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// Gesellschaft
10.08.2016

Mathilde aus Beers

Im Gespräch: Mathilde aus Bad Bederkesa. Ein satirisches Interview mit einer ungewöhnlichen Gestalt. Sie ist eine Frau mit vielen Gesichtern, wenn man es so sagen mag. Sie ist ein Kunstwerk, eine Kunstfigur und ein Kunstgriff zugleich. Wir nähern uns dem Phänomen Mathilde im Gespräch.


Mathilde aus Beers (Foto)

Mathilde aus Beers

Wer sind Sie eigentlich, Mathilde?
Ursprünglich eine Arbeit von Gerhard Olbrich, dem Bremerhavener Künstler. Als „Einkaufende Hausfrau“ bin ich Skulptur. Zugleich diente ich als Vorlage für die Gästeführerin Mathilde. Eine zauberhafte Frau aus Fleisch und Blut namens Heike Windus. Sie führt die Menschen durch Raum und Zeit von Bederkesa und bringt ihnen diesen schönen Ort näher.

Sie sind aber zugleich eine furchtbar renitente Person, was man so lesen darf...

Renitent? Nun eher satirisch, bissig, offen und ehrlich als Sprachrohr der Bürger unserer Stadt. Das ist sozusagen mein drittes Gesicht. Ich sage, was zu sagen ist, im Auftrag der Menschen, die es gesagt sehen wollen.

Ein Sprachrohr in Satireform?
Ja, Satire darf übertreiben und trägt doch stets einen wahren Kern in sich. Bad Bederkesa hat viele Probleme, viele Chancen und eine gute Zukunft, wenn man ordentlich mit dem Standort umgeht. Eine Ausblendung von Bürgeranliegen sehe ich in der Folge der Amtsübernahme von König Krüger. Eine von der Stadt finanzierte Postkarte für die Gästeführerin „Mathilde” wurde beispielsweise gleich nach Erscheinen komplett vom Markt genommen und vernichtet, weil der Bürgermeister Krüger der Meinung war, dass die Adressangabe zuerst die neue Fusionsstadt Geestland zeigen müsse und nicht den Ort Bad Bederkesa, wo Mathilde ihre Gästeführungen durchführt. Auch seine Zusage, für Ersatz zu schaffen, hielt er nicht ein.

„König” Krüger?
Der neue Bürgermeister der Stadt Geestland, die aus Bad Bederkesa und Langen entstanden ist. Dieses Fusionskonstrukt ist ein bürokratisches Monster, das die Identitäten der Ortschaften verschlingt. Und die Erwartungen an den neuen Herrscher über die Verwaltung wurden leider enttäuscht.

Welche Erwartungen?
Vor der Fusion schien es, als sei Bürgernähe ein substanzielles Anliegen des Bürgermeisters. Deshalb sprachen viele mit ihm und er mit ihnen. So auch das BürgerTeam, das damals sehr aktiv in Bad Bederkesa war. Nach der Amtsübernahme zeigte sich aber, dass „König” Krüger seine ganz eigenen Ideen zur Gestaltung seines Reiches hat. Und darin tauchen viele Bürgerinnen und Bürger nicht mehr auf.

Und das rief Sie auf den Plan – als satirische Version einer Hofnärrin?

Eine Närrin? Nein, aber nicht doch. Bei aller Häme sind die Anliegen, die die Bürger über mich als Vehikel in die Welt tragen, doch sehr bedeutsam. Es geht um die Zukunft Bad Bederkesas. Diese ist gefährdet. Da muss Frau sich doch aufraffen und Stellung beziehen – oder?

Was gefährdet Bad Bederkesa?
Der Verlust des Identitätskernes. Bad Bederkesa als zauberhaftes Städtchen am schönen See, mit seinem Kanal, der Burg, den alten Gebäuden, seiner Geschichte. Ein Ort für Touristen und Naherholungssuchende, ein Ort mit hoher Wohnqualität und einem ganz besonderen Ambiente ist gefährdet. Durch die Banalisierung der Stadtkultur, die die Geschichte Bad Bederkesas vergisst, durch Mission Olympic – ein Coca Cola Konzept – durch Büschen Olympic – irgendwie kein Konzept. Es hat eine oberflächliche, laute mediale Verblödelung der Stadt begonnen. Hinzu kommt die Industrieansiedlungsstrategie, die mit Macht und Mächten vorangetrieben wird.

Industrieansiedelung? Was meinen Sie damit?

Vierzehn Kraftwerke sollen hier gebaut werden. Jedes einzelne 200 Meter hoch.

Kraftwerke, was für Kraftwerke?
Windkraftwerke. 200 Meter hoch. 14 Stück. Das sind keine niedlichen Windmühlen für ein bisschen erneuerbare Energie. Das sind 14 gigantische industrielle Anlagen, die das Antlitz Bad Bederkesas für immer zerstören werden für einen Haufen Schotter. 14 Riesen in einer wunderschönen Landschaft am Ortseingang, gebaut zur Bereicherung weniger zu Lasten tausender Bürgerinnen und Bürger der Region.

Was sind Ihre Befürchtungen?
Der von Landkreis und Wirtschaft geplante Windpark wird auf drei Ebenen eine katastrophale Belastung für Bad Bederkesa sein. Als Eingriff in die Integrität der Naturlandschaft wird er die Attraktivität des Standortes ruinieren, denn die 14 Giganten werden alles überragen und aus Bad Bederkesa einen Industriestandort machen. Als Eingriff in den Tierschutz werden heimische Uhus, Seeadler und andere mehr existenziell bedroht. Sie sind Teil des Reichtums unserer Gegend und haben sich angesiedelt, weil die Natur ihnen Lebensraum bietet.

Und der dritte Punkt?

Ja, ja, das ist mindestens ebenso wichtig. Wir sprechen vom Landschaftsschutz, vom Tierschutz und nun auch vom Menschenschutz. Die Anlagen sollen nur 500-800 Meter von bewohnten Zonen aufgestellt werden. Sie werden aber auch alle Bürgerinnen und Bürger bereits durch ihre Präsenz massiv belasten. Das wird unaushaltbar sein.

Sind diejenigen, für die Sie sprechen Windkraftgegner?
Nicht einer von ihnen. Alles sind Windenergiefans. Aber die Errichtung industrieller Großanlagen sollte nicht in unmittelbarer Nähe von bewohnten Gebieten erfolgen. Wir haben im Landkreis genug Flächen, die besser geeignet sind, und ohnehin besteht schon jetzt eine Überproduktion an Windenergie, die nicht zu nutzen ist. Aber wenn Politik und Wirtschaft, wenn Macht und Geld sich zusammentun, geschehen die sonderbarsten Dinge auf Erden. Schauen Sie sich mal die geplanten Flächen an und fragen Sie sich, wem diese Flächen gehören...

Ist die Bevölkerung gegen das Projekt?
Natürlich. In einer Befragung haben sich schon im Jahr 2010 73% der Menschen dagegen ausgesprochen. Aber das schert die da oben nicht. Die machen ihr eigenes Ding. Also müssen wir auch juristisch gegen die Industrialisierung vorgehen, wenn der Wille des Bürgers als Souverän des demokratischen Staates nichts mehr zählt.

Und der Bürgermeister?
Fragen Sie ihn selbst. Wir sehen, dass er die Chance verspielt, das Richtige für Bad Bederkesa zu tun. Seine Gründe kennen wir nicht. Großen Einfluss wird er auf die Entscheidungen des Landkreises ohnehin nicht haben. Dass er sich trotzdem im gleichen Boot mit den Landkreis-Kaisern befindet, ist aber schon kurios. Wir erleben ihn jedenfalls nicht als gütigen Stadtvater, der das Beste für sein Volk will. Eher kommt er wie ein Stratege bei uns an, der sich bürgernah gibt, aber dennoch sein eigenes Ding macht.

Wie funktioniert das mit Mathilde?
Ziemlich einfach. Der Designer Michael Heinze ist mein Redakteur. Er nimmt die Dinge auf, die ihm zugetragen werden und formuliert sie für mich so, dass ich es auch verstehe. Mit seinem Revolutionsmedium Nordsee-Galeere hat er ein Forum geschaffen, in dem ich mich und damit die Bürgerinnen und Bürger artikulieren kann. Die Nordsee-Galeere geht übrigens bald online als Blog. Das wird sicher auch sehr anregend.

Nach dem Vorbild der Bronzeskulptur „Einkaufende Hausfrau“ des Bremerhavener Künstlers Gerhard Olbrich entwarf der Designer Michael Heinze im Jahr 2002 eine neue farbige Schattenriss-Figur „Mathilde“ und entwickelte sie darüber hinaus zu einer marktreifen Kulturfigur. Das neue Konzept von „Mathilde“ geht über die historisierende Absicht des Originals und seiner Abbilder als Strichgrafik hinaus. Die Schattenriss-Figur entwickelte sich zum Sprachrohr der Bürger. Sie will eine positive Aufbruchsstimmung in und um Bederkesa erzeugen, zugleich aber auch als kritische Begleiterin der Umstände agieren.

Wir bleiben gespannt. Danke für das Gespräch.

www.mathilde-ut-beers.de


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