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// Gesellschaft
08.05.2017
Von: ms

Interpassivität – das eingebildete Leben

Die teuren Laufschuhe verstauben in der Ecke. Die abonnierte Tageszeitung landet nach zwei Wochen ungelesen im Altpapier. Wir lieben Sendungen, in denen fröhliche Menschen kochen, tanzen, daten oder verreisen. Das Praktische daran: Andere Menschen machen für uns verschiedene Erfahrungen, von denen wir träumen – und wir können sie ohne Mühe vom Sofa aus nachempfinden.


Interpassivität

Interpassivität (Foto: TZIDO SUN/shutterstock.com)

Der Mensch ist überfordert. Statt selbst zu agieren überträgt er seine Empfi ndungen und die Erfüllung eigener Visionen auf andere Menschen, Dinge oder gar Tiere. Dieses Phänomen beschreibt der Philosoph Robert Pfaller als „Interpassivität“. In seiner Theorie führt Pfaller den Begriff der „interpassiven Medien“ ein. Mit diesem Begriff bezeichnet er diejenigen Medien, die es dem Konsumenten ermöglichen, nicht selbst aktiv werden zu müssen und ihn davon befreien, rezeptiv einzugreifen. Zwei Paradebeispiele dafür sind Kochsendungen, die dem Zuschauer das Kochen abnehmen und Sitcoms, die ihn durch eingespielte Publikumslacher von den Mühen des Lachens befreien. Bei letzterem führt das passive Genießen einer vermeintlich amüsanten Sendung dazu, dass man sich unterhalten fühlt, auch wenn man selbst nicht ein einziges Mal gelacht hat.

Wenn man Pfallers Theorie weiterdenkt, so entdeckt man einen Mechanismus, den sich die Werbeindustrie schon längst zu Nutze gemacht hat. Wir haben alle eine – oder wechselnde – Wunschvorstellungen von uns, der wir durch Idole, bestimmte Konsumgüter und Handlungen versuchen näher zu kommen. Wenn wir ein Produkt kaufen, kaufen wir nicht nur den physischen, konsumier- und verwertbaren Gegenstand. Wir kaufen ein Lebensgefühl – zumindest die Einbildung davon, die uns durch das Produkt delegiert wird.

Parfümwerbung funktioniert ausschließlich nach diesem Prinzip – zugegebenermaßen aus pragmatischen Gründen, solange es noch kein Geruchsfernsehen gibt. In den Werbespots werden Personen in abstrusen Plots abgebildet. Besonders beliebt sind Szenerien in der Wüste, in einer Großstadt bei Nacht oder Tag beziehungsweise in einem edlen Schloss auf einem prunkvollen Anwesen. Diese Bilder werden meist von bedeutungsschwangeren Blicken und laszivem Flüstern untermalt. Was wir da sehen, soll suggerieren, wer wir sein können und wie verführerisch wir werden, wenn wir die teure Duftmischung auftragen. Der SUV mit Allradantrieb steht für unsere unbändige Abenteuerlust, obwohl wir in der Stadt, fernab von unebenen Geländen wohnen. Unsere Multifunktions- Allwetter-Outdoor-Jacke steht für unsere Naturverbundenheit, für die Liebe zur Wildnis. Sie begünstigt unsere feste Überzeugung, dass wir auch gerne mal das Haus verlassen, selbst wenn es draußen nieselt.

Im alltäglichen Rahmen stellt unsere Interpassivität ein gefundenes Fressen für die Werbeindustrie dar, weil sich unser Kaufverhalten dadurch stark beeinflussen lässt. Wir kaufen uns nur Markenkleidung, die deutlich als solche erkennbar ist – am Logo und am Preis. Damit erwecken wir den Anschein, wir seien wohlhabend oder modebewusst. Wir kaufen im Supermarkt teurere Bio-Lebensmittel, um uns zu beweisen, dass wir gesund leben und uns um den Planeten Erde kümmern. Es geht in erster Linie nicht darum, andere Menschen damit zu beeindrucken, sondern vorranging darum, uns selbst etwas vorzumachen und unser Selbstbild nach anerkannten Stereotypen zu kreieren – mit Hilfe von Produkten, in denen Lifestyle steckt.

Der Soziologe Jens Hälterlein kategorisiert Interpassivität auch als kulturkapitalistisches Phänomen, da der Mensch durch gewisse Mechanismen sein Leben nicht mehr praktisch leben muss, sondern lediglich als Konsument seines Lebens agiert. Laut Hälterlein werden Waren nicht mehr aufgrund ihres Gebrauchswerts konsumiert, sondern weil sie Stellvertreter des Lebens sind. Interpassivität wirkt somit befreiend, weil uns mit dem Kauf eines Produktes die damit verbundene Identifikation mit der Einbildung vermittelt wird und somit unsere Selbstwahrnehmung positiv verzerrt. Wie Tyler Durden in „Fight Club“ (1999) bereits sagte: „Alles, was Du besitzt, besitzt irgendwann Dich.“



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