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// Politik
08.05.2018
Von: sl

Wohnungen für alle

Oft sind die einfachsten, unbürokratischsten Lösungen die besten. Auch beim Thema Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Erfolgreiche Projekte haben gezeigt, dass es neben der ethischen Notwendigkeit sogar finanziell lohnenswert ist, Betroffenen bedingungslos eine Wohnung zur Verfügung zu stellen. In Deutschland ist die Zahl der Wohnungs- und Obdachlosen zuletzt gestiegen. Im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und der SPD taucht das Thema dennoch nicht auf der Agenda auf.


Obdachlose in Berlin, August 2014

Obdachlose in Berlin, August 2014 (Foto: NoyanYalcin/shutterstock.com)

Im Jahr 2016 lebten in Deutschland nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe e.V. 860.000 Menschen ohne eigene Wohnung. Im Vergleich zu 2014 verzeichnete die Arbeitsgemeinschaft einen Anstieg um 150 %, was in erster Linie daran liegt, dass erstmalig circa 440.000 wohnungslose Geflüchtete hinzugezählt wurden. Die Wohnungslosen leben teilweise in Gemeinschaftsunterkünften, wo sie nur für kurze Zeit geduldet werden. Die BAG Wohnungshilfe erwartet bis Ende dieses Jahres sogar einen Anstieg auf rund 1,2 Millionen.

52.000 Menschen leben ohne jegliche Unterkunft auf der Straße. Von 2014 bis 2016 ist die Anzahl um 33 % gestiegen. Zu jeder Jahreszeit schlafen sie auf Parkbänken, unter Brücken, in Hauseingängen. Für einige nimmt das Leben im Winter ein trauriges Ende. Von 1991 bis zum Januar 2017 sind in Deutschland mindestens 289 Obdachlose erfroren, wie die Arbeitsgemeinschaft berichtete. Mindestens drei weitere Tote kamen von Herbst bis Dezember letzten Jahres hinzu. Und das in einer Zeit, in der nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt-, und Raumforschung deutschlandweit 1,8 Millionen Wohnungen leer stehen.

Genaue Zahlen über die bundesweite Anzahl an Obdach- und Wohnungslosen liegen nicht vor. Die Fraktionen Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen stellten Anfang 2016 einen Antrag auf die Einführung einer bundesweiten „Statistik zur Erfassung von Obdach- und Wohnungslosigkeit“. Die Begründung: Genaue empirische Untersuchungen seien notwendig, um das Problem wirkungsvoll anzugehen und nachhaltig zu bekämpfen. Der Bundestag lehnte den Antrag mit den Stimmen der Fraktionen der CDU/CSU und SPD ab.

Das Recht auf eine angemessene Wohnung müsste im Sozialstaat Deutschland allein aus ethischen Gründen zu den Grundrechten zählen und bedingungslos ermöglicht werden. Mit der Billigung von Obdach- und Wohnungslosigkeit verstößt der Staat hingegen gegen diverse Grundrechte – beispielsweise die Menschenwürde (Art. 1 GG) oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 GG). Doch in der Politik lässt sich keine klare Initiative zur Bekämpfung feststellen.

Im neuen Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD verläuft die Suche nach den Themen „Wohnungslosigkeit“ und „Obdachlosigkeit“ erfolglos. „Wir fordern die Parteien, die die neue Bundesregierung bilden wollen, auf, die Lebenslagen von verarmten und wohnungslosen Menschen endlich zur Kenntnis zu nehmen. Sofort-Maßnahmen gegen den weiteren Anstieg der Wohnungslosigkeit gehören in einen Koalitionsvertrag“, forderte Karin Kühn, die Vorsitzende der BAG Wohnungslosenhilfe, vergebens. Der Verein setzt sich für einen Wohnungsgipfel sowie eine Strategie zur Überwindung von Wohnungsnot und Armut in Deutschland ein – auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene.

Erfolgreiches Projekt „Housing First“

Wie kann man Obdachlosigkeit bekämpfen? Die Antwort auf die Frage liegt auf der Hand: Indem man Betroffenen Wohnungen gibt. Die Idee ist nicht nur simpel, sondern auch noch effektiv, wie das Beispiel des US-Bundesstaates Utah zeigt. Die Strategie nennt sich „Housing First“ und wurde vom späteren Projektleiter Lloyd Pendleton mitentwickelt. Anfangs holten Pendleton und seine Helfer 17 chronisch Obdachlose von der Straße, gaben ihnen kosten- und bedingungslos Wohnungen. Als die ehemals Obdachlosen auch zwei Jahre später noch in den Wohnungen lebten, wurde das Projekt ausgeweitet.

Im gesamten Bundesstaat konnte die Zahl der Langzeitobdachlosen durch „Housing First“ von 2005 bis 2015 um 91 Prozent gesenkt werden – von 1.932 auf 178. Die Frage der Finanzierung stellte sich dabei gar nicht: Die Beteiligten hatten im Vorfeld genau berechnet, welche Kosten sie im Durchschnitt jährlich für einen Obdachlosen zu tragen haben und kamen dabei einschließlich Gesundheits-, Polizei-, Noteinsatz- und Gefängniskosten auf 16.670 Dollar. Dem gegenüber liegen die Kosten für ein Appartement inklusive professioneller Betreuung pro Jahr lediglich bei 11.000 Dollar. Die Bekämpfung der Langzeitobdachlosigkeit war damit nicht nur aus humanitärer, sondern zudem aus finanzieller Sicht ein großer Gewinn.

In Europa sind Länder und Städte ebenfalls auf das erfolgreiche Projekt aufmerksam geworden. Die Niederlande startete im Februar 2008 in Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht „Housing First“. 6.500 Menschen wurden von der Straße geholt, die Zahl der Obdachlosen um 65 % gesenkt, der Drogenmissbrauch sank um die Hälfte. Doch im Oktober 2008 strich die Regierung wegen der Finanzkrise vom einen auf den anderen Moment die Finanzierung. Bis 2013 stieg die Zahl der Obdachlosen wieder an und erreichte sogar Rekordwerte. Dabei hatte das Projekt seine Funktionalität bewiesen.

In Deutschland, wo der Bund die Verantwortung für die Wohnungs- und Obdachlosigkeit an die Länder und Kommunen abgibt, denken einige Städte ebenso über die Umsetzung von „Housing First“ nach. In Hannover wird derzeit das Pilotprojekt „Niederschwelliges Wohnangebot für Wohnungslose“ entwickelt, das auf diesem Prinzip fußt. Es ist geplant, den Betroffenen im Raum Hannover ohne Auflagen Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Kompetente Betreuung soll ihnen nach und nach den Schritt ins soziale Leben ermöglichen und sie in eine Gesellschaft integrieren, in der sich das Leben lohnt.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER
WWW.BAGW.DE
WWW.GISS-EV.DE
WWW.HOUSINGFIRSTEUROPE.EU



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