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// Gesellschaft
15.08.2011
Von: cj

„Dein Freund und Helfer“ oder Ausputzer der Nation? Immer weniger Beamte arbeiten immer mehr

Die Zahl der Polizisten in Deutschland ist laut Gewerkschaft der Polizei in den vergangenen neun Jahren um mehr als 9.000 auf rund 264.000 gesunken. Das entspricht einem Rückgang um 3,4 Prozent. Gewerkschaftschef Konrad Freiberg schlug angesichts dieser Entwicklung Alarm. Obwohl die Anforderungen an die Polizei ständig wüchsen, würden Stellen abgebaut. Die Gewerkschaft der Polizei spricht angesichts der Sparpläne in den Ländern bereits von einem „Kollaps“ der inneren Sicherheit.


Auch bei der Bundespolizei, die unter anderem für die Überwachung der Flughäfen zuständig ist, sollen 1.000 Stellen gestrichen werden, wenngleich erst kürzlich ein Mehrbedarf von 400 Stellen bei der Luftfrachtsicherung angemahnt wurde. Mit der Personallage ist auch Klaus-Hilger Leprich, Chef der Deutschen Zoll- und Finanzgewerkschaft, unzufrieden. Seit Jahren würden Zollfahnder ihren Vorgesetzten im Bundesfinanzministerium von Sicherheitslücken bei der Luftfracht berichten. Trotzdem erklärte der Innenminister Hans-Peter-Friedrich (CSU), dass die Zahl der angezeigten Straftaten mit 5,93 Millionen im Jahr 2010 erstmals unter der Sechs-Millionen-Grenze liege und die Aufklärungsquote mit 56 % so hoch wie seit 1993 nicht mehr ist. Soweit die Statistik.

Denn in Bremerhaven und auch dem Landkreis häufen sich die Einbrüche und Diebstähle, die Bürger sind selbst am helllichten Tag ihres Heims nicht mehr sicher. Ganz zu schweigen von Übergriffen schon während frühabendlicher oder nächtlicher Gänge durch die Innenstadt. Zwar werden immer mehr Täter gefasst, aber in der Regel bereits nach einer Nacht wieder auf freien Fuß gesetzt, um unbeschadet ihrer kriminellen Energie wieder freien Lauf zu lassen. Viele Bürger beklagen zu Recht, dass Täter sogar nach beinahe 50 Diebstählen nicht hinter Gitter kommen, sondern nach ihrer Festnahme am nächsten Tag wieder erneut auf Diebestour gehen.

Für die Polizeibeamten ist das überaus frustrierend, sie müssen diese Umstände aber ohnmächtig akzeptieren. Als Grund für die oftmals als schwach empfundene Strafverfolgung wird angegeben: ein Delikt muss von einer solchen Schwere sein, dass es voraussichtlich mit wenigstens zwölf Monaten Freiheitsentzug geahndet werden wird. Aber weder der Diebstahl einer Handtasche noch der einer Kiste Schnaps, eines Notebooks oder einer Kamera werden mit einem solchen Strafmaß geahndet. Ursache ist also die Gesetzgebung, die nach Ansicht der Beamten einfach zu lasch ist und bei Mehrfachdiebstählen zu einem anderen Strafmaß kommen müsste. In den USA ist man diesbezüglich wesentlich härter.

Täglich bittet die Polizei in Zeitungsaufrufen um Zeugen für die zahlreichen Delikte, weil sie schlicht und ergreifend nicht überall zur Stelle sein kann, nicht jedem Fall die erforderliche Zeit widmen kann. Die bekannte Ursache: zu wenig Personal. Hier soll jetzt nicht die Rede sein von der Internet-Kriminalität, die bundesweit zunimmt, sondern vom Arbeitsalltag der Schutzpolizei in Bremerhaven und im Umland. Worin liegen nach Ansicht der Polizisten die größten Probleme innerhalb ihrer polizeilichen Tätigkeit? Wie in der Schulbildung, die statt einer massiven Förderung einen Kahlschlag erlebt, leidet auch die Polizei unter Personalmangel. Obwohl sowohl die Kriminalität als auch die Aggressivität zugenommen haben, ist die Polizei schlechter besetzt als noch vor Jahren.

Vielen Aufgaben, die sie früher wahrgenommen haben, können sie heute nicht mehr nachgehen. Denn heute übernimmt die Polizei Aufgaben, die eigentlich von den Eltern übernommen werden müssten. Die Sozialkontrolle durch die Familie ist gering. Der Polizeiberuf ist vielschichtig geworden. Dazu gehört nach Erachten von Polizeikommissar Jörg Schulte nicht nur die Strafverfolgung von Gesetzeswidrigkeiten, sondern eben auch Sozialarbeit. Solche Aufgaben werden vermehrt von Kontaktpolizisten übernommen. Sie gehen in Schulen, klären auf, schalten gegebenenfalls andere Behörden hinzu, übernehmen Präventionsaufgaben. Die Verkehrserziehung liegt jedoch bei der Schutzpolizei. Um beispielsweise den Leher Stadtteil aufzuwerten, werden ab sofort Fußstreifen eingesetzt. „Wir werden nicht nur bitten, und predigen, sondern auch verwarnen“, sagt Polizeikommissar Peter Schreiner. Auch der Einsatz von Hilfssherifs ist eine große Entlastung. Die Beamten schreiben nun keine Knöllchen mehr, kontrollieren die Fahrzeuge nicht mehr auf ihre Betriebstauglichkeit. Heute fahren sie regelmäßig Streife, sind rund um die Uhr im Einsatz, was ganz besonders im Bezirk Lehe wichtig ist. Denn hier sind die sozialen Brennpunkte. Die Leute ertränken Arbeitslosigkeit und Armut in Alkohol, sagt Jörg Schulte. „Seit der Einführung von Hartz 4 hat sich die Situation noch verschärft. Es gibt in Lehe kaum eine Familie, die nicht an der Flasche hängt.“ Entsprechend niedrig sind die Hemmschwelle für Delikte und entsprechend hoch das allgemeine Aggressionspotenzial.

Die Beamten beklagen zudem auch das schlechter gewordene Image der Polizei in der Bevölkerung. Wenngleich sie die Staatsgewalt verkörpern, wird ihnen kein Respekt mehr entgegengebracht. „Wenn es früher wegen einer Schlägerei oder sonstiger Streitigkeiten zu einem Einsatz kam, dann reichte es aus, in Uniform aufzutauchen.“ Heute sind die Beamten tätlichen Angriffen ausgesetzt. „Fast jeder der Delinquenten trägt heute eine Waffe, ein Messer haben sie alle und ehe man sich versieht, hat man es im Bauch“, sagt Peter Schreiner. Mitunter wird selbst ein banaler Einsatz, beispielsweise wegen Ruhestörung, riskant. „Plötzlich taucht ein Besoffener auf und hat entweder ein Messer oder gar eine Schusswaffe in der Hand.“ Natürlich tragen die Polizisten Waffen, aber zum Einsatz kommen meist nur ihre Körperkräfte und Pfefferspray.

Immer wichtiger werden mittlerweile auch Kollegen mit Migrationshintergrund. Gerade bei Vernehmungen erweisen sich die Sprachkenntnisse als nützlich. Schön wäre es, meinen alle, wenn es von ihnen mehr gäbe. Gerade bei den Problemgruppen, wie hier in Lehe die Russen, könnten sie eingesetzt werden. „Schwierigkeiten haben besonders unsere weiblichen Kollegen bei Delinquenten mit nicht christlichem Hintergrund. Eine immer wieder zu hörende Aussage lautet: Von einer Frau lassen wir uns nichts sagen.“ Darum fahren Frauen auch nie ohne männliche Begleitung Streife. Sie sind besonders bei Delikten häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung im Einsatz. Bei jeder Schicht sind zwei bis drei Kolleginnen dabei.

TV-Krimis gucken sich die Beamten längst nicht mehr an, sie sind darüber verärgert, wie hier die Wirklichkeit ausgeblendet wird. Dem Zuschauer wird in den Krimi-Fantasiefilmchen suggeriert, die wirklich wichtige Arbeit übernähme ausschließlich die Kripo, dabei ist es die Schutzpolizei, die als erste vor Ort ist, den ersten Angriff fährt.

Und oftmals sehen sie Erschreckendes. Wie kommt man damit zurecht? Mit der neuen Polizeiführung sei vieles moderner geworden, heißt es. Die Beamten erhalten psychologische Betreuung, wenn sie es wünschen. Man kann einen Therapeuten aufsuchen, besondere Lehrveranstaltungen wahrnehmen. Auch die vorgeschriebenen Schießübungen sind jetzt realistischer. Wurden sie früher noch auf Pappscheiben vorgenommen, steht dafür jetzt eine hypermoderne Anlage in Bremen zur Verfügung. Dort werden Videos lebensnaher Situationen abgespielt, an denen sich die Beamten weiterbilden können. Selbst hat Jörg Schulte in seiner 34jährigen Laufbahn noch niemals die Waffe auf einen Menschen gerichtet und er täte es auch nur dann, wenn sein eigenes Leben in Gefahr wäre.

Trotz der großen Schwierigkeiten würden sowohl Jörg Schulte als auch seine Kollegin Aileen Bötjer, die bereits seit 17 Jahren im Polizeidienst ist, ihren Beruf wieder ergreifen. „Man erlebt jeden Tag Neues. Kein Tag gleicht dem anderen. Und das ist das eigentlich Interessante. Außerdem gehe ich gern mit Menschen um, spreche gern mit ihnen. Ich gehöre nicht der Sorte Polizist an, die knallhart durchgreift, sondern sehe mich auch ein wenig als Sozialarbeiter“, so Jörg Schulte. Ailien fügt jedoch hinzu „Nach wie vor mache ich meinen Dienst sehr gern, zumal auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen harmonisch ist. Ich wollte immer schon einen Beruf ergreifen, mit dem ich etwas für die Menschen tun kann. Die Arbeit ist interessant. Allerdings wäre ich froh, wenn sich meine Tochter davon abbringen ließe, in meine Fußstapfen zu treten. Ich hätte wegen der enormen Aggressivität, der wir heute ausgesetzt sind, einfach zuviel Angst um sie“.

Der ausgeprägte Zusammenhalt macht die Uniformierten stark für den Auftrag zwischen Notfall, Kriminalität und den Sicherheitsbedürfnissen der Bürger. Auch in der aktuellen Personalnot stehen sie Seite an Seite, übernehmen Schichten für erkrankte Kollegen und haben immer ein waches Auge auf den Partner im Team. Nur so lässt sich der harte Alltag in Uniform gut überstehen und nur so entfaltet der Job seine Faszination. Einig sind sich alle unsere Gesprächspartner darüber, dass sie einen wichtigen und sinnvollen Beruf ausüben. Ebenso einig sind sie sich aber auch darüber, dass sich die Personalsituation deutlich verbessern muss.


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