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// Gesellschaft
14.11.2017
Von: sl

Die 1-Dollar-Revolution

Sklaverei, Zwangsarbeit, Ausbeutung – wer sich bei diesen Worten ins 19. Jahrhundert zurückversetzt fühlt, der irrt gewaltig. Wie aus dem jüngsten Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation der UN und der Walk Free Foundation hervorgeht, sind momentan rund 40,3 Millionen Menschen Opfer moderner Sklaverei. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Über eine Milliarde Menschen leben in extremer Armut. Es ist Zeit, diese Missstände zu beseitigen, finden der Unternehmensberater Georgios Zervas und der Zukunftsforscher Peter Spiegel. Die beiden Autoren haben eine Idee, die die Armut eindämmen soll: Die 1-Dollar-Revolution.


Die 1-Dollar-Revolution soll armen Menschen wieder eine Perspektive geben

Die 1-Dollar-Revolution soll armen Menschen wieder eine Perspektive geben (Foto: Radiokafka/shutterstock.com)

Die Kernidee erscheint frappierend einfach: Mit einem flächendeckenden globalen Mindestlohn von einem Dollar netto pro Stunde soll auch der arme Teil der Weltbevölkerung von der Wirtschaft profitieren, anstatt ausgebeutet zu werden. Ein Dollar pro Stunde – das klingt eindeutig wenig. Aber für fast eine Milliarde Menschen würde das bereits einer deutlichen Lohnsteigerung entsprechen. „Jede bedeutende Entdeckung, jede bedeutende Erfindung, jede bedeutende Innovation, jedes gesellschaftspolitische Ziel war zu ihrer – beziehungsweise seiner – Geburtsstunde eine verrückte Idee, also außerhalb der bis dahin bekannten und vertrauten Realität“, schreiben die Autoren. Eine solche verrückte Idee ist auch die 1-Dollar-Revolution. Das wissen auch die beiden Autoren, die deshalb für eine grundsätzliche Offenheit gegenüber neuen Theorien werben.

Wann spricht man eigentlich von Armut? Nach der Definition der Weltbank gelten erst diejenigen Menschen als extrem arm, die weniger als 1,90 Dollar am Tag verdienen. Nach der langjährigen Definition der Europäischen Union begann Armut dort, wo 50 Prozent des Durchschnitts aller Einkommen unterschritten wurden. Demnach läge die Armutsgrenze bei 15 Dollar am Tag und wäre damit um ein Vielfaches höher. Doch die EU wich bereits von dieser Rechnung ab und entschied sich nicht für den Durchschnittswert, sondern für den Median, den Mittelwert einer Zahlenreihe. Durch die neue Definition wurde der statistische Wert, nicht jedoch die Anzahl der in Armut lebenden Menschen deutlich verringert. Der Median sagt nichts mehr über die Einkommensverteilung aus. Nach der neuartigen Definition gilt man in armen Ländern mit einem Jahreseinkommen von 460 Dollar bereits nicht mehr als arm.

Zervas und Spiegel verdeutlichen das Elend mit einem eindrucksvollen Beispiel: 1850 zahlten weiße Sklavenhalter laut dem renommierten Sklavenforscher Kevin Bales in den USA für einen gesunden männlichen Sklaven das Äquivalent von heutigen 30.000 bis 40.000 Dollar, während es heute in Haiti oder im Südsudan schon Arbeitssklaven für 50 Dollar gebe.

Die Hälfte der Menschheit lebt aktuell von einem Einkommen von unter drei Dollar pro Tag und hat ein geringeres Vermögen als die acht reichsten Männer der Welt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist größer denn je. Acht Dollar am Tag würden bereits ausreichen, um den armen Menschen ein besseres Leben zu gewährleisten. „Mit dem dadurch erzeugten Mehreinkommen könnten sich die betroffenen Familien all jene grundlegenden Dinge leisten, die ihnen den sicheren Weg aus der Armut bereiten, wie den Zugang zu guter Bildung, zu ausreichender Energie, zur digitalen Welt mit ihren reichlichen Möglichkeiten zur Entwicklungsbeschleunigung“, so in der Theorie. Deshalb fordern Zervas und Spiegel, dass der globale Mindestlohn als Menschenrecht geltend gemacht wird. Regional gibt es bereits zahlreiche Mindestlöhne, nach dem Konzept dürften sie über, aber keineswegs unter einem Dollar pro Stunde liegen.

Das vermeintliche Manko: Höhere Löhne sind mit Mehrkosten verbunden. Mit Mehrkosten für die Produktion und damit auch mit Mehrkosten für das Endprodukt. Die Jeans und der Pullover könnten also etwas teurer werden, möchte man meinen. Doch die Kosten stehen sowieso in keinem Verhältnis zu den Löhnen. Pro Jeans liegen die Arbeitskosten bei einem Nettolohn von einem Dollar pro Stunde nach einer Rechnung der Autoren bei 45 Cent – 30 Cent mehr als aktuell. Verkauft werde sie dennoch für durchschnittlich 69 Euro. Dementsprechend fällt der Lohn kaum ins Gewicht. Im Laufe der Wertschöpfungskette würden die Kosten beim globalen Mindestlohn sicherlich auch noch an anderen Stellen summieren, allerdings in geringem Ausmaß, wie Zervas und Spiegel vermuten.

Mit der Einführung des globalen Mindestlohns müsse die Einführung globaler Mindestpreise für landwirtschaftliche Rohstoffe einhergehen, weil in diesem Bereich ein regelmäßiges Einkommen nicht möglich ist. Die Preise und der Lohn müssten auf ein ganzes Jahr hochgerechnet werden. Außerdem müsse im SA8000, dem internationalen Standard mit dem Ziel besserer Arbeitsbedingungen, der Mindestlohn verankert werden. Der Standard sollte verpflichtend gelten und von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) kontrolliert werden, schreiben die Autoren. So gebe es einheitliche Regeln, die das globale Fair-Trade-Label „Made for Oneworld“ realisieren könnten. Nur Produkte mit diesem Label sollten demnach für den Welthandel zugelassen werden.

Warum aber sollten die westlichen Länder nach einem globalen Mindestlohn streben, vor allem in Anbetracht der Mehrkosten? Schließlich fordern Zervas und Spiegel zusätzlich auch noch, dass jedes Land einen Prozent seines Bruttoinlandsproduktes abgibt, um eine globale Arbeitslosen- und Sozialversicherung für alle Menschen ohne derartige Absicherung zu finanzieren. Die Arbeitslosen bekämen mindestens 1,25 Dollar pro Tag aus diesem Fonds. Zudem schlagen sie eine Konsumsteuer von einem Prozent auf alle Produkte und Dienstleistungen vor.

Die Antwort: Mit der Einführung eines globalen Mindestlohns kommt man den 17 „Global Goals“ einen bedeutenden Schritt näher. Die „Global Goals“ wurden von den 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen beschlossen. Alle Staaten haben sich dazu verpflichtet, sich für die nachhaltige ökonomische, soziale und ökologische Entwicklung auf der ganzen Welt einzusetzen. Ein Gehalt von mindestens einem Dollar pro Stunde führt bereits dazu, dass die Menschen in den armen Ländern nicht mehr der Hungersnot ausgesetzt sind. Damit kann ein schwerwiegender Fluchtgrund beseitigt werden. Zudem bedeutet das Mehr an Geld auf dem Gehaltskonto der Angestellten gleichzeitig einen Gewinn für die Wirtschaft. Wer mehr Geld zur Verfügung hat, lässt auch mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf fließen. Davon profitieren sowohl die örtliche als auch die weltweite Wirtschaft.

Durch diesen Prozess wird die Entwicklung auf der ganzen Welt, vor allem aber in den strukturschwachen Regionen, angekurbelt. Ein globaler Mindestlohn verbessert die Perspektiven von einem Drittel der Menschheit nachhaltig und ermöglicht vielen Menschen überhaupt erst eine Zukunft. Wohlergehen und soziale Sicherheit bilden das Fundament für eine Welt in Frieden, während Aussichtslosigkeit zu Aufständen und Konflikten führt. In der Europäischen Union machen sich der Wohlstand und die gute internationale Zusammenarbeit aktuell mit der bislang längsten Friedensperiode aller Zeiten bezahlt. Mit der weltweiten Stabilisierung der humanitären Situation ist sogar ein friedliches Zusammenleben auf dem gesamten Globus möglich. Dafür braucht es die 1-Dollar Revolution.

NORMEN DES SA8000
- keine Kinderarbeit
- keine Zwangsarbeit
- Einführung und Erhaltung von - Gesundheits- und Sicherheitsstandards
- Recht auf Gewerkschaften
- keine Diskriminierung
- keine Disziplinierung durch physischen - oder psychischen Druck
- regelmäßige Arbeitszeiten (durchschnittlich maximal 48 Stunden pro Woche)
- angemessene Vergütung
- Managementsysteme (Festlegung von Politik, Verantwortung, Planung und Durchführung)

GLOBAL GOALS
Keine Armut, keine Hungersnot, gute Gesundheitsversorgung, hochwertige Bildung, Gleichberechtigung der Geschlechter, sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen, erneuerbare Energie, gute Arbeitsplätze und wirtschaftliches Wachstum, Innovation und Infrastruktur, reduzierte Ungleichheiten, nachhaltige Städte und Gemeinden, verantwortungsvoller Konsum, Maßnahmen zum Klimaschutz, Leben unter dem Wasser, Leben an Land, Frieden und Gerechtigkeit, Partnerschaften zur Erreichung der Ziele

DIE INTERNATIONALE ARBEITSORGANISATION (ILO)

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) wurde 1919 als Sonderorganisation der Vereinten Nationen gegründet und mit der Aufgabe betraut, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Sie arbeitet rechtsverbindliche Übereinkommen mit einzelnen Staaten aus und liefert Handlungsempfehlungen für die 187 Mitgliedsstaaten, um Armut und Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.

GEORGIOS ZERVAS, PETER SPIEGEL:
DIE 1-DOLLAR-REVOLUTION
PIPER VERLAG MÜNCHEN/BERLIN 2016
ISBN 978-3-492-05779-0



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