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// Wirtschaft
15.02.2011
Von: jph

„Verschüttete Milch“: Martin Günthner im Interview – von Jan-Philipp Hein

Seit einem Jahr ist Martin Günthner Senator für Wirtschaft und Häfen. Wir haben ihn gefragt, warum er nicht mehr bloggt und wie er den Abgang von Jörg Schulz fand, er hat uns erzählt, warum politische Folklore auf die Nerven geht und wie viel Deich der Hafenentwicklung geopfert werden darf.


Martin Günthner, Senator für Wirtschaft und Häfen im Interview

Martin Günthner, Senator für Wirtschaft und Häfen im Interview (Foto: PR / LAUFPASS)

Herr Günthner, Sie sind jetzt knapp ein Jahr Senator und kamen dazu wie die Jungfrau zum Kinde. Was ist das Schöne an Ihrem Job? Es ist ein spannendes Amt mit großen Wirkungsmöglichkeiten auch und gerade wenn es um meine Heimatstadt Bremerhaven geht. So konnte ich bereits Dinge anpacken, die schon seit vielen Jahren liegen geblieben waren.

Welche?
Zum Beispiel Schlick in den Werftgruben. Da sagen die Werftchefs immer, sie seien zehn Jahre ohne Erfolg bei den unterschiedlichsten Senatoren gewesen. Jetzt ist es gelöst.

Und was geht einem so richtig auf die Nerven?
Man merkt in diesem Amt, welche eingespielten politischen Rituale es gibt, die es der Opposition beispielsweise nicht ermöglichen, wenn der Senator etwas richtig gut gemacht hat, auch zu sagen, dass er es richtig gut gemacht hat. Leider kann niemand über den eigenen Schatten springen. Es muss immer und grundsätzlich Kritik geübt werden. Man gewöhnt sich allerdings an, Kritik nicht persönlich zu nehmen, sondern als Routine anzusehen. Täglich grüßt das Murmeltier.

Was Sie da beschreiben, ist doch politische Folklore.
Dadurch wird es nicht besser. Nehmen Sie das Thema Offshore-Schwerlasthafen oder die Cherbourger Straße. Man kann doch auch einfach mal sagen, dass das Thema endlich gelöst sei und gut gelaufen. Das wäre souverän. Da wundere ich mich, weil ich schon finde, dass es im politischen Raum eine gemeinsame Leitlinie geben sollte, nach der in einer Stadt wie Bremerhaven wirtschaftlich herausragende Themen gemeinsam angeschoben werden sollten und gesagt werden sollte, da ziehen wir an einem Strang.

Ist das denn nur ein Problem, wenn die Opposition CDU und FDP heißt?
Nein. Ich habe auch neulich in der Bürgerschaft gesagt, dass ich es gaga fand, als ein CDU-Wirtschaftssenator attackiert wurde, er sei für Insolvenzen verantwortlich oder generell für alles, was nicht läuft. Das sind Reflexe. Diese Folklore trägt dazu bei, dass Politik nicht mehr glaubwürdig erscheint.

Gerade junge Politiker nehmen sich doch immer wieder vor, mit diesen Mustern zu brechen.
Das ist keine Altersfrage. Es ist eine Frage, wie man an Themen rangeht. Es wählt doch niemand CDU oder SPD, weil in einem Halbsatz sich irgendwo jemand schlau dargestellt hat, sondern weil man Projekte angeschoben hat, weil man Visionen entwickelt.

Der Umgang mit neuen Medien ist aber eine Altersfrage. Sie haben gebloggt. Und als klar war, dass Sie Senator werden, haben Sie die Seite dicht gemacht. Warum?
(lacht) Zeitaufwändig.

Zeitaufwändig? Ja.

Oder passt ein russischer Revolutionär, sie nannten Ihren Blog nach Wladimir Wladimirowitsch Majakowski, nicht so recht in die Darstellung eines Senators der Hansestadt Bremen?
Nein, es ist einfach zeitaufwändig und ich finde, dass es darauf ankommt, dass derjenige, der vorne drauf steht auch selbst schreibt. Und das Amt hier ist so aufwändig, dass man gucken muss, wo man sich reduzieren kann. Und es macht keinen Sinn, wenn am Ende einer meiner Mitarbeiter aus dem Wahlkampfstab der SPD für den Senator bloggt. Das ist doch nicht authentisch. Außerdem: Majakowski war ein hochanerkannter russischer Dichter.

Aber einer, der seinen revolutionären Drang nicht verhehlen wollte.
Andere Zeiten.

Was sind die wichtigsten Themen gerade auf ihrem Schreibtisch?
Herausragend ist das Thema Offshore-Windenergie. Wie gelingt es uns, den Schwerlasthafen, der in Bremerhaven geplant ist, zu realisieren? Wir sind zwar ganz gut aus der Wirtschaftskrise herausgekommen, aber wenn man sich die Details ansieht, stellt man fest, dass es zu einer Veränderung in den Verkehren gekommen ist. Beim Autoumschlag ist der Import weitgehend weggebrochen. Dafür ist das Thema Export aber umso gewaltiger angezogen, was mit der Nachfrage von Premiumautos in Indien, Russland und China zu tun hat. Insgesamt ist Bremen ein exzellent aufgestellter Industriestandort mit seiner Luft- und Raumfahrtindustrie, der Autoindustrie, den Maschinenbauern und der Nahrungsmittelindustrie. Da geht es jetzt auch darum, Bestandspflege zu betreiben. Das unterscheidet unsere jetzige Politik auch von dem, was vorher gemacht wurde. Es geht darum, nicht nur auf Neues zu setzen und zu sagen, Wirtschaftspolitik ist dann gut, wenn Millionen investiert werden, sondern auch, sich um die vielen familiengeführten mittelständischen Unternehmen zu kümmern, die es im Land gibt. Die sollen wissen: Wenn Ihr Probleme habt, wenn Ihr Hilfe braucht, dann ist der Wirtschaftssenator da.

Es gibt ja in Bremerhaven immer noch das Bild, dass die Stadt und das Land Bremen mit Bremerhaven stiefmütterlich und ungerecht umgehen.
Das ist Unfug. Schauen Sie sich die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre an. Damals war Bremerhaven der schönste Parkplatz am Weserdeich. Der südliche Fischereihafen bestand aus leeren Gewerbeflächen, die Carl-Schurz-Kaserne war weitgehend leer, die Hafenentwicklung zeichnete sich noch nicht ab. Wenn man jetzt schaut, sieht man einen gewachsenen Nahrungsmittelbereich, die Offshore-Windindustrie ist mit bremischen Geld zu dem Wirtschaftsbereich der Zukunft gemacht worden, die Häfen sind ausgebaut, die Havenwelten sind ein echter Touristenmagnet geworden.

Alles richtig. Aber dennoch gibt es diese Stimmung.
Ja. Aber das wäre alles ohne Bremen nicht möglich gewesen.

Wo kommt die Stimmung her?
Ich weiß es nicht. Ich kann meinen Freunden in Bremerhaven auch nur raten, aus dieser Ecke rauszukommen. Bremerhaven hat eine starke Stimme in Bremen und wird hier stark wahrgenommen. Viele schauen von hier sogar schon neidisch auf Bremerhaven. Außerdem: Die nölige Stimmung, die es vor sechs oder sieben Jahren gab, ist in der Form nicht mehr da.

Welche Koalition wünschen Sie der Stadt Bremerhaven nach der Wahl?
Eine starke und entscheidungsfreudige Koalition. Was wir nicht gebrauchen können, sind Koalitionen, die sich nicht trauen, die Entscheidungen zu treffen, um den Industriestandort entsprechend voranzutreiben.

Ist die Große Koalition stark und entscheidungsfreudig?
Wir haben wieder einen starken Oberbürgermeister und ich sage natürlich, dass wir erstmal eine starke SPD brauchen.

Hat nicht der Abgang des alten Oberbürgermeisters, der ja auch bundesweit beachtet wurde, gezeigt, dass diese Koalition so stark ist, dass sie meint, nicht mehr hinhören zu müssen, was geht und was nicht?
Das ist verschüttete Milch.

Was heißt das?
Es ist geschehen. Es ist so gelaufen, wie es gelaufen ist.

Bremerhaven verändert sein Gesicht zum Wasser hin. In Weddewarden ist Deich zugunsten der Erweiterung des Containerterminals verloren gegangen und jetzt gibt es die Forderung, dass um die neue Kaiserschleuse herum Flächen abgesperrt werden sollen, die bis vor dem Neubau erreichbar waren. Wie stark kann man das Gesicht der Stadt aus ökonomischen Interessen heraus verändern?
Der Deich hat einen hohen Identifikationscharakter für die Menschen in Bremerhaven. Wir müssen aber gucken, dass wir die notwendigen Deicherhöhungsmaßnahmen – Stichwort: Klimawandel – angehen. Gleichzeitig muss das ökonomisch Notwendige getan werden. Nach dem 11. September mussten die Hafenareale weitgehend abgeschottet werden. Früher konnte man an der Kaiserschleuse direkt an die Schiffswände heran. Das wird nicht mehr möglich sein. Aber natürlich soll der Deich weiterhin zugänglich sein. Die Leute sollen sich auch weiterhin die Schiffe ansehen – nur eben nicht mehr mit der Hand an der Schiffswand. Wir sind ein riesiger Amerikahafen und leben vom Umschlag. Entsprechend müssen wir im engen Schulterschluss mit den Amerikanern das Thema Sicherheit angehen, damit wir auch weiterhin Amerikahafen bleiben.

Es werden nach und nach Fragmente eines Konzeptes „Bremerhaven 2020“ des Tourismuschefs bekannt. Er setzt auf Familien, will Bremerhaven kinderfreundlicher machen. Was sagen Sie dazu?

Im Aufsichtsrat der BIS wurde das noch nicht diskutiert. Grundsätzlich gilt: Gestaltung zeichnet sich am Ende dadurch aus, dass man umsetzt.


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