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// Gesellschaft
06.08.2018
Von: sl

Selbstdarstellung 2.0

Nirgendwo kann man seine Selbstdarstellung so gezielt steuern wie im Internet. Man kann hunderte Fotos schießen, bis das richtige dabei ist, um sich als besonders glücklich, erfolgreich, sportlich oder schön in Szene zu setzen. Anders als in der Realität, wo der Gesamteindruck, Empathie, Sympathie und Menschenkenntnis entscheidende Einflussfaktoren bei der Wahrnehmung einer Persönlichkeit darstellen, kann in der digitalen Welt ohne eine reale zwischenmenschliche Ebene ein Bild konstruiert werden.


Wenn soziale Netzwerke zum Lebensmittelpunkt werden

Wenn soziale Netzwerke zum Lebensmittelpunkt werden (Foto: sondem/shutterstock.com)

Das Geschäft mit der Selbstdarstellung brummt – und die sozialen Medien freuen sich. Auf Instagram sind jeden Tag über 500 Millionen Nutzer aktiv. Dabei werden auf der Plattform täglich 4,2 Milliarden Posts mit einem „Like“ versehen. Die sozialen Medien sind dabei längst nicht mehr nur ein kleiner Zeitvertreib, sondern nehmen einen großen und festen Platz im Alltag ein. Nach der ARD/ ZDF-Onlinestudie verbrachten die Nutzer im letzten Jahr durchschnittlich zweieinhalb Stunden am Tag im Internet. Insbesondere im Alter zwischen 14 und 29 (viereinhalb Stunden) und zwischen 30 und 49 (drei Stunden) wird extrem viel Zeit im Netz verbracht. In den vergangenen Jahren ist die Online-Zeit stetig gestiegen – und das liegt auch an WhatsApp, Instagram, Facebook und Co. Die Mediensozialisation hat einen hohen Stellenwert erlangt, das heißt Persönlichkeiten entwickeln sich verstärkt abhängig von Medieninhalten, Klicks und Likes. „Das psychische Ich definiert sich immer mehr über das Internet“, sagt die Cyberpsychologin Catarina Katzer.

Die Kommunikation zwischen den Millionen von Nutzern ist in den sozialen Netzwerken ein Geben und Nehmen. Die Postenden lechzen mit ihren Fotos oder Videos nach Bestätigung, die Follower geben sie ihnen in Form von Likes. Durch ein paar Klicks erlangt man vermeintliche Bedeutung für seine zur Schau gestellten Lebensinhalte. Doch warum brauchen viele diese Bestätigung? Weshalb inszenieren sich so viele Menschen online exzessiv und posten jeden Tag Selfies von sich? Catarina Katzer liefert eine mögliche Antwort: „Die Motivation, die dahinter steckt, ist das urmenschliche Bedürfnis, sich mit anderen zu vergleichen und zu erfahren, wie andere mich sehen.“ Über die sozialen Netzwerke könne man die Sicht auf sich selbst durch andere genau kontrollieren und damit ein riesiges Publikum erreichen. In der Psychologie wird diese Steuerung des Eindrucks als „Impression Management“ bezeichnet. Im realen Leben lässt sie sich am ehesten mit der Situation eines Vorstellungsgesprächs vergleichen, in dem man durch die Wahl der Kleidung, ein sicheres und freundliches Auftreten einen positiven Eindruck hinterlassen will.

Persönlichkeitsstörungen als mögliche Triebfeder

Längst hat die Social-Media-Nutzung das Inter es se der Wissenschaft geweckt, die die Nutzer auch auf Persönlichkeitsstörungen untersucht. Die Ergebnisse scheinen zu belegen: manchmal steckt hinter der Selbstdarstellung im Internet weitaus mehr als ein Bedürfnis nach Bestätigung. Vor zwei Jahren erschien im amerikanischen Journal „Depression and Anxiety“ die Studie „Association between social media use and depression among U.S. young adults“ – zu Deutsch: „Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von sozialen Netzwerken und Depression bei jungen US-amerikanischen Erwachsenen“. Die Untersuchungen an über 1.700 Probanden im Alter von 19 bis 32 Jahren ergaben, dass ein starker Zusammenhang zwischen erhöhter Social-Media-Nutzung und Depressionen besteht. „Depressive Menschen verlagern sich eher ins Internet und suchen dort nach Ansprache“, bestätigt Katzer.

Einen wirklichen Ausweg finden sie dort nicht – stattdessen nehmen viele das Posten und die Darstellung in sozialen Netzwerken als echten Wettkampf wahr. Dieser wirkt sich auf ihr reales Leben, auf ihre Gefühle, auf ihre Laune, auf ihr Verhalten aus. „Es entsteht eine starke Abhängigkeit von den Meinungen anderer“, so Katzer. Die Bestätigung kann kurzzeitig zwar Glücksgefühle hervorrufen, doch umso schlimmer wird es, wenn sie ausbleibt und Misserfolg eintritt. Laut einer Studie von Kaspersky Lab haben sich ein Viertel der Deutschen (27,3 %) wegen ihrer Social-Media- Nutzung bereits niedergeschlagen gefühlt und „Like-Neid“ (27,1 %) empfunden, wenn ein Freund oder Bekannter für seine Inhalte mehr Follower, Likes, Daumen oder Herzen eingesackt hat.

„Soziale Netzwerke können krank machen. Wenn man versucht, seine Probleme mit ihnen zu kompensieren, macht es das häufi g noch schlimmer“, weiß Catarina Katzer. Man gelange dann in eine Art Sog, der zur Sucht nach den digitalen Reaktionen anderer führt – und zu einem völligen Rückzug aus der realen Welt. „Wir müssen lernen, unser Handeln im Internet von außen zu betrachten und über die Auswirkungen der sozialen Netzwerke Bescheid wissen“, mahnt Katzer. Sie berichtet vom Gespräch mit einer Schweizer Influencerin, die bei allen Aktivitäten mit ihrer Familie durchgehend an die sozialen Netzwerke dachte und daran, wo sie als nächstes ein schönes Foto schießen könnte. Schließlich habe sie selbst gemerkt, wie sie sich dadurch isoliert hat und psychisch krank wurde.

Soziale Netzwerke können auch wertvolle Kanäle sein

„Alles dreht sich um mich. Ich lege den kompletten Fokus auf mich und vernachlässige das gesamte Drumherum“, beschreibt die Cyberpsychologin diesen Zustand, den sie als einen Bestandteil der Individualisierung der Gesellschaft wertet. Dieses Verhalten kann bisweilen im krankhaften Narzissmus enden – muss es aber nicht, denn die Selbstdarstellung im Internet birgt nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen. Etwa für Personen, die wenig Selbstbewusstsein haben und deren Dasein in der realen Welt kaum Beachtung geschenkt wird. Sie finden in den sozialen Medien mitunter Kanäle, über die sie ihr Selbstwertgefühl steigern können. So stecken in der Überhöhung von eigentlich bedeutungslosen Momenten durch deren Inszenierung in der digitalen Welt und in der damit einhergehenden Einbildung eines bedeutungsvollen Lebens Faktoren, die einigen Individuen zu einem stärkeren Selbstbewusstsein verhelfen können. Dies wirkt sich unmittelbar positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung und den Lebensalltag aus.

Jenseits der psychologischen Effekte hat sich durch das Kulturphänomen der Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken in den vergangenen Jahren ein völlig neuer Schaffensraum aufgetan. Unzählige Blogger, Influencer und Fotografen verdanken diesem Raum ihren Lebensunterhalt, entwickeln Expertisen und bereichern die Gesellschaft mit ihren Inhalten auch kulturell. Aber nicht nur Profi s, sondern auch Laien erlernen neue digitale Kompetenzen, beschäftigen sich kreativ mit Themen wie Fotografie und beteiligen sich an Internetphänomenen wie „Memes“, „GIFs“ oder treten als Texter in Erscheinung. So entstehen in den sozialen Netzwerken neue Hobbys – als digitale Pendants zum Malen, Basteln oder Dichten. Und diese können das Leben bereichern, wenn man bei alledem nicht vergisst: das Leben ist real, nicht digital.


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