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07.08.2017
Von: sl

Geschmacklose Machenschaften

Anfang des Jahres beklagten sich die vier Visegrád-Staaten Polen, Tschechien, Ungarn und Slowakei über die Qualität der Lebensmittel, die von westeuropäischen Firmen bei ihnen im Osten vertrieben werden. Im Vergleich zum Westen sei weniger Fisch in den Iglo-Fischstäbchen, weniger Schokolade in der Nutella, in einem Produkt sogar minderwertiges Hühnerfleisch statt Schweinefleisch enthalten. Auf EU-Ebene lösten die Doppelstandards Diskussionen aus. Das Vorgehen der Lebensmittelunternehmen zeigt vor allem eins: Zum Zwecke des Gewinns wird absichtlich auf Qualität verzichtet. Dieses Problem gibt es nicht nur in Osteuropa, sondern auch bei uns in Deutschland – vor allem in der Obst- und Gemüsebranche. Für die Produzenten von Saatgut zählt nur Profit, Vielfalt spielt keine Rolle, Qualität ebenso wenig. Naturprodukte werden immer geschmackloser.


Geschmacklose Machenschaften

Geschmacklose Machenschaften (Foto: wavebreakmedia/shutterstock.com)

Die Welt der Obst- und Gemüsesorten ist eigentlich eine Welt von unvorstellbarer Vielfalt. Schätzungen zu Folge existieren alleine über 20.000 einzelne Tomatensorten, teils mit ähnlichen, teils mit völlig verschiedenen Geschmäckern. Doch von dieser Vielfalt bekommen wir in Deutschland nichts mehr mit. Schon längst hat die Industrietomate den Markt erobert. In der Datenbank des Bundessortenamtes sind aktuell nur 30 für den Handel zugelassene Tomatensorten registriert. Die modernen Marken in den Supermärkten bestehen nur aus Kreuzungen einzelner Sorten – und sie schmecken alle gleich: wässrig und nahezu geschmacklos. So entsteht nur zum Schein eine Sortenvielfalt.

Die Geschmacklosigkeit der Industrietomaten hat sogar schon Wissenschaftler von der Universität Valencia dazu veranlasst, in einer Studie die Gründe zu erforschen. Die Untersuchungen von rund 400 verschiedenen Tomatensorten ergaben, dass bei der Zucht der modernen Tomaten wichtige Gene verloren gehen. Dies betraf zum Beispiel diejenigen Gene, die die Zuckermenge im Fruchtfleisch erhöhen. Außerdem gingen Duftmoleküle verloren, die in der Industriezucht als unwichtig angesehen werden. Der Verlust der Aromastoffe dient den drei einzigen Faktoren, auf die bei der Produktion von Industrietomaten geachtet wird: Die einheitliche Form und Farbe, die Resistenz gegen Schädlinge und die Lagerfähigkeit.

21 Sorten sind als sogenannte Amateursorten zugelassen, sie dürfen zwar erhalten und angebaut, aber nicht gewerblich vertrieben werden. Ein regelrechtes Auf und Ab bezüglich der Zulassung erlebte auch die Kartoffelsorte Linda, die für ihr tiefgelbes Knolleninnere und den besonders intensiven, aromatischen Geschmack berühmt ist. 2004 hatte der Saatgutkonzern Europlant die Sorte von der Saatgutliste streichen lassen. Niemand durfte ihre Saat mehr zur Produktion neuer Kartoffeln verwenden. Das Vorgehen löste Proteste aus – Landwirte und Verbraucher bündelten sich in der Aktion „Rettet Linda“. Der Arbeit der Organisation war es unter anderem zu verdanken, dass die Kartoffel 2010 wieder zugelassen wurde.

Die Konzerne entscheiden, welche Sorten erlaubt sind

Der Fall zeigt, dass die Konzerne über die Sortenvielfalt bestimmen. Monsanto, Bayer und Co. konzentrieren sich auf wenige Sorten Saatgut, ziehen andere dagegen aus dem Verkehr, so der Vorwurf von Verbraucherschützern. Dieses Saatgut können die Hersteller massenweise an die Bauern verkaufen. Die Landwirtschaft ist darauf angewiesen und kann die Samen nicht aus den eigenen Pflanzen gewinnen. Das liegt daran, dass die Hersteller ihre Samen genetisch so modifiziert haben, dass man sie nicht wiederverwenden kann – man spricht von Hybridsaatgut. Die aus diesem veränderten Saatgut wachsenden Pflanzen liefern eben keine Samen für das nächste Jahr.

Das Saatgut wird aber nicht nur auf Unfruchtbarkeit, sondern auch auf Empfindlichkeit gezüchtet. Deshalb bedarf der Anbau einer großen Menge an Düngemitteln und Pestiziden, die ebenfalls von den Saatgutproduzenten vertrieben werden. Damit schlagen sie zwei Fliegen mit einer Klappe – die Landwirte und Verbraucher sind dagegen machtlos. Wenn Unternehmen wie Bayer und Monsanto zu einem Unternehmen verschmelzen, wird die Monopolisierung der Saatgutproduktion ihren Lauf nehmen, kritisieren Umwelt- und Verbraucherschützer. Dann entscheidet ein Konzern, was beim Verbraucher als Endprodukt auf den Tisch kommt. Die Sortenvielfalt wird weiterhin abnehmen.

Die Saatgut-Thematik hat in der Landwirtschaft bereits für Zündstoff gesorgt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Saatgut noch ein öffentliches Gut und wurde von der Wissenschaft in seiner Genetik stetig verbessert. Staatliche Stellen registrierten das Saatgut und stellten es den Landwirten frei zur Verfügung. Nach und nach witterte die Wirtschaft ein lukratives Geschäft. Firmen investierten immer mehr in die Gentechnik, um den maximalen kommerziellen Nutzen zu erzielen und ließen sich ihre Entwicklungen patentieren. Heute dominieren einige wenige Produzenten den Markt.

Von der freien Zugänglichkeit ist nicht mehr viel übrig, der Saatgutverkehr wurde privatisiert. Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft übt scharfe Kritik daran, dass Konzerne über den Zugriff auf Saatgut entscheiden und die Ressourcen blockiert werden. „Hoffnungen, durch vereintes Auftreten ffentlicher Universitäten und Forschungseinrichtungen gegenüber der Privatwirtschaft weiterhin Zugang zu patentiertem Saatgut zu behalten, haben sich in den letzten Jahren zerschlagen. Ebenso die Hoffnung, das Internationale Abkommen über pflanzengenetische Ressourcen (ITPGRFA) werde einen fairen, am Gemeinwohl ausgerichteten Austausch von Zuchtmaterial zwischen privaten und öffentlichen Züchtern aufrechterhalten“, heißt es auf der Homepage der Organisation.

Widerstandskämpfer gegen die Monopolisierung

Viele Menschen wollen sich aus den Zwängen von Bayer, Monsanto und Co. befreien, für mehr Freiheit, Vielfalt und schließlich auch Geschmack kämpfen. 2016 hat die deutsche Wohltätigkeitsorganisation Agrecol die Open-Source-Saatgut-Lizenz präsentiert. Den Verbrauchern soll dadurch ermöglicht werden, Pflanzen mithilfe von freiem Saatgut zu reproduzieren. In diesem Jahr ging mit OpenSourceSeeds ein Dienstleister an den Start, der eine gemeinnützige Alternative darstellen will.

Wenn neue Sorten entwickelt werden, sind diese ungeschützt und können somit auch von Privatunternehmen patentiert werden, die sie gar nicht hergestellt haben. OpenSourceSeeds stattet Saatgut-Produzenten, die sich von den Wirtschaftsriesen fernhalten wollen, mit der Open-Source-Lizenz aus und gewährt rechtlichen Schutz. Das Saatgut wird damit vor Patenten und odifizierungen durch Dritte geschützt und dient dem Gemeinnutzen. Aktuell listet die Open-Source-Datenbank zwei geschützte Sorten: Die Tomate „Sunviva“, eine aromatische, süße Cocktailtomate sowie den Sommerweizen „Convento C“. Die Trauben der Bewegung hängen aber wesentlich höher: „Mit OpenSourceSeeds tragen wir dazu bei, einen nicht-privaten, gemeinnützigen Saatgutsektor aufzubauen. Wir wollen ihn neben dem privaten als zweite Säule der Saatgutversorgung etablieren“, erklären die Verantwortlichen auf ihrer Webseite.


WWW.OPENSOURCESEEDS.ORG
WWW.WELTAGRARBERICHT.DE
WWW.SAATGUTKAMPAGNE.ORG



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