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// Gesellschaft
11.08.2017
Von: sl

Der böse Wolf?


Der böse Wolf?

Der böse Wolf? (Foto: Lori Labrecque/shutterstock.com)

Wer heute durch die Wälder spaziert, wird an vielen Stellen mit Schildern gewarnt, auf denen steht: „Achtung! Wolf-Streifgebiet. Hunde anleinen und Kinder beaufsichtigen.“ Die Warnhinweise wurden von der Jägerschaft angebracht. Im Cuxland herrscht Panik vor Wölfen, es kursieren etliche Schätzungen, wie viele Wölfe sich in der Gegend umhertreiben. Immer wieder erzählen aufgebrachte Menschen, dass sie Wölfe gesehen hätten. Auch in der Politik sind die Wölfe ein Thema: Der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt forderte jüngst eine Abschussfreigabe. Man könne nicht warten, bis der Wolf zur Gefahr für uns Menschen werde, sondern müsse jetzt handeln. Aber gibt es überhaupt einen Grund dazu? Was sind wirklich die größten Gefahren für unsere Kinder?

Die Debatte um Wölfe ist ein sensibles Thema, das in der Vergangenheit immer stärker hochgekocht wurde. Schon im letzten Jahr haben Schafhalter vor dem Landtag in Hannover demonstriert – und sie hatten nicht nur Schilder und Plakate, sondern auch tote Tiere im Gepäck. Die Tierkadaver sollten dazu dienen, zu polarisieren und es so wirken zu lassen, als hätte an dieser Stelle auch ein Mensch liegen können. „Ist der Wolf wichtiger als der Mensch?“ war auf einem Plakat zu lesen. Müssen wir uns Sorgen machen, dass unsere Kinder Wölfen zum Opfer fallen?

Um Vergleiche herstellen zu können, wie gefährlich Wölfe für unsere Kinder sind, muss man einen Blick auf die Statistiken der Todes- und Verletzungsursachen bei Kindern werfen. Einen großen Bereich der Verletzungs- und Todesfälle nimmt der Straßenverkehr ein. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verunglückten im Jahr 2015 bei Verkehrsunfällen 28.235 Kinder im Alter von 0 bis 15 Jahren. 4.253 Kinder wurden in zwölf Monaten durch Unfälle schwer verletzt. Die Zahl der Todesfälle belief sich auf 84. Das heißt, dass fast alle vier Tage in Deutschland ein Kind bei einem Unfall im Straßenverkehr starb.

Noch häufiger sind Mordfälle: Im Jahr 2015 wurden allein 130 Kinder von Menschenhand getötet. Im Durchschnitt sind also fast drei Kinder pro Woche ermordet worden. Der Großteil von ihnen war zum Todeszeitpunkt jünger als fünf Jahre. Die Gewalt kommt meistens aus dem näheren Umfeld. Das trifft auch bei Missbrauchsfällen zu. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Jahr 2016 insgesamt 12.019 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern registriert. Allerdings muss in diesem Deliktsbereich seit jeher von einer großen Dunkelziffer ausgegangen werden, weil viele Fälle unentdeckt bleiben. Der Verein Dunkelziffer e. V. geht bundesweit von 200.000 Fällen aus.

Die mit Abstand meisten Unfälle geschehen nach wie vor im Haushalt. Nach einer Statistik des Bundesministeriums für Gesundheit müssen jährlich 1,7 Millionen Kinder nach einer Unfallverletzung von einem Arzt behandelt werden. Man geht davon aus, dass ungefähr zwei Drittel der Kinder sich Zuhause eine Verletzung zuziehen. 2015 starben 53 Kinder im Alter von 0 bis 15 Jahren durch Unfälle im Haushalt – zu den Ursachen zählten Feuer, Ertrinken und Stürze.

Ein ganz anderes Gefahrengebiet, das jedoch immer mehr in den Fokus gerät, sind insbesondere bei älteren Kindern und Jugendlichen psychische Erkrankungen. Die Deutsche Depressionshilfe schätzt die Quote der Betroffenen im Vorschulalter auf ein Prozent, im Grundschulalter auf zwei Prozent und bei den Jugendlichen auf drei bis zehn Prozent. Eine traurige Bilanz: Im Jahr 2015 begingen 215 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren Suizid.

Die Statistiken zeigen, dass weiterhin in vielen Bereichen an der Prävention gearbeitet werden muss, um die Anzahl der Verletzungs- und Todesfälle bei Kindern zu minimieren. Führt man sich schließlich vor Augen, dass kein einziges Kind durch einen Wolfsangriff verletzt, geschweige denn getötet wurde, erscheint die Debatte um die Sicherheit vor Wölfen extrem überhitzt. Sicherlich muss man auf einer sachlichen Ebene darüber diskutieren, wie mit der Rückkehr der Wölfe umzugehen ist. Aber die strikte Forderung eines Abschussbefehls oder einer Wolfsobergrenze ist eher die Folge der gezielten Verunsicherung der Bevölkerung, an der sich die Jägerschaft intensiv beteiligt. Nicht wenige Jäger würden gerne dem Isegrim nachstellen und ihn zur Strecke bringen – so wie jedes Jahr tausende „Waidmänner“ 10tausende Euro für den Abschuss geschützter Arten bezahlen. Nun könnte es den Jagdkitzel auch vor der eigenen Haustür geben.

Möglicherweise gibt es für die Forderung nach der Bejagung des Wolfes wirtschaftliche Gründe, da betroffene Bauern finanzielle Einbußen hinnehmen müssen, wenn eines ihrer Nutztiere gerissen wird. Das erfordert eine gesellschaftliche Abwägung der Interessen des Naturschutzes mit denen der Agrarwirtschaft. Ob eine Entschädigung der Landwirte durch die Gemeinschaft erfolgen sollte, wäre ernsthaft zu diskutieren. Für Landwirte handelt es sich um ein ernsthaftes Problem, das jedoch auf dieser Sachebene zu lösen ist und nicht durch Verbreitung von Angst. In seinen Grundmustern erinnert die Diskussion um den Wolf an Kampagnen aus dem Lager der Fremdenfeindlichkeit.

Die Emotionalisierung der Diskussion lässt Fakten vollständig unter den Tisch fallen und reiht sich damit in die aktuelle Problematik von Fake News, Hetze und Populismus ein. Das zeigte sich auch daran, dass Anfang des Jahres über die sozialen Netzwerke die Nachricht verbreitet wurde, ein polnischer Jäger sei den Angriffen eines Wolfs zum Opfer gefallen. Die Nachricht stellte sich schnell als Falschmeldung heraus.

Es ist noch nicht einmal geklärt, ob der Abschuss der Wölfe überhaupt zu einer Dezimierung der Populationen führen würde. Wissenschaftler der Washington State University haben die Angaben zu getöteten Wölfen und zu von Wölfen getöteten Nutztieren im Zeitraum von 1987 bis 2012 untersucht. Dabei stellten sie fest, dass für jeden getöteten Wolf im Folgejahr deutlich mehr Nutztiere gerissen wurden. Das liegt vermutlich daran, dass durch das Töten eines Wolfs die intakte Rudelstruktur zerstört wird. Ob Maßnahmen ergriffen werden müssen und wie diese auszusehen haben, können nur weitere Untersuchungen klären.



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