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15.05.2011

Bankgeheimnis Geldschöpfung
Weltfinanzkrise wirft viele Fragen auf – ein Gastbeitrag von Bernd Senf | Teil 2

Würden alle Kunden einer Bank ihr Geld gleichzeitig abheben wollen, wäre die Bank im Handumdrehen pleite – und längst nicht alle Kunden würden ihr Geld erhalten. Denn die Geschäftsbanken verleihen ein Vielfaches mehr an Geld, als sie tatsächlich zur Verfügung haben. Sie schöpfen Geld aus dem Nichts. Kritische Wirtschaftsexperten sehen das als tickende Zeitbombe für die Volkswirtschaften und die Weltwirtschaft insgesamt. Im zweiten Teil des Gastbeitrages beschreibt Bernd Senf die Hintergründe und mach Vorschläge für eine Neugestaltung des Geldsystems.


Monetative – Geldschöpfung in öffentliche Hand!
Für die notwendige Neugestaltung des Geldsystems ergibt sich für mich aus dem oben Abgeleiteten (siehe LAUFPASS 01/2011) eine erste wesentliche Forderung: Zentralbanken sollten staatliche Institutionen sein, unabhängig vom privaten Bankensektor, von privaten Anteilseignern und unabhängig von der Regierung – als vierte Säule der staatlichen Gewaltenteilung. Neben der Exekutive, der Legislative und der Judikative braucht es eine „Monetative“ – eine öffentliche Institution mit dem Privileg der Geldschöpfung des allgemeinen gesetzlichen Zahlungsmittels. Sie sollte dem Staat in wohl dosiertem Maße Geld ohne Zinsen und Tilgung für die Erfüllung dringender öffentlicher Aufgaben zur Verfügung stellen. Sie sollte darüber hinaus die Geldmenge im Interesse des Gemeinwohls so steuern, dass es weder zu Inflation noch zu Deflation kommt, sondern der Preisindex stabil bleibt („Index – Währung“). In der amerikanischen Geldgeschichte hat es eindrucksvolle Beispiele dafür gegeben, dass so etwas möglich ist, und sie waren sehr erfolgreich – bis sie durch den Einfluss der britischen Kolonialmacht oder des privaten Bankensystems unterwandert und gekippt wurden.

Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken – Mythos oder Realität?
Durch die Gründung einer Zentralbank und deren Emission eines gesetzlichen Zahlungsmittels traten die Banknoten der Geschäftsbanken in den Hintergrund. Ihre Forderungen gegenüber Schuldnern wurden nun bei der Zentralbank eingereicht und gegen Zentralbankgeld eingetauscht, das an die Kreditnehmer weiter geleitet wurde. Nachdem also das Privileg der Geldschöpfung auf die Zentralbank übergegangen war, haben sich die privaten Geschäftsbanken – lange Zeit unbemerkt von der Öffentlichkeit, der Wirtschaftswissenschaft und der Politik – eine neue Möglichkeit der Geldschöpfung aus dem Nichts erschlossen: die Giralgeldschöpfung, die seit langem den größten Teil der Geldmenge M1 (Bargeld + Sichtguthaben) ausmacht. Mitte des 20. Jahrhunderts hat die Volkswirtschaftslehre dieser Veränderung im Bankgeschäft mit der Theorie der multiplen Kreditschöpfung zwar Rechnung getragen, aber diese Theorie lenkt– wie noch zu zeigen sein wird – in scheinbarer mathematischer Exaktheit den Blick von der wesentlichen Problematik der Giralgeldschöpfung ab. Sie deckt das Bankgeheimnis Geldschöpfung nicht wirklich auf, sondern führt eher in die Irre. Es hat mich selbst viele Jahre gebraucht, um mich aus diesen (und anderen) Verwirrungen meines VWL-Studiums nach und nach herauszuwinden und einen realitätsnäheren Blick zu entwickeln. Aber selbst in freiwirtschaftlichen Kreisen, die in Anlehnung an Silvio Gesell das Zinssystem und das private Bodeneigentum kritisieren, gab es noch vor wenigen Jahren heftige Kontroversen darüber, ob es nun eine Giralgeldschöpfung gibt oder ob diese nur ein Mythos sei. Nach gründlicher Abwägung vieler Argumente für und wider bin ich zu dem Ergebnis gekommen: ... und es gibt sie doch – die Giralgeldschöfung der Geschäftsbanken, nur anders und viel problematischer als in der VWL-Lehrbuchtheorie. Im Folgenden möchte ich meine Sichtweise zur Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken grob skizzieren (ausführlich habe ich diese Zusammenhänge in meinem Buch „Der Tanz um den Gewinn“ im Kapitel „Kontroversen um das Geld“ abgeleitet. Die Kritik an der VWL-Lehrbuchtheorie der multiplen Kreditschöpfung findet sich in meinem Buch „Der Nebel um das Geld“ auf den Seiten 158 – 166).

Vom Bargeld zum Giralgeld
Das Verhältnis von (Zentralbank-)Bargeld zum Giralgeld der Geschäftsbanken ist sehr ähnlich dem Verhältnis von Goldmünzen zu Banknoten. Ein Beispiel soll wieder zur Veranschaulichung dienen: Werden 100 Euro Bargeld vom Bankkunden A zur Geschäftsbank GB-1 gebracht und auf ein Girokonto eingezahlt, entsteht auf diesem Konto ein Guthaben in gleicher Höhe. Weil der Bankkunde über dieses Guthaben vereinbarungsgemäß jederzeit verfügen kann, das Geld also auf kurze Sicht zum Beispiel in bar abheben oder unbar auf andere Konten überweisen lassen kann – und weil das Guthaben durch Einzahlung oder Einlage entstanden ist, spricht man von „Sichteinlage“– im Unterschied zu Termineinlagen und Spareinlagen, die längeren Bindungsfristen unterliegen. Die erste Sichteinlage ist noch vollständig durch Bargeld gedeckt. Wenn nun Bankkunde A an den Bankkunden B bei der gleichen Bank 100 Euro zahlen will, könnte er diesen Betrag von seinem Girokonto abheben, dem B in bar aushändigen, und B könnte ihn wieder bei der gleichen Bank auf sein Girokonto einzahlen und dafür ein Sichtguthaben von 100 Euro bekommen. Dieser Vorgang ist allerdings viel umständlicher, als wenn A den Betrag von der Bank direkt auf das Konto des B überweisen lässt – ohne eine dazwischen geschaltete Barabhebung durch A und Bareinzahlung durch B. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass B die Überweisung als Bezahlung akzeptiert. Er wird dies tun, wenn er darauf vertraut, dass er dieses Sichtguthaben jederzeit in bar abheben oder per Überweisung oder Scheckkarte darüber verfügen kann. Für die Durchführung der bankinternen Überweisung braucht die Bank kein Bargeld zu bewegen, sondern lediglich eine Umbuchung vorzunehmen: vom Konto des A den Betrag abbuchen und dem Konto des B zubuchen oder gutschreiben. Früher wurde das tatsächlich in den Büchern der Banken verbucht (daher auch der Ausdruck „Buchgeld“, was das gleiche bedeutet wie „Giralgeld“). Angenommen, die bargeldlosen Zahlungen haben sich so weit durchgesetzt, dass nur noch maximal 1/3 der Sichtguthaben in bar von den Girokonten abgehoben werden. Dafür muss die Bank Vorsorge treffen und eine entsprechende Barreserve halten, um der vereinbarten Bargeld-Einlösegarantie gerecht zu werden. 2/3 der anfänglich von A eingezahlten 100 Euro bleiben demnach als Überschussreserve übrig. Eigentlich gehören sie anfangs dem A, und nach der Überweisung auf das Konto des B sollten sie dem B gehören. Eigentlich müssten sie auch zu 100% in der Kasse oder im Tresor der Bank in bar gehalten werden. Dann wäre es eine 100%-Deckung oder eine Volldeckung des Giralgeldes durch Bargeld.

Grundlagen der Giralgeldschöpfung aus dem Nichts
Die Geschäftsbank könnte aber auch auf die Idee kommen, die 2/3 Überschussreserve anderweitig zu verwenden – in dem Vertrauen darauf, dass sie nicht durch Barabhebungen angetastet werden und insofern nur ungenutzt lagern würden. Sie könnte diese 66,66 Euro zum Beispiel in bar als Kredit an Dritte verleihen – gegen Zinsen, Tilgung und Sicherung – und sich damit ein Zubrot „verdienen“. Oder noch besser: Sie verwendet die 2/3 als Grundlage für die Schöpfung von 2 x 100 Euro aus dem Nichts, die sie dem C und dem D jeweils als Kredit gewährt und als Sichtguthaben auf deren Girokonto bucht. Für den angenommenen Fall, dass auch diese Sichtguthaben maximal bis zu 1/3 abgehoben werden, würde die Überschussreserve von 66,66 Euro (= 2 x 33,33 Euro) ausreichen. Wo vorher durch Bareinzahlung von 100 Euro nur ein Sichtguthaben in gleicher Höhe entstanden war, sind jetzt zwei weitere Sichtguthaben je 100 Euro entstanden – und zwar allein durch entsprechende Buchungen auf die Konten von C und D. Auf der einen Seite verpflichtet sich die Bank gegenüber C und D, die Guthaben jederzeit in bar einzulösen oder entsprechende Überweisungen durchzuführen (was in der Bankbilanz auf der Passivseite erscheint), auf der anderen Seite verfügt sie über jeweils eine Forderung gegenüber den Schuldnern C und D auf Verzinsung und Tilgung des eingeräumten Kredits (was auf der Aktivseite der Bankbilanz erscheint). Dadurch hat sich die Bilanz der Bank auf beiden Seiten um den gleichen Betrag verlängert („Bilanzverlängerung“). Durch Giralgeldschöpfung aus dem Nichts hat die Bank in diesem Beispiel den anfänglichen Betrag von 100 Euro auf 300 Euro vergrößert, indem sie auf einem Sockel von 100 Euro Bargeld einen dreifachen Überbau von 300 Euro Giralgeld errichtet hat. Auf die Gesamtwirtschaft übertragen würde das bedeuten: das von der Zentralbank geschöpfte Geld würde um das von den Geschäftsbanken geschöpfte Giralgeld ergänzt. Auch wenn Giralgeld im rechtlichen (noch) nicht als gesetzliches Zahlungsmittel gilt, sondern nur als Anspruch auf Einlösung in Bargeld, wirkt es im gesamtwirtschaftlichen Kreislauf doch längst wie Zentralbankgeld, weil man auch mit Giralgeld Güter und Dienstleistungen (also Sozialprodukt) kaufen und auch Steuerschulden und andere Schulden damit begleichen kann (die offizielle Definition der Geldmenge M-1 umfasst entsprechend auch die Summe aus Bargeld und Giralgeld). Was hier nur am Beispiel einer Bank mit bankinternen Überweisungen und Kreditvergaben dargestellt wurde, wird etwas komplizierter, wenn es sich zum Teil auch um bankexterne Überweisungen handelt. Aber am Prinzip ändert sich dabei wenig. Angenommen, einige Überweisungen gehen von GB-1 an Kunden einer anderen Geschäftsbank GB-2, dann müssten diese Überweisungen eigentlich begleitet sein durch entsprechende Bargeldbewegungen von GB-1 nach GB-2, ließen sich also doch nicht einfach durch Umbuchungen abwickeln. Andererseits wird es auch Überweisungen in umgekehrter Richtung geben (dies um so mehr, je größer die Banken und die Anzahl ihrer Kunden ist), so dass Bargeld pro Tag jeweils nur in Höhe des verbleibenden Saldos bewegt werden müsste. Und das ist zwischen großen Banken deutlich weniger als das gesamte Überweisungsvolumen. Wenn die großen Banken einigermaßen im Gleichschritt Giralgeldschöpfung betreiben, ergibt sich für alle ein größerer Spielraum. Nur die kleinen Banken haben kaum die Möglichkeit der Giralgeldschöpfung, weil ihre Überweisungen in der Regel überwiegend bankextern sind und von außen nur wenige Überweisungen eingehen.

Grenzen der Giralgeldschöpfung
Anfang der 30er Jahre betrug das Verhältnis von Bargeld zu Giralgeld in den USA schon ungefähr 1:10. Bei noch weiterer Verbreitung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs (Scheckkarten usw.) kann das Verhältnis noch viel weiter ansteigen (zum Beispiel auf 1:20 oder 1:40), wenn dem nicht gesetzliche Schranken gesetzt werden. Eine der möglichen Beschränkungen liegt in der „gesetzlichen Mindestreserve“, die die Zentralbanken von den Geschäftsbanken in manchen Ländern fordern können – und die den Spielraum für die Giralgeldschöpfung im Rahmen der so genannten „Mindestreservepolitik“ mehr oder weniger einschränken können. Aber auch dort, wo dieses geldpolitische Instrument angewendet wurde oder wird, geht es nicht darum, die Giralgeldschöpfung ganz zu unterbinden, sondern nur zu begrenzen. Eine weitere Möglichkeit der Begrenzung liegt in gesetzlichen Beschränkungen der Kreditvergabe im Verhältnis zum Eigenkapital der Banken. Eine gesetzliche Veränderung der geforderten Eigenkapitalquote kann bisherige Spielräume der Giralgeldschöpfung schlagartig in die eine wie in die andere Richtung verändern und Bankensysteme ganzer Länder in die Krise stürzen. Problematisch werden solche Vorschriften insbesondere dann, wenn sie ohne Rücksicht auf die besonderen Bedingungen einzelner Länder weltweit durchgesetzt werden, wie zum Beispiel durch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, einer Art Zentralbank der Zentralbanken, die weitgehend von der Öffentlichkeit unbemerkt im Hintergrund agiert.

Zur Problematik der Giralgeldschöpfung
Das Bankgeheimnis Geldschöpfung verdeckt die Fragwürdigkeit, dass die Banken für aus dem Nichts geschöpftes Geld von den Kreditnehmern Zinsen und Tilgung fordern – und bei Nichterfüllung auf das beliehene Eigentum der Schuldner – wie zum Beispiel Immobilien – zurückgreifen und es zwangsversteigern lassen. Auf diese Weise verlieren überschuldete Schuldner zuweilen das Dach über dem Kopf und den Boden unter den Füßen. Diese Konsequenz kann auch ganze überschuldete Länder (zum Beispiel der Dritten Welt) treffen, so dass die Gläubiger die Kontrolle über Menschen und Ressourcen bekommen. Die zugrunde liegende Abfolge „Kreditbedarf – Verschuldung und Enteignung“ zieht sich wie ein roter Faden, wie ein Thema mit Variationen durch einige Tausend Jahre Geldgeschichte, aber sie wird besonders grotesk, wenn die Mittel zur Kreditvergabe – wenn auch in gewissen Grenzen – aus dem Nichts geschöpft werden. Man kann diesen Zusammenhang auf einen kurzen Nenner bringen:

Mit selbst geschöpftem Geld – kaufen sie die Welt
Und sie tragen auf diese Weise mit dazu bei, dass die exponentiell wachsenden Forderungen der Geldvermögen ermöglicht werden durch entsprechend wachsende Verschuldung, für die immer wieder Kredite bereit gestellt und Schuldner immer tiefer in die Schuldenfalle gelockt oder getrieben werden, so dass eine wachsende Zahl von ihnen zusammenbrechen muss. Diese Tendenz ist im bestehenden Zinssystem in Kombination mit der Geldschöpfung des Bankensystems angelegt. Und für den Fall, dass die Forderungen ausfallen und die faul gewordenen Kredite die Bilanzen der Banken in die roten Zahlen geraten lassen, gibt es mittlerweile staatliche Rettungsschirme, für die die Zentralbanken das nötige Geld aus dem Nichts schöpft und den Staaten als wachsende Staatsschuld „bereit stellt“ – bis hin zum Staatsbankrott oder zur Hyperinflation (um nur zwei mögliche Verlaufsformen zu nennen). Es kommt noch eine weitere Problematik der Giralgeldschöpfung hinzu: Das Geldsystem insgesamt steht unter diesen Bedingungen auf einem äußerst unsicheren Fundament. Wird aus irgend welchen Gründen der schmale Bargeld-Sockel der Geschäftsbanken vermindert, so müssen die darauf aufgebauten Kredite in Form von Sichtguthaben um ein Vielfaches zurück gefahren werden (beim Verhältnis 1:10 um das Zehnfache des Bargeldabflusses). Dadurch entsteht die in letzter Zeit viel beklagte, aber wenig verstandene Kreditklemme im Bankensystem. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum sowohl die Banken als auch die Regierung panische Angst vor einem Ansturm der Bankkunden auf die Banken haben. Wenn nämlich alle Inhaber von Girokonten einer Bank ihre Guthaben gleichzeitig in bar abheben wollen, würde sich auf dramatische Weise heraus stellen, dass ihr Geld gar nicht bei der Bank ist – oder jedenfalls nur ein Bruchteil davon. Die betreffende Bank müsste ihren Laden dicht machen und die Gefahr besteht, dass dann auch andere Banken von den Kunden gestürmt werden – mit dem gleichen Ergebnis. Wenn es erst einmal so weit kommt, nützen auch keine Einlagensicherungsfonds oder staatliche Garantien – ähnlich, wie eine Feuerwehr einzelne Brände wirksam bekämpfen kann, aber einem Flächenbrand hilflos gegenüber steht. Auf derart fragwürdigem Fundament ist das bestehende Geldsystem aufgebaut – und das weltweit. Und lange Zeit wollte kaum jemand etwas von diesem unerhörten Gefahrenpotenzial wissen (auf das ich schon in meinem Buch „Der Nebel um das Geld“ 1996 hingewiesen habe).

Die Theorie der multiplen Kreditschöpfung – Verschleierung statt Aufklärung Warum trägt die VWL-Lehrbuchtheorie der multiplen Kreditschöpfung nicht zum wirklichen Verständnis der Giralgeldschöpfung und ihrer Problematik bei? Diese Theorie hat Modelle entwickelt, in denen die Geldschöpfung aus dem Nichts verborgen bleibt und täuscht mit ihrer exakten mathematischen Formulierung über ihre groben inhaltlichen Mängel hinweg. Ihre Argumentation soll wieder an einem Beispiel erläutert werden. Am Anfang der Überlegungen steht eine Bareinzahlung auf ein Girokonto von 100 Euro. Wegen der erforderlichen Mindestreserve für eventuelle Barabhebungen (und vielleicht auch zur Erfüllung gesetzlicher Mindestreserve-Verpflichtungen) – zum Beispiel in Höhe von 1/3 – würde 2/3 des Bargeldes als Kredit an einen Dritten ausgeliehen. Dieser würde mit dem Kredit Nachfrage entfalten und bei einem Vierten kaufen, und dieser Vierte wiederum würde die Erlöse auf sein Girokonto bei einer Bank in bar einzahlen. Also kämen in diesem einfachen Beispiel in der nächsten Runde 66,66 Euro neue Bareinzahlung zur Bank, von denen wiederum (abzüglich der Mindestreserve von 1/3) die übrigen 2/3 (also 44,44 Euro) als neue Kredite ausgeliehen werden – und so weiter. Wegen der jedes Mal einbehaltenen Mindestreserve ebben die zusätzlich vergebenen Kredite immer weiter ab, aber aufsummiert über unendlich lange Zeit (mit der mathematischen Formel für unendliche Reihen) ergibt sich schließlich ein Kreditvolumen in Höhe des Dreifachen der anfänglichen Bareinzahlung (allgemein ist das Ergebnis immer der Kehrwert des Mindestreservesatzes (bei 1/10 sind es also 10, bei 1/20 sind es 20 usw.). Diese so errechnete Zahl wird „Kreditschöpfungs-Multiplikator“ genannt und der Vorgang selbst „multiple Kreditschöpfung“. Dieser Vorgang grenzt fast an Zauberei und vor lauter Bewunderung kommt kaum jemand mal auf die Frage, wie das Ergebnis eigentlich zustande gekommen und was von den Grundannahmen zu halten ist. Die Aufsummierung ökonomischer Größen – die immer zeitbezogen sind – über unendlich lange Zeit macht keinen Sinn. Auf eine sinnlose Frage kann es entsprechend auch keine sinnvolle Antwort geben. So einfach ist das – und doch so schwer zu durchschauen. Was würde sich denn an Umsätzen aus einem Euro ergeben, wenn der Euro über unendlich lange Zeit durch unendlich viele Hände gehen würde? Umsätze in Höhe von unendlich! Na und? Da wird der Unsinn der Fragestellung offensichtlich. In der mathematisch verklausulierten Theorie der multiplen Kreditschöpfung bleibt er hingegen verborgen.

Das Irreführende an dieser Theorie liegt darin, dass der falsche Eindruck erweckt wird, die jeweils neu vergebenen Kredite würden jedes Mal auf vorangegangenen Bareinzahlungen beruhen. Genau das ist aber bei der Giralgeldschöpfung nicht der Fall, denn sie wird – wie oben dargestellt – ohne jeweils neue Bareinzahlungen aus dem Nichts geschöpft. Aus einer falschen Theorie über die Giralgeldschöpfung folgt allerdings nicht, dass es die Giralgeldschöpfung nicht gibt – ebenso wenig, wie aus einer falschen Theorie über die Bewegungen der Himmelskörper gefolgert werden kann, dass es die Himmelskörper und ihre Bewegungen nicht gibt. Vielmehr gilt es nach Erklärungen zu suchen, die die Phänomene zutreffender beschreiben. In der Astronomie war das die Wende vom Weltbild des Ptolomäus zu dem des Kopernikus – die kopernikanische Wende.

Begriffsverwirrung als Mittel der Verschleierung
Warum liegt aber die Realität der Giralgeldschöpfung nicht offen zu Tage, warum ist sie nicht direkt aus den Bankbilanzen und den daraus abgeleiteten Statistiken unmittelbar erkennbar? Weil die aus dem Nichts geschöpften Sichtguthaben irreführender Weise mit dem gleichen Begriff bezeichnet werden wie das anfänglich auf Bareinzahlung begründete Sichtguthaben, nämlich mit dem Begriff „Sichteinlagen“ – obwohl das von der Bank zusätzlich geschaffene 2. und 3. Sichtguthaben von jeweils 100 Euro nicht auf weiteren Bareinzahlungen oder Bareinlagen beruhen, sondern lediglich aus einem Buchungsvorgang entstanden sind (diese Täuschung – ob bewusst oder unbewusst – ist ganz ähnlich wie seinerzeit die Täuschung bei der Schöpfung zusätzlicher Banknoten aus dem Nichts, die äußerlich genau so aussahen wie die anfängliche Banknote, die durch Einzahlung von Gold entstanden und zunächst zu 100% durch Gold gedeckt war). Wer in den Bankbilanzen und Statistiken danach sucht, ob das Volumen der Kreditausleihungen die „Einlagen“ übersteigt, wird nicht fündig werden. Und also scheint es für ihn keine Kreditschöpfung aus dem Nichts zu geben. Dass sich aber unter dem Begriff „Sichteinlagen“ auch solche Guthaben verbergen, die gar nicht auf Einlagen beruhen, sondern aus dem Nichts geschaffen wurden, bleibt dadurch verschleiert – und damit die ganze Ungeheuerlichkeit, die mit dem Bankgeheimnis Geldschöpfung und dem dahinter Verborgenen verbunden ist. Diese Begriffsverwirrung bezüglich des Geldsystems und der falsche äußere Schein können kaum Zufall sein. Es sieht eher nach bewusster Täuschung aus, die irgendwann einmal auf den Weg gebracht wurde. Später hat man sich einfach an die Begriffe und Praktiken der Bankgeschäfte gewöhnt und sie überhaupt nicht mehr hinterfragt. Zu vieles in der Geldgeschichte deutet darauf hin, dass es von bestimmten Seiten eher ein Interesse an der Verschleierung wesentlicher Zusammenhänge gegeben hat, als an deren Aufklärung. Es ist auch bemerkenswert, dass diejenigen Sichtweisen, die den Nebel um das Geld gelichtet und das Bankgeheimnis gelüftet haben, in der Wirtschaftswissenschaft, der Politik und den Medien schlicht und einfach immer wieder totgeschwiegen wurden.

Das Ende des Bankgeheimnisses Geldschöpfung
Aber die Mauer des Schweigens, der Ignoranz und der Abwehr gegenüber diesen kritischen Sichtweisen und gegenüber konstruktiven Alternativen ist am Bröckeln. Dazu hat die Weltfinanzkrise wesentlich beigetragen. In verstärktem Maße erfolgt eine Rückbesinnung auf lange Zeit Verschüttetes und Ignoriertes, zum Beispiel auf das Buch „100%-Geld“ des weltberühmten Geldtheoretikers Irving Fisher aus den 30er Jahren, der in den VWL-Lehrbüchern vor allem für seine Quantitätstheorie des Geldes gewürdigt wird (Handelsvolumen x Preisniveau = Geldmenge x Umlaufgeschwindigkeit), nicht aber für seine Richtung weisenden Vorschläge zur Reform der Geldschöpfung. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Geldschöpfung nicht in die Hände privater Geschäftsbanken gehört, sondern in die Hand der Zentralbank, die staatlich sein muss. Er verdichtete seine Auffassung in dem Satz: Verstaatlichung des Geldes: ja! Verstaatlichung der Banken: nein! Ein anderes Richtung weisendes Buch betreffend die Problematik der Geldschöpfung stammt von dem langjährigen Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank Rolf Gocht aus dem Jahre 1974 mit dem Titel „Kritische Betrachtungen zur nationalen und internationalen Geldordnung“. Darin werden auch Funktionsweise und Problematik der Giralgeldschöpfung sehr klar herausgearbeitet und Vorschläge für einen sanften Übergang zu einem anderen Geldsystem aufgezeigt, in dem die Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken keinen Platz mehr hat. Und schließlich sei auf eine neuere Veröffentlichung von Joseph Huber und James Robertson („Geldschöpfung in öffentlicher Hand“) verwiesen, in der nach klarer Analyse der Giralgeldschöpfung und ihrer Problematik konkrete Schritte in Richtung einer „Vollgeld-Reform“ beschrieben werden. Darin wird das Giralgeld – neben dem bisherigen Zentralbankgeld – zu vollwertigem Geld im Sinne eines gesetzlichen Zahlungsmittels erklärt. Die Giralgeld-Verwaltung soll dabei aus den Händen der Geschäftsbanken genommen und in die Hand einer vom privaten Bankensystem und von privaten Anteilseignern unabhängigen staatlichen Zentralbank gelegt werden und unabhängig auch von der Regierung – das, was ich „Monetative“ nenne.

Das Bankgeheimnis Geldschöpfung neigt sich wohl mehr und mehr seinem Ende zu. Schon bald werden immer mehr Menschen verstehen, woraus des Kaisers neue Gelder bestehen: aus einer gigantischen Täuschung. Es ist zu hoffen, dass es einen friedlichen Übergang in ein langfristig tragfähiges und dem Gemeinwohl verpflichtetes Geldsystem geben wird, damit der Welt ähnliche Krisen und Katastrophen wie die derzeitige Weltfinanzkrise und Weltwirtschaftskrise in Zukunft erspart bleiben.

www.berndsenf.de


Bernd Senf (Jahrgang 1944) war von 1973 – 2009 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin. Er ist bekannt für seine allgemein verständliche Vermittlung komplexer Zusammenhänge. Seit Zuspitzung der Weltfinanzkrise 2008, die er vorausgesehen hat, ist das Interesse an seiner kritischen Aufarbeitung des bestehenden Geldsystems und an seinen Reformvorschlägen sprunghaft angestiegen. Im Internet finden sich viele Video-Aufzeichnungen seiner diesbezüglichen Vorträge und Interviews.

Buchveröffentlichungen:
Der Nebel um das Geld (1996)
Die blinden Flecken der Ökonomie (2001)
Der Tanz um den Gewinn (2004)

Den vollständigen Artikel finden Sie im Internet unter
www.berndsenf.de/pdf/Bankgeheimnis%20Geldschoepfung%204.pdf



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