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15.02.2012
Von: vc

Bildungsrepublik Deutschland? Deklaratorische Großmäuligkeit zum Zwecke der Verdummung

Seit vielen Jahren trompeten es Politiker aller Couleur von den Podien: Deutschland solle zur Bildungsrepublik weiter entwickelt werden. Der Bildungsstandort Deutschland soll sicher stellen, dass Deutschland nicht den Anschluss an die Entwicklung in der Welt verpasst. Erforderlich dafür sind Investitionen in allen Bereichen des Bildungssystems. Von der vorschulischen Bildung über die Grundschulen, die Regelschulen, bis hin zu den Berufsbildenden Einrichtungen und Hochschulen des Landes regiert indes der Mangel. Die Ausstattung an Personal, Material und Ressourcen jeglicher Art hat kontinuierlich abgenommen.


Der Mangel unseres Systems offenbart sich schon in der vorschulischen Versorgung der Kinder in einer wichtigen Entwicklungsphase, in der das Lernen gelernt wird. Kindergärten und Vorschulen sind nicht selten Verwahr- und Spieleinrichtungen anstatt vorschulische Bildung und Sprachförderung aktiv zu betreiben. Schlecht ausgestattet, unterbesetzt, ohne speziell für die Förderung frühkindlicher Potenziale ausgebildetes Personal sind die meisten Kindergärten in Deutschland.

In allen Schulstufen ist die Ausstattung der Schulen nicht mehr zeitgemäß. Zu wenig digitale Medien, elektronische Whiteboards, Ansätze für vernetztes Lernen im Vergleich zum Wettbewerb in den asiatischen Ländern. Insgesamt beklagen selbst Lehrkräfte eine zu geringe Nähe zum Fortschritt. Es gibt schlichtweg keine nennenswerte zeitgemäße Fortbildung der Lehrkräfte, um mit der rasanten technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Die Kinder entwachsen den Pädagogen in einen technologischen Alltagskontext, den die Lehrkräfte selbst nicht mehr verstehen.

Die Fortbildungsangebote für Pädagogen haben sich in den vergangenen Jahren rapide verschlechtert. Die wenigen Kurse, die für engagierte Lehrer in Frage kommen, finden absurder Weise häufig auch noch während der Schulzeit statt. So kann der Pädagoge abwägen, ob er kostbaren Unterricht ausfallen lässt oder auf notwendige Fortbildung verzichtet. Angesichts der nachhaltigen Verringerung der Unterrichtszeiten entscheiden sich viele Lehrerinnen und Lehrer für den Unterricht und gegen die Fortbildung.

Auch der begrüßenswerte Ansatz der Inklusion, bei dem Kinder mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen und sonderpädagogischem Förderbedarf in einer gemeinsamen Schule und Klasse mit „normalen“ unterrichtet werden, erweist sich in der Umsetzung als reine Augenwischerei und schlussendlich als ein weiteres Sparmodell: Die für eine inklusive Beschulung erforderlichen Lehrerpotenziale und Sozialpädagogen fehlen überall. Zuvor wurden die Kinder mit Förderbedarf in eigenen Einrichtungen beschult. Nun sind sie zwar in Klassenverbänden der Regelschulen inkludiert – das erforderliche Fachpersonal für eine adäquate Beschulung gibt es jedoch nicht in ausreichender Zahl.

In einer Gesellschaft, in der die psychischen Auffälligkeiten von Kindern (und Erwachsenen) immer häufiger werden, wo Stress, familiäre Probleme, Sozialisierungsprobleme eine normale Beschulung verhindern oder erschweren, brauchen wir mehr Sozialpädagogen und Psychologen in der Schule. Doch gibt es diese nicht oder nur in so geringer Zahl, dass die Lehrkräfte nun auch die Krisenintervention zwischen Eltern, Therapeuten, Jugendamt, Schulpsychologen managen müssen und sich tagtäglich mit den Folgen untherapierter Familien und Kindern abmühen müssen, in der Hoffnung, das Lernen im Klassenverband irgendwie ermöglichen zu können.

Auch die „Verlässlichen Grundschulen“, die den Eltern eine garantierte Abwesenheit der Kinder bieten, sind eine Augenwischerei: Die Kinder sind zwar verlässlich betreut, aber im Vergleich zu den „Vollen Halbtagsschulen“ weniger beschult. In den „Verlässlichen Grundschulen“ kümmern sich nicht selten bezahlte Nichtpädagogen um die Kinder. Das verbessert zwar das Verwahrungsmanagement, nicht aber die schulische Bildung.

Schulen, vor allem die Grundschulen, haben kaum eine Lobby. Einerseits nimmt die Zahl der schulpflichtigen Kinder ab, andererseits interessiert sich das Elternpaar nur für die schulische Situation, wenn sie ein Kind an der Schule haben. Spätestens mit dem nächsten Schulwechsel ist der Fokus des Interesses auf die neue Schule gerichtet. Hat eine Schule also kein starkes Kollegium und keine starke Leitung, wird sie ihre Bedarfe in ihrem öffentlichen Umfeld kaum effektiv vermitteln können.

Statt besserer Ausstattung mit Personal, Lehrmitteln und moderner Technologie, versorgt die deutsche Bildungsbürokratie ihre Schulen mit noch mehr – bürokratischen – Verpflichtungen. Es sind komplexe Dokumentationspflichten, bei denen Papier für die Archive oder „die Tonne“ produziert wird, vom Pflasterbuch über Schülerbeobachtungsbögen – die neuen Schulinspektionen erzeugen Berge und Tonnen von Papier, verbrauchen wertvolle Energie und Lehrzeit und schaffen Daten- und Formularsammlungen, die mit der Schulwirklichkeit nichts zu tun haben und die schulische Entwicklung nicht befördern.

Hinzu kommt die systematische Demotivierung der Mitarbeiter – anders als bei den Bundesbeamten wurden den Lehrern in Niedersachsen in den letzten Jahren die Einkünfte massiv zusammengestrichen: Der Wegfall des 13. Monatsgehaltes und des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes bedeuten bei einfachen Lehrkräften bereits ein Minus im Brutto von mehreren tausend Euro – diese werden in den kommenden Jahrzehnten nie wieder durch Erhöhungen kompensiert werden können. Bundesländer, die es sich leisten können oder wollen, locken Pädagogen mit besserer Besoldung: Bremen zahlt seinen Lehrern in der Regel eine Gehaltsstufe mehr als Niedersachsen.

Das Spiel ließe sich auch in den anderen Schulstufen durchdeklinieren. Überall steht der großmäuligen Deklaration der Bildungsrepublik eine Verarmung der Bildungslandschaft gegenüber. Verrottete Gebäude, marode Turnhallen, überfüllte Hörsäle, zu wenige Lehrer, Professoren, Sozialarbeiter, Psychologen, Fördermittel und Lehrmittel prägen die Bildungslandschaft des Landes der Dichter und Denker und so verwundert es nicht, dass der Trend zu mehr Privatschulen und Internaten bei denen, die es irgendwie finanzieren können, anhält.



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