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08.05.2017
Von: sl

(Un)wahrscheinlich krebserregend

Seit Jahrzehnten verwendet die Landwirtschaft den Unkrautvernichter Glyphosat. Das Pflanzengift scheidet die Geister: Zuerst stufte es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „wahrscheinlich krebserregend“ und dann wieder als „nicht krebserregend“ ein. Die Europäische Union vertagte ihre Entscheidung über eine Verlängerung der Zulassung auf Ende 2017. Im Streit um die Zulassung konzentriert sich alles darauf, ob Glyphosat Krebs erzeugt oder nicht. Dabei hat das Pflanzengift noch weitere verheerende Auswirkungen: Es tötet im Wasser lebende Organismen, verringert die Artenvielfalt und ruft starke Augenreizungen hervor.


(Un)wahrscheinlich krebserregend

(Un)wahrscheinlich krebserregend (Foto: Valentin Valkov/shutterstock.com | sittipong/shutterstock.com)

Ursprünglich brachte Monsanto das Produkt „Roundup“, in dem die Chemikalie Glyphosat enthalten ist, als Rohrreiniger auf den Markt und ließ es in den 1970er Jahren dann als Herbizid patentieren. Die Patente sind seit einigen Jahren abgelaufen. Seitdem produzieren auch andere Konzerne den Pflanzentöter, darunter die deutschen Chemieriesen Bayer und BASF. In Deutschland kommen in der Landwirtschaft laut Regierungsangaben jährlich etwa 5.900 Tonnen, im Haus- und Kleingartenbereich 40 Tonnen Glyphosat zum Einsatz. Weltweit werden etwa 720.000 Tonnen in die Natur gesprüht – Tendenz steigend. Der Marktwert wird auf über fünf Milliarden Euro geschätzt.

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der WHO, hat Glyphosat für den Menschen als „wahrscheinlich krebserregend“ bewertet. In die Bewertung flossen die Untersuchungen von über 200 Studien ein. Man beobachtete einen Zusammenhang zum Non-Hodgkin-Lymphom, einer Form von Lymphdrüsenkrebs. Mit der Veröffentlichung der Studie im März 2015 nahm die Diskussion um die Zulassung von Glyphosat rasant Fahrt auf. Das hat auch damit zu tun, dass die WHO einen Rückzieher machte und den Unkrautvernichter nun doch als „nicht krebserregend“ einstufte. Das führte dazu, dass die Entscheidung über die Zulassung bei der Abstimmung der Europäischen Union im Juni letzten Jahres um eineinhalb Jahre vertagt wurde.

Die EU hat sich dafür entschieden, das Pflanzengift zuzulassen, bis der Grad der Schädlichkeit geklärt ist. In der Debatte um die Zulassung hat sich eines besonders herauskristallisiert: Die Krebs-Frage ist das Zünglein an der Waage. In der öffentlichen Diskussion dominiert allein dieses Thema. Glyphosat-Befürworter jubelten zuletzt wieder auf, als mit der Europäischen Chemikalienagentur Echa eine bedeutsame EU-Behörde die Chemikalie ebenfalls als „nicht krebserregend“ einstufte. Die anderen negativen Eigenschaften von Glyphosat fallen hingegen unter den Tisch. Dabei hat auch die Echa bestätigt: Glyphosat ist stark augenreizend, zerstört die Artenvielfalt und tötet im Wasser lebende Organismen.

In der Studie „Protection of biodiversity of free living birds and mammals in respect of the effects of pesticides” hat das Umweltbundesamt die Auswirkungen von Pestiziden auf Vögel und Säugetiere untersucht. Dabei kam heraus, dass vielen Tieren durch den Einsatz von Pflanzengiften die Nahrungsgrundlage entzogen wird. Die Artenvielfalt in der Tierwelt wird dadurch verringert: Von 20 untersuchten Brutvögelarten nahmen zehn in ihrem Bestand ab. Beim Rebhuhn, beim Kiebitz und bei der Uferschnepfe hat sich die Population in den vergangenen Jahren halbiert. Sie sind besonders vom Aussterben bedroht.

Gleiches gilt für Insekten und Pflanzen: Die ohnehin sinkenden Bienenpopulationen werden durch das Herbizid noch stärker gefährdet, was sich durch ausbleibende Bestäubung negativ auf die Pflanzenwelt auswirkt. Auch in unserer Region macht sich der Einsatz von Unkrautvernichtern deutlich bemerkbar. „Grundsätzlich beobachten wir, dass infolge von Pestizid- und Düngemittel-Einsatz die Vielfalt in der Natur leidet, und dass sogar in Wasserschutzgebieten Glyphosat großfl ächig eingesetzt wurde“, berichtet Bernd Quellmalz, Regionalgeschäftsführer vom BUND Weser-Elbe. Außerdem hat eine Studie aus Polen gezeigt, dass Roundup auf Wasserlebewesen stark toxisch wirkt. In Versuchen mit Karpfen wurden Veränderungen der Leberzellen registriert. Ebenso wird das Erbgut von Fröschen und Kröten beschädigt.

Für uns Menschen ist Glyphosat ebenfalls schädlich – unabhängig davon, ob die Krebs- Frage mit „ja“ oder „nein“ beantwortet wird. Das Bundesamt für Risikoforschung (BfR) bestätigt, dass Glyphosat als Säure stark augenreizend ist und somit bei Kontakt gravierende Augenverletzungen verursachen kann. Einzelne Untersuchungen belegen weitere Risiken: Laut einer Studie aus den Vereinigten Staaten schädigen „Roundup“ und Glyphosat bereits bei Konzentrationen deutlich unter der empfohlenen Menge für den landwirtschaftlichen Verbrauch menschliche Embryonal- und Plazentazellen. Dadurch wird eine höhere Rate an Fehlgeburten und Missbildungen befürchtet.

Dieser Verdacht hat sich in Argentinien allem Anschein nach bestätigt: In der Provinz Chaco werden die Soja- und Reisfelder stark mit Glyphosat besprüht. Eine von der Regierung eingesetzte Kommission hat die dortigen Gesundheitsstatistiken vom Zeitraum 2000 bis 2009 ausgewertet. Dabei stellte sie fest, dass sich die Krebsrate bei Kindern in der Stadt La Leonesa verdreifacht sowie die der Geburtsfehler in der gesamten Provinz vervierfacht hat. Zeitgleich mit dem Anstieg dieser Werte wurden immer mehr Glyphosat und andere Herbizide landwirtschaftlich eingesetzt. Es handelt sich nur um registrierte Fakten und nicht um naturwissenschaftliche Forschungen – und doch liegt ein Zusammenhang nahe.

Im Streit um Glyphosat scheiden sich die Geister. Aber egal, ob Kritiker oder Befürworter: Durch den massenhaften Einsatz kommt nahezu jeder mit Glyphosat in Berührung – das hat die Heinrich- Böll-Stiftung mit ihrem Projekt „urinale.org“ unter Beweis gestellt. 2009 Probanden wurden auf Glyphosatrückstände im Urin untersucht, der Test fiel bei 99,6 Prozent positiv aus. Bedenklich: Bei 75 Prozent der Testpersonen war die Belastung mit mindestens 0,5 ng/ml (Nanogramm pro Milliliter) um ein Fünffaches höher als der für Trinkwasser zulässige Grenzwert von 0,1 ng/ml. Damit ist es unmöglich, dem Gift aus dem Weg zu gehen.


FLEISCHATLAS 2016
www.boell.de/de/fleischatlas



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