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// Gesellschaft
10.11.2011
Von: js

Der Planet als Beute

Von Jens Schrader, erschienen in NITRO, dem unabhängigen Magazin für Medien und Zeitgeschehen. Es erscheint in der Berliner Journalisten Verlagsgesellschaft (www.nitromagazin.de).


Der Planet als Beute

Der Planet als Beute (Foto: © Andrzej Tokarski – Fotolia.com / Fotomontage: jeschke)

Die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten ist am Ende. Der Weg in die Zukunft wird nicht derselbe sein können, den die Menschen bisher beschritten haben. Kaum jemand bestreitet diese Wahrheit, aber die Mehrheit ignoriert sie. Das ist zwar typisch für die Spezies Mensch, löst jedoch ihr Problem nicht. Welche Kraft wird die Menschen bewegen können, die Herausforderungen des Zeitalters der Nachhaltigkeit anzunehmen und den Bestand der menschlichen Gesellschaft zu sichern?

Wenn man allen Mut zusammen nimmt und versucht, unter Zuhilfenahme des eigenen Gehirns aus dem täglichen Nachrichtenstrom die wirklich relevanten Informationen zu filtern, was – zugegeben – nicht ganz leicht ist, dann kann man durchaus zu dem fragend-konstatierenden Schluss kommen, wie ihn jüngst eine süddeutsche Zeitung formulierte: Sind wir eigentlich von allen guten Geistern verlassen? Angesichts der herabgestuften US-Kreditwürdigkeit um einen (!) Grad, nicht etwa um eine Stufe, liegen an den internationalen Finanzmärkten die Nerven blank, werden Krisensitzungen der Finanzminister abgehalten und kauft die Europäische Zentralbank spanische und italienische Staatsanleihen in großem Stil, um die Märkte zu beruhigen. Man wird das Gefühl nicht los, hier sei jede Menge menschengemachter Unsinn im Spiel. Scheinbar ist den Akteuren jeder Realitätssinn abhanden gekommen und die Komplexität ihrer selbst gezüchteten Systeme ist ihnen offensichtlich zu groß geworden.

Doch eigentlich wirft das alles nur ein Streiflicht auf den Zustand unserer globalisierten, wachstums- und wohlstandsorientierten Welt, denn der Unsinn ist längst allgegenwärtig. Es scheint, als hätte der gesunde Menschenverstand ausgedient und an seine Stelle sei die Ignoranz getreten. Neben den globalen politischen Themen wie Terrorismus, Hunger und Erderwärmung sind maximierungsgetriebene finanz- und wirtschaftspolitische Krisen auf den Plan getreten, flankiert wird das Ganze von rasantem Bevölkerungswachstum und ungeheurem Raubbau an Ressourcen. Neu ist das alles nicht, allerdings hat es eine neue Qualität. Fakt ist, die Welt wird sich im 21. Jahrhundert grundlegend verändern. Entweder gelingt es der Menschheit, nachhaltig mit der Erde umzugehen, oder die Natur wird zurückschlagen. Doch was bedeutet nachhaltig?

Die inflationäre mediale Präsenz des Wortes Nachhaltigkeit vermittelt den Eindruck, es handele sich um eine hochmoderne Schöpfung. Weit gefehlt. Bereits 1713 kreiert ein Bergbau- und Forstexperte, der Sachse Hans Carl von Carlowitz, in seinem Buch „Anweisung zur wilden Baumzucht“ das Wort nachhalten, um die langfristige zeitliche Kontinuität von Naturnutzung und den Gedanken des Einteilens und Sparens von Ressourcen plastisch und präzise zum Ausdruck zu bringen. Im sächsischen Erzgebirge herrscht zu jener Zeit Holzmangel und der Rohstoff steigt permanent im Preis. Waldflächen werden zugunsten des Ackerbaus gerodet. Von Carlowitz kritisiert das auf kurzfristigen Gewinn ausgerichtete Denken seiner Zeit. Ein Kornfeld bringe jährlichen Nutzen, auf das Holz des Waldes dagegen müsse man Jahrzehnte warten. Trotzdem sei die fortschreitende Umwandlung von Waldflächen zu Äckern und Wiesen ein Irrweg, denn der Verzicht auf die jungen Bäume würde sich in späteren Jahren rächen und ein unersetzlicher Schaden entstehen. Und Hans Carl von Carlowitz geht noch weiter. Er bildet nicht nur einen Begriff, er skizziert die gesamte Struktur des modernen Nachhaltigkeitsdenkens: die Natur respektieren, mit den Ressourcen haushalten, das Gemeinwesen stärken und Verantwortung für die nachfolgenden Generationen übernehmen.

Knapp 300 Jahre später dürfte sich der kluge alte Sachse beim Anblick unserer heutigen Welt im Grabe umdrehen. Wie wenig haben wir umgesetzt von seinen Erkenntnissen, die er in einer Zeit gewann, als es vielleicht noch einfacher war, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich nicht von immer zahlreicheren, bunteren und lauteren Nebensächlichkeiten ablenken zu lassen. Die Wälder in Deutschland sind längst nicht mehr so tief und weit wie noch vor Jahrhunderten. Die größten von ihnen schützen wir heute, schaffen Naturparks und Biosphärenreservate , die die UNESCO zum Weltnaturerbe der Menschheit erklärt. Natürlich schwingt darin etwas Bitterkeit mit, denn es zeigt, wie richtig die Befürchtungen des Vordenkers von Carlowitz sind: Die europäischen Urwälder sind unwiederbringlich verloren. Und mit ihnen ist der Lebensraum zahlreicher Arten verschwunden. Der Mensch hat die Welt grundlegender verändert als ihm lieb sein kann. Die treibende Kraft hinter diesen Veränderungen in den letzten 200 Jahren ist unser auf Wachstum programmiertes Gesellschaftsmodell.

Der italienische Industrielle Aurelio Peccei, Mitglied der Firmenleitung von Fiat und Olivetti und Präsident der Unternehmensberatung Italconsult, sowie der Schotte Alexander King, Direktor für Wissenschaft, Technologie und Erziehung bei der Pariser Organisation für wirtschaft­liche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), organisierten 1968 eine Konferenz zu den Zukunftsfragen der Menschheit in der ­Accademia die Lincei in Rom. Die Konferenz war ein Flop. Nach der Zusammenkunft ­trafen sich sechs der Teilnehmer – Aurelio Peccei, Alexander King, Hugo Thiemann, Max Kohnstamm, Jean Saint-Geours und Erich Jantsch – und beschlossen, ihre Idee weiter zu verfolgen und gründeten den inzwischen legendären „Club of Rome“. Das Ziel des Clubs ist die gemeinsame Sorge und Verantwortung um beziehungsweise für die Zukunft der Menschheit. Wie berechtigt diese etwas pathetisch klingende Zielsetzung war und ist, wurde spätestens 1972 klar, als die Wissenschaftler ­Donella Meadows, Jorgen Randers und Dennis Maedows den ersten Bericht zur Lage der Menschheit an den Club of Rome vorlegten. Sein bezeichnender Titel: Die Grenzen des Wachstums. In dieser Studie setzten die Wissenschaftler systemisches Denken in verschiedene Zukunftsszenarien um und erstellten eine Prognose für die Weiterentwicklung der Welt.

Inzwischen sind fast vierzig Jahre vergangen. 1992 und 2004 lieferten die Systemwissenschaftler und Politikanalytiker aktualisierte Szenarien. In ihnen wird überdeutlich, dass die Menschheit dringend einen Kurswechsel braucht, eine Wende zur Nachhaltigkeit mit drastischen materiellen und strukturellen Veränderungen, denn sie ­verlangt seit den späten 1970er-Jahren der Erde so viel ab, dass ihre Leistungsfähigkeit überschritten ist. Der Schweizer Mathis Wackernagel und der Kanadier William E. Rees entwickelten 1994 das Konzept des Ökologischen Fußabdrucks. Unter dem Ökologischen Fußabdruck wird die Fläche auf der Erde verstanden, die notwendig ist, um den Lebensstil und den Lebensstandard eines Menschen dauerhaft zu ermöglichen. Das schließt Flächen ein, die zur Produktion seiner Kleidung und Nahrung oder zur Bereitstellung von Energie, aber auch zum Abbau des von ihm erzeugten Mülls oder zum Binden des durch seine Aktivitäten freigesetzten Kohlendioxids benötigt werden. Nach diesem Modell ist erwiesen, dass der Menschheitsbedarf seit den 1980er-Jahren das Angebot der Natur übersteigt. 1999 betrug die Grenzüberschreitung 20 Prozent. Mittlerweile benötigen wir eine zweite Erde, um unseren Bedarf zu decken. Und hier schließt sich der Kreis zu einer einfachen Wahrheit: Es gibt für uns nur diesen einen Planeten. Die Wissenschaftler um Dennis Meadows kommen auch zu dem Schluss, dass die meisten der heute lebenden Menschen von den Auswirkungen ihres Treibens noch persönlich betroffen sein werden oder es sogar schon sind. Womit sich die zynische Hoffnung vieler Menschen, dass die negativen Folgen ihres Handelns erst ein­treten werden, wenn sie nicht mehr auf der Erde weilen, als trügerisch erweist. Es gibt genügend Beispiele für die zu Tage getre­tenen Konsequenzen der Überbean­spruchung: Überfischung der Weltmeere, ­Übersäuerung von natürlichen Trinkwasservorkommen, Abnahme der Ozonschicht, Anstieg der Erderwärmung, Zunahme von Wirbelstürmen, Schmelzen der Polkappen, Artensterben. Viele dieser Auswirkungen sind unumkehrbar. Der Weg zu einer globalen Grenzüberschreitung mit katastrophalen Folgen für den gesamten Planeten ist hingegen nicht zwangsläufig der einzige. Bei vielen Menschen hat nicht nur ein Prozess des Umdenkens eingesetzt, sondern eine Änderung des Verhaltens.

Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter des International Panel for Sustainable Ressource Management, beschreibt in FAKTOR FÜNF, wie zukunftssicheres, umweltschonendes Wirtschaften funktionieren kann. Den fünf Kondratjew-Zyklen, in denen der russische Ökonom Nikolai D. Kondratjew (1892–1938) langfristige Innovationszyklen beschrieb und zu denen die Frühmechanisierung, die Dampfmaschinen- und Eisenbahntechnik, Elektrotechnik und Schwermaschinenbau, Auto-, Agrarchemie- und Massenproduktion sowie die Informations- und Kommunikationstechnik gehören, fügen die Wissenschaftler Karlson Hargroves und Michael Smith einen sechsten, optimistischen Zyklus hinzu – den der Nachhaltigkeit, der radikalen Erhöhung der Ressourcenproduktivität, des Systemdesigns*, der erneuerbaren Energien und Bionik**. Weltweit suchen hochmotivierte Menschen in konsequent nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen nach Alternativen zu den bekannten Vorgehensweisen. Dabei stellen sie oft nicht die Ergebnisse eines Prozesses in Frage, sondern nur die Art und Weise, wie das Ergebnis erreicht wird. Das ist ein Anfang und führt häufig zu signifikanten Veränderungen mit positiven Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Ein Beispiel: In Deutschland werden jährlich 1,2 Millionen Tonnen Wasch- und Reinigungsmittel verbraucht. Nur der geringste Teil davon ist vollständig biologisch abbaubar, obwohl die Rohstoffe und Technologien dafür bekannt sind und die daraus entstehenden Produkte genauso wirksam sind wie die bisherigen. Der Schlüssel liegt im Veränderungswillen. Nachhaltigkeit ist möglich, wenn Menschen es wollen und den Planeten als Zuhause und nicht als Beute betrachten


 * Systemdesign ist der Prozess zur Definition der Architektur von Komponenten, Modulen, Schnittstellen und Daten für ein System damit es die gestellten Anforderungen erfüllen kann.
 ** Die Bionik (auch: Biomimikry, Biomimetik, Biomimese) beschäftigt sich mit der Entschlüsselung von „Erfindungen der belebten Natur“ und ihrer innovativen Umsetzung in der Technik. Die Bionik ist ein interdisziplinärer Bereich, in dem Naturwissenschaftler und Ingenieure sowie bei Bedarf auch Vertreter anderer Disziplinen wie etwa Architekten, Philosophen und Designer zusammenarbeiten.

Jens Schrader, (* 1970), wurde an der Deutschen Journalistenschule München und der Berliner Journalistenschule ausgebildet und ist Gesellschafter der Kommunikationsagentur sense:ability communications GmbH in Berlin, die sich auf die Kommunikation für nachhaltige Unternehmen und Organisationen spezialisiert hat.


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