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// Gesellschaft
14.11.2018
Von: bg

Individualität – eine Illusion? Das Streben nach Einzigartigkeit


Individualität – eine Illusion? Das Streben nach Einzigartigkeit (Grafik: your/shutterstock.com)

Individualität – eine Illusion? Das Streben nach Einzigartigkeit (Grafik: your/shutterstock.com)

Das Streben nach Individualität scheint die heutige Gesellschaft enorm zu prägen. Warum? „Weil sich die Menschen einfach gerne als besonders wahrnehmen möchten“, liefert die Wirtschaftspsychologin Prof. Dr. Genkova eine mögliche Antwort. Jeder würde gerne einzigartig sein, sich von anderen abgrenzen und durch besondere Merkmale aus der Masse herausstechen. Eine repräsentative Umfrage des Zukunftsinstituts (Think-Tank der europäischen Trend- und Zukunftsforschung – www.zukunftsinstitut.de) ergab, dass 52 % der Menschen sich in ihrem Leben von anderen unterscheiden möchten. Ihr zentrales Leitmotiv ist dabei der Wunsch nach Autonomie: ganze 92 % der Befragten streben nach einem unabhängigen Leben und nach der Freiheit, dieses selbst zu gestalten.

Essgewohnheiten, Wohnungseinrichtung, Körperschmuck und nicht zuletzt Mode – um vermeintliche Individualität zu erlangen, entscheiden sich die Menschen für verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten. Gerade der Konsum ist dabei ein beliebtes Mittel, um sich von der Masse abzuheben. Dazu greifen die Menschen zu speziellen Produkten, Verhaltensmustern und vor allem zu bestimmten Kleidungsstilen. Gerade die Kleidung zeigt, dass sie ihre Individualität sprichwörtlich nach Außen tragen. Doch das Konsumverhalten ist berechenbar, längst hat sich der Markt auf Trends eingestellt und befriedigt den Drang nach Individualität mit Massenware. Während sich einige vor allem über ihr Äußeres definieren, existieren ringsherum etliche weitere Trends, die Individualität und Besonderheit suggerieren – teils materiell, teils immateriell. Dazu zählen zum Beispiel der Körper- und Figurkult oder der Clean-Eating-Hype.

Das gesellschaftliche Streben nach Einzigartigkeit hat das Interesse der Forschung geweckt. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass der Drang zum Individualismus einen starken Gegenspieler hat: Die Furcht vor dem Anderssein. In einer großangelegten Studie mit über 14.000 Probanden stellten Wissenschaftler der Columbia University in New York im Jahr 2006 fest, dass unsere Unterscheidungen stark dem Gruppenzwang unterliegen. Dafür beschäftigten sich die Forscher mit einem Kulturphänomen, das den Ruf genießt, Individualität auszudrücken: mit dem Musikgeschmack. Die Wissenschaftler stellten dazu 48 unbekannte Songs auf einer Webseite zum Download bereit und teilten die Probanden in zwei Gruppen. Die eine Gruppe konnte die Klickzahlen der anderen Teilnehmer einsehen, die andere nicht. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Testpersonen signifikant von den Klickzahlen beeinflussen ließen und die mehrfach angeklickten Songs stark bevorzugten. Das Beispiel beweist, dass wir unsere Musik nicht ausschließlich nach individuellen Vorlieben auswählen, sondern selbst hier eine Gruppendynamik zum Tragen kommt.

Die Ergebnisse wurden durch ein weiteres Forschungsprojekt bestätigt. Auch der Sozialpsychologe Harald Welzer, der Philosoph Michael Pauen und der Neurowissenschaftler Christoph Herrmann beschäftigten sich im Rahmen ihres Projektes „Autonomie – Handlungsspielräume des Selbst“ (Forschungsprojekt: Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften, gefördert von der Volkswagen Stiftung) mit der persönlichen Entscheidungsfindung innerhalb einer Gruppe. Die Probanden sahen auf einem Bildschirm zwei Flächen und mussten bestimmen, welche von beiden die hellere ist. Vorher wurden ihnen fiktive Entscheidungen anderer Teilnehmer mitgeteilt. Nach einigen Durchläufen stellte man fest, dass die meisten Testpersonen sich wider ihres eigenen Urteilsvermögens der Entscheidung der anderen anschlossen – und das, obwohl diese ganz offensichtlich falsch war. Das Brisante an dem Versuch: die Testpersonen folgten nicht einfach nur der Mehrheit, sondern wurden auch in ihrer Wahrnehmung beeinflusst. Die Entscheidung der Mehrheit wurde für sie zur Realität, wie Untersuchungen der Gehirnströme belegten. Auch Daniel Haun vom Institut für evolutionäre Anthropologie hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt. In einer Mitteilung des Max-Planck-Instituts bemerkt der Psychologe: „Konformität spielt im menschlichen Sozialverhalten eine zentrale Rolle. Sie grenzt verschiedene Gruppen voneinander ab und hilft ihnen dabei, ihre Aktivitäten zu koordinieren. Sie stabilisiert und fördert die kulturelle Diversität, ein für den Menschen charakteristisches Merkmal.“

Das Nachahmen etablierter Verhaltensmuster hat eine lange Tradition und ist ein wahres Erfolgskonzept in der Menschheitsgeschichte. Stammesgeschichtlich hat es sich als eine gute Strategie erwiesen, denn wer im Gegensatz zu seinen Artgenossen Individualist sein will und statt der etablierten blauen Beeren, die alle essen, lieber die roten isst, erlebt den nächsten Tag wahrscheinlich nicht. Der Mensch neigt dazu, sich den Entscheidungen anderer zu fügen, da sie erfolgsversprechend sind und so Akzeptanz und ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe entsteht.

Können wir überhaupt individuell sein?

Neben den sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen erschwert auch die Dominanz der Wirtschaft in der kapitalistischen Gesellschaft das Vorhaben, seiner Idealvorstellung eines individuellen Lebens möglichst nahe zu kommen. Der Markt assimiliert sofort jegliche Gegenbewegung, sobald sich ein Trend auch nur im Ansatz abzeichnet. Hierfür stehen den Konzernen mittlerweile die Deutungswerkzeuge des Marketings und der Marktpsychologie zur Verfügung. Im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Neurowissenschaften sind sogar eigenständige Disziplinen wie die „Neuroeconomics“ entstanden. Diese machen es der Wirtschaft noch leichter, passgenaue Angebote für die Konsumenten zu entwickeln, die ihr Bedürfnis nach Individualität befriedigen  – und dabei alles andere als individuell sind.

Wer ein Individualist im strengen Wortsinn (von lat. „individuum“, zu Deutsch: „Einzelwesen“, „Einzelding“) sein will, muss aussteigen und jegliche Zivilisation hinter sich lassen. Als Mitglied einer Gesellschaft mit all ihren Normen, Strömungen und Bewegungen erscheint es unmöglich, zu 100 Prozent individuell zu sein. Doch die vermeintlich gegensätzlichen Pole Individualismus und Kollektivismus „schließen sich nicht gegenseitig aus“, meint Prof. Dr. Genkova. „Die Dualität der menschlichen Psyche erlaubt, dass beide nebeneinander existieren“, fügt sie hinzu. „Menschen sind kulturell geprägt. Wenn man beispielweise Amerikaner und Japaner vergleicht, legen erstere im Durchschnitt mehr Wert auf Individualität als letztere“, sagt sie. Das zeigt sich besonders in der Wahl des Partners, wie eine Studie des Psychologen Harry Tiandis beweist. Menschen aus stärker individualistisch geprägten Gesellschaften wählen tendenziell eher Partner, die äußerlich attraktive und aufregende Persönlichkeiten sind, während Menschen aus kollektivistischen Gesellschaften eher Partner wählen, die die Familiengebundenheit pflegen.

Individuelle Wertesysteme steuern das Verhalten und bestimmen, ob man eher zum eigenen oder zum Wohl der Gruppe handelt. Allerdings darf man diese Muster nicht streng voneinander getrennt sehen, da Menschen in unterschiedlichen beruflichen wie privaten Situationen mal nach Gebundenheit, mal nach Unabhängigkeit streben. Statt zwanghaft zu versuchen den Erwartungen innerhalb der Gruppe gerecht zu werden oder nur an sich selbst zu denken, halten sich beide Dinge eher die Waage. Und diese oft unterbewusst gefällten Entscheidungen drücken die eigentliche Individualität des Menschen aus.

Die Geschichte des Individualismus

Das Individuum hatte schon immer einen besonderen Stellenwert in der Gesellschaft. Durch die verschiedenen Epochen und den sozialen Wandel manifestierte sich das Konzept des Individualismus in den Köpfen der Menschen. Im Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit während der Renaissance erfuhr der Gedanke von der Autonomie des Individuums einen bis dahin nie dagewesenen Höhenflug. Nach der französischen Revolution folgte die Abspaltung des Volkes vom Adel und der daraus resultierende Drang zur Selbstbestimmung. Durch den Wohlstandszuwachs während der Industrialisierung und die damit einhergehende neuerworbene Kaufkraft fand die bürgerliche Individualität ihren Ausdruck im Konsum. In seinem Aufsatz „Konsum durch Arbeit“ nennt Andreas Wirsching die Abgrenzung von anderen Menschen als wichtigen Aspekt der Individualisierung. Ihre Einzigartigkeit erkaufen sich die Menschen laut Wirsching durch den Erwerb exklusiver Waren. In der Nachkriegszeit, speziell in den 68ern, entstand eine Welle des Selbstverwirklichungsdrangs als Gegenentwurf zur Massengesellschaft. Zentrales Merkmal dieser Bewegung war die Konsumkritik, da Konsum die Gesellschafft in Konformität zwinge und politisches Bewusstsein hemme.


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