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// Gesellschaft
14.11.2018
Von: sl

Gefährliches Superfood

Wie ein Ernährungstrend Natur und Gesundheit schadet.


Gefährliches Superfood (Fotos: Mopic/shutterstock.com | Protasov AN/shutterstock.com)

Gefährliches Superfood (Fotos: Mopic/shutterstock.com | Protasov AN/shutterstock.com)

Das Produkt „Gesundheit“ hat sich in den letzten Jahren für die Wirtschaft als riesige Goldgrube erwiesen. Gaben die Deutschen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 1992 pro Kopf jährlich noch umgerechnet 1.980 Euro für ihre Gesundheit aus, waren es 2016 bereits 4.330 Euro. Der Markt wird immer größer: Fitnessstudios schießen wie Pilze aus dem Boden, Nahrungsergänzungsmittel werden den Anbietern förmlich aus der Hand gerissen, wir machen Detox-Kuren mit speziellen Säften, ernähren uns von Bio-Produkten und Superfood. Leidtragende des Gesundheitswahns ist die Natur.

Vermeintlich gesundheitsbewusste Ernährung hat sich in der jüngsten Vergangenheit zu einer Art Religion entwickelt, deren Anhänger beim Einkauf gar fanatisch nach Trend-Lebensmitteln mit Bio-Zertifikaten, Vegan-Siegeln oder Öko-Labeln Ausschau halten. Eine Entwicklung, die sich die Wirtschaft zunutze macht: Nach Angaben des Bundes für Ökologische Lebensmittelwirtschaft hat der Umsatz mit Bio-Produkten 2017 erstmals die 10-Milliarden-Euro-Marke geknackt. In den letzten Jahren sind die Zahlen kontinuierlich gestiegen.

Der Trend zu Bio- und Gesundheitsprodukten wird längst nicht mehr nur in den Bioläden ausgelebt. Auch in den normalen Supermärkten werden die Abteilungen immer größer, die Regale voller und die Auswahl außergewöhnlicher: Quinoa aus den Anden, Krillölkapseln aus der Antarktis, Avocados und Chiasamen aus Mexiko – hierzulande ist mittlerweile alles erhältlich, von dem man sich einen gesundheitlichen Nutzen verspricht. Alles, was unter das neue Modewort „Superfood“ fällt. Ob als Gemüse, Obst oder in Pillen- bzw. Pulverform, spielt dabei keinerlei Rolle. Gerade Superfood wird in Deutschland immer beliebter. Wie das Marktforschungsunternehmen IRI in einer Analyse feststellte, ist die verkaufte Menge an Chiasamen alleine von 2015 auf 2016 um 154,8 % angestiegen. Die Verkäufe von Quinoa (50,8 %), Amaranth (90,8 %), Matcha-Tee (247 %), Kokosmehl (221,3 %) und Mandelmehl (257,6 %) schossen im selben Zeitraum ebenfalls regelrecht in die Höhe.

Avocado, Chiasamen und Krillöl beschleunigen die Ausbeutung der Natur

Vom gegenwärtigen Gesundheits- und Ernährungswahn bleibt die Natur keineswegs unberührt. Denn während sich die Konsumenten von den Lebensmitteln mehr Gesundheit versprechen, wird die Natur immer kränker. „Die traditionelle Landwirtschaft wird immer stärker verdrängt und durch eine intensivierte Landwirtschaft ersetzt, welche Nachteile für die Natur birgt“, erklärt Gertraud Huisinga von der Verbraucherzentrale. Die Folgen gehen weit über den transportbedingten CO2-Ausstoß hinaus. So werden beispielsweise für die Produktion von einem Kilogramm Avocados (etwa drei Stück) 1.000 Liter Wasser benötigt – fünfmal so viel wie bei Tomaten. Ungeachtet dessen hat sich der Import von Avocados in Deutschland in den letzten Jahren vervielfacht: Nach einer Statistik des Statistischen Bundesamtes wurden 2018 noch 19.259 Tonnen Avocados importiert, 2016 bereits 59.385 Tonnen. Mit dieser Entwicklung hat die Natur im Hauptanbauland Mexiko zu kämpfen. Dort werden für neue Avocado-Plantagen zum Teil illegal riesige Waldflächen abgeholzt – laut der mexikanischen Umweltorganisation Gira jährlich etwa 1.500 bis 4.000 Hektar.

Auch der Chia-Anbau hinterlässt einen großen ökologischen Fußabdruck. Weil die Nachfrage und damit auch die Produktionsmenge in der Vergangenheit so rasant angestiegen sind, mangelt es in den Anbaugebieten an Wasser. Zudem setzen die Bauern hier häufig Pestizide wie Diquat und Paraquat ein, wie eine Untersuchung von Öko-Test unter Beweis stellte. Bei einigen Marken wurden sogar die Rückstandshöchstmengen von Pestiziden überschritten. Die Produkte schaden damit nicht nur der Natur, sondern auch dem unwissenden Verbraucher. „Zusätzlich kommt es zu einer Verschmutzung des Grundwassers durch die Pestizide“, weist Huisinga auf die Gefahren für die Menschen in den Anbauländern hin. Hinzu komme, dass sich durch die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft die Fruchtbarkeit der Böden verschlechtert und die Produkte in den Herkunftsländern durch den gesteigerten Export rar und teuer werden. Dies sei beispielsweise in Bolivien der Fall, wo Quinoa seit Jahrtausenden als Grundnahrungsmittel dient.

Auf der Suche nach neuen Wundermitteln sind die Menschen selbst in eines der entlegensten Gebiete der Welt vorgedrungen: vor der Antarktischen Halbinsel wird nach Krill gefischt. Krill ist ein kleines Krebstier, das in großen Schwärmen lebt und als Schlüsselart im antarktischen Ökosystem größeren Tieren wie Walen und Pinguinen als Nahrungsquelle dient. Den Menschen neuerdings auch: wegen des hohen Gehalts an Omega-3-Fettsäuren gilt Krillöl besonders fürs Herz als gesundheitsförderndes Nahrungsergänzungsmittel und passt damit perfekt zum gegenwärtigen Ernährungstrend. Dass durch die Befischung ein ganzes Nahrungssystem in Ungleichgewicht gebracht werden könnte, wie Greenpeace in der Studie „Licence to Krill“ warnt, hindert die Krillfischer nicht.

Raubbau an der Natur ohne gesundheitlichen Nutzen?

Für die vermeintlich gesunden Produkte wird offenkundig Raubbau an der Natur betrieben. Und das, obwohl nach Angaben der Verbraucherzentrale gerade für die positive Wirkung von Superfood überwiegend die wissenschaftlichen Belege fehlen. So erschienen zuletzt Studien, laut denen Omega-3-Fettsäuren ihrem Ruf als Allheilmittel gar nicht gerecht werden. Das internationale Wissenschaftsnetzwerk Chochrane hat 79 Studien mit insgesamt 112.059 Teilnehmern in einem Review zusammengefasst und kam zum Ergebnis: der erhöhte Verzehr von Omega-3-Fettsäuren ist im Vergleich zum normalen bzw. niedrigeren Verzehr für das Herz-Kreislauf-System weitgehend nutzlos. Dieses Ergebnis passt zu den Untersuchungen von Forschern der University of Toronto, wonach bis auf Folsäure kein Nahrungsergänzungsmittel das Risiko für Herzkrankheiten senke. „Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn sich Verbraucher mehr für ihre Ernährung interessieren, was möglicherweise auch durch diesen Trend verstärkt wurde. Allerdings sind die Superfoods nicht für eine ausgewogene Ernährung notwendig. Eine gemüse- und obstreiche Kost mit vielen Vollkornprodukten reicht für eine gesunde Ernährung vollkommen aus“, sagt Huisinga.

Bei allem Hype um Gesundheitsprodukte empfiehlt die Verbraucherzentrale, Superfood mit Vorsicht zu genießen. Sie verweist beispielsweise in Bezug auf Chiasamen auf die Sicherheitsbewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittel (EFSA), die 2005 auf zwei Aspekte hinwies: Das Saatgut wird mit Pflanzenhormonen behandelt, damit die Pflanzen zeitgleich keimen und der Boden wird vor der Aussaat mit dem Herbizid Trifluralin von Unkraut befreit. Trifluralin ist seit über zehn Jahren in Europa verboten. Es steht im Verdacht, krebserregend zu sein.


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