sich und für die Allgemeinheit andererseits nüchtern abgewogen. Diese Entscheidung sei ihm erheblich dadurch erleichtert worden, dass die Astronauten immer wieder detailliert auf Notfallsituationen vorbereitet würden. Und dann ist da ja auch noch die Familie – wenn sie und insbesondere die Ehefrau die Arbeit im All nicht unterstützt hätten, wäre Thomas Reiter auf festem Boden geblieben. 


Für den ehemaligen Astronauten ist es keine Frage: „Ohne Zögern würde ich wieder ins All starten.“ Doch er fügt hinzu: „Das wird ein Traum bleiben. Denn mittlerweile ist die nächste Astronauten-Generation am Zuge.“ An deren Ausbildung war Reiter maßgeblich beteiligt. Denn bis Ende des vergangenen Jahres leitete er das ESA-Direktorat für Bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb mit Sitz in Darmstadt. In dieser Funktion koordinierte er Europas Beitrag zur ISS, die ESA-Aktivitäten im Bereich der bemannten Raumfahrt sowie den Betrieb bemannter und unbemannter Raumfahrzeuge und des Bodensegments. Seit Anfang 2016 ist Thomas Reiter ESA-Koordinator im ISS-Programm und Berater des ESA-Generaldirektors.

Fast an jedem Wochenende fährt er von Darmstadt nach Rastede in der niedersächsischen Gemeinde Ammerland, wo er mit seiner Frau und den beiden Söhnen lebt. Ob seine Kinder auch früher Raketen aus Papprollen gebastelt haben – Reiter will es nicht verraten.



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