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08.02.2013
Von: Thomas Klaus

Windpark-Riesen haben den Horizont gekapert

Wenn jemand 37 Jahre lang aktives Mitglied bei einer von ihm mitbegründeten Organisation ist und dort aus Protest austritt, lohnt sich das genaue Hingucken: Im Mai 2012 verließ Enoch zu Guttenberg den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), den mit 460.000 Unterstützern größten Umweltverband der Republik. Der Vater des ehemaligen Bundesverteidigungsministers war nicht „irgendein“ Mitglied, sondern 1975 einer der Gründer der Organisation und später sogar Vorstandsangehöriger. Doch die positive BUND-Haltung zu der „Verspargelung“ der Landschaft durch Windkraftanlagen an Land mochte er nicht länger dulden. Nach diesem „Handtuch-Wurf“ war die Verspargelungs-Problematik wieder ein bundesweites Thema – für kurze Zeit.


Die „Verspargelung“ der Landschaft durch Windkraftanlagen ist in vielen Kommunen ein Thema. Neben ästhetischen Fragen geht es um die Gesundheit von Mensch und Tier. (Foto: © PR)

Die „Verspargelung“ der Landschaft durch Windkraftanlagen ist in vielen Kommunen ein Thema. Neben ästhetischen Fragen geht es um die Gesundheit von Mensch und Tier. (Foto: © PR)

„Ich trage die Energiewende zu hundert Prozent mit“, schrieb der 65-Jährige in seiner Austrittsbegründung, „aber mit dem Ausbau der Windkraft wird jetzt die Landschaft kaputt gemacht, für deren Erhalt wir so lange gekämpft haben.“ Von „charakterloser Propeller-Ästhetik“ spricht zu Guttenberg gerne bei diesem Thema. Statt der Mitgliedschaft im BUND schloss sich zu Guttenberg dem Protest an, der zum Beispiel im Raum Kulmbach in Bayern gegen den Bau von Windrädern in schützenswerten Landschaften eingelegt wird.

Als abschreckendes Beispiel betrachtet Enoch zu Guttenberg die Verhältnisse in Niedersachsen, wo „die riesigen Windräder, schon jeden Horizont gekapert und verbraucht“ hätten. Nach Erkenntnissen des BUND-Mitbegründers kommen jährlich 100.000 Vögel und 200.000 Fledermäuse durch die „Spargel“ um. Enoch zu Guttenberg führt deshalb den Begriff „hocheffiziente Geräte zur Tiervernichtung“ im Mund. Ein „Hohn“ sei es, wenn dermaßen erzeugter Strom „Ökostrom“ genannt werde.

„Planung in Bederkesa ohne Rücksicht auf Verluste“

Auf der Ebene der Kommunen ist die Verspargelung in vielen Orten ein Diskussionspunkt. Nicht nur in der Heimat von Enoch zu Guttenberg, sondern fast überall dort, wo in Deutschland Windparks errichtet werden, formiert sich der Protest. Über das Für und Wider eines Windparks wird zum Beispiel in dem Gebiet zwischen Bad Bederkesa und Alfstedt seit Jahren heftig gestritten. 14 bis zu 200 Meter hohe Anlagen sind dort vorgesehen. Das bringt unter anderem Dr. Hans Hellberg auf die Barrikaden, den Vorsitzenden der Gesellschaft für Orts-, Landschafts- und Umweltschutz Bederkesa (GOLUB). Der Kurort Bad Bederkesa würde durch das Projekt schweren Schaden nehmen, schimpft er und attackiert eine „Planung ohne Rücksicht auf Verluste“.

Ihm assistiert der Naturschutzbeauftragte des Landkreises Cuxhaven, Horst Backenköhler. Nach seiner Auffassung ist die Biotopkartierung für das ausgewiesene Gelände an der L 119 völlig überholt. Außerdem seien zahlreiche bedrohte Tierarten wie beispielsweise der Seeadler nicht berücksichtigt worden. Peter Görke, Seeadler-Beauftragter des Landes Niedersachsen, stimmt dem zu.

Infraschall in den tiefen Frequenzen ist tückisch

Außer seiner Tätigkeit für GOLUB fungiert Dr. Hans Hellberg als Leiter des Regionalbüros Nord des Landesverbandes Landschaftsschutz Niedersachsen (LLS). Der LLS hat seinen Hauptsitz in Sell­stedt im Landkreis Cuxhaven und kämpft nach eigenen Angaben für das Bewahren von Vielfalt, Schönheit und Eigenart der Landschaft. Und er sieht sich als künftiges Dach für Bürgerinitiativen, die sich gegen Windparks an Land gebildet haben. Von denen existieren einige hundert in der Bundesrepublik. Zu den besonders überzeugenden Argumenten im Sinne der LLS rechnet Dr. Hellberg die ästhetische Komponente: „Die Windkraftanlagen degradieren die deutsche Kulturlandschaft zunehmend zu einem gleichförmigen Industriegebiet. Sie betreiben Raubbau an der Natur.“ Dazu träten die Belastungen für Mensch und Tier hinzu, empört sich Dr. Hellberg.

Nach Darstellung des Landesverbandes Landschaftsschutz Niedersachsen verursachen die Drehbewegung der Flügel, rotierende Schatten, hörbarer Lärm und unhörbare Frequenzen physische und psychische Krankheitssymptome. Vor allem der tieffrequente Infraschall löse höchstes Unbehagen bis hin zu Organ- und Gliederschmerzen aus, so der LLS. Der Infraschall liegt im Bereich von 1 bis 20 Hertz (hz) und damit außerhalb des menschlichen Hörbereiches. Der LLS warnt: „Wer nichts hört, der kann schon fühlen.“ Tückisch: Die Auswirkungen solcher Konsequenzen lassen sich mit einem normalen Messgerät nicht bestimmen. Vielmehr braucht es seismischer Apparaturen, damit die Schwingungen und Erschütterungen überhaupt wahrgenommen werden können.

„Immer mehr Anlagen in Naturschutzgebieten“

Ein großer Forschungs- und Handlungsbedarf wird unter anderem vom Robert-Koch-Institut (RKI) erkannt. Die wissenschaftliche Literaturlage sei „ausgesprochen dürftig“, hält die RKI-Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ in einem so genannten Empfehlungspapier vom November 2009 fest. Vor allem Risikogruppen wie Kinder und Jugendliche sowie Schwangere rücken die Forscher in den Brennpunkt. Bei der LLS wächst die Wut dann noch mehr, wenn Windräder in landschaftlich herausragenden, „eigentlich“ besonders geschützten Arealen gebaut werden. Das passiere immer öfter, heißt es.

Dass es eine entsprechende Tendenz gibt, beklagt auch Dr. Gustav Krüger. Der Physiker und frühere Vizedirektor eines industriellen Forschungsinstitutes der Uhrenindustrie in der Schweiz beklagt in seinem Buch „Energie – und was jeder darüber wissen muss“: „Auf den Schwarzwaldhöhen werden mehr und mehr Windräder gebaut, und das auch in ausgewiesenen Naturschutzgebieten. Um dies zu ermöglichen, gibt es die naturschutzrechtliche Ausgleichszahlung. Sie beträgt 50 Euro pro Meter Anlagehöhe, das heißt Höhe der Flügelspitze. Bei einer Höhe von beispielsweise 135 Metern ist das ein Betrag von 6.750 Euro.“ Ganze Windparks hätten sich dafür freigekauft –„in einem Gebiet, wo man keine Blume straflos pflücken darf“. Nach Meinung Krügers müsse man sich darüber klar sein, dass die Gesetze für die Erneuerbaren Energien letztlich „die gesetzliche Zerstörung unserer einmalig schönen Landschaft“ bedeuteten – „und das für immer“. 



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