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14.02.2019
Von: bg

Die Macherin will in die Politik – Im LAUFPASS-Interview: Marnie Knorr

Die Innovationsmanagerin Marnie Knorr ist vielen Bremerhavenern durch ihr Engagement bekannt. 2017 setzte sie sich mit der Initiative „Meeresgestrüpp“ gegen die Bebauung des „Leher Dschungels“ ein und gewann. Um noch mehr zu bewegen, will sie in die Politik gehen – Ende Mai möchte sie sich in die Stadtverordnetenversammlung wählen lassen. Im Gespräch mit dem LAUFPASS gibt die 33-jährige Bremerhavenerin einen Einblick in ihre Arbeit und erzählt von den Dingen, die sie verändern oder völlig neu denken möchte.


Marnie Knorr (Foto: Leonie Lohmann)

Marnie Knorr (Foto: Leonie Lohmann)

Die Innovationsmanagerin Marnie Knorr ist vielen Bremerhavenern durch ihr Engagement bekannt. 2017 setzte sie sich mit der Initiative „Meeresgestrüpp“ gegen die Bebauung des „Leher Dschungels“ ein und gewann. Um noch mehr zu bewegen, will sie in die Politik gehen – Ende Mai möchte sie sich in die Stadtverordnetenversammlung wählen lassen. Im Gespräch mit dem LAUFPASS gibt die 33-jährige Bremerhavenerin einen Einblick in ihre Arbeit und erzählt von den Dingen, die sie verändern oder völlig neu denken möchte.

WER SIND SIE? WAS HABEN SIE BISHER GEMACHT?
Ich bin in Bremerhaven geboren und auch hier zur Schule gegangen. Durch ein Austauschprogramm in den USA und ein FSJ in Südafrika, habe ich schnell gemerkt, wie gern ich reise, um neue Orte und Menschen kennenzulernen. Deshalb hatte ich mich auch dazu entschlossen, nach der Schule International Cruise Industry Management an der Hochschule Bremerhaven zu studieren. Die Liebe zum Reisen und zum Meer liegt mir wohl so ein bisschen im Blut.

Ich bin dann ein halbes Jahr mit einem Kreuzfahrtschiff zur See gefahren und viel rumgekommen. Ich war in Alaska und der Karibik. Das war sehr schön, aber bei meinen Reisen ist mir aufgefallen, wie der Kreuzfahrttourismus sich auf die einzelnen Reiseländer, speziell die Hafenregionen, auswirkt. Es wird immer gesagt, dass der Kreuzfahrttourismus so viel Geld in die Kassen der Einwohner spült. Allerdings haben die einzelnen Reiseveranstalter Deals mit bestimmten Geschäften an Land, die zu amerikanischen Ketten gehören und eigentlich bekommen nur die das Geld. Das hat mich irgendwie gestört und ich habe angefangen, das Ganze ein wenig kritischer zu sehen. Zusätzlich sind mir die ungleichen Arbeitsbedingungen an Bord aufgefallen und wie sehr Flora und Fauna unter dem starken Kreuzfahrttourismus leiden.

Nach meinem Studium war für mich klar, dass ich auf jeden Fall keinen Bürojob machen möchte. Während des Grundstudiums reiste ich noch einmal zurück nach Südafrika und verbrachte ein weiteres Auslandssemester in Cádiz. Spanien hat mir so gut gefallen, dass es mich anschließend nach Valencia verschlagen hat. Da habe ich den Master „Gründung und Führungvon innovativen Technologie basierten Unternehmen und Projekten“ studiert. Das war während der spanischen Wirtschaftskrise und es gab fast jeden Tag große Demos. Ich kann mich gut an die Demo am 15. Mai erinnern, nach welcher viele öffentliche Plätze für Monate besetzt blieben, da viele Menschen in der Zeit ihr Zuhause verloren. Die Menschen demonstrierten friedlich und trafen oft auf ziemliche Härte der Polizei.

Während des Masters arbeitete ich in einem kleinen Start-up-Unternehmen. So bin ich auch mit den Konzepten des Innovationsmanagements und des Crowdsourcings in Berührung gekommen. Dabei ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, die kleinen Leute zu ermächtigen, ihnen eine Stimme zu geben und Kooperationen zu fördern. Mit „becode my friend“, sie nannten sich den „punk incubator ohne Regeln“, habe ich mich dann mit dem Thema Vernetzung auseinandergesetzt und eine App namens „Crewzable“ entworfen, die Crew Mitglieder von verschiedenen Kreuzfahrtschiffen zusammenbringen soll, damit sie sich austauschen und treffen können, falls man mal im selben Hafen landet. Und noch ein paar weitere Gimmicks. Durch die Krise gingen die becode Inhouse-Projekte den Bach runter und das Team machte eine Fahrradreparatur-Garage und Nachbarschaftshilfe neben dem Hauptgeschäft der IT-Programmierung auf.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland verfolgte ich Crewzable etwas weiter und nahm an verschiedenen Wettbewerben teil, meist in Hamburg. So lernte ich dort viele engagierte Menschen und Gründer in der Start-up-Szene kennen. In einem Gründer-Wochenende wurde mir zum Beispiel von dem Xing-Gründer Lars Hinrichs mit einem Augenzwinkern, vorgeschlagen, die Crewzable App auch für Touristen zu konzipieren, da das gewinnbringender wäre und ich somit ein größeres Investment bekäme. Das habe ich aber abgelehnt. Ob das gut oder blöd war, weiß ich bis heute nicht.

In Bremerhaven gründete ich die „Ich lehe es“- Plattform, die zur positiven Entwicklung des Stadtteils beitragen soll. Eine Karte des Stadtteils auf der Ideen vermerkt werden konnten und man Stimmen für seine Ideen sammeln könnte. Hierzu gab es Ideenworkshops, in welchen wir viele Kreativmethoden ausprobierten und entwickelten, um kollektiv kreativ in Lehe zu wirken. Nebenbei hatte ich einen Job bei der Kulturinsel. Den Start-up-Vibe wollte ich aber gerne nach Bremerhaven holen und fing an ein erstes Start-up-Weekend zu planen, was sich 2015 dank eines super Teams realisieren konnte.

WAS SIND IHRE POLITISCHEN LEITGEDANKEN?
Man sollte sich für die Dinge einsetzen, hinter denen man steht, denke ich. Die Gelegenheit dazu bot sich mir, als ich Stadtteilsprecherin in Lehe war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Politik und die Bürger, die sie betrifft, zu sehr voneinander getrennt waren. Mitspracherecht und Bürgerbeteiligung waren mir daher besonders wichtig. Aber ohne die Politiker geht es nicht. Leider haben die nur selten auf unsere Anfragen reagiert, das hat mich sehr gestört. Kurz darauf ging es dann mit der Initiative „Meeresgestrüpp“ los, um die Bebauung des „Leher Dschungels“ zu verhindern. Hier habe ich dann eine Seite der Politik kennenlernen müssen, die mir gar nicht gefallen hat. Während der Debatte um das Bauprojekt wurde dann, anstatt das eigentliche Thema zu diskutieren, von einigen Politikern meine Person beziehungsweise mein Arbeitsverhältnis beim AfZ (Anm. d. Red.: Arbeitsförderungszentrum) zum Gegenstand gemacht. Das war schon ziemlich befremdlich. Da habe ich gemerkt, dass andere Meinungen nicht gern gesehen sind in Bremerhaven. Überhaupt haben mir schon viele Leute gesagt, dass sie sich nur ungern politisch positionieren, aus Angst, hier später berufl iche Konsequenzen tragen zu müssen. Das hört man nicht gern.

WAS IST WICHTIG FÜR SIE?
Es muss mehr für Bremerhavener getan werden. Es geht bei vielen Bestrebungen darum, neue Leute in die Stadt zu holen und Touristen zu versorgen. Dabei werden aber leider die Leute vergessen, die bereits hier sind. Soziales Engagement ist mir besonders wichtig. Genau hier muss angesetzt werden. Die Politik muss soziales Engagement fördern und die Institutionen unterstützen, die sich in diesem Bereich stark machen. Ich selbst arbeite freiberuflich für das bfw (Anm. d. Red.: Berufsförderungswerk). Hier betreue ich syrische Flüchtlinge im Einzelcoaching. Ich helfe ihnen bei Bewerbungen oder Anträgen, damit sie sich selbst verwirklichen können. Im Pädagogischen Zentrum arbeite ich mit älteren Menschen in Alphabetisierungskursen zusammen, hier interessieren mich besonders innovative Lernformate wie Lern-Cafés und kontextbasiertes Lernen.

WAS MÖCHTEN SIE IN DER POLITIK BEWIRKEN?
Zunächst einmal habe ich keinen Bock auf dieses Gegeneinander der Parteien in der Politik. Deshalb möchte ich parteilos sein. Ich bin der Meinung, dass wir den gesamten Gehirnschmalz der Leute brauchen und deshalb auch Gegenpositionen diskutiert werden müssen. Zusammenarbeit ist da essentiell. Bürgerbeteiligung ist äußerst wichtig, damit die Menschen ihr Handlungspotential erkennen und nutzen. Deshalb brauchen wir eine Art Liquid Democracy (Anm. d. Red.: eine Mischform von repräsentativer und direkter Demokratie), bei der die Wähler auch genau für die Sachen stimmen können, die sie wollen. Zuletzt müssen sich die Politik und ihre Repräsentanten Fehler eingestehen und Verantwortung übernehmen. Transparenz ist da unglaublich wichtig.

WAS WÜNSCHEN SIE SICH SPEZIELL FÜR BREMERHAVEN?
Ich wünsche mir einfach mehr Demokratie. Erste Schritte in diese Richtung gibt es bereits mit dem Bündnis für die Bürgerschaft WIR (Anm. d. Red.: Willkommen in der Realität). Auch Bildung ist natürlich ein zentrales Thema. Die Entwicklung von alternativen und innovativen Schulformaten interessiert mich. Dazu habe ich noch viele weitere Ideen, beispielsweise für Begegnungs- und Sportstätten in der Stadt, ein Konzept, das ich in Spanien oft gesehen habe und das sich großer Beliebtheit bei den Bürgern erfreut hat. Ein Sozialticket für Menschen mit niedrigem Einkommen, damit sie am kulturellen Leben in der Stadt teilhaben können. Bremerhaven als Pilotstadt für bedingungsloses Grundeinkommen, wäre auch noch eine nette Idee. Letztendlich ist aber mein größter Wunsch, dass mehr Bremerhavener sich in genau die Entscheidungsprozesse mit einbringen, die solche Konzepte auf den Weg bringen. Dafür setze ich mich ein. Auch wenn ich mich ehrlich gesagt weniger als Politikerin, sondern als Macherin begreife.



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