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// Wissenschaft
11.05.2017
Von: sl

Unfruchtbarkeit aus der Dose


Unfruchtbarkeit aus der Dose

Unfruchtbarkeit aus der Dose (Foto: jeschke . GfK | grynold/shutterstock.com | Winai Tepsuttinun/shutterstock.com)

Bisphenol A ist überall. Plastikflaschen, Konservendosen, Milchtüten, mikrowellenfestes Geschirr, Trinkwasserleitungen, Zahnfüllungen, CDs, Behälter für Lebensmittel – all diese Utensilien enthalten die Chemikalie. Selbst, wer sich einfach nur am Automaten eine Fahrkarte zieht, kommt mit Bisphenol A (BPA) in Berührung. Die Verbindung ist nicht nur allgegenwärtig, sondern auch gesundheitsgefährdend: Der Stoff kann Unfruchtbarkeit hervorrufen und steht im Verdacht, die Entstehung hormonell bedingter Krebsarten zu begünstigen.

In der Chemieindustrie hat sich Bisphenol A als Allzweckwaffe durchgesetzt. Etwa 1,8 Millionen Tonnen des Weichmachers kommen allein in Europa jährlich zum Einsatz. BPA wird als Grundbaustein bei der Herstellung von zähen Kunststoffen und als Bestandteil von härtbaren Kunstharzen verwendet. Die ursprüngliche Funktion war jedoch eine völlig andere: Wissenschaftler hatten versucht, mit der Synthese einzelner Stoffe einen Ersatz für das weibliche Sexualhormon Östrogen zu finden – und genau die Ähnlichkeit zu Östrogen macht Bisphenol A für uns Menschen gefährlich.

Die Chemikalie gelangt zum Großteil über Lebensmittel in unseren Körper – hauptsächlich durch Konservendosen, die von innen mit BPA beschichtet sind. Bei Kontakt mit heißem Wasser kann es aus seiner festen Verbindung gelöst werden. Auch Kassenbons und Tickets aus Thermopapier enthalten oftmals einen geringen Anteil an ungebundenem BPA, das über die Haut aufgenommen werden kann. Im Körper verändert der Stoff unser hormonelles System. Er unterstützt die Produktion weiblicher Sexualhormone und stört die der männlichen. Daher kann der Weichmacher bei Männern Unfruchtbarkeit verursachen. Davor warnt auch die europäische Chemikalienverordnung REACH (Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien). Sie stufte Bisphenol A im letzten Jahr offiziell als giftig für die Fortpflanzung ein.

Gegenwärtig gibt es in der Exposition von Bisphenol A noch viele Unklarheiten. Die Fortpflanzungsschädlichkeit ist laut einigen Studien nicht der einzige Risikofaktor. Amerikanische Wissenschaftler fanden Belege dafür, dass BPA die Entstehung hormonell bedingter Krebsarten begünstigen beziehungsweise beschleunigen kann. Brustkrebs, die häufigste Krebserkrankung von Frauen in Deutschland, wird durch Östrogen verursacht. In einer Untersuchung mit Brustkrebszellen hat die University of Missouri-Columbia herausgefunden, dass diese sich bei Zufuhr von Bisphenol A wesentlich schneller vermehren. Zur Erforschung der Auswirkungen auf die Prostata hat die University of Illinois Mäusen Prostata-Zellen von verstorbenen Männern implantiert und ihnen Bisphenol A über den Mund verabreicht. Bei nahezu der Hälfte der Mäuse entstanden später Krebs oder Vorstadien von Krebs, zudem vergrößerte sich die Prostata. Derzeit ist noch nicht geklärt, inwiefern sich die Forschungsergebnisse auf Menschen übertragen lassen. In einer neueren Literaturstudie erkannte die britische Umweltorganisation ChemTrust außerdem, dass hormonelle Schadstoffe Ursachen für Übergewicht und Diabetes sein können.

Auf politischer Ebene herrschen derweil gravierende Widersprüche. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) teilen einerseits die Auffassung, dass Bisphenol A für keine Altersgruppe ein Gesundheitsrisiko darstellt. Andererseits empfi ehlt das BfR auf seiner Homepage den Verbraucherinnen und Verbrauchern dennoch, es „sollte darauf geachtet werden, dass Kinder nicht mit Kassenzetteln, Quittungen und Fahrscheinen aus Thermopapieren spielen. Gerade bei kleineren Kindern ist nicht auszuschließen, dass sie diese beim Spielen in den Mund nehmen und so Bisphenol A aus dem Papier oral aufnehmen könnten.“

Ist Bisphenol A nun ernsthaft gefährlich oder nicht? Auf Nachfrage beim Umweltbundesamt erklärt der Abteilungsleiter für Umwelthygiene Dr. Andreas Gies: „Das Umweltbundesamt sieht die Notwendigkeit, Maßnahmen zu ergreifen, um die Mengen zu verringern, denen Menschen und die Umwelt ausgesetzt sind.“ Es wird also von einer konkreten Gefahr ausgegangen. Den Konsumentinnen und Konsumenten rät Gies dazu, BPA-freie Produkte zu wählen oder bestimmte Produktgruppen wie Essgeschirr aus Plastik und Konservendosen zu meiden. Die Haltung des BfR und der EFSA wollte das Umweltministerium hingegen nicht kommentieren.

Fest steht jedenfalls, dass die Verwendung von Bisphenol A in der Herstellung von Babyflaschen in den Ländern der Europäischen Union trotz der offiziellen Bekennung zur Unbedenklichkeit seitens des BfR und der EFSA seit 2011 verboten ist. Durch das Erhitzen der Plastikflaschen kann der Stoff aus der Verbindung gelöst werden und in den Flascheninhalt übergehen. Ab Herbst 2019 soll auch Bisphenol-A-haltiges Thermopapier EU-weit aus dem Verkehr gezogen werden. Was das Verbot angeht, befindet sich Frankreich in einer Ausnahmestellung. Dort ist die Verwendung von BPA schon seit 2015 grundsätzlich für alle Produkte, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, untersagt.

Die Europäische Union beruft sich zurzeit auf den Leitsatz „die Dosis macht das Gift“ und legte bei Bisphenol A eine täglich duldbare Aufnahmemenge von vier Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht fest. Die Strategie, den Schaden hormonell wirkender Substanzen über Grenzwerte einzudämmen, wird von vielen Seiten kritisiert. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) moniert, für hormonschädigende Stoffe sei die Festlegung von Grenzwerten unzulänglich. Der Grund: Einige Wissenschaftler, darunter der bekennende Bisphenol- A-Kritiker Frederick vom Saal, haben Studien veröffentlicht, die die Regel „die Dosis macht das Gift“ für hormonell wirkende Substanzen widerlegen. Demnach sei BPA auch und vor allem in geringen Konzentrationen gefährlich, weil der Körper den Stoff nicht als Gift erkennen und deshalb keine natürlichen Abwehrmechanismen einleiten würde. Laut BfR hat sich die Theorie der Niedrigdosiseffekte nicht bestätigt.

Wegen der wachsenden Bedenken gegenüber dem Einsatz von Bisphenol A hat man in der Forschung bereits versucht, alternative Stoffe zu entwickeln – doch nach jüngsten Forschungsergebnissen richten auch diese Schaden an. Chemiker der Peking University veröffentlichten kürzlich einen Beitrag, in dem sie die Risiken des Ersatzstoffes 9,9-Bis(4-Hydroxy-Phenyl)-Fluoren (BHPF) aufdecken. BHPF wirkte anders als BPA Östrogen-hemmend. Die Föten von Mäusen, die BHPF-haltiges Wasser tranken, entwickelten sich im Vergleich zu den anderen bedeutend langsamer. In der EU ist der Giftstoff aktuell nicht zugelassen – Bisphenol A kommt hingegen weiterhin zum Einsatz.



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