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13.02.2017
Von: sl

Kleine Teilchen mit großer Wirkung


Kleine Teilchen mit großer Wirkung

Kleine Teilchen mit großer Wirkung (Foto: Login/shutterstock.com)

Sie sind winzig klein, unsichtbar und trotzdem immer präsenter. Die Rede ist von Nanoteilchen. Die Partikel werden von der Industrie gezielt eingesetzt, um Produkte zu  verbessern. Jedoch sind die Risiken für Mensch und Umwelt noch ungeklärt. Die Konsumentinnen und Konsumenten wissen von der ganzen Entwicklung kaum etwas. Trotzdem kommen wir alle möglicherweise täglich mit Nanoprodukten in Berührung – ob wir wollen oder nicht.

Das Wort „Nano“ leitet sich vom griechischen Begriff „nanos“ für „Zwerg“ ab. Die Größe der Teilchen bewegt sich im Nanometer-Bereich, wobei ein Nanometer einem Millionstel Millimeter entspricht. Durch eine im Verhältnis zum Volumen große Oberfl äche entwickeln Stoffe in Nano-Form neue Eigenschaften, die sich die Industrie zu Nutze macht. So sorgt die Nanokieselsäure (Siliziumoxid) als Rieselhilfe im Speisesalz dafür, dass es nicht verklumpt und das Nanotitandioxid in der Sonnencreme für mehr Transparenz, kombiniert mit einem höheren Lichtschutzfaktor. In der Industrie greift man als Füllstoff und als Schwarzpigment außerdem auf Industrieruß (Carbon Black) in Nanogröße zurück.

Über die Schädlichkeit dieser und weiterer Materialien für Mensch und Umwelt wird gestritten. Beim oftmals in Lebensmittelverpackungen verwendeten Nanosilber herrscht hingegen schon ein etwas besserer Forschungsstand. Hier sollen die Nanopartikel aus Silber für längere Haltbarkeit sorgen. In Versuchen mit Zellkulturen aus Lungen-, Leber- und Nervenzellen wirkte das Nanosilber toxisch und könnte dementsprechend gesundheitliche Schäden verursachen. Hinzu kommt, dass Silber nach Quecksilber das für tierische und pfl anzliche Wasserlebewesen zweitgiftigste Schwermetall ist und bereits in sehr geringer Konzentration den Fischen, Krebsen, Algen und Wasserpfl anzen zum Verhängnis wird. Außerdem kann durch häufi gen Kontakt mit Silber eine Silberresistenz entstehen, die oftmals mit einer Antibiotikaresistenz einhergeht. Dadurch kann die eigentlich positive antibiotische Wirkung des Silbers nicht mehr entfaltet werden.

Von alldem nahm auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Kenntnis und veröffentlichte im September 2016 den „Aktionsplan Nanotechnologie 2020“. Darin erklärt das BMBF zum Ziel, die Risikoforschung zu Nanotechnologie-Aktivitäten zu intensivieren und eine schnelle, erfolgreiche und sichere Positionierung der Produkte auf dem Markt zu gewährleisten. Zudem soll stets eine transparente Darstellung der Forschungsergebnisse für die interessierte Öffentlichkeit erfolgen. Soweit der Plan.

Der Status quo sieht derweil anders aus. Das BMBF geht aktuell zwar davon aus, dass Nanoteilchen per se nicht mit einer Gefährdung verbunden sind, stellt in seiner Publikation aber auch fest: „Die in den Regelungen zur Chemikalien-und Produktsicherheit vorgegebenen Prüf- und Informationsanforderungen decken einige Risiken für Mensch und Umwelt, die von Nanomaterialien und anderen innovativen Werkstoffen ausgehen können, noch nicht adäquat ab. Hier ist die Eigenverantwortung des Herstellers oder Importeurs für die Stoff- und Produktsicherheit derzeit allein maßgeblich für die Einhaltung der Schutzziele.“ Es besteht also Handlungsbedarf. Und bis dieser erfüllt wurde, sollen die Verbraucherinnen und Verbraucher demnach der Industrie vertrauen.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) versucht, den Skeptikern hingegen den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Zahlreiche Vorschriften dienen bereits der Sicherheit bei ihrer Herstel lung, Verwendung und Entsorgung, sodass auf neue Gesetze speziell für Nanomaterialien verzichtet werden sollte. Zu Recht hat die Bundesregierung darauf hingewiesen, dass Nanomaterialien nicht per se mit einem Risiko für Mensch und Umwelt verbunden sind. Bisher wurden keine neuen Wirkungen von Nanomaterialien auf die menschliche Gesundheit beschrieben“, sagt Alexander Warstat vom VCI Nord.

Für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist der gegenwärtige Zustand unbefriedigend. Er wirft dem Industrieverband Verschleierung und Verharmlosung vor. „Aus eigenem Interesse blendet der VCI die Risiken aus. Dabei können Nanopartikel im Gegensatz zu Mikroteilchen durch ihre geringe Größe die Plazenta- und die Bluthirnschranke überwinden. Nur weil dieses Phänomen nicht neu ist, heißt es nicht, dass man die Risiken nicht thematisieren muss“, warnt der BUND-Vorsitzende Prof. Dr. Helmut Horn.

Wenn man sich im Internet über die Nanotechnologie informieren will, stößt man schnell auf die Plattform www.nanopartikel.info. Das dort propagierte Projekt „DaNa2.0“ soll nach eigenen Angaben der breiten Öffentlichkeit eine unparteiische Informationsgrundlage auf Basis qualitätsgesicherter Fakten zur Verfügung zu stellen. „Der entscheidende Punkt in unserer Arbeit ist diese Qualitätssicherung: zwei Studien haben gezeigt, dass leider sehr viele Publikationen zur Toxikologie von Nanomaterialien schlicht ungeeignet sind, etwas zum Risiko von Nanomaterialien auszusagen“, sagt Dr. Christoph Steinbach, der bei der „DECHEMA Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie“ arbeitet.

Doch ist die Berichterstattung auf dieser Website wirklich unabhängig? Immerhin wird dort behauptet, man stehe mit beiden Interessensgruppen im Austausch. Auf Nachfrage erkannte der VCI die Plattform als vertrauenswürdig, glaubhaft und unparteiisch an – der BUND hingegen nicht. Für Prof. Dr. Helmut Horn war die Reaktion des VCI zu erwarten. „Letztlich wurdenanopartikel.info doch auch vom VCI initiiert. Sicherlich sind die dort genannten Chancen der Nanotechnologie glaubhaft, aber die Risiken werden einfach kleingeredet und kommen viel zu kurz. Hier wird ebenfalls beschönigt“, wirft Horn den Betreibern vor.

Diesen Vorwurf wollen die Verantwortlichen des Projektes „DaNa2.0“ nicht auf sich sitzen lassen. „Die Plattform wird ausschließlich von öffentlichen Fördergeldern getragen, eine Industrie- oder Industrieverbandsfi nanzierung fi ndet nicht statt. Ziel der Datenbank ist die Veröffentlichung objektiver und wissenschaftlich geprüfter Aussagen zur Nanotechnologie nach transparenten Bewertungskriterien“, teilt Dr. Kathrin Rübberdt, Sprecherin der DECHEMA, mit. Deshalb könne man die Äußerungen des BUND-Verantwortlichen nicht nachvollziehen.

Es bestehen also immense Differenzen zwischen Umwelt- und Industrievertretern. Zum Leidwesen der Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Regierung hat sich in diesem Zwist bereits positioniert und setzt das Vertrauen hinsichtlich der Risikominimierung zunächst in die Industrie. Damit bleibt den Kritikern erst einmal nichts anderes übrig, als die Entwicklung abzuwarten und bis dahin bei Skepsis einen Bogen um Nanoprodukte zu machen. Die Möglichkeit besteht. Für Kosmetika (seit Juli 2013) und Lebensmittel (seit Dezember 2014) gilt eine besondere Regelung: Wo „Nano“ drin ist, muss in der Zutatenliste auch „Nano“ draufstehen. Es gibt also theoretisch einen Weg, Nanoprodukte zu erkennen und ihnen aus dem Weg zu gehen – aber auch nur, wenn sich die Industrie wirklich an die Kennzeichnungspflicht hält.



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