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// Gesellschaft
15.05.2011
Von: cj

Immer am Limit: Lehrer Ausputzer der Nation?

Nach jüngsten Schätzungen des Deutschen Philologenverbandes (DPhV) fehlen bundesweit bis zu 450.000 Pädagogen, davon zwei Drittel von ihnen in den Fächern Mathematik, Physik und anderen Naturwissenschaften. In Zeiten akuten Lehrermangels unterrichten Förster Biologie, Studenten und Quereinsteiger übernehmen Unterrichtsstunden. Das kann nicht gut gehen, warnen die Lehrerverbände, denn sie verfügen nicht über die nötigen didaktischen und pädagogischen Fähigkeiten, außerdem würden sie, sobald sich ihnen auf dem Arbeitsmarkt besser honorierte Möglichkeiten bieten, den Schuldienst verlassen. Man könne nicht längerfristig auf sie bauen. In ihrer Personalnot sind Lehrer allerdings dankbar für Hilfskräfte, die sich meist aus der Elternschaft rekrutieren. Mütter beispielsweise üben mit den Kindern das Lesen, EDV-erfahrene Väter richten PCs ein, leisten Ersthilfe, ein Tischler ist bereit, im Werkunterricht einzuspringen.


Gibt es wirklich zu wenig geeignete Bewerber? Mit Frustration und Wut reagieren Lehramtsanwärter in vielen Bundesländern auf ständige Bewerbungsabsagen. Selbst mit einem Notenschnitt von 1,9 gibt es Ablehnungen. Die derzeitige Einstellungspolitik ist auch für viele Abiturienten ein denkbar schlechtes Zeichen. Sie werden sich bei dieser Planungsunsicherheit dreimal überlegen, ob sie den Lehrerberuf überhaupt ergreifen sollen. Es ist bedenklich, trotz des massiven Lehrermangels an den Schulen, viele junge Menschen ins Abseits zu stellen. Auch um die Qualität der Gymnasien muss man sich Sorgen machen, wenn massiv Personal fehlt und nichts Konstruktives unternommen wird, um die seit langem bestehenden Engpässe in den Griff zu bekommen.

Die Bildungslandschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Den Bildungsauftrag zu erfüllen, stellt heute sehr viel höhere Anforderungen an die Lehrerschaft als noch vor zwanzig Jahren. Größere Schülerzahlen pro Klasse bei immer weniger Lehrkräften sind ein großes Problem. Wer heute Lehrer ist, der muss nicht nur Stoff vermitteln, sondern wird immer häufiger zum Erzieher und nicht selten zum Therapeuten der Schüler. Lehrer beklagen die mangelnde Erziehungsarbeit der Eltern. Den Schülern müssen einfachste Verhaltensregeln beigebracht werden, wie „Hände waschen nach dem Toilettengang“, oder „man spricht nicht mit vollem Mund“, „man putzt die Nase mit einem Taschentuch, nicht mit dem Ärmel der Jacke“, und was es sonst noch sein mag.

Angesichts der heutigen Zielsetzungen schulischer Bildung, die auf die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit und der Kompetenzentwicklung ausgerichtet sind, ist Leistung nicht nur in Zusammenhang mit Fachkompetenzen zu sehen, sondern auch im Spannungsfeld zwischen methodischer, sozialer und personaler Kompetenz.

Eine steigende Zahl von Schülern ist verhaltensauffällig. Davon gab es laut Statistik vor zwanzig Jahren nur durchschnittlich zwei Schüler pro Klasse. Diese Zahl hat sich leider verdoppelt, wenn nicht sogar verdreifacht. Dabei ist es eine Tatsache, dass nicht nur die oft genannte ADHS-Erkrankung (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) am Verhalten von Schülern schuld ist. Oftmals herrscht in vielen Familien schlicht ein Erziehungschaos. Viele Eltern sind mit ihren Kindern überfordert, verstehen es nicht mehr, ihnen Grenzen aufzuzeigen und treten die Verantwortung immer öfter an die Lehrkräfte ab. Als daraus resultierende Folge haben immer mehr Lehrkräfte mit der Respektlosigkeit von Schülern zu kämpfen und müssen sich nicht selten gegen verbale oder gar körperliche Angriffe zur Wehr setzen.

Werden sie der Rabauken nicht Herr, bleibt nur, das Jugendamt oder den schulpsychologischen Dienst heranzuziehen. Allerdings fehlt in der Regel ein schuleigener psychologischer Dienst oder eine sozialpädagogische Betreuung. Das ist jedoch dringend erforderlich. Die skandinavischen Länder sind uns in dieser Hinsicht weit voraus.

Also sitzen viele Lehrer nach einem prallen Unterrichtstag mit sozial auffälligen Schülern oder deren Eltern zusammen, diskutieren mit Polizei, Jugendämtern. Hinzu kommen neue zentrale Prüfungen und ausführliche Bewertungen. Die vom Kultusministerium herausgegebenen Richtlinien der Lehrpläne sind – trotz ihrer häufigen Änderungen – strikt zu befolgen und nachzuweisen. Ein elendiger Papierkram. Schüler verbringen inzwischen mehr Zeit alleine vor dem Computer oder Fernseher als beim Spielen mit Freunden. Hausaufgaben werden, wenn überhaupt, nebenbei erledigt. Ganz schlimm sei es nach dem Wochenende, da haben sie jede Menge Aggressionen angestaut.

Die Folge: immer mehr Lehrer werden krank. Burnout wird in letzter Zeit sehr häufig in Zusammenhang mit frühzeitiger Lehrerpensionierung gebracht, eine physische oder psychische Erschöpfung aufgrund der beruflichen Situation. „Ich bin echt frustriert, habe nur den Bruchteil des Lehrplans in der Englischstunde durchbekommen, den Rest der Zeit musste ich lärmende Schüler bändigen oder unmotivierte ermutigen“, bekennen sich die Kollegen gegenseitig. Nach solchen Stunden fragen sich die Lehrer dann, warum sie überhaupt bis spät in die Nacht den Unterricht vorbereiten.

Das viel bemühte Bild der faulen Lehrer, die viel Freizeit und Ferien genießen, macht richtig wütend, sagen sie. Und es ist in der Tat eine Unverschämtheit. Bis nach Mitternacht Arbeiten korrigieren, Stunden vorbereiten oder sie telefonieren mit ratlosen Eltern und Kollegen. Viele bieten den Schülern in den Ferien sogar die Nachbereitung des alten und die Vorbereitung des neuen Schuljahres an.

Hinzu kommen außerschulische Bildungsaufgaben, wie Museums- oder Zoobesuche. Sie müssen vorab in Augenschein genommen, Absprachen getroffen werden. Das Gleiche gilt für Klassenfahrten. Auch da reisen die Lehrer vorher an den jeweiligen Ort, um sich ein Bild von den Gegebenheiten zu machen. Spaß macht eine solche Fahrt nicht immer, schließlich lärmen die Schüler oft bis spät in die Nacht. Überall in Deutschland kämpfen Lehrer mit einer Fülle neuer Aufgaben und damit mit Stress und Überbelastung.

Lehrer sind in den letzten Jahren zu Persönlichkeitstrainern der Kinder geworden, da die individuelle Förderung von den Ministerien vorgeschrieben wird. Sozialpädagogische Fachkräfte werden ganz besonders in Ballungsgebieten und Städten mit starkem Migrationsanteil vermehrt eingesetzt. Sie werden an den Grundschulen tätig, an denen sich der größte Teil von Kindern mit gering ausgeprägter Schulfähigkeit besonderen Förderungsnotwendigkeiten befindet. Zudem sollen sie das Aggressionspotential senken, vertrauensvoller Ansprechpartner der Schüler sein. Man hat sehr gute Erfahrungen mit ihnen gemacht. Aber es gibt zu wenige dieser Fachkräfte.

Nahezu alle Lehrer halten die Ganztagsschule für das beste Modell und den Besuch eines Kindergartens und frühkindliche Förderung für unabdingbar. Aus einer jetzt vom Bundesbildungsministerium in Berlin vorgestellten Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen geht hervor: Ganztagsschulen können das Sozialverhalten von Schülern verbessern und das Risiko des Sitzenbleibens verringern. Beim Ausbau der Ganztagsschulen hat der Bund die Länder von 2003 bis 2009 mit vier Milliarden Euro unterstützt. Inzwischen bieten mehr als 40 Prozent der allgemeinbildenden Schulen in Deutschland Ganztagsplätze an, allen voran die Grundschulen. Die Betreuung und Förderung in den Ganztagsschulen soll vor allem Kindern von Berufstätigen und Migranten helfen.

Lehrer haben ihren Beruf ursprünglich aus Freude am Lehren und Umgang mit Kindern ergriffen. Sie hängen an ihrem Beruf, weil man damit bei Kindern etwas bewirken kann. Sie bedauern, dass ihrer Ansicht nach die heutige Gesellschaft dem Anscheine nach Lernbereitschaft, Disziplin und Anstrengung, um Bildung zu erreichen, einen geringen Stellenwert einräumt. Stattdessen scheint schnelles Geld und Konsum vorrangig zu sein und sie sehen sich als Ausputzer der Nation. Abhilfe schaffte hier nur eine drastische Erhöhung der Investitionen in die schulische Bildung und die Betreuung der Familien, damit die Probleme nicht dauerhaft mit der aktuellen Wucht in der Schule aufschlagen, sondern schon dort abgefangen werden, wo sie entstehen.


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