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// Gesellschaft
14.11.2018
Von: sl & bg

Gekommen, um ein ruhiges Leben zu finden


Gekommen, um ein ruhiges Leben zu finden

Gekommen, um ein ruhiges Leben zu finden (jeschke GfK / Björn Gerken)

„Du kannst nicht wegen einer Finanzierung zur Bank gehen, wenn du keinen Job hast“, sagt Ahmad, als er am Donnerstagmorgen im vierten Stock des Pädagogischen Zentrums am Elbinger Platz sitzt. Ahmad ist eigentlich Lehrer, doch jetzt drückt er selbst noch einmal die Schulbank. Zusammen mit 16 anderen Teilnehmern besucht er in Bremerhaven einen Deutschkurs. Es ist die letzte Stunde vor den Ferien, das Thema lautet „Handel im Wandel“. An der Tafel steht eine Tabelle mit den Kategorien Handel, Bank/Börse und Wirtschaft, darunter haben die Teilnehmer die dazugehörigen Begriffe geschrieben. Die Lehrerin fragt zum Ende der Stunde noch einmal die Bedeutung der wichtigsten Wörter ab. Als es um „Finanzierung“ geht, meldet sich Ahmad zu Wort.

Das Engagement dafür, immer besser Deutsch zu lernen, ist den Teilnehmern im B2-Kurs für Fortgeschrittene deutlich anzumerken. Alle beteiligen sich, es herrscht ein reger Austausch. Die Lehrerin muss nur noch moderieren. „Alle sind motiviert, sie möchten etwas erreichen“, sagt sie. Das gilt auch für Ahmad. Er lebt mittlerweile seit drei Jahren in Deutschland. Der ausgebildete Lehrer stammt ursprünglich aus Syrien und ist vor dem Krieg geflohen – zunächst in den Irak, wo er zwei Jahre lang lebte. Dann ging es weiter nach Bulgarien und von dort aus nach Deutschland. Von seinem Aufbruch im Irak bis zur Ankunft in Deutschland verstrichen insgesamt vier Monate. Umso glücklicher ist Ahmad, dass er jetzt hier ist. „Ich bin hier hergekommen, um ein ruhiges Leben zu finden“, sagt er. Allein bis Ende 2017 hatte der Bürgerkrieg in Syrien nach Angaben von Amnesty International bereits mehr als 400.000 Menschen das Leben gekostet. Täglich kommen neue Todesopfer hinzu. „Wenn du in Syrien morgens dein Kind zur Schule bringst, weißt du nicht, ob es danach wieder nach Hause kommt oder nicht“, so Ahmad. Der Syrer sei selbst Vater, erzählt er mit einem stolzen Lächeln, sein Kind kam in Deutschland zur Welt. Während Ahmad so wie seine Frau den Deutschkurs besucht und nebenbei noch als Aushilfe in der Altenpflege arbeitet, geht sein Kind in die Krippe. Ahmad hat schnell die deutsche Sprache gelernt und schon als Dolmetscher gearbeitet. Am 1. April 2019 beginnt er im Klinikum Reinkenheide eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Anfeindungen hat er seit seiner Ankunft in Deutschland selbst noch nicht erlebt, wenngleich er die Ausschreitungen im Osten der Republik natürlich auch mitbekommen hat. „Es gibt hier gute und schlechte Menschen. Genauso, wie es bei uns auch gute und schlechte Menschen gibt“, erklärt er gelassen, schließt aber auch an: „Es wäre für mich und meine Familie wahrscheinlich nicht so gut, dort jetzt gerade zu leben.“ Denn Ahmad will nur eines: Sicherheit für sich und seine Familie. Und die hat er in Bremerhaven gefunden.

Eine bewegende Geschichte hat auch Rojin hinter sich. Sie stammt ebenfalls aus Syrien und ist 2015 nach Deutschland gekommen, als die Grenzen noch offen waren. Sie kam mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer nach Griechenland. Vier Tage hat ihre Flucht gedauert. Ob die schrecklichen Bilder von hoffnungslos überfüllten Booten der Realität entsprechen? „Ja, es ist genau so. Das ist etwas, das ich nie wieder machen möchte. Manchmal frage ich mich noch heute: wie habe ich das gemacht?“, blickt Rojin auf ihre riskante Flucht zurück. Auch drei Jahre später sind die Eindrücke bei ihr immer noch sehr präsent. „Es gab einfach keine Möglichkeit, dort zu bleiben. Wir hatten dort keine Zukunft und keine Sicherheit“, fügt sie hinzu. Die riskante Flucht war für sie alternativlos.

Den Deutschkurs besucht Rojin mit einem klaren Ziel vor Augen: nach dem B2-Zertifikat will sie das C1-Zertifikat nachlegen, damit sie die besten Voraussetzungen für eine Ausbildung zur Pharmazeutischtechnischen Assistentin mitbringt. Ausschlaggebend für diesen Wunsch war ein Praktikum, das sie vor kurzem in einer Apotheke absolviert hat. Dass sie nicht alle Menschen in Deutschland mit offenen Armen empfangen, kann Rojin ein Stück weit verstehen. „Einige haben selbst keine Sicherheit, weil sie kein Geld oder keinen Beruf haben. Sie haben auch Angst, so wie wir sie hatten“, sagt sie. Ahmad ergänzt: „Einige, die gekommen sind, sitzen auch nur zuhause und machen nichts.“

Dass auch das ein Teil der Wahrheit ist, kann Robert Rezmer bestätigen. Zusammen mit Heike Bremer leitet er das Pädagogische Zentrum, in dem täglich rund 500 Teilnehmer – Flüchtlinge, aber auch andere Migranten – 34 parallel laufende Kurse besuchen. Unterrichtet werden dürfen nur diejenigen mit dauerhaftem Bleiberecht, die anderen erhalten keine staatliche Förderung. Wie wichtig Sprache ist, weiß Rezmer selbst ganz genau. 1999 kam er aus Polen nach Deutschland, nahm zunächst als Gastteilnehmer an einem Integrationsprojekt im Pädagogischen Zentrum teil, absolvierte anschließend ein Praktikum und ist seitdem im Verein beschäftigt. Im Jahr 2005 übernahm er mit Heike Bremer die Geschäftsführung. Seitdem hat er viel erlebt – so viel, dass er mit einer selbst oft verwendeten Floskel brechen muss: „Lange haben wir gesagt, Sprache sei der Schlüssel zur Integration. Das stimmt nicht ganz, es gehört viel mehr dazu“, stellt Rezmer klar. Es sei eine riesengroße Aufgabe, die kulturellen Differenzen zu überbrücken. Diese machen sich auch in den Kursen bemerkbar. „Es verläuft nicht immer konfliktfrei“, bestätigt Heike Bremer. „Unsere Lehrer müssen sehr viel interkulturelle Kompetenz mitbringen.“

Die Schwere der Aufgabe hat den Enthusiasmus im Verein nicht gebremst. „Es sind geile Leute gekommen“, sagt Rezmer, wenn er von den Flüchtlingen aus Syrien, dem Iran und dem Irak, von Menschen wie Ali und Ahmad spricht, die nach einem Sprachkurs jetzt Mitarbeiter im Pädagogischen Zentrum sind. Aber im Pädagogischen Zentrum gibt es – wie in jeder Schule – nicht nur Musterschüler. Einige sitzen nur ihre Zeit ab, weil sie vom Jobcenter oder der Ausländerbehörde dazu verpflichtet werden, andere bleiben dem Unterricht ganz fern. Wenn die Teilnehmer nicht erscheinen, bleibt das Pädagogische Zentrum auf den Unterrichtskosten sitzen, weil diese vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nur für die ordnungsgemäße Teilnahme gezahlt werden. „Die Politik hat sich offen gezeigt, aber sie trägt in Sachen Integration jetzt nicht die Konsequenzen. Sie verschiebt die Verantwortung auf die freien Träger wie uns. Das Instrument ist krank“, kritisiert Robert Rezmer. Es sei zudem eine Utopie, dass die Teilnehmer, die niemals die Schule besucht haben, die deutsche Sprache nicht verstehen und zu Anfang nicht einmal die Buchstaben kennen, in den nur 1000 für die Alphabetisierung zur Verfügung stehenden Stunden (900 für Sprache, 100 für Orientierung) so gut die deutsche Sprache lernen und die Kultur verstehen, dass sie sie komplett beherrschen und ohne Probleme ins Berufsleben starten können.

Die Leiter des Pädagogischen Zentrums erhoffen sich weniger Bürokratie und mehr Förderung für die Flüchtlinge. Wenn das klappen sollte, sehen sie in der Zuwanderung große Chancen für das ganze Land. In der Integrationsarbeit müsse sich vor allem die Erwachsenenförderung verbessern, damit Menschen wie Ahmad und Rojin keine Ausnahmen bleiben.

Weitere Informationen zum Pädagogischen Zentrum gibt es unter WWW.PAEDZ.DE.

 

 

DAS PÄDAGOGISCHE ZENTRUM E.V. Das Pädagogische Zentrum e.V. (kurz: „PädZ“) wurde am 15. März 1985 in Bremerhaven gegründet. Es begann mit sieben ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern. Im Jahr 2000 hatte das „PädZ“ acht ausschließlich vom Arbeitsamt geförderte Arbeitsstellen und heute sind dort mittlerweile 29 sozialversicherungspflichtig Angestellte (davon vier vom Jobcenter gefördert) und 34 Honorarkräfte beschäftigt. Das „PädZ“ ist der größte Integrationskursträger in Bremerhaven und ist auch in Bremen tätig. Seit 2005 ist es „Zugelassener Träger zur Durchführung von Integrationskursen nach dem Zuwanderungsgesetz“, seit 2009 „Zugelassener Träger zur Durchführung von Berufssprachkursen“ und seit 2017 „Zertifiziertes Prüfzentrum“ zur Abnahme von telc-Sprachprüfungen. KURSANGEBOT: Integrationskurse / Sprachkurse (Niveaus A1-B1) -Alphabetisierungskurs -Frauenkurs -Standardkurs -Jugendkurs -Elternkurs Berufsbezogene Kurse (Niveaus B1-C1) -u. a. spezieller Sprachkurs für Mediziner Integrationsprojekte -u. a. „Treffpunkt Vielfalt“ und das Medienprojekt „Ich bin...“ Außerschulische Förderung (SchülerFörderKreis) -Hausaufgabenhilfe, Sprachkompetenz & Förderung bei Lese- und Rechtschreibschwäche


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