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// Gesellschaft
14.11.2018
Von: sl

Wenn aus Angst blanker Hass wird - Ursachen und Folgen von Fremdenfeindlichkeit

Der Begriff „Xenophobie“ hat heute zwei Bedeutungen: Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit. Die Furcht vor dem Unbekannten steckt gewissermaßen in uns allen. Doch der Hass auf Fremde – also auf Ausländer, Flüchtlinge und Migranten – befindet sich in Deutschland auf dem Vormarsch. Pegida und AfD vereinen sich zu Protesten gegen Flüchtlinge und finden Unterstützer. Die diesjährigen Ausschreitungen in Chemnitz stellen keinen Einzelfall dar. Was 2018 Chemnitz war, war 2016 Bautzen, waren 2015 Freital und Heidenau. Doch wie hängen die Angst vor dem Fremden und der blanke Hass zusammen? Und wie sollte die Gesellschaft auf die derzeitige Entwicklung reagieren? Der Politologe Prof. Dr.Klaus-Peter Hufer liefert im LAUFPASS-Interview Antworten auf diese und weitere Fragen.


Politologe Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer

Politologe Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer (Foto: Kurt Lübke)

HERR PROF. DR. HUFER, WAS IST FREMDENANGST UND WIE ÄUSSERT SIE SICH?
Es ist besonders wichtig, dass man Fremdenangst nicht mit Fremdenfeindlichkeit verwechselt. Zur Fremdenangst gibt es plausible Erklärungen aus der Anthropologie und der Biologie, die die Furcht vor dem Fremden als ein biologisches Erbe betrachten. Ich glaube schon, dass man diese Ansätze so akzeptieren kann, weil es in der Menschheitsgeschichte von Nutzen war, wenn man gegenüber Unbekanntem Skepsis empfunden hat. Die Wissenschaft hat bestätigt, dass die Angst vor dem Fremden bei Kindern ab dem achten Monat mit dem sogenannten Fremdeln einsetzt. Sie ist als Signal- und Schutzfunktion zu betrachten und damit gut begründet.

DAS HEISST, DASS FREMDENANGST GRUNDSÄTZLICH AUCH HEUTE NOCH IN UNS ALLEN STECKT?

Heutzutage wird der biologische Nutzen der Angst vor dem Fremden von vielen Seiten in Frage gestellt. Wir leben in einer hoch technisierten, globalisierten und digitalisierten Welt, in der wir fast alltäglich Fremdem und Fremden begegnen. Diese Begegnungen mit Unbekanntem stellen dementsprechend für viele keine Gefahr mehr dar. Deshalb baut die Angst nach und nach ab, je mehr wir mit verschiedenen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion oder Hautfarbe in Kontakt treten.

ZULETZT SIND FREMDENFEINDE IMMER HÄUFIGER AUF DIE STRASSEN GEGANGEN UND HABEN TEILS GEWALTSAM PROTESTIERT. INWIEFERN HÄNGEN FREMDENANGST UND FREMDENFEINDLICHKEIT ZUSAMMEN?
Dass häufige Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen nicht nur zu weniger Fremdenangst, sondern parallel zu weniger Fremdenfeindlichkeit führen, zeigen die Statistiken. Fremdenfeindlichkeit ist verstärkt im Osten der Republik verbreitet, also dort, wo am wenigsten Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund leben. Die Menschen dort sind es weniger als die im Westen gewohnt, Menschen anderer Herkunft zu treffen. Im Gegensatz zu vielen anderen erschreckenden Beispielen habe ich vor einigen Monaten in Bremen, wo sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, eine besonders erfreuliche Erfahrung gemacht. Hier fand eine Pegida-Demonstration statt, an der nur fünf Menschen teilgenommen haben. Auf der anderen Seite gab es dagegen circa 400 Gegendemonstranten. Im Osten herrschen aktuell andere Verhältnisse.

DIE ANGST VOR DEM FREMDEN SCHEINT ZU GEWISSEN TEILEN NATÜRLICH VERANLAGT ZU SEIN. ABER WANN UND WODURCH SCHLÄGT SIE IN FREMDENFEINDLICHKEIT UM?

Eine entscheidende Rolle spielt dabei die gegenwärtige gesellschaftliche Situation. Wir befinden uns in einer Zeit des rasanten Wandels, in der alles Mögliche in Frage und zur Disposition gestellt wird, auch etablierte Strukturen. Das verunsichert viele, einige Menschen orientieren sich deshalb an Kategorien, die man ihrer Meinung nach klar einordnen und ihnen nicht wegnehmen kann, zum Beispiel Heimat oder Volk. Hinzu kommt, dass AfD und Pegida gut organisiert und strategisch gezielt Ängste bis hin zur Feindseligkeit schüren. Dies gelingt ihnen vor allem bei Menschen, die durchaus realistische und nachvollziehbare Sorgen haben, die beispielsweise keine Wohnung finden oder ihre Wohnung verlassen müssen, weil sie aufwendig von privaten Investoren saniert und die Mieten so hochgetrieben worden sind, während Flüchtlinge eine kostenlose Unterkunft bekommen. Diese entsprechen zwar nicht den hier üblichen Standards, doch das sieht man nicht. Wenn die Politik sich mehr für soziale Sicherheit und Gerechtigkeit einsetzen würde, würde sich ein Teil der Menschen wahrscheinlich nicht mehr von den Rechten mobilisieren lassen, weil es weniger Gründe zur Angst gibt. Davon sind jedoch die Menschen ausgenommen, die bewusst rassistisch sind.

WELCHE FAKTOREN TRAGEN NEBEN DEM SCHÜREN DER ANGST DURCH DIE RECHTEN PARTEIEN UND GRUPPIERUNGEN ZUM RECHTSRUCK IN DER BEVÖLKERUNG BEI?
Die Medien verstärken diese Entwicklung noch weiter. Heute existieren immer mehr rechtsextreme Verlage, es erscheinen Bücher wie „Umvolkung“, „Revolte gegen den Großen Austausch“ oder Thilo Sarrazins „Feindliche Übernahme“. Die Legende der bewussten Umvolkung ist ein zentraler Bestandteil der Ideologie der Rechten. Dagegen leugnen sie diejenigen Informationen, die von der etablierten und liberalen Presse veröffentlicht werden. Aber auch die tägliche Berichterstattung hat sich verändert, weil viele Medien überregional von Straftaten von Flüchtlingen berichten, während dieselben Straftaten von deutschen Tätern weniger und oft nur lokale Beachtung finden. So wird die selektive Wahrnehmung der Rechten weiter unterstützt.

ES WIRKT, ALS WÄRE DER HASS AUF FREMDE IN DER JÜNGSTEN VERGANGENHEIT STARK GEWACHSEN. WIE KAM ES ZU DIESER RADIKALISIERUNG UND WIE KANN IHR ENTGEGENGEWIRKT WERDEN?

Dazu muss man sagen, dass es schon seit Bestehen der Bundesregierung Rechtsextremisten gibt. Die NPD schaffte es, in den 1960er Jahren in mehreren Bundesländern in die Landtage einzuziehen. Auch die Gewalt gegen Migranten gibt es schon länger. Seit 1990 sind alleine in Deutschland 193 Menschen durch rechtsextreme Gewalt gestorben. Die Tatsache, dass seit 2015 über eine Million Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, hat bei den Rechten für noch mehr Zündstoff gesorgt. Zudem liefert das Internet mit seinen sozialen Foren und Filterblasen vorurteilsbeladenen Menschen genau das, was sie zur Bestätigung ihrer Ressentiments brauchen. Die Menschen werden dort mit den Inhalten versorgt, die zu ihrer Haltung und zu ihren stereotypen Denkmustern passen.

WIE SOLLTE DIE GESELLSCHAFT MIT DER AKTUELLEN ENTWICKLUNG UMGEHEN?
Wir alle müssen uns darüber klar werden, was für ein Privileg es ist, in einer Demokratie zu leben. Nach einer Untersuchung der Zeitschrift „The Economist“ herrscht derzeit nur in 19 von 163 untersuchten Ländern eine vollständige Demokratie, dieses Privileg haben lediglich 4,5 Prozent aller Menschen auf diesem Planeten. Eines dieser Länder ist Deutschland. Damit das so bleibt, müssen wir unsere Offenheit gegenüber der Begegnung mit Fremden verteidigen. Es gibt viele Initiativen, die sich für den Erhalt der Demokratie einsetzen. Doch gerade in dieser Zeit ist neben diesen Initiativen nicht nur die Politik, sondern die gesamte Zivilgesellschaft gefragt. Die Menschen, denen die demokratischen Strukturen wichtig sind, müssen herausgehen und klar Position beziehen.


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