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// Gesellschaft
14.11.2016
Von: Michaela Siemers

Gefahr aus dem WC – Immer mehr Menschen missbrauchen ihre Toilette als Mülleimer – mit Folgen für die Kanalisation, die Wasseraufbereitung und die eigene Gesundheit

Rund 1600 km Strecke muss man hinter sich legen, wenn man das Bremerhavener Kanalisationsnetz ablaufen möchte. Das wären bei normalem Gehtempo etwas über 13 Tage, die man dort unten verbringen würde. Zu tun gibt es für die Kanalarbeiter also immer genug. Sogar mehr, als eigentlich nötig wäre, würden die Einwohner der Stadt die Toiletten nicht als Mülltonnen missbrauchen.


Gefahr aus dem WC (Fotos: khuruzero/shutterstock.com | Andrei Kuzmik/shutterstock.com)

Gefahr aus dem WC (Fotos: khuruzero/shutterstock.com | Andrei Kuzmik/shutterstock.com)

In Bremerhaven sind sowohl das Misch- als auch das Trennsystem verbaut. Das heißt, dass in einigen Bereichen Regen- und Abwasser gemeinsam oder aber in zwei unterschiedlichen Kanälen gesammelt wird. Beim Trennsystem geht das Regenwasser direkt wieder in das öffentliche Gewässer und das Abwasser wird zur Kläranlage transportiert. Beim Mischsystem landet alles im Klärwerk.

Das Prinzip der Kanalisation war ursprünglich so ausgelegt, dass das Regenwasser und das Abwasser aus den Häusern und Fabriken die Rohre durchspülen und so sauber und frei halten. Das Selbstreinigungsprinzip erfuhr aber einen Dämpfer: Durch die seit Jahren propagierte Wassereinsparung fließt in regenarmen Zeiten nur noch ein Rinnsal durch den Kanal. Dieses Rinnsal kann die großen und oftmals schweren Müllfetzen nur mühsam vorantreiben.

Es bleibt also nichts anderes übrig, als Menschen in die Kanalisation zu schicken, um die Rohre freizuhalten. Ausgerüstet mit wasserfester Kleidung, Lampen und Werkzeug machen sich die Arbeiter auf den Weg unter den Asphalt. Ein Hochdruckgerät schiebt mit dem (gesparten) Wasser den Müll durch die Gänge. Das leichte Gefälle lässt dann alles im Klärwerk enden. Während die Kanalarbeiter durch die Kanalgänge laufen, kontrollieren sie gleichzeitig, ob die Wände instand sind, spritzen die Wände ab, um giftige Gase und Ablagerungen zu vermeiden und kümmern sich um Reparaturen. Wenn der Kanal zu klein für die Menschen ist, werden ferngesteuerte Roboter eingesetzt. Mit Licht und Kamera ausgestatten, werden diese von einem Wagen an der Oberfläche aus durch den Untergrund geleitet. Ohne die Straße aufzureißen, können damit die unzugänglichen Rohre kontrolliert, gereinigt und bei kleineren Arbeiten auch repariert werden.

Wenn Wasser und Müll den weiten Weg durch die Kanalisation hinter sich gebracht haben, geht es weiter in das Klärwerk. Grober Schmutz, wie Laub, Hygieneartikel und Handys (jawohl: Handys!), wird in der mechanischen Reinigung über Schotterfang und Rechen entfernt. Auch Feuchttücher, welche eigentlich in den Hausmüll gehören, werden hier aufgefangen. Der Trend, diese Tücher für die Körperhygiene und zur Reinigung im Bad zu nutzen, nimmt zu und somit auch die Anzahl der Tücher, die in der Toilette hinuntergespült werden. Die Rohre sind für diese Mengen an festen Stoffen nicht ausgelegt. Obwohl die Rohre mit enormen Druck das Wasser durchpumpen, verstopfen diese Tücher ständig die Rohre. Es entstehen meterlange Papierstränge, die von den Mitarbeitern im Klärwerk regelmäßig manuell entfernt werden müssen. Das bedeutet Überstunden und hohe Reparaturkosten. Und das nur für Tücher, die gar nicht so gut für den Körper sind wie man denkt: Sie können Allergien und Krankheiten auslösen und die empfindliche Haut reizen. Gesünder sind das altbewährte Toilettenpapier und – noch besser: Bidets.

Sind die größten Fremdstoffe ausgesondert, geht es für das Schmutzwasser weiter zur nächsten Reinigungsstufe. Es wird durch den Sandfang geleitet und gelangt in das Vorklärbecken, wo die restlichen Partikel sich durch eine langsamere Fließgeschwindigkeit absetzen können. Hier kommen Mikroorganismen zum Einsatz. Mit reichlich Sauerstoff zerfressen die kleinen Organismen den Schmutz, bis sie sich als Schlamm am Boden absetzen. Anschließend folgt die dritte und finale Stufe, die chemische Reinigung. Erst jetzt ist das Wasser soweit aufbereitet, dass es in den Fluss zurückgepumpt werden kann. Leider verbleiben noch immer schädliche Stoffe im Wasser, welche uns moderne Produktionsverfahren bescherten: Mikroplastik aus Duschgelen, Zahnpasta und Peelings lässt sich schwer entfernen. Es schadet den Wasserlebewesen und gelangt über die Nahrungskette auch wieder zu uns zurück – im schlimmsten Fall landet es im Fisch auf unseren Tellern. Auch über das Klo entsorgte Medikamente bereiten Probleme – sowohl im Klärwerk als auch in der Tierwelt. Hormonverändernde Stoffe im Wasser verkrüppeln zum Beispiel Hoden und Eierstöcke von Fischen, Antibiotika lassen multiresistente Keime wachsen und genau diese belasteten Fische landen dann im Supermarkt in der Fischtheke.

Die Filtration des Wassers ist durch die große Vielzahl der Verunreinigungen sehr schwierig. Was die einen Organismen sterben lässt, kann die anderen zum Wachstum anregen. Kompromisse müssen wohl oder übel eingegangen werden. Stetige Forschungen, welche Stoffe dem Körper schaden und auch wie die schädlichen aus dem Wasser effektiv und kostengünstig entfernt werden, sind hier unerlässlich.

Die derzeitige Lösung ist eine vierte Reinigungsstufe. Ein Tuchfilter kann etwa 97 % des Mikroplastiks auffangen und 80-90% der Spuren von Medikamenten lassen sich durch Zufuhr von Aktivkohle entfernen. Das würde für den Verbraucher 2,50 Euro bis 25 Euro pro Jahr höhere Abwasserkosten bedeuten. Aber auch die Aufklärung der Ärzte, Krankenhäuser und Arzneimittelhersteller wird in Erwägung gezogen, um den Medikamentenkonsum nur auf das Nötigste zu beschränken und die Verpackungsgrößen anzupassen.

Der Umwelt, der eigenen Gesundheit und dem Geldbeutel zuliebe, sollte man einmal mehr schauen, was man in den Abfluss oder das Klo kippen möchte, welche Artikel man für die Körperhygiene verwendet und ob die Menge der Medikamente vielleicht auch reduziert werden könnte. Es mag zwar in dem Moment bequemer sein, das Fett aus der Fritteuse im heißen Zustand den Abfluss hinunter zu kippen oder unsinnig erscheinen, warum man das Auto nicht mehr vor der eigenen Haustür mit giftigen Chemikalien (auch die Bio-Seife macht es in diesem Fall nicht besser) waschen darf. Aber all diese kleinen Bequemlichkeiten belasten im großen Ausmaße die Umwelt. Das erstarrte Fett verstopft die Rohre, Chemikalien werden ungefiltert in Flüsse zurück geleitet und die Reinigung des Wassers wird immer teurer und aufwendiger. Wir sollten uns lieber einmal mehr darüber informieren, was in den Abfluss darf und was nicht und was sich in unseren Produkten befindet. Oder möchten Sie einen Fisch mit agressiv reinigenden Substanzen, Mikroplastik und Lavendelduft auf dem Teller liegen haben?

Was gehört ins Klo?
Es ist eigentlich ganz einfach: Das WC ist ausschließlich für die großen und kleinen Geschäfte zu nutzen. Einziger nicht natürlicher Stoff, der mit hinein darf, ist das WC-Papier. Alles andere muss über die Müllentsorgung oder Sammelstellen seinen Weg aus dem Haus finden. Die größten Belastungen entstehen in den städtischen Kanalisationen und Kläranlagen durch: Medikamente aller Art, feuchte Reinigungs-, Baby-, Brillen-, Erfrischungs- und Abschminktücher, Farben, Lösungsmittel und Chemikalien, Wattestäbchen, Hygieneartikel, Speisereste, Öl und Fett.

Tipp!
Zur chemiefreien Reinigung der Toilette kann z.B. auch Essig oder Zitronensäure verwendet werden.



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