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08.05.2018
Von: sl

Tierschutz unter Wasser

„Fische sind dumm und stumm“, heißt es oft. Ein Irrglaube. Fische kommunizieren, haben Gefühle, können Schmerz empfinden, sind sozial und besitzen herausragende Fähigkeiten. Obwohl man es nicht glauben möchte: sie sind uns sehr ähnlich. Um diese Botschaft unter die Öffentlichkeit zu bringen, hat der englische Autor Jonathan Balcombe in seinem Buch „Was Fische wissen“ bedeutsame Forschungsergebnisse veröffentlicht. Die Fakten führen zur Erkenntnis, dass man Fische in erster Linie als schutzbedürftige Lebewesen betrachten sollte – und nicht als Nahrungsmittel oder Rohstoff. Es geht also nicht um Artenoder Bestandsschutz, sondern um die berechtigten Interessen leidensfähiger Individuen, ob es uns schmeckt oder nicht.


Fische sind clever, sozial und empfindsam

Fische sind clever, sozial und empfindsam (Illustrationen: Mary Volvach/shutterstock.com)

Wir europäische Menschen lieben Hunde, Katzen und Pferde. Zu diesen Tieren bauen wir besonders innige Beziehungen auf, behüten sie beinahe wie unsere eigenen Kinder. Auf der anderen Seite gibt es Tiere, die allein aufgrund ihrer Art ganz oder teilweise außerhalb unseres emotionalen Horizontes bleiben. Sie berühren uns nicht – da können sie noch so intelligent oder sozial sein. An Land betrifft dies in erster Linie Schweine, deren soziale und intellektuelle Fähigkeiten ausgeprägter sind, als ihr Ruf es vermuten lässt. Sie sind ihrem Schicksal als bloßer Fleischlieferant hoffnungslos ausgeliefert und erdulden milliardenfach ein grausames Schicksal in der Massentierhaltung bis zu ihrer Ermordung.

So wie Schweinen ergeht es auch Fischen, unseren Mitwesen in der fremden feuchten Welt der Meere, Seen und Flüsse. Schon der Umstand, dass sie im Wasser leben, lässt sie als scheinbar völlig fremde Wesen erscheinen. Während bei Hunden oder Katzen auf den ersten Blick menschenähnliche Züge erkennbar sind, wird dies Fischen gänzlich abgesprochen. Sie galten lange Zeit als dumm, stumm, gefühllos und reflexgesteuert. Doch die Forschung hat dies in jüngster Vergangenheit mehrfach widerlegt.

Gerade im Sozialverhalten verfügen Fische über besondere Eigenschaften, die denen des Menschen sehr ähneln. Dass Fische keine Einzelgänger sind, erscheint jedem klar, der mal einem großen Schwarm begegnet ist. Doch wer hätte gedacht, dass die meisten von ihnen in festen Beziehungen leben? Viele Fische suchen sich bewusst einen Partner und verbringen ihr gesamtes Leben mit ihm. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, zeugen miteinander Nachwuchs und entwickeln gemeinsame Lebensstile.

Das Balzverhalten lässt ebenso Querbezüge zum Menschen zu. Dabei geht es vor allem darum, beim Weibchen Eindruck zu schinden. Dieses Ziel erreichen kleine Kugelfische, indem sie am Meeresboden Kunstwerke schaffen. Nur mit ihren Flossen zeichnen sie erstaunliche kreisförmige Muster in den Sand. Nach erfolgreichem Balzversuch vollziehen die Fische inmitten des Kreises die Paarung. Die Eier werden ebenfalls dort abgelegt. Den Kreis konstruiert der Kugelfisch so, dass die Mitte durch Wälle und Mulden vor der Meeresströmung geschützt ist.

Die sozialen Beziehungen, die Fische untereinander aufbauen, beschränken sich allerdings nicht nur auf das Sexualverhalten. In bestimmten Situationen bilden einige Fische Zweckgemeinschaften, von denen beide Parteien profitieren. Forscher der University of Cambridge beobachteten, dass Barsche bei der Jagd mit Muränen zusammenarbeiten. Wenn die Barsche Beutefische aufspüren, lassen sie diese von den schlanken Muränen aus dem Versteck treiben, in das sie selbst wegen ihrer Breite nicht hineinschwimmen könnten. Die Barsche merken sich sogar, welche Fische ihnen bei der Jagd geholfen haben und kommen in anderen Situationen erneut auf ihre Hilfe zurück. Diese komplexe Fähigkeit kannten die Wissenschaftler bis dahin nur von Menschen und Affen.

Komplexe Wahrnehmungssysteme und Schmerzempfinden

Nicht nur im Sozialverhalten sind Fische besonders vielseitig, sie haben auch als erste Lebewesen die bekannten Wahrnehmungssysteme entwickelt, unter anderem die Farbwahrnehmung. Je nach Art sind sie außerdem mit speziellen Sinnesorganen ausgestattet. Alle Knochenfische besitzen das sogenannte „Seitenlinienorgan“. Hiermit registrieren die Fische kleinste Druck- und Umgebungsveränderungen im Wasser und erkennen frühzeitig, ob sich in ihrer Nähe Feinde, Steine oder Pflanzen befinden. Hinzu kommt, dass die visuellen Fähigkeiten bestimmter Arten die der Menschen übersteigen. So können sich Fische gegenseitig an einzigartigen Gesichtsmustern identifizieren, die für Menschen nur unter UV-Licht sichtbar sind.

Entgegen aller Vorurteile empfinden auch Fische Schmerzen. Sie besitzen Rezeptoren für mechanische (Schnittverletzungen), thermische (Verbrennungen) und chemische Reize (Verätzungen). Diese Reize werden ans Gehirn weitergeleitet und lösen Schmerzen aus. Sie beeinflussen somit das zukünftige Handeln der Fische, weil sie anschließend versuchen, eine erneute Schmerzerfahrung zu vermeiden. Dank ihres guten Erinnerungsvermögens gelingt es ihnen, Gefahrenherde zu erkennen.

Ähnlich stark ausgeprägt ist ihr Stressempfinden. Fische geraten vor allem dann unter Stress, wenn sie aus ihrem natürlichen Lebensraum herausgeholt werden. Dies wurde mehrfach am gestiegenen Spiegel des Stresshormons Cortisol bewiesen. Des Weiteren haben Untersuchungen auf einer Lachsfarm in Norwegen ergeben, dass die Fische auf dem engen Raum dauerhaften Stress empfinden und dadurch die Sterblichkeitsrate steigt. Einige der Fische hörten auf zu fressen und schwammen an die Oberfläche, wo sie starben.

Bestands- und Artenschutz statt Tierschutz

Trotz der beeindruckenden Fakten, die zu einem neuen Blickwinkel auf Fische führen, findet ihr Leid wenig Beachtung. Ihr Schutz geht meist nicht über den Bestands- und Artenschutz hinaus. Dieser Schutz bedeutet lediglich, dass bestimmte Arten nicht mehr befischt werden dürfen, wenn ihre Population eine festgelegte Untergrenze erreicht hat. Die Einführung von Fangquoten geht nicht auf eine tierschutzrechtliche Motivation zurück, sondern darauf, dass die Population einer Art eine entsprechende Größe haben muss, damit ihre Befischung für die Zukunft gesichert werden kann. Die einzige Frage lautet hier: „Wie viel darf von welchem Fisch gefangen werden?“

Tierschutz aus ethischer Perspektive würde die Komponenten wie Sozialverhalten, Schmerz- und Stressempfinden ebenfalls berücksichtigen. Die Einbeziehung dieser Komponenten macht es schlicht unmöglich, Fische weiterhin als Massenware zu betrachten. Vielmehr gibt sie jedem Individuum ein Gesicht und zeigt, wie vielseitig, intelligent und empfindsam die Tiere sind. Unter diesen Gesichtspunkten müsste man sich die fundamentale Frage stellen: „Darf überhaupt Fisch gefangen werden?“

JONATHAN BALCOMBE
WAS FISCHE WISSEN

WIE SIE LIEBEN, SPIELEN, PLANEN:
UNSERE VERWANDTEN UNTER WASSER
MAREVERLAG, HAMBURG / 2018
ISBN 978-3866482838



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