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// Wirtschaft
14.11.2018
Von: sl

Fair-waschen: Keine effektiven Bestrebungen für eine faire Textilindustrie

Kleider machen Leute. Aber wie geht es den Leuten, die die Kleider machen? Sie arbeiten für Hungerlöhne, leben teils unter dem Existenzminimum und sind täglich großen Sicherheits- und Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Das Bündnis für nachhaltige Textilien soll ihre Situation verbessern – doch es fehlt politischer und gesellschaftlicher Druck.


Fair-waschen (Foto: ILO/Aaron Santos (International Labour Organization) – keine Änderungen vorgenommen

Die Menschen in der westlichen Konsumgesellschaft zerbrechen sich ständig den Kopf über ihr Äußeres, erweitern stets je nach Trend ihren bereits prall gefüllten Kleiderschrank und stehen täglich vor Fragen wie „Passen die Schuhe zu dem Kleid?“ oder „Kann ich den Blazer so tragen oder ist das zu billig?“. Denn billig aussehen darf es auf keinen Fall. Aber billig sein muss es trotzdem. Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov finden 51 % der Konsumenten einen Preis von mindestens zehn Euro für ein T-Shirt in Ordnung, 29 % halten einen Mindestpreis von fünf Euro bereits für vertretbar. Diese Haltung passt ganz und gar nicht zu den Befragungsergebnissen zu fairen Produktionsbedingungen in der Textilbranche: 40 % der Befragten stuften diese als „sehr wichtig“ ein, 46 % als „eher wichtig“. Faire Produktion ist also durchaus gewollt, den Preis dafür will jedoch niemand bezahlen. Wirklich überraschend sind die Ergebnisse der Befragung nicht. Wohl niemand gibt öffentlich zu, dass ihm schlechte Arbeitsbedingungen, miese Bezahlung und Sicherheitsrisiken – also die Standards, die in den Produktionsländern wie Bangladesch und Myanmar (s. LAUFPASS Nr. 52) vorherrschen – egal sind.

Freiwilliges Bündnis für nachhaltige Textilien

Nachdem es in Bangladesch und Pakistan, zwei der Hauptproduktionsländer in der Textilindustrie, vermehrt zu tödlichen Unfällen gekommen war, drängte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller auf die Gründung eines Bündnisses für nachhaltige Textilien. Im Oktober 2014 wurde das Bündnis schließlich ins Leben gerufen, Mitglieder aus Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Gewerkschaften und Organisationen gehören ihm an. Auf freiwilliger Basis. „Grundsätzlich gilt, dass die Mitgliedschaft im Bündnis freiwillig und damit eine strategische Entscheidung jedes Mitglieds ist“, erklärt Dr. Jürgen Janssen, Leiter des Bündnissekretariats.

Adidas, Puma, H&M, C&A, Primark, KiK – viele namhafte Hersteller sind Mitglieder in dem Bündnis. Über die drei Säulen „individuelle Verantwortung“, „gemeinsames Engagement“ und „gegenseitige Unterstützung“ will das Bündnis Verbesserungen entlang der gesamten Lieferkette herbeiführen. Dabei gibt es keine vorgegebenen Mindeststandards, an die sich alle halten müssen. Vielmehr muss jedes einzelne Unternehmen eine individuelle Roadmap umsetzen. Es zählen in erster Linie die Prozesse, nicht die absoluten Zahlen.

Die Inhalte ihrer Roadmaps mussten die Mitglieder in diesem Jahr erstmals offenlegen. Dabei trat zutage, wie weit die Bestrebungen auseinandergehen – und, dass man nicht nachhaltig agieren muss, um einem Bündnis für nachhaltige Textilien anzugehören. Ein Beispiel dafür liefert der deutsche Textildiscounter KiK, der jährlich zwei Milliarden Euro umsetzt. KiK hat sich zum Ziel gesetzt, den Anteil nachhaltiger Baumwolle in seinen Produkten zu erhöhen – auf magere 0,45 %. „Die Angabe 0,45 Prozent mag auf den ersten Blick wenig klingen. Doch wenn wir den Anteil an nachhaltiger Baumwolle auf 0,45 Prozent steigern, bedeutet dies eine Erhöhung um 1000 Prozent. Oder in absoluten Zahlen ausgedrückt eine Erhöhung von 14 Tonnen nachhaltiger Baumwolle auf 151 Tonnen“, begründet das Unternehmen KiK auf Nachfrage des LAUFPASS seine überschaubare Zielsetzung.

Das Bündnis für nachhaltige Textilien wird bereits seit längerem kritisiert. Uwe Kekeritz, Sprecher für Entwicklungspolitik der Partei Bündnis 90/Die Grünen, mahnte bereits vor zwei Jahren in einer Pressemitteilung: „Müllers Bündnis nützt der Industrie mehr als den Menschen in den Produktionsländern. Die Initiative ist ein Geschenk an die Unternehmen. Als nach dem Einsturz der Rana Plaza-Gebäude der Ruf nach gesetzlichen Regelungen laut wurde, half Minister Müller mit der Gründung des Bündnisses, gesetzliche Bestimmungen zu umgehen statt solche zu schaffen.“ Ferner bezeichnete er das Bündnis als „staatlich gefördertes Fair-washing“. KiK widerspricht den Vorwürfen vehement: „Das Textilbündnis ist eine wichtige Initiative, bei der alle Anspruchsgruppen, Unternehmen, Regierung und Zivilgesellschaft, sich verpflichtet haben, gemeinsam an der Verbesserung der Produktionsbedingungen mitzuwirken.“

Kürzlich erneuerte Kekeritz seine Kritik und nahm dabei auch den Staat in die Pflicht: „Während andere Länder Unternehmen gesetzlich dazu verpflichten, Maßnahmen für bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen und darüber zu berichten, versäumt es die Bundesregierung, die deutsche Wirtschaftspolitik nachhaltig auszurichten. Schon jetzt zeichnet sich ab: etliche Unternehmen nutzten das Bündnis als Feigenblatt, ohne die eigenen Produktionsprozesse zu verbessern.“ Daran soll sich nach Bündnisangaben bald etwas ändern. „Ab dem nächsten Jahr müssen alle Mitglieder konkrete Maßnahmen mit dem Ziel existenzsichernder Löhne in ihren Roadmaps formulieren und umsetzen“, sagt Dr. Jürgen Janssen. Bis 2020 sollen alle Mitglieder zu mindestens 35 % nachhaltige Baumwolle verwenden.

Bundesregierung setzt vorerst auf Freiwilligkeit

Wer die Forderung nicht einhalten kann oder will, kann jedoch einfach austreten. Das Bündnis ist bereits stark geschrumpft. Aus den knapp 200 Mitgliedern, die noch vor zwei Jahren dazu zählten, sind rund 130 geworden. Trotz des schleppenden Prozesses und der negativen Entwicklung hält die Bundesregierung die Finger still. Wie aus der Antwort auf eine kleine Anfrage von Abgeordneten der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hervorgeht, werden konkrete politische Schritte „erst dann eingeleitet, soweit die Maßnahmen innerhalb des Textilbündnisses nicht die erwarteten Wirkungen bezüglich der Einhaltung von Umwelt- und Menschenrechtsschutz in der globalen Textilkette zeigen sollten.“ Auf die Frage nach weiteren Maßnahmen erklärte die Regierung, man äußere im Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte (NAP) Erwartungen an alle Unternehmen, „ihrer Sorgfaltspflicht in der Achtung der Menschenrechte nachzukommen“. Heißt: Gesetzliche Vorgaben gibt es nicht – und wird es mindestens bis zum Ende des NAP 2020 nicht geben.

Doch ohne den Druck durch verbindliche politische Regulierungen und gesellschaftliche Bestrebungen droht das Vorhaben einer Verbesserung der Bedingungen in den Produktionsländern der Textilindustrie weiterhin zu scheitern. Dass es nicht bei dieser Situation bleiben muss, beweist die Reaktion von KiK. Das Unternehmen zeigt sich für die Einführung gesetzlicher Vorschriften gesprächsbereit: „Diesem Ansatz stehen wir sehr offen gegenüber. Verbindliche Regeln tragen dazu bei, dass die Wettbewerbsbedingungen für alle Anbieter gleich sind.“

Die Produktion nachhaltiger Baumwolle hält grundlegende Sozial- und Arbeitsnormen (Sozialleistungen, Gesundheits- und Sicherheitsvorgaben, Arbeitszeitbegrenzung, Verbot von Kinderarbeit) der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ein und schont die Umwelt (u.a. durch reduzierten Wasserverbrauch, Vermeidung von Bodenerosion, Wahrung geschützter Naturräume). Der Nachweis erfolgt über anerkannte Standards wie BCI, GOTS, Cotton made in Africa, IFOAM-Standards, IVN Best und Fairtrade.

Mehr Informationen unter
www.textilbuendnis.com


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