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// Gesellschaft
14.11.2018
Von: bg

Ich muss hier raus Grenzen überwinden – die beschwerliche Reise eines Flüchtlings

Die Gründe für eine Flucht sind zumeist die gleichen: Krieg, Verfolgung, Einschränkungen der Freiheit oder die Verletzung der Menschenwürde. Wenn das eigene Wohl und das der Familie in Gefahr sind, ist die einzige Möglichkeit die Flucht in ein vermeintlich besseres und sicheres Leben. Doch der Weg ist beschwerlichund gefährlich.Kein Trip für Feiglinge. Es lässt sich kaum erahnen, was für Strapazen ein Mensch auf sich nimmt, wenn er dazu gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen.


Die griechische Insel Kos. Für viele Flüchtlinge die erste Anlaufstelle auf dem Weg nach Europa. Fotos: Ann Wuyts – keine Änderungen vorgenommen https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Bahram* (*Name von der Redaktion geändert) ist 23 Jahre alt. Er ist gebürtiger Iraner und lebt zurzeit in einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Er war 19 Jahre jung, als er im Januar 2015 aus seiner Heimat Schiras aufbrach. Geflohen ist er wegen den Repressionen der Regierung. Im Iran herrscht eine strenge Pressezensur und es gibt keine gesetzlich festgelegte Meinungsfreiheit. „Viele Leute sind im Gefängnis, nur weil sie ihre Meinung sagen. Das Staatsoberhaupt steuert alles und alle unter ihm sind nur Marionetten. Der Iran ist wie ein Gefängnis. Es gibt keine Freiheit. Ich darf nicht frei sprechen, nicht frei denken.“

Bahram liebt sein Zuhause. Er vermisst es und seine Familie. „Schiras ist berühmt für seinen Wein“, erzählt er. Trotz der Zustände im Iran, ist er dennoch stolz auf seine Heimat. Zumindest wie es dort gewesen ist und sein könnte. In unserem Gespräch stellt er viele positive Aspekte heraus. Gerade auf die lange Kulturgeschichte des Landes macht er mich Aufmerksam. „Wieso kann ich nicht in meiner Heimat leben? Ich vermisse sie, aber versuche, nicht oft daran zu denken“, sagt er. Seine Familie ließ er zurück. Auf die Frage, was seine Eltern von dem Vorhaben hielten, antwortet er mir: „Natürlich sind meine Eltern traurig, dass ich sie verlasse. Aber sie haben akzeptiert, dass ich nicht im Iran bleiben wollte.“

Warum Deutschland? „Deutschland war nicht mein Ziel, ich wollte einfach nur raus. Ohne Pass konnte ich den Iran nicht legal verlassen, deshalb bin ich geflohen.“ Auf die Frage, wieso er keinen Pass hat, antwortet Bahram dass man im Iran nur einen Pass erhält, wenn man im Militär gedient hat. Außerdem verlangt die Regierung einen gewissen Betrag als eine Art Pfand, wenn man ausreisen möchte. Als Garant dafür, dass man auch wieder zurück kommt.

Nur mit ein paar Kleidern und ein wenig Geld in den Taschen brach er auf. Sein erstes Ziel war die Türkei. Er erreichte den Grenzübergang mit dem Auto. Die letzten Kilometer ging er zu Fuß. Auf dem Bauch kroch Bahram über die schwer bewachte Grenze. Bei ihm war noch eine Familie mit kleinen Kindern. „Wenn die dich sehen, erschießen die dich“, dachte er. Er hatte noch nie solch eine Angst. Angst vor den Konsequenzen seiner Flucht und vor dem was noch kommen mag. Er wusste, es gab nun kein Zurück mehr.

Das nächste Ziel war die Westküste der Türkei. Mittlerweile waren sie insgesamt zu sechst unterwegs. Bahram, drei weitere Iraner und zwei Afghanen. Sie sammelten Geld und kauften sich ein Gummiboot um die gefährliche Reise über das Mittelmeer nach Kos zu wagen. Auf dem griechischen Urlaubsparadies gab es ein völlig überfülltes Flüchtlingslager. Katastrophale Zustände herrschten hier. Die sanitären Einrichtungen waren defekt oder erst gar nicht vorhanden. Es war dreckig und das Essen war nicht gut. Er war drei Tage in dem Lager, das Grundstück durfte nicht verlassen werden und es gab ein striktes Handy Verbot.

Hier wurde Bahram das erste Mal registriert. Er gab einen falschen Namen an, das sollte er tun meinten die anderen Flüchtlinge. Er hatte damals allerdings nicht verstanden wieso. Wahrscheinlich lag das an dem Dublin3 Abkommen, das Flüchtlingen die Weiterreise verwehrt, da sie in dem Land bleiben müssen in denen sie ankommen und registriert werden.

Nach dem Aufenthalt im Flüchtlingslager fuhr Bahram mit einer Fähre auf das griechische Festland nach Athen. Da trafen sie einen Afghanen der sie für 1.000 Euro nach Mitteleuropa bringen sollte. Der Weg führte sie über die berühmte Balkanroute, auf der nach ihm noch viele Flüchtende folgen sollten. Von Griechenland über Mazedonien und Serbien bis an die ungarische Grenze ging es etappenweise. Bezahlte Führer lotsten die Gruppe abwechselnd von einem Punkt zum nächsten. Mit dem Bus, dem Auto oder zu Fuß. „Das war der schwierigste Teil der Reise“, erinnert sich Bahram. „Zwischen Mazedonien und Serbien mussten wir über einen Berg klettern. Es war Nacht und es regnete. Mir war so kalt.“, fügt er hinzu. „Lauft schneller oder wir lassen euch zurück!“ wurde ihnen zugerufen. Auch hier gab es ein Auffanglager, auch hier wurde man registriert – diesmal gab Bahram seinen richtigen Namen an.

Während die Flüchtlinge in Griechenland noch größtenteils sich selbst überlassen wurden, wurde in Ungarn mit ungezügelter Härte versucht, Ordnung in das Chaos zu bringen. „Hier wurden Flüchtlinge geschlagen oder mit Pfefferspray in Zaum gehalten.“, erzählt er mir empört. Auch hier war die Versorgung wieder dermaßen schlecht, dass Reibungen vorprogrammiert waren. Nicht zuletzt, weil so viele unterschiedliche Kulturen aufeinander trafen, meint Bahram. Von Ungarn ist er dann über Österreich nach Deutschland gelangt.

Insgesamt war Bahram fast drei Monate auf der Flucht. Dabei legte er eine Strecke von insgesamt über 5.000 km zurück. Am Ende unseres Gesprächs bittet er mich, auch seine Eindrücke von dem Leben hier in Deutschland zu schildern. Er spricht mit mir über den Argwohn und die Ressentiments, die ihm entgegengebracht werden.

„Ich bin nicht hier wegen des Wohlstands. Was das betrifft, ging es mir nicht schlecht im Iran. Ich will aktiv sein und für meine Ziele und für meine Zukunft etwas tun.“, erklärt er. In Deutschland ist er nun mit neuen Unfreiheiten konfrontiert: „Ich bin genauso ein Mensch wie ihr und dennoch werde ich ausgeschlossen und kann nicht einfach zur Schule oder arbeiten“, klagt er. Da er noch immer keinen Pass hat, kann er nicht zurück, um seine Familie zu sehen. Er hat kaum Freunde und lebt isoliert. Er hat das Glück, bei einer deutschen Familie untergekommen zu sein. Ein Start in die neue Zukunft, ist aber noch nicht möglich. Das frustriert den gebildeten jungen Mann. Er würde sich gerne weiterentwickeln. „Auch wenn ich hier mehr Freiheiten als im Iran genieße, bin ich einsam und erneut Gefangener,“ resümiert er.


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