Abo   |   Ausgaben   |   Kontakt   |   RSS-Feed   |   Sitemap   |   Suche   |    Werben im LAUFPASS
LAUFPASS - das Online-Portal fr Bremerhaven, Cuxhaven und Umzu
Das Online-Portal für Bremerhaven, Cuxhaven und Umzu
 Startseite   |   Nachrichten   |   Kultur   |   Termine   |   Sport   |   Freizeit   |   Gesundheit   |   Lifestyle   |   Gastronomie   |   Ratgeber   |   Branchenbuch
|   Wirtschaft   |   Wissenschaft   |   Politik   |   Gesellschaft   |   Archiv   |
// Nachrichten, Politik, Wissenschaft, Gesellschaft
15.05.2014
Von: Victor Conradt

Krieg um die Arktis

Während der Ost-West-Konflikt auf der Krim die Welt in Atem hält,hat der Krieg um die Rohstoffe in der Arktis längst begonnen.<br/> Die Arktis zeigt sich seit einigen Jahren von einer neuen Seite. Im Rhythmus der Jahrzehntausende verändert sich die Eisfläche. Die natürlichen Schwankungen der Eisbedeckung lassen Spekulationen zu: so ist nicht ausgeschlossen, dass das südarktische Grönland bald wieder zu jenem „Grünland“ wird, dem es seinen Namen verdankt, als es vor einigen hundert Jahren noch eisfrei war. Sollten sich die Temperaturen tatsächlich so entwickeln, wie es einige Beobachter annehmen, wäre die Folge auch, dass die Schifffahrt – zumindest in den Sommermonaten – die Nordostpassage wieder in größerem Umfang nutzen könnte. Zugleich würde die Erwärmung die Ausbeutung der in arktischen Gebieten vermuteten Rohstoffvorkommen erleichtern. Und hier beginnen neue geopolitische und ökologische Probleme.


Krieg um die Arktis (Fotos Fotomontage: James Jones Jr, fivepointsix, Iakov Filimonov –  shutterstock.com | Oleksii Sagitov/shutterstock.com)

Krieg um die Arktis (Fotos Fotomontage: James Jones Jr, fivepointsix, Iakov Filimonov – shutterstock.com | Oleksii Sagitov/shutterstock.com)

Die in der Arktis vermuteten Gas- und Ölvorkommen sollen enorm sein. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 20 bis 30 Prozent der weltweit unentdeckten Erdgasvorkommen in der Arktis liegen. Das Volumen betrage etwa 50 Billionen Kubikmeter. Die vermuteten Ölvorkommen werden auf 90 Milliarden Barrel geschätzt (1 Barrel = 159 Liter). Diese Werte in Form von Rohstoffen sind den Öl- und Gasmultis Anreiz genug, um Milliarden in die Ausbeutung der Arktis zu investieren und den Regierungen Förderlizenzen abzuringen.

Und so verwundert es nicht, dass sich die Arktisstaaten, deren nördliche Grenzen bis dato kaum definiert und kartografisch erfasst waren, sich seit einigen Jahren um die Rechte an den Bodenschätzen des einstmals wertlosen Territoriums streiten. Zu den Arktisstaaten, deren Staatsgrenzen unmittelbar in die Arktis münden, gehören Russland, Dänemark, Norwegen, Kanada und die USA. Die Zeit des Absteckens der Claims hat längst begonnen. Und wie während des Goldrausches in Amerika verläuft die Verteilung der Schürfrechte auch jetzt in Cowboy-Manier. Im arktischen Rat, dem auch Island, Finnland und Schweden angehören, wird debattiert, wie man die Ausbeutung der Natur mit den Rechten der indigenen Völker und dem Umweltschutz in Einklang bringen kann. Dass hier die indigenen Völker vielleicht einen territorialen Anspruch haben könnten, sehen auch die westlichen Demokratien nicht – so weit geht die Liebe dann auch nicht, wenn es um Rohstoffe geht. Hätte man hier nur einen kargen Felsen zu verhandeln, würden sicher einmütig große Flächen an die Ureinwohner gehen. Nun, vielleicht kann man diese ja als billige Arbeitskräfte verwerten, wenn sie denn schon einmal da sind.

Während also im arktischen Rat über mögliche Konsenslösungen gesprochen wird, begegnen sich unter der Eisdecke die Atom-UBoote Russlands und der USA. Die Russen haben bereits im Jahr 2007 mit dem Anbringen einer Flagge ihren Anspruch auf die Nordpolregion symbolisch angemeldet. Die Flagge wurde wohlgemerkt nicht auf der Eisschicht, sondern in über 4.000 Metern Tiefe „gehisst“. Schon damals war das eine deutliche Provokation, die zwar vom russischen Außenminister mit dem Hissen der US-Flagge auf dem Mond verglichen wurde, dennoch bei den anderen Arktisstaaten eher für Unmut sorgte.

Das ist nunmehr Geschichte. In der Gegenwart umkreisen die Arktismächte einander immer enger. Russland hat mehrfach sein Militär ins Gespräch gebracht und will mit Soldaten in der Arktis „für Sicherheit sorgen“. Dass die Russen selbst als der größte Unsicherheitsfaktor von allen anderen Beteiligten empfunden werden, zeigt die Hybris der russischen Haltung und die Absurdität der Situation. So lange es noch unmöglich schien, die Rohstoffe aus der Tiefe der Eismeere zu holen, war die Gesprächssituation noch relativ harmonisch. Nun sind die Milliarden Dollar in Form von Öl und Gas erreichbar und der Konflikt spitzt sich zu.

Das pseudoökologische und pseudosoziale Geplänkel, ob und wie die Rohstoffe in der Arktis möglichst schonend ausgebeutet werden sollen, wie die indigenen Völker zu schützen sind, ist längst entlarvt worden als das, was wir immer erleben, wenn Ressourcen unwiederbringlich der wirtschaftlichen Verwertung zugeführt werden: als scheinethische Maskierung. Während die EU-Administration luftblasige Worthülsen produziert (Maria Damanaki, EU-Kommissarin für maritime Angelegenheiten und Fischerei, sagte im Juli 2012: „Die Arktis verändert sich rasch und in erheblichem Maße, wodurch neue Wirtschaftsaktivitäten in einem empfindlichen Teil der Welt ermöglicht werden. Die ökologischen Herausforderungen und Chancen erfordern die weltweite Aufmerksamkeit und die EU kann in dieser Hinsicht einen wesentlichen Beitrag leisten: in der Forschung, der Finanzierung, der Bekämpfung der Erderwärmung und der Entwicklung grüner Technologien. Darum geht es bei der integrierten EU-Meerespolitik, nämlich zu gemeinsamen Lösungen für eine nachhaltige Bewirtschaftung der Ozeane beizutragen.“), hat die Ausbeutung der Arktis längst begonnen, haben zahlreiche Konzerne Probebohrungen genommen und die Russen bereits den ersten Tanker mit Arktis-Öl in Rotterdamm angelandet. Es ist wie so oft ein Meer von Beschwichtigungsgesängen, die die Menschen einlullen, während längst Fakten geschaffen werden. Und der Rest wird – wie immer häufiger auch in den westlichen Demokratien – hinter verschlossenen Türen verhandelt und verteilt.

Der 1. Mai 2014 wird als erster Tag in die Geschichte eingehen, an dem Öl aus der arktischen Förderung der Russen in Rotterdamm umgeschlagen wurde. Und niemand in der EU hatte etwas dagegen. Der Rohstoff wurde in die üblichen Verwertungskreisläufe eingespeist. Und das obwohl Experten in der ganzen Welt die Öl- und Gasförderung in der Arktis als unbeherrschbar kritisieren. Wohlgemerkt: Es sind nicht nur Umweltschützer, die sich hier warnend gegen die Ausbeutung der Arktis stellen. Auch Energiekonzerne weisen seit Jahren auf nicht beherrschbare Risiken hin.

So war der Ölkonzern Total aus der Förderung von arktischem Öl ausgestiegen und ließ durch Konzern-Chef Christophe de Margerie mitteilen, das Risiko sei zu groß und die Folgen einer Ölpest in dieser empfindlichen Region unbeherrschbar. In der Financial Times Deutschland vom 27. September 2012 äußerte sich der Total Chef sehr deutlich: „Eine Ölverschmutzung in Grönland wäre ein Desaster. Ein unkontrollierbares Leck würde unserer Firma zu sehr schaden“. Interessant ist hier, dass nicht der mögliche Schaden für die Umwelt den Energiekonzern von der Rohstoffjagd unterm Eis abhielt, sondern der potenzielle Schaden für das Unternehmen, der dann ein Imageschaden sein würde. Auch „Der Spiegel“ berichtete aus der FTD-Veröffentlichung: „Allerdings sprach sich der Total-Chef nicht grundsätzlich gegen die Ausbeutung der Reserven in der Region aus. Der Konzern betreibt selbst einige Förderprojekte für Gas in der Arktis. Lecks bei der Gasförderung seien einfacher zu bekämpfen als bei Öl, sagte de Margerie der Zeitung.“

Möglicherweise haben die Erfahrungen von Shell, Exxon und BP gezeigt, dass auch die größten Umweltkatastrophen, die diese Konzerne mitzuverantworten haben, nicht wirklich zu dauerhaften Einbußen führen. Hier sind die Regierungen recht milde, die Industrie verständnisvoll und rohstoffhungrig und die Konsumenten vergesslich bis gleichgültig. Die Havarien der letzten Jahrzehnte waren trotz sehr hoher Konventionalstrafen nur kleine Störphasen, durch die die Konzerne mit der Zeit hindurchkamen, ohne erheblichen Schaden zu nehmen. Das wird auch so weiter gehen, bis die Verbraucher in der Welt tatsächlich ihre Macht erkennen und einzusetzen beginnen. Dann sollten sie aber nicht auf die Idee kommen, Produkte von Total zu kaufen. Der französische Konzern hat nämlich just die erste Schiffsladung arktisches Öl von den Russen gekauft und sich somit wieder bereit erklärt, mittelbar an der Ölförderung in der Arktis mitzuwirken.

Umweltverbände warnen seit Jahrzehnten vor den Folgen eines Unfalls in der Arktis. „Die extremen klimatischen Bedingungen machen einen Ölunfall in der Arktis nicht beherrschbar“, sagt Jörg Feddern, Öl-Experte bei Greenpeace.

Während andere Ölkonzerne wie Shell noch in der Probephase sind, liefert die russische „Mikhail Ulaynov“ ab sofort regelmäßig Öl nach Europa. Insgesamt soll das Ölfeld in der Arktis über die kommenden 25 Jahre ausgebeutet werden. „Das Öl aus dem arktischen Ozean ist eine neue Quelle, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aufrecht zu erhalten“, so Feddern in einer Greepeacemitteilung. „Mit der heutigen Öllieferung geht es auch um den künftigen politischen Einfluss Russlands auf die Europäische Union. Die EU kann eine wirkliche politische Unabhängigkeit nur durch den Ausbau von Erneuerbaren Energien erreichen. Dafür bedarf es auch eines klaren Signals der Bundesregierung, die den Schutz der Arktis im Koalitionsvertrag verankert hat.“

Schon die Ölförderkatastrophen und Havarien in der Nähe von Küsten, gut erreichbar durch Rettungs- und Katastrophenhelfer, zeigten die ganze Hilflosigkeit der Ölmultis. Und zwar ausnahmslos immer, wenn die Bohrlöcher explodieren oder Bohrinseln havarieren und sich Milliarden Liter Öl in die Meere ergießen. Dann werden jedes Mal ganze Landstriche vergiftet, tausende Menschen arbeitslos und Millionen Tiere finden einen qualvollen Tod. Für eine Havarie in den eisigen Meeren und ein Auffangen ausgelaufenen Öls in der arktischen See oder gar unter der geschlossenen Eisdecke fehlt es erst Recht an Lösungen. Diese Katastrophen sind durch Menschen nicht zu beherrschen, das wissen auch die Ölmultis wie zuletzt BP. Bei der Havarie seiner Bohrinsel „Deepwater Horizon“ vor der mexikanischen Küste erlebte die eltöffentlichkeit die ganze Hilflosigkeit des Konzerns im Augenblick der Katastrophe. Es dauerte Wochen, bis die Situation halbwegs stabilisiert war, die Folgen der Ölflut von 2010 belasten noch heute Menschen und Tiere in der Region.

In den arktischen Gewässern wären die Folgen einer Havarie ungleich größer. Und die Risiken gehen nicht nur von den Förderplattformen selbst aus. Mit der Öffnung der nördlichen Schifffahrtsrouten nimmt auch der Schiffsverkehr durch arktische Gewässer wieder zu. Die in den Sommermonaten schiffbare Nordostpassage verkürzt den Transportweg Richtung Asien um rund vierzig Prozent. Die Ersparnis für einen Transport von Europa nach Japan betrüge 300.000 Euro, rechnete der ehemalige Bremer Reeder Nils Vorberg einmal vor. Insbesondere Öltanker werden diese Route vermehrt nutzen. Ein Schiffsunglück in diesen gefährlichen Gewässern gilt Experten als unausweichlich. Offenbar auch den Anrainerstaaten: Schon heute machen Schiffe der US-amerikanischen und kanadischen Küstenwache Katastrophenschutzübungen mit Schiffen, die für die Bergung von ausgelaufenem Öl ausgerüstet sind. Wie ein Katastropheneinsatz bei Sturm und Eisgang Schaden abwenden soll, ist bis heute ungeklärt. Und auch welche Folgen die Einbringung großer Ölmengen in das sensible Ökosystem der Eismeere hat, ist weithin unbekannt. Hinzu kommt das Fehlen jeglicher Infrastruktur für Katastropheneinsätze in den eisigen Meeren. Es fehlt nicht nur an der technologischen Lösung zur Bergung von ausgelaufenem Öl, sondern auch an Einsatzteams, die schnell vor Ort sein könnten, an Krankenhäusern, ständig besetzten Rettungswachen.

Die Reeder kümmert das nicht. Die UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) rechnet damit, dass der Schiffsverkehr auf den nördlichen Routen bis 2020 um das vierzigfache ansteigen wird. Wenn der Rohstoffabbau in der Arktis erst richtig in Gang kommt, müssen die Milliarden Barrel Öl und Kubikmeter Gas ebenfalls abtransportiert werden. Allen Beschwichtigungen zum Trotz: Das Urteil über die Arktis und ihre einzigartige Natur ist bereits gefällt worden. Allein über das Strafmaß verhandelt noch der Zufall. 



// ONLINE DURCHBLÄTTERN
LAUFPASS 04/17 (Aktuell)
LAUFPASS 03/17
LAUFPASS 02/17
Anzeige
Anzeige
Anzeige
// VERANSTALTUNGEN (HEUTE)
Newsletteranmeldung
Ihr Name:
Ihre E-Mail-Adresse:

 AGB   |   Datenschutz   |   Impressum   |    Mathilde_drop