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// Gesellschaft
06.08.2018
Von: sl

Die graue Bestie an der Unterweser

Im Angesicht des Scheiterns werfen Menschen oft noch einen letzten Anker aus, der den Weg ins bereits besiegelte Schicksal doch noch stoppen soll. Das ist meist nur wenig erfolgversprechend, steckt aber in unserer Natur. Es steckte selbst in der Natur von Adolf Hitler. Sein Anker war monströs, kolossal, respekteinflößend. Er bestand aus einer Million Tonnen Kies und Sand, aus 132.000 Tonnen Zement und aus 20.000 Tonnen Stahl. Und er wurde von Zwangsarbeitern errichtet, von denen etwa 1.600 bei der Arbeit ums Leben kamen. Hitlers letzter Anker war der U-Boot-Bunker „Valentin“ in Bremen Farge, dessen Bau 1943 begann und 1945 endete. Die Werft sollte in Rekordzeit die Flotte der Marine aufrüsten und damit den Niedergang des Deutschen Reiches doch noch aufhalten.


Der Bunker "Valentin" in Bremen Farge

Der Bunker "Valentin" in Bremen Farge (Foto: IURII BURIAK/Shutterstock.com)

Bremen Farge im Jahr 2018, 73 Jahre nach Kriegsende.
Eine herrliche, blühende Natur umgibt den Bunker „Valentin“. Aus dem umliegenden Wald und dem Inneren des Bunkers zwitschern Vögel, Efeu rankt sich an einigen Stellen an der Fassade hoch, auf dem Dach wachsen stellenweise Sträucher, Gräser und Unkraut. Die Natur versucht seit sieben Jahrzehnten, den Bunker zu erobern, hat es bei Weitem noch nicht geschafft. Kaum ein Baum überragt mit seiner Spitze die Höhe des monströsen Bauwerkes. Grauer Beton sticht beim Blick von der Weserseite aus der grünen Naturkulisse noch immer deutlich hervor. An diesem sonnigen Tag vermag nur wenig an die grauenvolle Zeit zu erinnern, in der an diesem Ort massenweise Menschen starben. Stattdessen blühendes Leben: Fahrradfahrer radeln den Deich entlang, ein Pärchen breitet in der Bunkerbucht seine Handtücher zum Sonnenbaden aus, ein kleines Mädchen stapft barfuß durch den Schlick – und im Hintergrund „Valentin“, ein Ort der Vernichtung.

Menschen wirken neben diesem Betonklotz wie Ameisen neben einem riesigen Ziegelstein. Beim Rundgang um den Bunker wird klar, dass hier binnen kürzester Zeit etwas Unmenschliches errichtet wurde, durch unmenschliche Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen. Es wirkt, als hätte man sämtlichen Zement Deutschlands in Rekordzeit zusammengekarrt und in eine rechteckige Form gegossen. Beim Gang entlang dieses Kolosses wird das mehrtönige Grau nur durch die wenigen Grünfl ächen an der Fassade unterbrochen sowie durch Stahlstreben, die teilweise aus dem Beton ragen.

An der Nordwestseite des Bunkers klafft ein großes Loch. Hierdurch sollten die vorgefertigten Bauteile in die Bunkerwerft gebracht werden. Beim Blick in diese schwarze Lücke inmitten der Betonwüste tritt die ländliche Idylle vollends in den Hintergrund und wird durch Kälte, Ungewissheit, Furcht ersetzt. Diese Gefühle verstärken sich im Inneren des Bunkers. Während draußen die Jahrzehnte Spuren hinterlassen haben, sich vieles gewandelt hat, wirkt es innen zeitlos. Es fühlt sich an, als hätten die meterdicken Wände die Uhr angehalten, die Geschichte gespeichert. Es ist stockduster, eisig kalt, die Luft riecht nach Beton. Riesige Hallen, in denen reihenweise U-Boote zusammengebaut werden sollten. Heute stehen sie leer. Genau hier fanden hunderte Menschen ihren Tod.

Bremen Farge im Jahr 1943, der 2. Weltkrieg tobt, das Deutsche Reich steht vor dem Zerfall.
Für die Nationalsozialisten muss ein Wunder her, eine Kriegswende. Über den Seekrieg mit einer gestärkten Flotte soll es doch noch mit dem „Endsieg“ klappen. Die deutsche U-Boot-Flotte hat zu diesem Zeitpunkt 42 ihrer 110 verfügbaren U-Boote verloren. Der Grund: die Alliierten haben deutlich an Lufthoheit gewonnen, den deutschen U-Boot-Code entschlüsselt und ihr Radarsystem verbessert. Zudem werfen sie zielgenau Bomben auf deutsche Werften ab. Der Bunker „Valentin“ soll als verbunkerte Werft die Wende bringen, er soll jeder Bombe trotzen. „Valentin“, Hitlers letzter Anker.

Für die Bauarbeiten veranschlagen die Ingenieure gerade einmal knapp zwei Jahre. Zwei Jahre für das größte Rüstungsprojekt an der Unterweser. Ab März 1945 sollen im Bremer Norden unter dem Schutz einer sieben Meter dicken Spannbeton-Decke reihenweise U-Boote des Typs XXI vom Stapel laufen – alle 56 Stunden ein neues. Geplant ist, die U-Boote durch eine direkte Verbindung zur Weser zu Wasser zu lassen und in Betrieb zu nehmen. In rasanter Geschwindigkeit soll die dezimierte Flotte aufgerüstet werden. Das Deutsche Reich will sich für den Seekrieg wappnen, für den „Endsieg“ bereit machen.

Im Mai 1943 beginnen die ersten Bauarbeiten. Die körperliche Schwerstarbeit verrichten täglich 10.000 bis 12.000 Zwangsarbeiter. Die Häftlinge stammen aus fast allen Ländern Europas und sind in sieben umliegenden Arbeitserziehungs- und Konzentrationslagern untergebracht. Das größte davon ist das KZ Farge, ein Außenlager des KZ Neuengamme. Hier sind in unterirdischen Treibstoffbunkern bis zu 5.000 Häftlinge eingesperrt, in dunklen, feuchten, engen Räumen.

Bis zu zwölf Stunden am Tag schuften die Zwangsarbeiter auf der Bunker-Baustelle – jeden Tag, bei jedem Wetter. Sie schleppen 50 Kilogramm schwere Zementsäcke und Sand, biegen und tragen Eisen. Das „Eisenkommando“ wird unter ihnen besonders gefürchtet, die Zugeteilten müssen zentnerschwere Eisenund Stahlträger transportieren und gehen dabei schnell zugrunde. Keine Hoffnung in Sicht, es wird stattdessen noch schlimmer: Rüstungsminister Albert Speer räumt am 10. November 1944 in einem Schreiben dem Bau von U-Boot- Bunkern oberste Priorität ein. Daraufhin wird das Tempo beschleunigt, die Arbeit noch härter, kräftezehrender, unerträglicher.

„Der Bunker war also das Furchtbarste, was ich erlebt habe. Was den niederträchtigen Umgang mit den Gefangenen durch die Wachmannschaften anlangt, was die Schwere der Arbeit anlangt, was die Perspektivlosigkeit anlangt.“ Mit diesen Worten sollte der Bremerhavener Richard Lahmann Jahrzehnte später in einem Interview das beschreiben, was er als inhaftierter „jüdischer Mischling ersten Grades“ erlebt hatte. Der Tod als täglicher Begleiter. Die katastrophale Ernährung mit einer halben Scheibe Brot, fünf Gramm Margarine und einem halben Liter dünnen Kaffeersatz am Morgen, einem halben Liter dünner Suppe zum Mittag und der gleichen Menge Suppe sowie einem Stück Brot und fünf Gramm Margarine am Abend reicht nicht einmal ansatzweise aus.

Hinzu kommt die unfassbare körperliche Anstrengung, die die unterernährten Menschen in den Erschöpfungstod treibt. Der Zementstaub löst Entzündungen aus und verstopft die Lungen der Zwangsarbeiter. Die Wachmänner schlagen auf die Gefangenen ein, bestrafen sie für vermeintliche Vergehen. Sie nehmen den Tod der Zwangsarbeiter nicht nur in Kauf, sie bringen einige von ihnen sogar um. So berichtet der ehemalige sowjetische KZ-Häftling Nikolaj Gregorewitsch Zhuk davon, dass zwei Zwangsarbeiter hingerichtet wurden, da sie ein Stück Schuhsohlenleder bei einem deutschen Zivilisten gegen Brot eingetauscht hatten. Todesfälle sind keine nennenswerten Störungen im Produktionsablauf. Die Toten werden schnell durch neue Häftlinge ersetzt. Von diesen Ersetzungen gibt es einige, rund 1.600 werden es am Ende sein – so viele Leben verschlingt die graue Bestie namens „Valentin“.

März 1945, der Bunker ist fast fertiggestellt.

426 Meter lang, 97 Meter breit, 33 Meter hoch – das sind die Eckdaten des Beton-Monsters. In Kürze sollen die Bauarbeiten abgeschlossen, die ersten U-Boote zusammengebaut werden. Doch dazu kommt es nicht, denn der 27. März wird den Nationalsozialisten zum Verhängnis. 18 Bomber der Royal Air Force bombardieren den Bunker. Zwei Grand-Slam-Bomben durchschlagen die Decke an Stellen, an denen sie noch nicht fertiggestellt ist – eine von ihnen reißt ein Loch von acht Metern Durchmesser in die Bunkerdecke. Die Bauarbeiten werden nach dem Angriff abgebrochen, die Baustelle geräumt. Hitlers letzte Ankerkette ist gerissen und hat hunderte Menschenleben gekostet.

Heute entwickelt sich „Valentin“ vom Ort der Verdrängung zum Ort des Gedenkens.
Es mutet schon absurd an, dass ein solches Bauwerk mit der Fläche von fünf Fußballfeldern aus der Öffentlichkeit verschwinden kann. Doch genau das ist mit dem Bunker „Valentin“ nach dem Bauabbruch geschehen. Zunächst kursierten abstruse Pläne, den Bunker nach dem Krieg unsichtbar zu machen: der Bunker sollte gesprengt, eingespült, zugeschüttet und auf dem Hügel ein Restaurant errichtet werden. Allesamt makabre Ideen, das Schicksal Hunderter einfach unter den Trümmern des Krieges zu vergraben. Die Ideen stammten auch aus der Bevölkerung. „Die Leute hier reden nicht gerne über den Bunker“, sagt Ksenja Holzmann, Mitarbeiterin im Informationszentrum am „Denkort Bunker Valentin“. Auch über 70 Jahre später nicht.

Der Bunker blieb trotzdem stehen. Auch, weil die Ingenieure sich noch lange mit diesem hässlichen Betonklotz zu schmücken versuchten. Er wurde sogar als „8. Weltwunder am Weserstrand“ betitelt, als technische Meisterleistung angepriesen. Wenngleich der Bunker nicht vergraben wurde, das Schicksal der Opfer wurde es. Jahrzehntelang gab es keine Erinnerungskultur – der Bunker und alles, was damit zusammenhängt, stand den Menschen in der Nachkriegszeit im Weg. Ausgegraben wurde die Geschichte erst Anfang der 1980er Jahre, als zwei Journalisten von Radio Bremen sich auf Spurensuche nach den Schicksalen der Zwangsarbeiter begaben. Ihnen war es auch zu verdanken, dass 1983 vor dem Bunker das Mahnmal „Vernichtung durch Arbeit“ in Anwesenheit von Zeitzeugen eingeweiht wurde.

Erst 2015 hatten die intensiven Bemühungen der Verbände der ehemaligen Inhaftierten, Initiativen und Vereine Erfolg: aus dem Bunker wurde endlich eine Gedenkstätte – der „Denkort Bunker Valentin“. Der Rundgang auf dem Areal erinnert an die dunkle Vergangenheit dieses Ortes, gibt den Opfern eine Stimme und ein Gesicht. Sieben Jahrzehnte nach dem Kriegsende wird hier ein aktiver Kampf gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Schreckenstaten geführt. Eine Mission, in der sich auch Ksenja Holzmann engagiert: „Es ist immer noch schwierig. Wir merken aber, wie die Bekanntheit nach und nach wächst. Immer mehr Menschen interessieren sich für die Geschichte dieses Ortes.“

DENKORT BUNKER VALENTIN
Rekumer Siel
28777 Bremen
WWW.DENKORT-BUNKER-VALENTIN.DE



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