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08.05.2017
Von: sl

Der hohe Preis der Schnäppchen

Wir alle sind Schnäppchenjäger. Wir freuen uns besonders, wenn wir unseren Kleiderschrank für kleines Geld auffüllen können: T-Shirts für 4,99 Euro, im Dreierpack nur 9,99 Euro, Hosen für 19,99 Euro – das sind Preise, die Käuferinnen und Käufer glücklich machen. Aber wie ist es möglich, dass die Klamotten so unfassbar günstig sind? Diese Frage stellen sich nur wenige. Und doch kann sich jeder die Antwort denken: Es liegt an den extrem geringen Herstellungskosten. Marken wie H&M, C&A und Takko lassen aus Wettbewerbsgründen vor allem in Südostasien produzieren. Lange war Bangladesch das Maß aller Dinge. Doch nach einem Fabrikunglück im Jahre 2013 nahm die Marke „made in Bangladesh“ Schaden. Im Nachbarland Myanmar, ehemals Burma, entstand ein neuer Hotspot der Textilindustrie. Die unabhängige niederländische Organisation „Centre of Research on Multinational Corporations“ (SOMO) erhebt jetzt schwere Vorwürfe gegen die Bekleidungsindustrie in Myanmar: sie rügt Unterbezahlung, Kinderarbeit, extreme Überstunden sowie mangelhafte Gesundheits- und Sicherheitsvorkehrungen.


Der hohe Preis der Schnäppchen

Der hohe Preis der Schnäppchen (Foto: Martje Theuws | SOMO)

Thiri und Yadana leben in einer Slumsiedlung in Rangun, der größten Stadt Myanmars. Ihre notdürftige Hütte haben sie sich selbst gebaut. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Dafür reicht ihr Geld nicht aus. „Der Vorteil des Lebens hier ist, dass wir keine Miete bezahlen müssen. Das macht es leichter, über die Runden zu kommen“, sagt Thiri. So geht es auch den anderen rund 700.000 in den Slums lebenden Menschen. Wie Thiri und Yadana arbeiten viele von ihnen in der Textilindustrie. Sie nähen T-Shirt für T-Shirt, Jeans für Jeans, Jacke für Jacke. Teilweise über 60 Stunden pro Woche, unter gefährlichen Umständen und für eine Bezahlung unter dem Mindestlohn.

Die Textilindustrie steht schon länger in der Kritik. Erst recht seit dem 24. April 2013, als es in Bangladesch zu einem folgenschweren Fabrikeinsturz kam. Bei dem Unglück starben über 1100 Menschen, mehr als 2400 wurden verletzt. Die Textilindustrie stand am Pranger. Über 200 westliche Unternehmen – darunter H&M, C&A, Takko, Adidas, Puma, Aldi und andere Großkonzerne – setzten daraufhin ihre Unterschrift unter den „Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh“. In dem Abkommen verpflichten sich die Unternehmen rechtlich zu Brandschutz- und Gebäudesicherheitskontrollen, zu Investitionen in Umbau und Renovierung der Fabriken sowie zur Bildung von betrieblichen Arbeitsschutzkommitees und zur Schulung der Beschäftigten. Jährlich zahlen die Unternehmen zudem 500.000 US-Dollar in einen gemeinsamen Topf, aus dem alle Maßnahmen und die Arbeit des Steuerungskommitees bezahlt werden. Laut den Untersuchungsergebnissen von SOMO hat sich für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Branche seitdem dennoch wenig bis gar nichts verändert.

Neuer Schauplatz, alte Probleme

Die Anzahl an Fabriken war in Bangladesch bis 2013 jedes Jahr gestiegen, dann fiel sie nach dem Unglück von 5876 auf 4222. Zwar wächst die Zahl seitdem wieder langsam an, aber auch in anderen Ländern ist die Textilindustrie auf dem Vormarsch. Eines davon ist Bangladeschs Nachbarland Myanmar, das seit der wirtschaftlichen und politischen Öffnung 2011 zu einem neuen Hotspot der Bekleidungsindustrie geworden ist. Aktuell sind in 400 Fabriken 350.000 Menschen beschäftigt, bis 2024 soll die Anzahl auf 1,5 Millionen steigen. Das niederländische „Centre of Research on Multinational Corporations“ (SOMO) hat im letzten Jahr zwölf Fabriken in Myanmar untersucht und dabei 403 Angestellte interviewt. Die Studie wurde Anfang Februar unter dem Titel „The Myanmar Dilemma“ veröffentlicht. Die Ergebnisse deuten auf gravierende Menschenrechtsverletzungen hin.

Die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeiten für einen Mindestlohn von umgerechnet knapp 2,40 Euro (3.600 Kyat) am Tag – teilweise wird selbst der nicht gezahlt. Auf Nachfrage bekräftigt Pressesprecherin Anna-Kathrin Bünger von H&M: „Unsere Lieferanten müssen mindestens den Mindestlohn zahlen. Wir wollen, dass sie ihren Angestellten einen fairen Lohn zahlen, der ihre Grundbedürfnisse und die ihrer Familie deckt.“ Die Realität sieht laut den SOMO-Ergebnissen anders aus. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter beklagen sich, dass ihr Gehalt nicht ausreiche, um ihre Familie zu ernähren. Nach Angaben von „Myanmar Insider“ benötigt eine fünfköpfige Familie für ein menschenwürdiges Leben 627.150 Kyat pro Monat, was umgerechnet knapp 417 Euro entspricht. Ohne zusätzliche Zahlungen, z.B. bezahlte Überstunden oder Boni, beträgt der Monatslohn bei Zahlung des Mindestlohns 67,60 Euro. Selbst wenn beide Elternteile arbeiten, können sie ihre Familie demnach längst nicht angemessen ernähren.

SOMO wirft den Textilfabriken außerdem Kinderarbeit vor. Nach Schätzungen von Global March arbeitet in Myanmar fast ein Viertel der Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren. Ab einem Alter von 14 Jahren gilt man dort bereits als erwerbsfähig. Laut SOMO wurden in sechs von zwölf untersuchten Fabriken Beweise für Kinderarbeit gefunden, darunter auch Fabriken, in denen H&M und Takko produzieren. H&M-Sprecherin Anna-Kathrin Bünger zum Vorwurf der Kinderarbeit: „In unseren Erhebungen über den in der Studie genannten Lieferanten fanden wir keinen Beweis für Arbeiter/ innen unter dem Mindestalter.“ Ab 14 Jahren lässt der schwedische Konzern eine Beschäftigung zu. Takko gesteht hingegen Verstöße ein. „Takko hat den Jugendlichen, die zuvor in der Fabrik angestellt waren, volle finanzielle Unterstützung sowie schulische Bildung zugesichert, um sie auf das spätere Arbeitsleben vorzubereiten“, erklärt Pressesprecherin Julia Belz dem LAUFPASS. Seit August würden in der Fabrik nur noch Erwachsene ab 18 Jahren eingestellt.

Auch fehlende Sicherheits- und Gesundheitsvorkehrungen stellen in Myanmar den Ergebnissen der Studie nach zu urteilen ein großes Problem dar. Keine Schutzkleidung, keine Sicherheitseinweisung, keine medizinische Versorgung, Gebäudeschäden – die Beschäftigten listeten in den Interviews mit SOMO schwerwiegende Mängel auf. Im Sommer 2015 kam es in einer der Fabriken zu einem tödlichen Unfall. Ein Arbeiter wollte eine Tür öffnen, die daraufhin aus den Angeln brach und ihn erschlug. In der Fabrik produzieren Takko und das englische Modelabel New Look. Takko bedauert den Vorfall und weiß von den mangelhaften Zuständen in den Fabriken, hat die Zusammenarbeit dennoch nicht beendet. Die Begründung: „Da sich die Leitung der betroffenen Fabriken nach Bekanntwerden des Fehlverhaltens sehr einsichtig und kooperationsbereit gezeigt hat, haben wir es nicht als zielführend angesehen, diese Geschäftsbeziehung zu beenden“, so Julia Belz.

Rainer Einzenberger von der Heinrich-Böll-Stiftung reist beruflich oft nach Myanmar, er ist Experte für die dortige Ressourcenpolitik. Die Verbreitung von Kinderarbeit habe ihn insbesondere bei seinen ersten Aufenthalten schockiert. „Kinderarbeit ist vor allem der nach wie vor schlechten wirtschaftlichen Lage geschuldet, und dem Umstand, dass ohne den Zuverdienst der Kinder viele Familien kaum überleben könnten beziehungsweise die Kinder arbeiten geschickt werden, damit sie selbst für ihren Unterhalt sorgen können“, so Einzenberger. Für ihn liegt das Problem vor allem in der Ignoranz der westlichen Textilanbieter: „Durch Kontakte zu Textilhändlerinnen weiß ich, dass vielen Großabnehmern in Europa die Standards immer noch egal sind und nur der Preis zählt.“

Der Ursprung des Problems liegt aber nicht bei den Unternehmen, sondern in der Erwartungshaltung der Käuferinnen und Käufer. Der Markt erfüllt lediglich unsere Wünsche. Wir wollen Schnäppchen machen, T-Shirts für 4,99 Euro und Hosen für 19,99 Euro kaufen können. Nur der Preis zählt. Auf dem Markt wird deshalb darum gekämpft, wer die günstigeren Klamotten anbieten kann – dafür werden Folgeschäden wie schlechte Bedingungen und geringe Bezahlung der Arbeiterinnen und Arbeiter in Kauf genommen. Wer hingegen einen fairen Lohn zahlt und dadurch die Preise der Textilien anhebt, kann im Wettbewerb nicht bestehen. Wenn sich die Erwartungshaltung der Käuferinnen und Käufer nicht ändert, werden sich auch die Verhältnisse in der Bekleidungsproduktion nicht ändern.

Europäische Union in der Kritik

Der größte Teil des Exports von Myanmar geht nach Europa. Die Europäische Union wirbt für ihre Partnerschaft mit Myanmar mit dem Slogan „eine besondere Partnerschaft für Demokratie, Frieden und Wohlstand“. Seit März 2014 verhandelt die EU mit Myanmar über ein Investitionsschutzabkommen – die Öffentlichkeit ist von den Verhandlungen ausgeschlossen. Ziel des Abkommens sei es, „unsere bilateralen Beziehungen zum Nutzen der Menschen in der EU und in Myanmar weiter zu intensivieren“, teilte die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission Federica Mogherini mit.

Die Unternehmen freuen sich darüber. Thorsten Rolfes, Pressesprecher von C&A, kündigte an: „Wir planen, sowohl die Anzahl der dort produzierten Produkte in den nächsten drei Jahren zu erhöhen, als auch vor Ort ein Büro zu eröffnen.“ Den Organisationen Terre des Hommes, Misereor, Brot für die Welt, Welthungerhilfe, Burma-Initiative der Stiftung Asienhaus und Gesellschaft für bedrohte Völker stößt die Entwicklung bitter auf. Sie befürchten, dass die EU bei der Verhandlung des Investitionsschutzabkommens auf die Einführung einer Schiedsgerichtsbarkeit drängt. Sollte die myanmarische Regierung Gesetze einführen, die den Gewinn der ausländischen Investoren beeinträchtigen, könnten diese ihn vor dem Schiedsgericht auf hohe Entschädigungen verklagen. Das betrifft vor allem Regelungen zu Gunsten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Androhung von Sanktionen würde die Regierung jedoch davon abhalten, die Gesetze zu ändern. „Die nachhaltige soziale und ökonomische Entwicklung Myanmars würde langfristig gefährdet“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Organisationen.

Auch die Bevölkerung will für ihr Wohl kämpfen. In mehreren Textilfabriken in Rangun ist es zuletzt bereits zu Protesten gekommen. Zum Teil haben die streikenden Arbeiterinnen und Arbeiter in ihrer Wut über Entlassungen und ausbleibende Lohnzahlungen Maschinen und Überwachungskameras zerstört. Die Produktion steht teilweise seit Anfang Februar still. Die Gewerkschaften fordern bessere Arbeitsbedingungen und eine Anhebung des Mindestlohns auf umgerechnet 3,72 Euro am Tag. Das würde die Investoren aufgrund der steigenden Kosten abschrecken. Sie würden sich wieder ein anderes, günstigeres Produktionsgebiet mit schlechteren Arbeitsverhältnissen suchen. Deshalb muss es eine Lösung für den weltweiten Kampf gegen die Armut geben.

Der Unternehmensberater Georgios Zervas und der Zukunftsforscher Peter Spiegel haben ein einfaches, aber sinnvolles Konzept entworfen: Die „1-Dollar-Revolution“. Ihre Idee: Ein globaler, wettbewerbsneutraler Mindestlohn von einem Dollar netto pro Stunde. In den einzelnen Ländern darf der Mindestlohn höher sein, aber auf keinen Fall unter einem Dollar liegen. Dadurch soll den Menschen in den armen Ländern geholfen werden, ohne dass die Wirtschaft Schaden nimmt. „Nahezu alles Geld, das die Armen auf diesem Weg erhalten, werden sie sofort in den Wirtschaftskreislauf zurückbringen, also in der Realwirtschaft ausgeben“, erläutern sie ihre Theorie. Doch damit sie funktioniert, müssen die Verbraucherinnen und Verbraucher höhere Kosten akzeptieren – nur so müssten die Menschen in den Billiglohnländern nicht mehr den hohen Preis für unseren Lebensstil zahlen.


WWW.SOMO.NL/THE-MYANMAR-DILEMMA/



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