Abo   |   Ausgaben   |   Kontakt   |   RSS-Feed   |   Sitemap   |   Suche   |    Werben im LAUFPASS
LAUFPASS - das Online-Portal fr Bremerhaven, Cuxhaven und Umzu
Das Online-Portal für Bremerhaven, Cuxhaven und Umzu
 Startseite   |   Nachrichten   |   Kultur   |   Termine   |   Sport   |   Freizeit   |   Gesundheit   |   Lifestyle   |   Gastronomie   |   Ratgeber   |   Branchenbuch
|   Wirtschaft   |   Wissenschaft   |   Politik   |   Gesellschaft   |   Archiv   |
// Politik
15.02.2012

Strahlende Zukunft – auch weiterhin

Im März 2011 ging das Atomkraftwerk Unterweser vom Netz. Bis der Meiler überhaupt nicht mehr strahlt, werden aber wohl noch Jahrzehnte vergehen. (Von Thomas Klaus)


Strahlende Zukunft – auch weiterhin, das AKW Unterweser

Strahlende Zukunft – auch weiterhin, das AKW Unterweser (Foto: Helmut Gross | www.grosspicture.de)

Am 18. März 2011 um 3.33 Uhr wurde (nicht nur) Wesermarsch-Geschichte geschrieben. In diesem Moment produzierte das Atomkraftwerk Unterweser in Kleinensiel im Landkreis Wesermarsch zum letzten Mal „gewollt“ Wärme und Strom. Abgeschaltet wurde es im Zuge der „Energiewende“ der Bundesregierung. Seitdem läuft die so genannte Nachbetriebsphase. In der gibt es nach Darstellung des Betreibers E.ON allerdings „kaum Veränderungen zum reinen Kraftwerksbetrieb“ – inklusive der fortbestehenden radioaktiven Strahlung. Zurzeit bereitet E.ON den Genehmigungsantrag zur Stilllegung vor. 

 Langsam, ganz langsam wird das Kapitel des AKW Unterweser abgeschlossen. Aufgeschlagen wurde es im September 1978. Damals speiste das seinerzeit leistungsstärkste Atomkraftwerk der Welt zum ersten Mal Strom in das öffentliche Netz ein; ein Jahr später startete der kommerzielle Leistungsbetrieb. Ein international beachteter Weltrekord wurde im Oktober 2010 aufgestellt: Zu diesem Zeitpunkt waren seit Inbetriebnahme 1979 exakt 300 Milliarden Kilowattstunden Strom geliefert worden. 

 Direkter Rückbau oder sicherer Einschluss 
Herzstück des Meilers in Kleinensiel ist der Reaktor: Das Reaktordruckgefäß enthielt 193 Brennelemente mit einem Urangewicht von 102 Tonnen, die aber mittlerweile in das Abklingbecken verfrachtet wurden. Dort sollen sie bis zur Transportfähigkeit abkühlen. Jedes Brennelement wiederum setzt sich aus 236 Brennstäben zusammen, gefüllt mit rund 360 Urandioxid-Tabletten. Im Durchschnitt konnten im AKW Unterweser jährlich zehn Milliarden Kilowattstunden Energie erzeugt werden. So wurden knapp drei Millionen Drei-Personen-Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgt. 

 Stolze 550 Tonnen bringt das Reaktordruckgefäß auf die Waage. Beeindruckend ist auch der Durchmesser des Containments für Reaktor und Dampferzeuger: Die Stahlkugel hat einen Durchmesser von 56 Metern. Die Stahlwände des Reaktordruckgefäßes bringen es auf eine Dicke von 25 Zentimetern. Und das Ganze wird umgeben von einer 80 Zentimeter dicken Stahlbetonkuppel, die eine Höhe von 60 Metern erreicht. 

 500 Millionen Euro Rückstellungen musste der Betreiber für den Rückbau zur Seite legen. So will es das Atomgesetz. Aber ob diese Summe tatsächlich reichen wird, ist fraglich. Und die Antwort wird wohl noch länger auf sich warten lassen. Denn ein Rückbau steht längst nicht auf der Tagesordnung. Von den 193 Brennelementen im Reaktordruckgefäß abgesehen, müssen auch noch rund 300 weitere Brennstäbe im Abklingbecken auskühlen. Erst wenn sie an Temperatur eingebüßt haben, kommt eine Zwischenlagerung in Castor-Behältern in Frage. Das dürfte bis zu sieben Jahre dauern. Vorher ist ein Rückbau des Atomkraftwerkes ausgeschlossen. 

 „Für den direkten Rückbau rechnen wir mit zehn Jahren Dauer“, sagt Dr. Petra Uhlmann, Leiterin der Pressestelle der E.ON Kernkraft GmbH, im LAUFPASS-Gespräch. Zu Beginn des direkten Rückbaus, fügt sie hinzu, könne ein Großteil der rund 380 Mitarbeiter weiter beschäftigt werden. Ähnliches gelte für einen Teil der 320 Beschäftigten aus den Fremdfirmen. Doch klar ist: „Insgesamt wird sich mit der Zeit eine Verringerung der Personalstärke ergeben.“ Zugleich bedeutet das für die Gemeinde Stadland, in der das AKW seinen Sitz hat, starke Einbrüche bei den Gewerbesteuereinnahmen. 

 Neben dem direkten Rückbau, von dem Petra Uhlmann spricht, wäre auch der „Sichere Einschluss“ eine Option. Bei ihm wird das Atomkraftwerk für 30 Jahre eingeschlossen, damit die Radioaktivität sich noch weiter verringern kann. Erst danach folgt der Rückbau. Wie beim direkten Rückbau werden die Brennelemente jedoch nach dem Abschalten im Abklingbecken eingelagert. 

 Zwar können sich die Betreiber frei für eine der beiden Strategien – sicherer Einschluss oder direkter Rückbau – entscheiden. Aber auch für den Meiler in Kleinensiel gilt es als wesentlich wahrscheinlicher, dass E.ON den direkten Rückbau wählt. Diese Variante bewahrt die Arbeitsplätze für einen größeren Zeitraum und kann gegenüber der atomkritischen Öffentlichkeit besser vermittelt werden. 

 Erhöhte Strahlenbelastung in der Phase der Stilllegung 
Das Konzept für den Rückbau werde vom werkseigenen Personal konzipiert, lässt E.ON wissen. Die eigentliche Arbeit liegt dann in den Händen lizenzierter Spezialfirmen oder von „normalen“ Handwerksbetrieben – je nach dem, ob die Teile kontaminiert sind oder nicht. Bis vom Atomkraftwerk Unterweser keinerlei Strahlung mehr ausgeht, werden vermutlich noch mindestens zwei Jahrzehnte vergehen. Doch dann ist da auch noch das atomare Zwischenlager auf dem Kraftwerksgelände, das im Juni 2007 eingeweiht wurde. Hier werden gegenwärtig acht Castor-Behälter mit jeweils 19 Brennelementen „geparkt“. In der 80 Meter langen Halle mit 1,2 Meter dicken Stahlbetonmauern wäre noch Platz für 72 zusätzliche „Castoren“. Schätzungen besagen, dass für die Brennstäbe aus dem Atomkraftwerk Unterweser ungefähr 30 Castoren gebraucht würden. Bis 2047 läuft die Betriebsgenehmigung für das Atom-Zwischenlager. Bis dahin muss ein Endlager für die strahlende Fracht gefunden und gebaut sein. 

 Beim Rückbau kann E.ON von den Erfahrungen profitieren, die seit einigen Jahren mit dem ehemaligen Atomkraftwerk Stade gesammelt werden. 2005 wurde hier die Abriss-Phase eingeläutet. Nach dem Abbruch von nicht mehr benötigten Anlagenteilen erfolgte die Demontage von Anlagen wie den Dampferzeugern, die nicht direkt für die Kernreaktion benötigt werden. Der eigentliche Reaktorkern war als nächster Schritt fällig. Zurzeit ist die letzte Phase, die vierte in Gang: Die restlichen kontaminierten Anlagenteile werden abgebaut und schließlich entfällt die atomrechtliche Überwachung. Voraussichtlich 2015 wird der Rückbau abgeschlossen sein. 

 Nach E.ON-Angaben müssen in Stade 200.000 Tonnen normaler Bauschutt verarbeitet werden – und 132.000 Tonnen kontaminiertes Material. Davon werden voraussichtlich 3.000 Tonnen radioaktiver Abfall übrig bleiben, während der Großteil wiederverwertet oder beseitigt wird: Durch Reinigen und andere Verfahren soll ein Recyceln oder Deponieren als normaler Baumüll möglich sein. Der Rest von knapp 3.000 Tonnen muss zwischengelagert und später endgelagert werden. Für das AKW Unterweser wird ein Gewicht von 160.000 Tonnen angegeben. Davon sind 40.000 Tonnen kontaminiert und können nicht ohne weiteres entsorgt werden. 

 Während der Stilllegungsarbeiten sind die Beschäftigten und die Bevölkerung in der Umgebung einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt, behauptet Wolfgang Neumann. Der Diplom-Physiker ist Geschäftsführer des Umweltberatungsunternehmens intac in Hannover, das sich auf Fragen rund um die Stilllegung von Atomkraftwerken spezialisiert hat. Neumann wörtlich: „Zwar wären die Auswirkungen der erhöhten Strahlenbelastung nicht mehr so katastrophal wie bei einem in Betrieb befindlichen Reaktor. Sie dürfen jedoch nicht vernachlässigt werden.“ 

 Der Rückbau sollte erst beginnen, wenn alle Brennelemente aus der Anlage entfernt wurden. Das fordert Wolfgang Neumann und kritisiert, dass der 2009 vorgestellte Leitfaden zur Stilllegung aus dem Hause des Bundesumweltministeriums auf zeitliche Vorgaben zu diesem Punkt verzichtet. Dragos Pancescu, Kreisverbandssprecher von Bündnis 90/Die Grünen in der Wesermarsch und stellvertretender Bürgermeister von Brake, geht gegenüber dem LAUFPASS noch einen Schritt weiter: „Die Sicherheit ist erst dann wirklich gewährleistet, wenn die Brennelemente nicht nur aus der Anlage, sondern aus der Region entfernt wurden. Bis dahin bestehen die Risiken fort, wie sie zum Beispiel von Hochwasser und möglichen terroristischen Angriffen ausgehen.“ Im Übrigen müsse verhindert werden, dass aus dem Zwischenlager in Kleinensiel ein Endlager werde. 

 Ein anderes Anliegen von Neumann und Pancescu: Für das Planen des AKW-Endes sei ein „Kontaminations- und Dosisleistungskataster“ ein Muss, das auf regelmäßigen Messungen und Probenentnahmen fußt. Auf seiner Grundlage solle die Reihenfolge der Abbauschritte bestimmt und ein Abfallmanagement entwickelt werden. 

 Darüber hinaus mahnen Wolfgang Neumann und Dragos Pancescu eine intensive Information und Beteiligung der Öffentlichkeit an. Für den Abbau eines Atomkraftwerkes sind mehrere Genehmigungen notwendig. Aber nur für die erste ist eine Öffentlichkeitsbeteiligung nach Atomrechtlicher Verfahrensverordnung (AtVfV) zwingend vorgeschrieben. Ob die Öffentlichkeit bei den anderen Genehmigungen einbezogen werden soll, liegt im Ermessen der Behörden – und das ist den Atom-Kritikern mehr als nur ein Dorn im Auge. 



// ONLINE DURCHBLÄTTERN
LAUFPASS 04/17 (Aktuell)
LAUFPASS 03/17
LAUFPASS 02/17
Anzeige
Anzeige
Anzeige
// VERANSTALTUNGEN (HEUTE)
Newsletteranmeldung
Ihr Name:
Ihre E-Mail-Adresse:

 AGB   |   Datenschutz   |   Impressum   |    Mathilde_drop