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// Wissenschaft
14.11.2017
Von: sl

Petri Unheil


Petri Unheil

Petri Unheil (Foto: 7th Son Studio/shutterstock.com)

Die gezielte Befischung und Bejagung zahlreicher Speisefische bringt sie immer häufiger an die Existenzgrenze ihrer Art. Betroffen sind zahlreiche Arten in allen Meeren der Welt. Ein Beispiel ist der beliebte Rote Thun (Blauflossen-Thunfisch), er drohte zwischenzeitlich auszusterben, sein Bestand war bereits um 97 Prozent geschrumpft. Der Fischereiexzess in den Weltmeeren überfordert die natürlichen Ressourcen auf verschiedene Weisen. Einerseits durch die Überfischung der Speisefischbestände, andererseits durch den Beifang, der Millionen Tonnen Lebewesen aus dem Meer zieht. Auch geschützte und vom industriellen Fischfang ausgenommene Tierarten sterben qualvoll in den Netzen, obwohl nicht nach ihnen gefischt werden darf. Jährlich verenden auf diese Art hunderttausende Haie, Delfine, Schildkröten, Robben, Wale und Seevögel.

Die Gesamtmenge des weltweiten Fischfangs beläuft sich nach offiziellen Statistiken der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) auf rund 93 Millionen Tonnen. Als Beifang werden diejenigen Fische und Meerestiere bezeichnet, die zusammen mit dem eigentlichen Fangziel unbeabsichtigt in den Netzen oder an den Haken landen. Über die Höhe der jährlichen Beifangrate stehen wegen der unsicheren Datenlage verschiedene Zahlen im Raum. Genaue Angaben können nicht erfasst werden, weil ein Teil des Beifangs umgehend wieder in den Ozeanen entsorgt wird – die Fischer gehen damit einerseits den Konsequenzen für den Fang geschützter Arten aus dem Weg und schaffen andererseits auf ihren Schiffen mehr Platz für den kommerziell genutzten Fisch.

Nach der Studie „Global marine fisheries discards: A synthesis of reconstructed data“ von Forschern der University of British Columbia werden 10 Prozent der Fänge direkt wieder ins Meer geschmissen, weil sie nicht den Normen entsprechen oder unter Schutz stehen. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Tiere in der Regel entweder schwer verletzt oder getötet wurden. Den gesamten jährlichen Beifang beziffert die Umwelt- und Naturschutzorganisation WWF auf 38 Millionen Tonnen. Greenpeace ordnet die Menge etwas geringer ein und schätzt sie auf bis zu 30 Millionen Tonnen.

Das große Problem an der exzessiven Fischerei: Sämtliche Eingriffe in die natürlichen Lebensräume schaden dem Ökosystem Meer. „Jede Nutzung, auch die innerhalb sicherer biologischer Grenzen, führt zu einer Veränderung der biologischen Systeme und beeinflusst die Zusammensetzung der Artengemeinschaften, die in einem vielfach verwobenen Nahrungsnetz in Wechselwirkung untereinander stehen. Veränderungen beziehen sich generell nicht nur auf die Verringerung der Artenzahl, sondern auch auf Verschiebungen innerhalb des Artengefüges“, erklärt Dr. Michael Welling vom Johann Heinrich von Thünen-Institut, das in naher Zukunft ein Institut für Fischereiökologie in Bremerhaven eröffnet. Die Einrichtung betreibt im Auftrag des Bundes Forschung für Ländliche Räume, Wald und Fischerei und entwickelt Lösungsansätze für eine nachhaltigere Fischerei.

Nach Angaben der Non-Profit-Organisation Oceana sterben pro Jahr weltweit 100.000 Haie durch Beifang oder illegale Fischerei. Im gleichen Zeitrahmen geraten allein im Golf von Mexiko 50.000 Schildkröten in die Netze der Fischer. Experten der WWF gehen außerdem davon aus, dass jährlich etwa 300.000 Wale, Delfine und Tümmler als ungewollter Beifang durch Fischereigeräte getötet werden. Die hohen Todeszahlen sind schockierend und bedenklich, zumal sich darunter auch seltene Arten befinden. Die Weltnaturschutzunion IUCN führte 2016 in der Roten Liste 2.343 gefährdete und vom Aussterben bedrohte Fischarten auf. Die Zahl hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als verdreifacht.

Rücksichtslose Fangmethoden

Schuld an den hohen Beifangzahlen sind vor allem die rücksichtslosen Fangtechniken der Fischer. So wird zum Beispiel mit Langleinen gefischt, die bis zu 100 Kilometer lang sind. Die Angelleinen sind mit tausenden Haken versehen und können durch unterschiedlich schwere Gewichte und Bojen verschiedene Tiefen erreichen. An den Haken, die näher an der Meeresoberfläche liegen, bleiben unzählige Seevögel hängen. Außerdem verfangen sich Meeresschildkröten daran und verbluten oder ertrinken qualvoll. Beim Fang mit Ringwaden- Netzen werden ganze Schwärme umkreist und dabei auch andere Lebewesen gefangen. Besonders im Ostpazifik zählen Delfine beim Thunfischfang zum Beifang, weil sie häufig über den Thunfischschwärmen schwimmen.

Am heftigsten diskutiert wird jedoch die Schleppnetzfischerei. Hier kommen kilometerlange Netze zum Einsatz. Während bei der Fischerei der im freien Gewässer lebenden (pelagischen) Fischarten noch relativ gezielt gefischt werden kann, richten die Schleppnetze, mit denen nach den am Boden lebenden (demersalen) Arten gefischt wird, erheblichen Schaden an. Als am schlimmsten gelten die Baumkurren-Schleppnetze, bei denen schwere Ketten und Rollen über den Meeresgrund gezogen werden. Dabei werden nicht nur zahlreiche Fische getötet, sondern auch Lebensräume zerstört. Generell lassen Schleppnetze dem Beifang nur selten eine Chance, weil sich der Fang im Ende des Netzes sammelt und die Lebewesen dadurch oft so zusammengequetscht werden, dass sie schwer oder tödlich verletzt werden.

Die FAO hat in einem Faktenblatt die Beifangraten für die jeweiligen Fangmethoden zusammengestellt:
GRUNDSCHLEPPNETZE: 95 %
(tropische Garnelen)
GRUNDSCHLEPPNETZE „BAUMKURREN“: 90 %
(Plattfische und andere am Meeresgrund lebende Fische)
GRUNDSCHLEPPNETZE „SCHERBRETTNETZE“: 35 %
(Plattfische, Seelachs, Kabeljau, Alaska-Seelachs etc.)
PELAGISCHE LANGLEINEN: 30 %
(Thunfische und andere Raubfische)
STELLNETZE: 15 %
(küstenbewohnende Arten)
DEMERSALE LANGLEINEN: 10 %
(v.a. Kabeljau, Seelachs)
PELAGISCHE SCHLEPPNETZE: 5 %
(Seelachs, Alaska-Seelachs, Makrelen, Sardinen etc.)
RINGWADEN-NETZE: 5 %
(Thunfi sche, Makrelen, Sardinen)
EINZEL-LEINEN: 5 %
(alle Arten)
GRUNDSCHLEPPNETZE: 5 %
(Kaltwasser-Garnelen)

NÄHERE INFORMATIONEN ZU DEN FANGMETHODEN GIBT ES UNTER:
www.wwf.de/themen-projekte/meere-kuesten/fischerei/ueberfischung/fischereimethoden/


Jedes Jahr werden Arten neu quotiert. Die Gesamtfangmenge wird erfasst und anhand dessen festgelegt, ob im kommenden Jahr mehr oder weniger Fische einer bestimmten Art gefangen werden dürfen. „In manchen Fischereien, zum Beispiel auf Schwarmfische, ist die Beifangwahrscheinlichkeit niedrig, in anderen Fischereien, zum Beispiel bei der bodenlebenden Seezunge, aber hoch. Die EU hat in der jüngsten Reform ihrer gemeinsamen Fischereipolitik ein schrittweises Anlandegebot für quotierte Fischarten eingeführt. Danach dürfen unerwünschte Beifänge nicht mehr zurückgeworfen werden, sondern müssen angelandet und auf die Fangquote angerechnet werden“, sagt Welling. So soll der Druck auf die Fischindustrie erhöht werden, selektive Fangmethoden einzusetzen.

Im WWF Zentrum für Meeresschutz in Hamburg gibt man sich mit dem Anlandegebot nicht zufrieden: „Deutschland kontrolliert seine Fischerei in Nord- und Ostsee nicht ausreichend, das gilt besonders für Seekontrollen. Es gibt etwa 15.000 Nordsee-Fangfahrten pro Jahr, für die fünf Kontrollfahrzeuge zuständig sind. Es müsste aber auf See kontrolliert werden, ob Beifang entsteht und was damit passiert, beispielsweise über Kameras an Bord“, fordert Britta König, Pressesprecherin des Zentrums. Außerdem stamme ein Drittel des weltweiten Fangs aus illegaler, nicht regulierter oder dokumentierter Fischerei, was dem Wiederaufbau der Bestände, dem Meer und der nachhaltig arbeitenden Fischerei schade. Ein erschreckendes Beispiel dafür lieferte ein chinesischer Frachter, der Mitte August auf einer verbotenen Route vor den Galapagosinseln kreuzte. Das Schiff wurde gestoppt, an Bord fanden die Beamten 6623 illegal gefangene Haie – darunter auch vom Aussterben bedrohte Arten.

Was die Fangmethoden betrifft, konnten die Natur- und Tierschutzorganisationen wie WWF, Greenpeace und PETA zumindest einen bedeutsamen Teilerfolg verzeichnen: Die Europäische Kommission verbot im letzten Jahr die Verwendung von Schleppnetzen im Atlantik ab einer Tiefe von 800 Metern. Die Regelung betrifft allerdings nur die Gebiete der EU-Mitgliedsländer, die weniger als 200 Seemeilen von der Küste entfernt sind und nicht die hohe See.

30 Prozent der kommerziell genutzten Bestände sind überfischt

Das Johann Heinrich von Thünen-Institut arbeitet an selektiven Fangmethoden mit dem Ziel der Reduzierung des Beifangs, des Energiebedarfs und der Umweltauswirkungen. In der Krabbenfischerei – der ertragreichsten Fischerei- Sparte in Deutschland – kommen besonders engmaschige Grundschleppnetze zum Einsatz, an deren Öffnung Rollen alle Lebewesen am Meeresboden aufscheuchen. Die Forscher haben bereits ein Konzept aus Belgien erprobt, bei dem die Netze an ihrer Öffnung einen schwachen Strompuls senden, mit dem speziell Krabben aufgescheucht werden. Die Anzahl der Rollen wurde deutlich reduziert – ebenso der Beifang beim einjährigen Testversuch auf einem Büsumer Kutter. Die Methode wird weiterhin erforscht.

Dass Forschung dringend nötig ist und kurzfristig Lösungen gefunden werden müssen, beweist ein Blick aufs Mittelmeer. Nach Angaben der Europäischen Kommission sind 93 Prozent der dortigen Bestände überfischt. Nicht nur die Natur, sondern auch Existenzgrundlagen, Ernährungssicherheit, regionale Stabilität und Sicherheit seien bedroht, heißt es in einer Mitteilung aus dem April dieses Jahres. Weltweit sind laut WWF etwa 30 Prozent der kommerziell genutzten Bestände überfischt, weitere 60 Prozent würden bis an ihre Grenzen genutzt.

Sind die zahlreichen bedrohten Meereslebewesen überhaupt noch zu retten? „Es ist Zeit für einen Kurswechsel in der Fischerei, aber es ist nicht zu spät“, so König. Das Beispiel des Blauflossen-Thunfisches dient einerseits als Warnung und andererseits als Hoffnungsschimmer: Der fast ausgerottete Raubfisch ist kürzlich wieder in seinem Bestand angewachsen, nachdem man die Fangmengen für einige Jahre drastisch reduziert sowie Schutzzonen zum Laichen und Schonfristen eingeführt hatte.


Weitere Informationen
WWW.THUENEN.DE
WWW.WWF.DE
WWW.FISCHBESTAENDE.PORTAL-FISCHEREI.DE



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