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// Wissenschaft
13.11.2017
Von: sl

Zu viel des Guten

Jeden Morgen zum Frühstück eine Multivitamintablette – das ist in deutschen Haushalten kein seltenes Bild. Nahrungsergänzungsmittel gehören für fast ein Drittel der Bevölkerung fest zum Ernährungsplan dazu. Viele erhoffen sich durch die konzentrierten künstlichen Präparate dieselbe Wirkung wie durch den Verzehr von frischem Obst, für einige sind sie Wundermittel und Medikamente zugleich. Doch Nahrungsergänzungsmittel sind umstritten. Die Verbraucherzentrale Bremen erklärt nicht nur das Gros der Produkte für unwirksam, sondern warnt sogar vor Gesundheitsschäden durch Überdosierung: Beispielsweise kann zu viel Vitamin D nicht nur Kopfschmerzen und Übelkeit auslösen, sondern auch zu ernsthaften Erkrankungen wie Nierenverkalkung und Nierensteinen führen.


Nahrungsergänzungsmittel können der Gesundheit schaden

Nahrungsergänzungsmittel können der Gesundheit schaden (Foto: violetblue/shutterstock.com)

In Deutschland herrscht ein regelrechter Nahrungsergänzungsmittel- Kult. Von April 2015 bis zum März 2016 wurden insgesamt 177 Millionen Packungen verkauft, wie der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. (BLL) berichtet. Der Umsatz belief sich in diesem Zeitraum auf 1,175 Milliarden Euro. Die Konsumenten erhoffen sich nicht nur, mit den Nahrungsergänzungsmitteln ihre ernährungsbedingten Defizite auszugleichen. Vielmehr dominiert das weit verbreitete Trugbild, die Präparate würden gegen Krankheiten helfen.

Um dieser Hoffnung einen Dämpfer zu geben, genügt bereits ein Blick in die Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel (NemV). Dort heißt es bereits im ersten Satz: „Nahrungsergänzungsmittel im Sinne dieser Verordnung ist ein Lebensmittel“. Vitaminpillen sind keine Allzweckwaffen oder Wunderheilmittel, sie sind Nährstoffe in konzentrierter Form, die wir auch über die normale Ernährung zu uns nehmen. Und sie sind erst recht keine Medizin. Deshalb rät das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) auf seiner Homepage: „Nahrungsergänzungsmittel sind für gesunde Personen, die sich normal ernähren, in der Regel überfl üssig. Bei ausgewogener Ernährung bekommt der Körper alle Nährstoffe, die er braucht. Auf der anderen Seite kann eine einseitige, unausgewogene Ernährungsweise nicht durch Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ausgeglichen werden.“ Ob wirklich aufgrund von Krankheiten oder besonderen Umständen (z.B. vegane oder vegetarische Ernährung, Schwangerschaft, Wachstum, Stress) ein Nährstoffmangel vorliegt, kann nur ein Besuch beim Arzt klären.

Unter Konsumenten dominiert die Unwissenheit, wie durch eine Umfrage der Verbraucherzentrale klar wurde: 51 Prozent aller Befragten stuften Nahrungsergänzungsmittel sogar als gesundheitsförderlich ein. „Viele Verbraucher lassen sich von der Werbung, die häufig sehr geschickt und manchmal auch mit verbotenen Aussagen wirbt, beeinflussen. So heißt es oft, wir wären nicht mehr ausreichend mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen versorgt“, erklärt Gertraud Huisinga von der Verbraucherzentrale Bremen. Eine der Begründungen in der Werbung: die Böden seien ausgelaugt und böten nicht mehr genug Nährstoffe. Diese Aussage wurde durch einen Vergleich der jahrzehntelangen Bodenuntersuchungen des Max Rubner-Instituts bereits als falsch entlarvt.

Studie: Vitamin-B-Einzelpräparate erhöhen das Krebsrisiko bei Männern

Die vom BfR und der Verbraucherzentrale thematisierte Unwirksamkeit bei normaler Ernährung ist ein kleines, die Schädlichkeit für die Gesundheit ein wesentlich größeres Problem. Im August erschien im Journal of Clinical Oncology eine Studie zu Vitamin B: Eine Forschungsgruppe um den Wissenschaftler Dr. Theodore M. Brasky kam durch eine Befragung zu dem Ergebnis, dass die Einnahme von reinen Vitamin- B-Präparaten langfristig das Krebsrisiko bei Männern um 30 bis 40 Prozent erhöht. Die Forscher hatten die Angaben von über 77.000 Teilnehmern im Alter zwischen 50 und 76 Jahren analysiert. Die Teilnehmer listeten dazu auf, welche Nahrungsergänzungsmittel sie in den vergangenen zehn Jahren in welcher Dosis zu sich nahmen. Die Mehrheit überschritt die empfohlene Dosis.

Durchschnittlich sechs Jahre lang wurden die Teilnehmer beobachtet, 808 von ihnen erkrankten mittlerweile an Lungenkrebs – die Krebswahrscheinlichkeit erhöhte sich sowohl bei Nichtrauchern als auch bei Rauchern. Bei Frauen ließ sich hingegen kein gesteigertes Potential erkennen. Wohlgemerkt: Die Studie ist keine medizinische Untersuchung. Das Pharmaunternehmen Abtei und das Pharmaunternehmen Queisser, das unter der Marke „Doppelherz“ Nahrungsergänzungsmittel vertreibt, kritisieren auf Nachfrage die Aussagekraft: „Wichtig bei der Betrachtung von Beobachtungsstudien ist, dass dieser Studientyp im Gegensatz zu randomisierten, placebo-kontrollierten klinischen Studien keine Ursache-Wirkungs-Beziehung darstellt“, sagt Dirk Neuberger, Ernährungswissenschaftler von Queisser. Abtei ließ in einer Erklärung verlauten, dass „die reißerische Schlussfolgerung sich nicht aus dem Studiendesign ableiten“ lasse.

Neuberger stützt sich außerdem darauf, dass es bei Einhaltung der Verzehrempfehlung für die Präparate nicht zu einer Überdosierung kommen könne – und dennoch zeigt die Studie, dass in diesem Bereich keine Aufklärungsarbeit geleistet wird. Tägliche Dosen werden zwar empfohlen, vor Risiken wird jedoch nicht ausreichend gewarnt. Dabei können die Folgen gravierend sein. „Viele glauben, dass Vitamine an sich gesund sind, und vielleicht spielt auch das ‚viel hilft viel‘ bei manchen Überdosierungen eine Rolle. Der Körper muss jedoch die übermäßig eingenommenen Vitamine verarbeiten und das kann möglicherweise zu gesundheitlichen Schäden führen“, warnt Gertraud Huisinga. Dafür liefert nicht erst die jüngste Studie zu Vitamin B ein Indiz. Schon vorher teilte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) mit, dass Präparate mit Vitamin E Lungenkrebs, mit Vitamin D Nierenschäden, mit Vitamin A Lebererkrankungen und mit Magnesium neuromuskuläre Störungen verursachen können, wenn man sie langfristig überdosiert zu sich nimmt.

Über diese Umstände müssen die Verbraucher nach Meinung des Bundesinstituts für Risikobewertung besser informiert werden. „Das Wissen ist für die Risikokommunikation wichtig“, sagte BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel auf der Grünen Woche in Berlin. Laut einer aktuellen Erhebung von Stiftung Warentest überschreiten die meisten Vitaminpräparate die Höchstdosis. Bei 26 von 35 Produkten war dies der Fall. Die Verbraucherzentrale will mit ihrem neuen Portal „Klartext Nahrungsergänzung“ die Wissenslücken in der Bevölkerung schließen. Neben Warnungen und Produktinformationen finden die Verbraucher dort auch ein Beschwerdeformular vor und können somit einen Teil dazu beitragen, über Nahrungsergänzungsmittel aufzuklären und Missstände aufzudecken.

Beliebteste Nahrungsergänzungsmittel – verkaufte Packungen im Jahr 2016 in Millionen
VITAMINE

VITAMIN C: 22,8 MIO
MULTIVITAMINE MIT MINERALSTOFFEN: 14,4 MIO
MULTIVITAMINE OHNE MINERALSTOFFE: 5,8 MIO
VITAMIN-B-KOMPLEXE: 3,6 MIO
VITAMIN B12 (REIN): 3,5 MIO

MINERALSTOFFE
MAGNESIUM: 41,6 MIO
CALCIUM: 14,6 MIO
PRODUKTE ZUR REGULIERUNG DES SÄURE-BASEN-HAUSHALTS: 3,0 MIO
KALIUM: 2,1 MIO
ZINK: 2,1 MIO

(Quelle: Marktanalyse von Insight Health im Auftrag des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V.)


Die übermäßige Dosierung stellt übrigens nicht die einzige Gefahr dar, auch bestimmte Inhaltsstoffe gelten laut Informationen der Verbraucherzentrale als bedenklich. Vor allem Produkte aus den USA, Kanada, Asien und Osteuropa seien davon betroffen, weil oft Zutaten enthalten sind, die in Europa nicht zugelassen sind. Dazu zählen beispielsweise Pflanzen aus Asien oder bestimmte Arzneistoffe, aber auch Schwermetalle wie Arsen, Blei und Quecksilber sowie krebserregende aromatische Kohlenwasserstoffe. Für die Sicherheit der Produkte sind die Hersteller selbst verantwortlich, da Nahrungsergänzungsmittel als Lebensmittel keiner gesonderten Zulassungspflicht unterliegen. Auch die Qualität und Wirksamkeit würden behördlich höchstens stichprobenartig und erst nach dem Inverkehrbringen kontrolliert, kritisiert die Verbraucherzentrale.

WWW.KLARTEXT-NAHRUNGSERGAENZUNG.DE

WWW.BLL.DE



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