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// Gesellschaft
11.05.2012
Von: vc

Die Veränderung der Schreibkultur – Macht uns die Technik dumm?

Von den ersten Kreidezeichnungen an den Wänden der Höhlen unserer Vorfahren bis hin zu heutigen Tablet-PCs spannt sich über dem Zeitalter der Schrift ein großer Bogen von Schreibgeräten und Medien. Stein, Holz, Papyrus, Kohle, Kreide, Grafik, Feder, Tinte, Kugelschreiber, Schreibmaschine, Computer, Tablet-PCs und schließlich Spracherkennung. Keine Frage: Die sich stetig verbessernden Technologien vereinfachen das Schreiben. Doch wie verändert die eingesetzte Technologie den Prozess des Schreibens, des Denkens und das Ergebnis?


Vom Füller zum Tablet, wie verändert die moderne Technik unser Schreibverhalten? (Foto: PR / LAUFPASS)

Vom Füller zum Tablet, wie verändert die moderne Technik unser Schreibverhalten? (Foto: PR / LAUFPASS)

Der Medienwissenschaftler Neil Postman („Das Technopol“) postulierte, dass jede Technologie auch eine eigene Ideologie verkörpere, sie unterstütze oder hervorbringe. Er kritisierte moderne Kommunikationsmittel und Unterhaltungstechnologien, sah in ihnen Verdummungs- und Ablenkungsmedien, die die kulturelle Entwicklung der Menschheit beschädigen würden. Was Postman wohl über Internet und Smartphones gesagt hätte? Sicher nichts Gutes.

Die neuen Technologien verändern unsere Welt grundlegend, unmerklich und andauernd. Auch unsere Schreibkultur hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Vom Schreiben mit Tinte und Feder bis zum PC war es ein langer Weg. Dabei veränderten sich nicht nur die eingesetzten Geräte. Das Schreiben an sich veränderte sich. Wer heute einmal versucht, einen mehrseitigen Brief mit einem Füller zu schreiben, erfährt sofort, wie sich durch die Nutzung von Computern das Schreiben verändert hat. Die Möglichkeit, jede Formulierung zu revidieren, jeden Ansatz zu korrigieren, ermöglicht es uns heute, eher experimentell als konzeptionell zu schreiben. Beim Schreiben mit Feder und Tinte oder einem anderen Stift ist es ratsam, sich zuvor zu überlegen, was man schreiben möchte – sonst mündet der Schreibakt in ein unlesbares Chaos von Korrekturen.

Lieber Herr Müller / Werter Herr Müller / Hallo Herr Müller – am Computer können wir die Wirkung unserer Formulierungen sofort erlesen und überprüfen. Das hat Vorteile. Wir können alles ausprobieren. Vorteile mit Nachteilen: Moderne Schreibtechniken entlasten den Geist von Arbeit und Übung, an der er wächst, entlastet uns von der ansonsten notwendigen Konzentration und Sammlung, die für ein geschmeidiges Schriftdeutsch erforderlich ist. Die Kopfarbeit wird weniger. Wer handschriftlich schreibt, muss vorausschauend denken. Denn der Rückweg ist versperrt und kann schlussendlich nur durch komplett neues Formulieren beschritten werden.

Ein ganz anderer Verlust wird von Pädagogen beklagt, die zunehmend auf die Vermittlung verbundener Schrift verzichten: Das Erlernen der Handschrift ist als Kulturtechnik nämlich zugleich ein wichtiges Training für die Feinmotorik. Einen Stift so zu führen, dass ein flüssiges und lesbares Schriftbild entsteht, erfordert Übung und schult die Koordination. Zwar bieten die Grundschulen immer noch verbundene Schreibweisen der Schreibschrift an – am Ende aber reicht es aber, wenn Schülerinnen und Schüler korrektes Deutsch in Druckbuchstaben schreiben können.
Das bedeutet nicht, dass früher alles besser war, als wir gezwungenermaßen unsere Gedanken sortieren mussten, bevor wir sie zu Papier brachten. Denn jedem vermeintlichen Verlust an Kulturtechniken mit ihren Implikationen und stimulierenden Wirkungen auf den menschlichen Geist steht in der Regel auch ein Bündel an Vorteilen gegenüber. Die Fertigkeit der jungen Generationen im Umgang mit Technologie, mit modernen Benutzer-Interfaces wie Computer-Mäusen, Pads, Sticks oder auch der Gerätebedienung durch Sprache und Gestus sind enorm. Und die Veränderungen der Kommunikationsformen haben eher dazu geführt, dass junge Menschen heute wieder mehr als weniger schreiben. SMS, Chats, Mails haben aufgrund ihrer einfachen Nutzung Milliarden Menschen zu (Kurz-)Briefschreibern gemacht. Gut – in der Regel geht es dabei um Informationsaustausch in kurzer Textform – aber immerhin belegt die aktuelle Entwicklung, dass wieder mehr geschrieben als telefoniert wird. Die modernen Zeiten erzwingen Kommunikationseffizienz. „Komme später – liebe Dich“ – ist die komprimierte Form von: „Liebste Gefährtin, mein Herz, meine Liebe. Bin verhindert, durch unerwartete Umstände; mein Herz fliegt Dir zu, ich folge ihm später. Immer Dein...“ oder so ähnlich!

Statistisch gesehen kommunizieren wir also derzeit erheblich mehr auf schriftlicher Basis als noch vor einigen Jahren. Kurz und knackig sind die Botschaften. Selten lyrisch, zumeist nicht eloquent aber doch immer häufiger in Schriftform. Und dank weit verbreiteter Korrekturprogramme auf PC und Smartphone erlernen die Menschen dabei sogar eine gewisse Orthografie.

Und folgen wir den Szenarien aus der Kommunikations-Forschung, dann werden sich auch in Zukunft jene Technologien durchsetzen, die das Festhalten von Gedanken und Worten auf rationellste Art und Weise ermöglichen – denn Zeit ist Geld: Schon heute nutzen Menschen, die große Mengen an Texten verfassen – beispielsweise Anwälte – Diktier- oder Spracherfassungsprogramme. Sind diese erst einmal auf den Sprecher geeicht, sind die Ergebnisse der direkt im PC in Schrift konvertierten Diktate bestechend. So wird in naher Zukunft die Schreibkultur wieder mehr zu einer Sprechkultur – auch für all jene, die keine Sekretäre haben, welche Diktate vom Diktafon abtippen würden.

Die nächste Evolutionsstufe in der Verbindung von Mensch und Maschine und damit auch in der Kommunikationskultur ist seit Jahrzehnten Gegenstand der Forschung in aller Welt. Es geht um die Entwicklung eines Brain-Computer-Interfaces (BCI), der Verbindung zwischen Mensch und Maschine, die es ermöglicht, dass wir die Maschine mit unseren Gedanken steuern und späterhin füttern können. Bereits heute profitieren Menschen mit Behinderungen von ersten Entwicklungen der BCI-Forschung. In wenigen Jahren werden wir mit neuen Möglichkeiten konfrontiert werden und die Frage nach der Veränderung ganz anders stellen – vielleicht so: „Die Veränderung der Denkkultur – machen uns die Maschinen verrückt?“

Weitere Informationen unter:
www.golem.de/specials/bci/


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