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14.11.2016

Rückbau des KKW Unterweser Der Fahrplan, die Risiken und die wichtigste Frage: wohin mit dem Abfall?

Wie wenige andere Themen bewegt der Rückbau des Kernkraftwerkes Unterweser die Menschen in der Region. Der Atomausstieg, mit dem nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima mittelfristig die Risikotechnologie aus Deutschland verbannt werden soll, beschwört ein neues Angstszenario herauf: Es ist die Angst vor der Freisetzung radioaktiver Strahlung im Zuge des Rückbaus und der Lagerung strahlenden Materials. Die Fragen sind an allen Standorten, an denen Atomkraftwerke rückgebaut werden, immer ähnlich: Welche Risiken gibt es beim Rückbau, welche Strahlung geht von den Stoffen aus, wie werden sie bewertet, entsorgt, gelagert, transportiert?


KKW Unterweser (Illustration: Presse)

KKW Unterweser (Illustration: Presse)

Die Angst herrscht auf beiden Weserseiten – liegt das Atomkraftwerk doch direkt an der Weser. Damit ist die Wesermarsch ebenso betroffen wie der Landkreis Cuxhaven und Bremerhaven. Die Sorge der Anwohner ist nachvollziehbar. Beim Rückbau kerntechnischer Anlagen müssen die Betreiber mit zum Teil erheblich verstrahlten Materialien umgehen. Dabei gilt: Je näher diese am Reaktorkern platziert waren, desto stärker ist die Strahlung, die von den technischen Einrichtungen und Bauteilen ausgeht. Wir sprachen mit der Physikerin Dr. Susanne Engstler, beim KKW Unterweser zuständig auch für die fachliche Leitung des Rückbaus der Anlage.

Frau Dr. Engstler, Sie sind im niedersächsischen Kernkraftwerk Unterweser Fachbereichsleiterin Schutzfunktionen. Was alles umfasst Ihr Aufgabengebiet?
Zu meinen Aufgabengebieten gehören der Strahlenschutz, die Entsorgung, die Abwicklung von Radioaktivtransporten, die Arbeitssicherheit, die Objektsicherung und der Brandschutz. So fällt auch der Rückbau des KKWs mit in meine Zuständigkeit.

Der Rückbau des KKWs ist beantragt. Wie geht es weiter?
Wir rechnen mit der Genehmigung des Antrages auf Rückbau in 2017. Dann erfolgen der Abbau, die Reststoffbearbeitung und Entsorgung.

Wie lange wird dieser Prozess dauern?
Unsere Planung geht von 10 bis 15 Jahren aus, die wir für den Rückbau der eigentlichen Anlagenbestandteile brauchen werden. Hinzu kommt dann noch der Abriss der anderen Gebäude auf dem Gelände – hier sprechen wir vom konventionellen Abriss, weil bei diesen Gebäuden keine atomrechtlichen Fragen mehr berührt sein werden.

Mit welchen Massen haben Sie es hier zu tun?
Auf der Grundlage der Erfahrungen bei bereits abgebauten kerntechnischen Anlagen, wurden für die Entsorgungswege die Massen abgeschätzt. Die Gesamtanlage umfasst 675.000 t, davon sind 482.000 t Beton, Kabel oder Stahl aus dem konventionellen Teil. Die Gesamtmasse des Kontrollbereichs, also das Reaktorgebäude und Hilfsanlagengebäude beträgt etwa 193.000 t.

Sind das alles verstrahlte Substanzen?
Nein. Allein 176.900 t davon sind Gebäudemassen, die uneingeschränkt freigegeben werden können. Der Abbruch ist dann nicht mehr Gegenstand der atomrechtlichen Genehmigung und wird konventionell durchgeführt.

Was geschieht mit den strahlenbelasteten Teilen der Anlage?
Das ist unterschiedlich. Wir gehen davon aus, dass etwa 11.900 Tonnen zweckgerichtet freigegeben werden können. Diese Stoffe werden deponiert, verbrannt oder wiederverwertet. Weitere etwa 4.200 Tonnen sind stärker belastet und müssen entsprechend in einem Endlager gelagert werden.

Wo wird das strahlende Material gelagert?
Für die aus dem Rückbau hervorgehenden schwach- und mittelradioaktiven Abfälle ist das Endlager Konrad bei Salzgitter genehmigt. Das für die Inbetriebnahme zuständige Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit geht davon aus, dass es ab 2022 zur Verfügung stehen könnte. Bis dahin müssen wir die Abfälle in dem von uns neu zu errichtenden Zwischenlager am Standort lagern. Stand heute ist, dass alle schwach- und mittelradioaktiven Abfälle zu gegebener Zeit für eine Endlagerung im Schacht Konrad vorbereitet werden, auch wenn sie zunächst in unserem Zwischenlager hier auf der Anlage gelagert werden.

Mit welcher Strahlenbelastung durch freigegebenes Material rechnen Sie für die Bevölkerung im Zuge des Rückbaus?
Wir gehen von keiner wahrnehmbaren Belastung aus. Durch die relativ kleine Menge an zweckgerichtet freigegebenem Material aus dem Rückbau kann für Einzelpersonen der Bevölkerung höchstens eine effektive Dosis von circa 10 µSv im Kalenderjahr auftreten, das ist das sogenannte 10 µSv-Konzept. Dieses Konzept ist international anerkannt und stellt sicher, dass die durch die freigegebenen Stoffe verursachte zusätzliche radioaktive Exposition so gering ist, dass sie auch im ungünstigsten Fall unerheblich ist.

Wie viel sind 10 µSv im Kalenderjahr?
Zum Vergleich kann man die natürliche Strahlung heranziehen, der wir in unserer Gegend jeden Tag ausgesetzt sind. Für die Wesermarsch oder auch den Landkreis Cuxhaven kann man den jüngsten Messungen zufolge davon ausgehen, dass wir hier durch die natürliche Strahlung eine Strahlendosis von 10 µSv innerhalb von 6,5 Tagen, auf dem Brocken im Harz bereits innerhalb von 3 Tagen erhalten.

Wie wird sichergestellt, dass wirklich nur jene Stoffe freigegeben werden, die die gesetzlichen Werte aufweisen?
Es wird jede Charge, die das Gelände verlassen wird, gründlich gemessen. Es wird gemessen, protokolliert, kontrolliert und geprüft durch die Aufsichtsbehörde und die von ihr beauftragten Sachverständigen. Nur wenn die Richtwerte der Strahlenschutzverordnung eingehalten sind, wird das Material durch die Zustimmung durch die Aufsichtsbehörde freigegeben.

Welche Radionuklide werden durch die Messungen erfasst?
In kerntechnischen Anlagen entstehen unterschiedlichste strahlende Elemente. Alle von der kerntechnischen Anlage künstlich erzeugten Nuklide werden erfasst und bewertet.

Jenseits der Risiken durch Radioaktivität wird der Rückbau einer solch großen Anlage weitere Belastungen erzeugen. Allein der Transport von 670.000 Tonnen Beton und Stahl wird tausende LKW-Fahrten erfordern.
Für den Abtransport des Materials während des konventionellen Abrisses der Anlage stehen als Alternativen die Nutzung von Schiff, Bahn und LKW zur Verfügung. Es handelt sich dabei ja nicht um Abfall, sondern um Wertstoffe. Ob Beton oder Stahl – fast alles wird den Wirtschaftskreisläufen wieder zugeführt.

Neben der oberirdischen Lagerung hochradioaktiven Materials auf dem Anlagengelände im Zwischenlager bereiten den Menschen der Transport und die Lagerung der schwach radioaktiven Substanzen – der sogenannten freigemessenen Reststoffe  – große Sorgen. Was soll mit diesen geschehen?
Für die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle hätten wir natürlich auch lieber schon heute als morgen Endlagerstätten für die radioaktiven Abfälle. Mit unserem geplanten Zwischenlager erfüllen wir aber alle Sicherheitsanforderungen und haben dabei auch den Deichschutz im Blick. Bei den freigemessenen Reststoffen handelt es sich um vergleichsweise kleine Mengen, die nicht mehr der atomrechtlichen Überwachung unterliegen müssen, weil von ihnen keine Gefahr ausgeht. Genau das weisen wir im Rahmen des Freigabeverfahrens gegenüber der Behörde nach.

Wo werden diese Stoffe gelagert werden?
Das wissen wir noch nicht. Die Ausweisung geeigneter Lagerstätten liegt in der Verantwortung des Landkreises. Wir gehen davon aus, dass der Landkreis uns zu gegebener Zeit entsprechende Lagerstätten ausweist

Immer wieder wird der Rückbau des KKW Unterweser mit der Firma Freimuth in Verbindung gebracht. Diese will gegen den Willen der Bevölkerung und der Gemeinde eine Deponie in der Samtgemeinde Hagen errichten. Gibt es Gespräche zwischen EON beziehungsweise nun Preußen Elektra und dem Abbruchunternehmen?
Nein. Es hat nie Gespräche gegeben und es sind auch keine beabsichtigt. Die Frage der Deponierung oder Lagerung werden wir mit den zuständigen Behörden zur gegebenen Zeit erörtern. Eine Lagerung in einer Deponie bei Hagen war nie Thema in unserem Haus.



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